Bildstörung

15.–22. Juni 2015. Mit der neuen Aktion "Die Toten kommen" arbeitet das Zentrum für politische Schönheit weiter an seiner Kritik der EU-Flüchtlingspolitik. Bereits vor Beginn der ersten Begräbnisfeier für die Opfer der Bootsflucht in Richtung Europa am 16. Juni 2015 in Berlin-Gatow diskutieren diverse Medien die künstlerischen und politischen Dimensionen der Aktion.

Für Spiegel Online (15.6.2015) steckte Georg Diez im Vorfeld fragend den Bedeutungsumfang der Aktion ab: "Ist diese Aktion also krass und pietätlos, Leichen quer durch Europa zu fahren, um sie in Berlin als künstlerischen Coup zu beerdigen? Oder ist die Politik krass und pietätlos, die ganz bewusst entschieden hat, das Rettungsprogramm 'Mare Nostrum' durch das Abschottungsprogramm 'Triton' zu ersetzen? Und sind die Medien krass und pietätlos, die nicht in der Lage sind, den Gleichklang von Kentern, Tod und Not zu durchbrechen? Braucht es, anders gesagt, solche Aktionen, die in gewisser Weise sogar in Leerstellen des Journalismus stoßen und Arbeit machen, für die andere zu faul oder zu feige sind?"

Von der Trauerfeier in Berlin-Gatow berichten Marius Münstermann, Robert Ackermann und Thies Schnack für Spiegel Online (17.6.2015). "Es geht den Aktivisten nicht nur um eine würdevolle Ruhestätte für die Toten. Sie denken in großen Dimensionen und wollen Veränderungen in der europäischen Flüchtlingspolitik bewirken."

Georg Diez nimmt sich in seiner Kolumne für Spiegel Online (19.6.2015) die Kritiken einiger Zeitungskolleg*innen an der Aktion des Zentrums vor und schilt sie heftig: "Der Stunt, den diese Aktion bedeutet, die Radikalität, auch gedanklich, der Mut, der Schock, all das findet nicht statt in diesem tiefgefrorenen Milieu: Sie sind gern bereit, über Europas Werte und Ideale zu debattieren, wenn es darum geht, die ganze griechische Nation zu erziehen – aber wenn es um Tote und die humanitäre Realität Europas geht, finden sie das pornografisch."

Verglichen mit dem Polittheater von Christoph Schlingensief, auf dessen Bühne sich verstörte "Funktionsträger, Passanten, Gut- und Wutbürger" selbst entlarvt hätten, besäßen die Aktionen vom Zentrum für politische Schönheit keinen solchen "Freiraum", schreibt Lenz Jacobsen für Zeit Online (16.6.2015). "Sie haben ein politisches Ziel, dem sich alles unterordnet. Die Formel ist simpel: möglichst krasse, unmittelbare Eindrücke erschaffen, um möglichst viele und möglichst viel damit zu erreichen. Dieses Begräbnis ist eine Kampagne." Wenig plausibel ist für den Berichterstatter die Legitimationsfigur der Kampagne. Denn dadurch, dass die EU-Flüchtlingspolitik zynisch sei, werde "das, was die andere Seite macht, nicht unzynisch oder gar ehrenwert". Wer die Aktion "als übergriffig empfindet, beweist damit nicht etwa seine mangelnde Empathie für Flüchtlinge, sondern lediglich eine Aversion gegen eine selbsterklärte Avantgarde."

"Das ist ein ebenso brachiales wie raffiniertes Spiel mit hoch aufgeladenen Symbolen. Vielleicht braucht die Routine, die Gewöhnung an die Bilder vom Sterben an den EU-Außengrenzen genau solche Schockmomente." So schreibt Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (16.6.2015). "Die Aktion wirkt wie eine Bildstörung. Die Vorstellung eines friedlichen Landes, das die Menschenrechte achtet, wird durch die Frage ins Wanken gebracht, um welchen Preis und mit welcher Härte dieser Frieden und dieser Wohlstand verteidigt wird." Offen bleibt für den Theaterkritiker der SZ, ob sich in den Särgen zum Begräbnis in Berlin "echte Leichen" befinden. Philip Ruch vom ZpS äußere sich dazu betont vage. Das "Skandalpotenzial" der Aktion speise sich "aus einer scheinbar unerträglichen, aber dann doch wieder nicht so eindeutigen Regelverletzung", so Laudenbach.

Im Anschluss an die erste Bestattung kommentiert Sonja Zekri für die Süddeutsche Zeitung (17.6.2015): Das "grenzt an politische Pornografie." Die Künstlergruppe habe bis dato "drastische, aber kluge Kampagnen unternommen. Diese Aktion jedoch gibt nur vor, die Ohnmacht der Opfer zu verdeutlichen. In Wahrheit nimmt sie ihnen das Letzte, was sie haben."

"Für das Sichtbarmachen von Grenzen und Machtzentren bedient sich die Gruppe der Polemik und der Tat", berichtet Paula Schwerdtfeger für die Frankfurter Allgemeine Zeitung (16.6.2015) und rückt die Aktion in den Kontext der Kunst von Christoph Schlingensief, des Futuristen Filippo Tommaso Marinetti, der DADA-Bewegung oder der Situationistischen Internationalen. Die im Titel der Aktion anklingende Auferstehung der Un-Toten erinnert die Berichterstatterin an die Fernsehserie "Game of Thrones" (mit ihren "Walkers"): Die Aktionen des ZpS seien "kaum weniger düster: Leichen werden aus den Gräbern, in denen tote Flüchtlinge in Europa anonym begraben werden, exhumiert und von Leichentransportern über die Autobahn kutschiert."

Für Mark Siemons von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (19.06.2015) besteht beim Begräbnis in Gatow kein "Zweifel daran, dass es sich um eine Kunstaktion innerhalb des einschlägigen Betriebs handelt. Der reale Leichnam und die realen Vorgänge seiner Exhumierung und abermaligen Bestattung werden da also ein Teil des Kunstsystems." Das sei nicht zynisch, zumal es einem "ganz und gar unzynischen Zweck“ diene. "Aber es verwischt eine Grenze, die besser unverwischt bliebe.“ Die Künstlergruppe spiele “ein Bedeutungssystem gegen einen verstorbenen Menschen aus. Das verkehrt die Hierarchie, um die es der Künstlergruppe eigentlich geht, in ihr Gegenteil: Statt den einzelnen Menschen in seiner Selbstzweckhaftigkeit als Fluchtpunkt der gesamten Politik (und auch der Kunst) in Erinnerung zu rufen, benutzt es ihn als letztes Glied in einer langen kunst- und politiktheoretischen Argumentationskette."

"Es geht hier nicht darum, Fragen zu stellen, sondern darum, den faulen und apolitischen Europäern ins Gesicht zu knallen, woran sie schuld sind, nämlich an der Ermordung von Zivilisten durch die 'Schreibtischtäter der Bundesregierung'", so fasst Hannah Lühmann für die Welt (17.6.2015) das Begräbnis in Berlin-Gatow zusammen. "Die radikale Geste der Aktivisten mag zum Trauern und Nachdenken anregen. Man hätte sich nur gewünscht, dass diese Frau in Gegenwart ihrer Familie beigesetzt worden wäre und nicht in Gegenwart handyfilmender Aktivisten, die keine Fragen haben."

Für den Berliner Tagesspiegel (15.6.2015) hatten Lars von Törne, Martin Pfaffenzeller und Tiemo Rink vorab berichtet: "Inwieweit bei der Aktion am Sonntag tatsächlich tote Flüchtlinge zum Einsatz kommen, ist unklar." Die Trauerfreier besuchte Tiemo Rink (16.6.2015): "Etwa hundert Menschen haben sich am Morgen am Grab versammelt. Mehr als die Hälfte sind Medienvertreter, ein guter Teil Aktivisten. Aber auch eine kleine Trauergemeinde, schwarz gekleidet, hat sich auf dem Friedhof in Gatow eingefunden."

Als "Antigone reloaded" erscheint dieses Totenbegräbnis Rüdiger Schaper im Kommentar für den Tagesspiegel (18.6.2015). Hier wie auch andernorts sei zu beobachten, dass Künstler heute "so schnell reagieren wollen wie die Nachrichtenmedien, dass sie journalistisch vorgehen". Kunst "übernimmt nur Muster des politischen Handelns, des zivilen Protests und nennt es – Kunst. Oder Performance." Der Humor und das Charisma eines Christoph Schlingensief gehe den Aktivisten des Zentrums ab. "Seine Nachfolger wirken kühl, überlegt, selbstbezogen auch, wie Ingenieure der Empathie. Sie sind als Personen nicht zu greifen, eher Partisanen als Parsifal."

"Die Inszenierung war perfekt gewählt in ihrer Wort- und Bildsprache", berichtet Melanie Reinsch für die Berliner Zeitung (16.6.2015) vom Begräbnis in Berlin-Gatow. Viele Fragen seien offengeblieben, etwa in welchem Bundesland sich die Angehörigen der Beerdigten aufhielten. "Ebenso blieb Ruch die Antwort schuldig, ob der italienische Kleintransporter, der am Freitag bei München mit zwei Särgen aufgehalten wurde, die Särge geladen hatte, die am Dienstag auf dem Friedhof standen. Und so blieb den vielen Medienvertretern in Gatow nicht viel mehr übrig als festzustellen, dass sie Teil einer Theaterinszenierung waren – was sich hinter den Kulissen tatsächlich abgespielt hat, blieb ungeklärt."

Im Vorbericht für die nächste Begräbnisaktion auf dem Alten Zwölf-Apostel-Friedhof in Schöneberg blickt Melanie Reinsch von der Onlineredaktion der Berliner Zeitung (18.6.2015) noch einmal auf die Trauerfeier in Gatow zurück: "Laut Friedhofsleitung war die Beerdigung real." Zitiert wird Gerhard Kempf von der Friedhofsleitung in Spandau: "Nach unserer Erkenntnis hat dort definitiv eine echte Beerdigung stattgefunden."

Die Fragen nach der Herkunft der Begrabenen blieben offen. "Aber schon sie zu stellen, enthüllt die Bitterkeit und den Zynismus der europäischen Flüchtlingspolitik. Denn anstatt sich mit der Situation vor Ort zu beschäftigen, wird die Frage nach der Echtheit einer Inszenierung genutzt, um sich nicht mit den echten Effekten von Politik zu beschäftigen." So berichtet Ines Kappert für die taz (16.6.2015) aus Gatow. Jeder der anwesenden Aktivisten wüsste mehr über die Situation auf Sizilien als die anwesenden Journalist*innen. Auch über Reaktionen auf die Zeremonie berichtet Kappert: "Die erste Journalistin beginnt zu weinen, die Betroffenheit unter den Profis insgesamt nimmt zu. Wenn das kein Erfolg einer Kunstaktion ist, den häufig als Professionalität bemäntelten Zynismus in der Medienbranche wenigstens für einen Moment zu unterbrechen, was dann?"

Bereits am Tag vor der Aktion hatte Chefredakteurin Ines Pohl für die taz (15.6.2015) kommentiert: "Zynisch ist nicht dieses Projekt. Zynisch ist eine Gesellschaft, die buchstäblich über Leichen stolpern muss, um hoffentlich wahrzunehmen, dass die Flüchtlinge keine statistische Größe sind, sondern Menschen, die ein Recht auf unsere Unterstützung haben. Und denen man auch über ihren Tod hinaus mit Würde begegnen muss, wenn man denn das Grundgesetz achtet, nach dem die Würde des Menschen unantastbar ist."

Einen Erlebnisbericht verfasst Detlef Kuhlbrodt für die taz (18.6.2015). Erst wollte er den Schreibauftrag ablehnen. "Weil ich mich bei dem Thema nicht kompetent fühle, weil mir die Ankündigung der Aktion und die Selbstdarstellung der Aktionskünstler zu reißerisch vorkam". Er fuhr dann aber doch nach Gatow und traf u.a. Medienvertreter*innen, "die das Ereignis in die Welt tragen werden. Sie sagen, ein schlechter Text mit Bild in der Bild wäre wichtiger als ein guter Text in der Jungle World."

Für die taz (21.6.2015) ist Christian Jakob nach Sizilien gereist, wo das ZpS nach eigenen Angaben Leichen von Flüchtlingen exhumierte, um sie in Deutschland zu begraben. Von einer menschenunwürdigen Verwaltung der Toten berichtet Jakob in seiner Reportage: "Geht man nahe heran, scheint zwischen den Müllsäcken, dem Blut und den Schädelumrissen die Gewissheit auf, dass Tote mit weißer Hautfarbe in Europa niemals so behandelt würden."

Von der Beisetzung in Berlin-Gatow berichtet André Mumot für nachtkritik.de (16.6.2015): "Man bewundert die Chuzpe, spürt zugleich, wie sehr die Aktivisten sich selbst und ihre mutige Realness bewundern, mit welcher Hingabe sie ihre Polemiken von sich geben, ihre unzweifelhafte moralische Überlegenheit vor sich hertragen und mit den Fingern zeigen."

Für nachtkritik.de (16.6.2015) kommentiert Dirk Pilz in seiner Kolume "Experte des Monats" die Aktion und ihre mediale Begleitmusik: "'Die Toten kommen' ist weder komplex noch kompliziert. Die Unternehmung trifft eine denkbar klare und unmissverständliche Aussage. Sie lautet: Ich bin schuld. Schuld an einem Europa, das derart mit seinen Flüchtlingen umgeht."

(chr)

 

Für die Zeit (18.6.2015) hat Tobias Timm mit Philipp Ruch vom ZpS gesprochen. Am Sonntag erwartet Ruch "mindestens 130.000 Menschen aus Gesamteuropa zum Marsch der Entschlossenen. Drei Bagger mit Presslufthämmern werden dabei auf das Kanzleramt zurasen und dann den Vorplatz aufstemmen." Die Toten seien "in Zusammenarbeit mit Beerdigungsunternehmen (...) aus anonymen Flüchtlingsgräbern etwa in Sizilien exhumiert" und identifiziert worden, um daraufhin Kontakt zu den Angehörigen aufzunehmen. Weil man diese einbezogen und ihnen das Projekt "ausführlich erklärt" habe, verstoße die Aktion auch nicht gegen die Totenruhe. Vielmehr sei es "ein Skandal, dass die italienischen Behörden die Namen der Toten nicht ermitteln und die Angehörigen nicht kontaktieren." "Die Verwandten der in Gatow beerdigten syrischen Frau wünschten sich eine Bestattung auf einem muslimischen Friedhof", diese sei "ein Akt politischer Schönheit" gewesen. Er glaube "an die moralische Fantasie der Menschen, an das Mitgefühl, das wir mit unserer Aktion sichtbar machen können." Das ZpS plant diesem Interview zufolge noch zahllose Bestattungen Ertrunkener in Berlin. "Wir holen sie alle, wenn es sein muss. Open End. Auch wollen wir den Rücktritt desjenigen erwirken, der die EU-Außengrenzen maßgeblich mit aufgebaut hat. Das ist der deutsche Innenminister Thomas de Maizière. Der muss weg."

(ape)


Aktion "Marsch der Entschlossenen" am 21. Juni 2015 in Berlin

22. Juni 2015. Für Sonntag, den 21. Juni 2015, hatte das Zentrum für politische Schönheit zum "Marsch der Entschlossenen“ aufgerufen. Vor dem Kanzleramt sollten Flüchtlingsleichen beerdigt werden, was die Polizei unter Berufung auf das Berliner Bestattungsgesetzt verbot. Ohne Leichen, aber mit rund 5000 Demonstranten schritt der Trauerzug in Richtung Kanzleramt und Reichstag. Auf der Wiese vor dem Reichstag hoben Aktionsteilnehmer, nachdem sie Absperrungen durchbrochen hatten, Dutzende symbolische Gräber aus und legten ihre Blumenkränze ab. Die Medien berichten.

Lenz Jacobsen rekapituliert auf Zeit Online (21.6.2015) noch einmal die Aufmerksamkeitsstrategien des ZpS und würdigt en passant die genaue, aufklärerische Reportage von Christian Jakob in der taz (21.6.2015). Nach deren Lektüre habe man "was verstanden von der Welt". Die Aktion des ZpS schaut er vergleichsweise distanziert an, etwa die finalen symbolischen Grabsteinlegungen vor dem Reichstag: "Viele starke Bilder aber gibt es nun von Gräbern vor dem Reichstag, von oben sieht es bestimmt fast so aus wie auf dem Modell, dass die Aktivisten vorher entworfen hatten. Und so war all das wohl eine gelungene Aktion."

"Schwarzes Revoluzzertheater mit Remmidemmi-Faktor“ ist die Aktion für Reinhard Mohr im Kommentar in der Welt (21.6.2015) bereits vor ihrem Start. Es gehe um "die politisch korrekte Zuordnung von Schuld – und das eigene gute Gewissen. Auch wer sich bislang nie für die furchtbaren Verhältnisse in Eritrea, Somalia, Syrien, dem Sudan oder Mali interessiert hat, kann nun als Rächer der Enterbten auftreten. Wie heuchlerisch."

Ganz schön selbstverliebt findet Hannah Beitzer im Kommentar für die Süddeutsche Zeitung (21.6.2015) die (Selbst-)Inszenierung des ZpS. Hier entstehe "schnell der Eindruck: Die Künstler unterschätzen ihr Publikum. Sie wollen einem Land mit drastischen Mitteln vor Augen führen, worüber es seit Monaten redet." Verzichten kann die Kommentatorin die Mittel der Inszenierung: auf Hashtags, auf "öffentliches Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei", auf die "demonstrativ aufgebaute Ehrentribüne für abwesende Politiker" etc. Eine Konzentration auf die "schöne Grundidee“ der Aktion, "Menschen, die an den Grenzen Europas gestorben sind, im Herzen des Kontinents zu beerdigen", hätte mehr überzeugt.

"Der Zaun fällt, als wäre er eine Streichholzkonstruktion. Kein Wunder, schließlich handelt es sich nicht um eine Polizeiabsperrung, sondern um einen Schutzzaun des Grünflächenamts für den Rasen vor dem Reichstag. Wenig später ist die Wiese vor dem Parlament bunt vor Menschen." Diese und weitere Impressionen von der Demo gibt Astrid Geisler für die taz (21.6.2015).

Für die Printausgabe des Tagesspiegels (22.6.2015) berichtet Werner von Bebber vom Zug: "Frauen, Männer, Kinder waren auch dabei, vom Retro-Teddy-Boy bis zum Hipster, von der Punkerin bis zur altlinken Aktivistin“. Zudem "nur eine Handvoll Antifaschisten", die Parolen gegen die Abschiebebehörden skandierten. "Zwei junge Männer hatten aus Pappe an kleine Särge erinnernde Kisten hergestellt, was der Veranstaltung etwas Klamaukiges gab." Protokollarisch von den Geschehnissen informieren Werner van Bebber, Sebastian Leber, Hendrik Lehmann, Tiemo Rink und Jana Demnitz für die Onlineseite des Tagesspiegels (21.6.2015).

Stimmen von der Demonstration hat Lokalredakteur Jens Blankennagel für die Berliner Zeitung (21.6.2015) eingesammelt, u.a. von Philip Ruch vom ZpS zum Sturz der Absperrzäune und zum spontimäßigen Ausheben von Gräbern auf der Wiese vor dem Reichstag: "Hätten sie unsere Kunst erlaubt, hätte sich alle Wut an unserem Bagger konzentriert und es würde nicht solch Szenen geben".

Für nachtkritik.de (21.6.2015) kommentiert Esther Slevogt: "Als theatrale Setzung hat 'Die Toten kommen' enorme Wucht und Wirkung entfaltet. Doch als es auf die Straße ging, in den Raum jenseits der imaginären Bühne im medialen Raum, war die Luft raus, wurde 'Die Toten kommen' zur leichten Beute für Instrumentalisierer und Populisten. Das ZPS hatte dem nichts entgegenzusetzen."

In der taz (22.6.2015) beschäftigt sich auch Ines Kappert mit der Gespaltenheit der Aktion: "Die Politkunst-Aktionen des Zentrums für Politische Schönheit (ZPS) waren ein Erfolg, da ist sich die öffentliche Meinung einig. Doch die hiesige Refugee-Bewegung (...) fand die Aktion 'Die Toten kommen' vielfach eine Unverschämtheit und den Medienjubel unerträglich." Warum gelinge der Brückenschlag nicht? "Ein Grund könnte in der unterschiedlichen Adressierung liegen. Das ZPS ist kein Sprachrohr der Geflüchteten und/oder von 'People of Colour'." Und velleicht erkläre sich die Empörung vieler der Marginalisierten oder derer, die sich in deren Repräsentanz sehen, auch durch den Claim. Geflüchtete vor allem unter dem Aspekt des Todes zu sehen, sei eine brutale Reduzierung.

(chr)

 

 

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