Kommune 2015

von Michael Laages

Kassel, 15. Februar 2015.Chancen, Risiken und Nebenwirkungen lauern schon im Untertitel des neuen Stückes von Rebekka Kricheldorf: "Eine Endlichkeits-Clowneske" will die Autorin erzählen. Aha. Also soll es um den Tod gehen, um Sterben und Verschwinden; gleichzeitig aber gehen die Clowns an den Start. Endzeit-Phantasien, aber komisch – damit hat sich die als Autorin unerhört fleißige (und auch schon als Mitglied im Leitungsteam vom Theaterhaus Jena mit allen Bereichen des Bühnenbetriebs erfahrene) Freiburgerin vom Jahrgang 1974 ziemlich viel vorgenommen. Vielleicht ein wenig zu viel.

Baader und Meinhof sind nicht mehr
Im Lauf von zwei pausenlosen Stunden dürfen wir uns immer mal wieder fühlen wie im falschen Stück, wie verlinkt mit fremden Datenspeichern – Kricheldorfs Personal kann dann beinahe klingen wie in einer der ewigen Gardinenpredigten aus der Werkstatt von René Pollesch. Aber keine Sorge – Kricheldorf hält (für diesmal noch) fest an einem halbwegs konkreten szenischen Aufriss. Sie hat eine Kommune der Generationen entworfen.

KunstSelbstabschaffung1 560 N.Klinger uEva-Maria Keller (Ines, noch älter), Jürgen Wink (Richard, noch älter), Sabrina Ceesay
(Fleur, jünger), Aljoscha Langel (Julian, älter), Anke Stedingk (Vanessa, älter), Franz Josef
Strohmeier (Valentin, älter) © N. Klinger

Zu Richard und Ines, den "Alten", einem wie übrig geblieben wirkenden Hippie-Pärchen, kehrt gerade Sohn Julian zurück, der Jahre der Selbstfindung in Venezuela verbracht hat; immer auf der Suche nach Antwort auf die alles entscheidende Frage: ob er Freundin Vanessa wirklich liebt. Er war aber sehr lange weg, und jetzt ist nichts mehr, wie es war – die Wohnung luxusrenoviert und in fremden Händen, die ehedem so sehr geliebten Zebrafinken (mit dem Namen "Baader" und "Meinhof"!) an Altersschwäche gestorben; genauso wie die Liebe der erotisch eher umtriebigen Vanessa zu ihm gestorben ist.

Sex und Kulturpessimismus
Julian muss also wieder zu Hause leben. Da wohnen inzwischen (in der Kommune von Papa und Mama) auch der wohlstandsbäuchige Nullachtfuffzehn-Modeschriftsteller Valentin (dem Julians Ex Vanessa kurzzeitig verfällt) sowie Fleur und Marcel – sie ein Medium, das tote Seelen beschwören kann (etwa zum Schluss Zarah Leander als überzeitliche Liebeskummer-Beraterin mit dem Ufa-Schlager "Nur nicht aus Lebe weinen", aber auch "Baader" und "Meinhof", die Zebrafinken!); er als Schauspieler immer wieder nur eine Serien-Leiche fürs Fernsehen.

Kricheldorf schickt ihr Personal nicht ohne klaren Auftrag ins Spiel; nur das Spiel selber fügt sich diesmal weniger übersichtlich und begreifbar als das sonst meist der Fall war. Die Autorin hat immerhin schon mal einen Preis für dezidiert komisches Schreiben bekommen – mit dem neuen Text käme sie nicht mal in die Vorauswahl. Denn in dieser schrillen Bande inkompatibler Kommunarden setzt Kricheldorf nicht viel mehr frei als mehr oder minder erhitzte Phantasien über Sex und chronische Seitenspringerei (oder Lust darauf); manchmal beklagen sich speziell die Alten wenigstens noch darüber, dass der Welt, wie sie heute ist, Seele und Inhalt abhanden gekommen sind, und an passender wie unpassender Stelle verteilt der alte Richard händeweise Bücher im Publikum.

Eine Uhr als Realitätsbotschafterin
Richtig auf die Nerven geht Kricheldorf mit dem Bemühen, all das Geschwätz und Geschwafel auch noch zu definieren und zu etablieren als Diskurs mit uns, dem apathischen Publikum – wir könnten doch nur froh sein, dieses Stück zu sehen; etwas Besseres fiele uns doch eh nicht ein, medial gleichgeschaltet und auf ARD-und-ZDF-Niveau herunter nivelliert, wie wir nun mal seien. Einspruch, Euer Ehren! Außerdem sind wir jetzt nicht mehr bei Pollesch und dessen Gardinen, sondern eher beim ganz frühen Handke und der "Publikumsbeschimpfung". Gähn.

KunstSelbstabschaffung2 560 N.Klinger uAljoscha Langel (Julian, älter) und Anke Sedingk (Vanessa, älter) © N.Klinger

Schirin Khodadadian, als Regisseurin mit der Autorin und deren Schreiben bestens vertraut, verschärft und übersteigert die Strukturschwäche des Textes, indem sie überaus angestrengt (und anstrengend für alle) noch den winzigsten Strang der "Handlung" zu bebildern versucht – prompt produziert das Ensemble immerzu nur heiße Luft. Ulrike Obermüllers Bühne treibt den Familien-Alltag der Kommune ins Abstrakte: mit an Seilen schwebenden Sofas und Sesseln, Kühlschrank und skelettiertem Schaukelpferd sowie einer Uhr, die wirklich geht. Mit ihr immerhin gibts Momente echter Konzentration – wenn irgendwer vom Personal diese Uhr absichtsvoll vor-stellt, um den Fortgang der Szenen zu überspringen. Auch im "Tausend-Stecknadeln"-Kampf um Wahrheit oder Anpassung, den Papa Richard mit Vanessa spielt, ist kurzzeitig zu ahnen, wohin die grundsätzlicheren Fragen an unser aller gelebten wie nicht gelebten Alltag Text und Stück und Inszenierung hätten führen können. Es bleibt ein Delirat – das vielleicht um den Titel des unordentlichsten neuen Stücks konkurrieren könnte.

Die Kunst der Selbstabschaffung
von Rebekka Kricheldorf
Uraufführung                            
Regie: Schirin Khodadadian, Bühne und Kostüme: Ulrike Obermüller, Musik: Katrin Vellrath/Trevor Lee Larson, Dramaturgie: Annabelle Leschke.
Mit: Sabrina Ceesay, Eva-Maria Keller, Aljoscha Langel, Simon Mantei, Anke Stedingk, Franz Josef Strohmeyer, Jürgen Wink.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.staatstheater-kassel.de

 

Kritikenrundschau

Auf Deutschlandfunk in der Sendung Kultur Heute (16.2.2015) findet Hartmut Krug, dass sich nichts so recht zusammenfüge "bei diesem funkenlosen Gaggewitter". Das Stück wirke, "als habe die Autorin aus ihrer Werkkiste alles zusammengeschüttet, was sie als Ideen und Sprüche gesammelt hat." "Weshalb sich die Autorin immer wieder in einen Diskurs mit dem und über das Publikum zu retten sucht." Die Inszenierung von Khodadadian überzeuge nicht, da sie versuche, "das wilde Textmäandern mit einem unbedingten Willen zu Spiel und allgemeiner Bebilderung jeder Szene, ja, jeden Satzes in den Griff zu bekommen. Damit aber entgleitet ihr der Text, - was bleibt, ist undeutliches, aufgemotztes Bewegungstheater."

In der Frankfurter Rundschau (16.2.2015) schreibt Joachim F. Tornau, Kricheldorfs moderne Interpretation des Memento Mori sei "so komisch wie klug. Zum Spektakel aber gerät die Uraufführung erst durch die Inszenierung von Schirin Khodadadian." Wo das Stück zu sehr in den eigenen Wortwitz verliebt sei, kontere das die Regie "mit Rasanz. Stillstand gibt es nicht, das Leben muss weiter, weiter, weiter gehen." Er schließt die Kritik mit: "Wow."

In der Hessischen Niedersächsischen Allgemeinen (16.2.2015)  findet Bettina Fraschke das Stück "streckenweise sehr witzig und natürlich – so ist Kricheldorf – ganz aktuell und auf den Punkt formuliert. Andere ihrer Werke sind aber stärker." Khodadadian betone das Clownhafte und schwelge in Details. Das Fazit einer der Figuren stimme: "'Ab und zu entsteht ein unverhofft guter Moment, der schnell verfliegt, und plötzlich ist es, bumms, aus.'"

Kricheldorfs Text funktioniere "wie eine geplatzte Wundertüte", so Jürgen Berger ind er Süddeutschen Zeitung (18.2.2015). "Die spätpubertären Genussmenschen wollen der Endlichkeit entkommen und drehen gelegentlich am Zeiger einer unaufhörlich tickenden Uhr, sind aber nicht mehr als frivole Farbtupfer." In Khodadadians szenischem Patchwork werde "gesprochen und geturnt, manchmal stürzen Schauspielerinnen und Schauspieler auch nur hinter einem Sofa ab. Dann ist die Bühne wieder frei für den nächsten Dreh in einer Endlichkeitsposse, die die Regie noch lauter, plakativer, turbulenter haben wollte, als die Autorin sich das denken konnte."

Kommentar schreiben