Elisabeth kotzt aufs Kiefernparkett

von Jan Fischer

Hannover, 7. Februar 2015. Als Kritiker ist man ja oft nicht in der Position, solche Weisheiten anzuwenden, aber trotzdem gilt: Wer kostenlosen Alkohol an sein Publikum verteilt, der macht sich beliebt. In Dušan David Pařízeks "Maria Stuart" passiert das nach etwa zwei Stunden. Der frisch ermordete Mortimer (Henning Hartmann) klettert aus dem ordentlich zusammen gehämmerten Kiefernholzbühnenbild ins Publikum, das Kunstblut noch frisch am Hemd, und verteilt Bier. Maria Stuart (Sarah Franke) hält derweil ihren Todesmonolog, durchsetzt mit Aufforderungen ans Publikum ihr zuzuprosten, es sei ja schließlich nicht zum Tode der Königin gekommen, sondern zu ihrem größten Triumph. Das Publikum prostet.

Minimalismus regiert

Pařízeks Maria Stuart ist, sagen wir, eigenwillig. Robert Dudley, Graf von Leicester (Markus John) zieht sich aus, entblößt dabei ausufernde Hirschtatoos auf der Brust, beginnt "Light my Fire" und "Sweet Dreams" anzustimmen. Später, man kann es nicht anders sagen, rammelt er die Wand. Elisabeth, Königin von England (Beatrice Frey) dagegen übergibt sich kurz vor der Unterzeichnung von Maria Stuarts Todesurteil auf den Bühnenboden. Halbnackt sind sie alle mal, es gibt Kunstblut. Das alles findet auf einer Bühnenkonstruktion statt, die komplett aus hellem Kiefernholz gezimmert ist, Boden wie Wände, und schräg platziert bis in die ersten Reihen reicht. Vor allem aber hat Pařízek Schillers Politik- und Religionsdrama von 19 auf vier Rollen reduziert.

Überhaupt regiert bei Pařízek der Minimalismus: Rechts und links von der Holzbühne befinden sich Maria bzw. Elisabeths Ankleidezimmer – sie werden dort hin und wieder frisiert und geschminkt - ansonsten gibt es nur den hellen Holzraum, dessen Flucht bis tief in den Bühnenraum ragt, und einen Sessel. Pařízek geht es nicht darum, das Drama zu bebildern, auch wenn am Ende Maria Stuart symbolisch mit der Axt ein paar Latten zerhackt und dahinter verschwindet, während "Break on trough" läuft.

Lügen und Halbwahrheiten

Es geht ihm darum, die Verhältnisse, die Dynamiken zwischen seinen vier Figuren auszuloten, während diese sich immer tiefer in Lügen und Halbwahrheiten verstricken, um ihre eigene Haut in dem sich entspinnenden Königinnendrama zu schützen. Und Lügner sind sie alle: Maria Stuart ist nur so idealistisch, wie es ihr gerade nützt, Elisabeth möchte sich nicht die Finger an einem Todesurteil schmutzig machen, Mortimer steht nur so lange zu seiner Religion, wie es ihm keine Probleme macht und der Graf von Leicester dreht sein Fähnchen nach jedem Wind, der gerade weht. Durch die Reduktion gelingt es Pařízek sehr genau zu zeigen, dass all diese Figuren auf ihrem politischen Parkett für nichts einstehen außer sich selbst.

MariaStuart2 560 Karl-BerndKarwasz uStets auf eigenen Vorteil bedacht: Beatrice Frey als Elisabeth und Markus John als
Leicester in "Maria Stuart" © Karl-Bernd Karwasz

Dahinter steckt – und das macht die hannoveraner Maria Stuart zu einem interessanten Stück - eine sehr konkrete politische Meinung, die sich so auch im Unmut aktueller politischer Bewegungen wiederfindet: Die da oben, die wollen nur ihre Pfründe schützen. Die stehen für nichts, die wollen nichts außer ihrem eigenen Vorteil. Letztendlich ist Politik nichts außer der konkreten Aufführung der Frage: Was sage ich wann zu wem, um möglichst sauber durchzukommen.

Intrigenspiels Unglück

Pařízek zeigt – subtil, über den Umweg Schiller – in "Maria Stuart" genau diese Unzufriedenheit, mit der Pointe, dass am Ende alle unglücklich mit ihrem Intrigenspiel sind, gewonnen hat niemand. Seine "Maria Stuart" koppelt er an aktuelle Stimmungen an, und durch die Reduktion gelingt ihm das mit großer Klarheit. Und die ständige Rückkopplung in den Publikumsraum – Maria Stuart klettert kurz vor ihrer Hinrichtung durch die Reihen, Mortimer verteilt, wie gesagt, Bier, der Graf von Leicester begrüßt am Anfang die ersten Reihen per Handschlag, die Bühne reicht in die vorderen Reihen – fügt Pařízek noch eine kleines, fieses Kopfnicken in Richtung Zuschauerraum ein.

Insofern sind es weder das Schauspiel noch das Bühnenbild – obwohl beides sich nicht zu verstecken braucht – welche die Inszenierung sehenswert machen. Das eigentlich Interessante ist, einen Regisseur bei der Erkenntnis zu beobachten, dass sich auf dem politischen Parkett in den 200 Jahren nicht besonders viel geändert hat. Außerdem: Gratisbier.

Maria Stuart
von Friedrich Schiller
Regie und Bühne: Dušan David Pařízek, Kostüme: Kamila Polívková Dramaturgie: Johannes Kirsten.
Mit: Beatrice Frey, Sarah Franke, Markus John, Henning Hartmann.
Dauer: 2 Stunden 20 Minuten, keine Pause

www.staatstheater-hannover.de

 

Kritikenrundschau

Agnes Bührig sagte auf NDR 2 (8.2.2015), die Verbitterung des Kampfes um die Macht symbolisiere die Inszenierung in einer "zunehmenden Maskierung der Kontrahentinnen". Am Ende schienen sie "zwischen ihren ausladenden Kragen und hoch aufgetürmten Haaren" zu verschwinden. Beatrice Frey spiele überzeugend die "machtversessene Elisabeth", Sarah Franke eine "gekonnt wächsern wirkende Maria". Trotzdem könne das Stück "nicht vollständig überzeugen". Es falle schwer, die "historischen Hintergründe des komplexen Intrigenspiels" zu verstehen, da es von "nur vier Personen abgebildet wird". Der "ernste Text Schillers" werde durch "heitere Szenen unterbrochen, die zwar witzig sind, aber den Zusammenhang zum Stück vermissen lassen". Das nehme der Sache "die Ernsthaftigkeit und den Schauspielern den Erfolg".

In der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (9.2.2015) schreibt Ronald Meyer-Arlt: Es sei ein "Schiller-Konzentrat", das hier präsentiert werde, ein "Reader's Digest", vielleicht eine Möglichkeit, "den Stoff. für die gymnasiale Oberstufe aufzubereiten". Pařízek betone die "politische Dimension" des Dramas. Wenn Elisabeth "ihr Erbrochenes in hohem Schwall auf die Bühne plätschern lässt", passe dies gut ins "Konzept der Inszenierung, die Haltungen und Gefühle gern überdeutlich zeige".

In der Neuen Presse (9.2.2015) schreibt Jörg Worat, die kleine Besetzung sorge für eine "originelle, wenngleich uneinheitliche Premiere". Die Konzentration von Personal und Raum schade dem Stoff keineswegs. Alles wirke sehr "heutig", doch beeindrucke die Inszenierung "am stärksten", wenn "allein die Sprache wirkt, vorausgesetzt, man versteht sie". Sarah Franke wisse in der Titelrolle "ihre Energien schön zu bündeln und bei Bedarf nach außen zu bringen". Beatrice Frey wirke als Elisabeth "wunderbar aristokratisch". Ganz schlüssig sei die Inszenierung nicht, "Langeweile" komme aber kaum auf, und "punktuell" könne die Inszenierung "anrühren".

 

 

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