Bitte vermitteln Sie das Gute

von André Mumot

Berlin, 16. Juni 2015. "Das hier ist kein Theater, das ist die Realität", sagt Stefan Pelzer. "Wer glaubt, das hier sei eine Geschichte, der ist an Geschmacklosigkeit nicht zu überbieten." Noch steht er am Rande, abgerückt von der eigentlichen Grabstelle auf dem Landschaftsfriedhof Gatow, und um ihn herum drängen sich die Journalisten, recken ihm ihre Mikrofone entgegen und tun das, was sie in solchen Fällen meistens tun: Sie zischen sich platzneidig zu, sie rempeln einander an, sie kämpfen sich nach vorn. Ob er beim "Zentrum für politische Schönheit" (ZPS) wirklich der "Eskalationsbeauftragte" sei, will eine Stimme hinter den Mikros wissen. Ja, das gibt Stefan Pelzer zu. Eigentlich schon. "Aber heute bin ich nur Vater."

Würde und Zweifel

Heute wird ein Mensch begraben, eine junge Mutter aus Syrien, die bei der Flucht übers Mittelmeer vor den Augen ihres Mannes und zusammen mit ihrer zwei Jahre alten Tochter ertrunken ist. Das Kind ist verschollen, der zweite weiße Sarg, der später auf die Szene getragen wird, leer. Vielleicht ja auch der erste. Man hört ein süffisantes Tuscheln, an der Ehrlichkeit der Aktion wird vielfach gezweifelt, aber die Aktionskünstler versichern: Sie sind nach Italien gefahren, sie haben die Frau im Einverständnis mit ihren Angehörigen aus ihrer menschenunwürdigen, anonymen Grabstelle exhumiert und dann nach Deutschland transportiert. Es ist nicht der einzige Leichnam, nicht das einzige "Opfer der europäischen Abwehrkriege" – weitere Begräbnisse sollen stattfinden, die Termine aber werden immer erst kurz vorher bekanntgegeben. Man fürchtet Repressionen.

ZPS Gatow 3 560 16 Juni© Zentrum für politische SchönheitTatsächlich soll noch früh am Morgen ein Mitarbeiter vom Grünflächenamt Mitte versucht haben, den Zutritt der Presse auf das muslimische Friedhofsfeld zu verhindern, und angeblich hat dabei ein Polizeihubschrauber einschüchternde Kreise über den Köpfen der Aktionisten gezogen. Nun aber geht alles seinen vorgeplanten Gang, hier am äußersten Zipfel Spandaus, in unmittelbarer Wald- und Wiesennähe der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze, die dem ZPS immer wieder das perfekte Stichwort liefert. Was Stefan Pelzer und seine Kollegen fordern, ist der "europäische Mauerfall", dafür wollen sie in einigen Tagen bis vors Kanzleramt ziehen, mit Baggern und Spitzhacken aus dem Vorplatz einen neuen Friedhof machen, auch dort reale Leichen begraben.

Leere Stühle und Pathos

Nein, nach Theater sieht hier wirklich kaum etwas aus, nur kleine Spuren von Inszenierung bieten sich: Hinter dem bereits ausgehobenen Grab befindet sich eine abgesperrte Ehrentribüne, dahinter wehen die Fahnen der EU-Mitgliedsstaaten im beißend kühlen Wind. Eigentlich sollten hier die geladenen Gäste Patz nehmen, allen voran die Bundeskanzlerin und ihr Innenminister. Die leeren Stühle sind das deutlichste ästhetischste Zeichen, werden zu Ignoranz anklagenden Leerstellen. Davon abgesehen bekommen es die Gäste vor allem mit der aufgeladenen Rhetorik der Zentrums-Aktivisten zu tun, die Thomas de Maizière gern als "Schreibtischtäter" bezeichnen, der, wie ZPSler Paul Stauffenberg noch einmal betont, "verantwortlich ist für den Tod tausender Menschen."

ZPS Gatow 2 16 Juni 560Trauerfeier ohne Ehrengäste auf dem Muslimischen Friedhof in Berlin-Gatow
© Zentrum für politische Schönheit

Da stehen sie vor den Mikrofonen, allesamt mit kohleverschmierten Gesichtern, die in dem ihnen eigenen Pathos die "verbrannten Hoffnungen der Bundesrepublik" symbolisieren sollen, wettern, beschuldigen, schlagen sich verbal an die Brust, und man kann gar nicht anders als in tiefen Zwiespalt zu geraten. Man bewundert die Chuzpe, spürt zugleich, wie sehr die Aktivisten sich selbst und ihre mutige Realness bewundern, mit welcher Hingabe sie ihre Polemiken von sich geben, ihre unzweifelhafte moralische Überlegenheit vor sich hertragen und mit den Fingern zeigen. Sie verwahren sich gegen den Vorwurf der Geschmacklosigkeit, weil die eigentliche Geschmacklosigkeit das massenhafte Sterben ist, die Abriegelung Westeuropas, die aufgehäuften Leichname in Italien und Griechenland, in Kühlkammern, Müllsäcken, Massengräbern. Dagegen kann keiner etwas einwenden. Deshalb nun also, hier und heute, die menschenwürdige Bestattung, und ein strenges Wort an die Journalisten, gefälligst nicht so laut zu sein, sie befänden sich schließlich auf einem Friedhof.

Wut, Trauer, Gerempel

Grotesk ist das, denn schließlich sind sie (sind wir alle) nur hierher gelotst worden, um die perfekte Publicity zu ermöglichen für die gute Sache – und, naturgemäß, zugleich die perfekte Publicity für die Zentrale, die weiß, dass man die notwendige Aufmerksamkeit nicht bekommt, wenn man leise Töne anschlägt. Die weiß (oder zu wissen glaubt), dass nur mit den Achseln gezuckt würde, wenn diese Beerdigung in aller Stille durchgeführt und etwa der Öffentlichkeit im Nachhinein dokumentarisch präsentiert würde.

ZPS 4 560 16 Juni SargkammerSargkammer für tote Flüchtlinge von den Booten in einem italienischen Krankenhaus
© Zentrum für politische Schönheit

"Die Toten kommen" haben sie stattdessen in genüsslicher Effekthascherei verkündet, plakatiert, pressgemeldet. Und nun klettern die Reporter der Radio- und Fernsehsender, der Tageszeitungen und Agenturen ganz aufgeregt auf Leitern, werfen ihre Mikrogalgen über frisch aufgeschüttete Gräber, rennen über die auf der freien Wiese bereits abgesteckten Markierungen für die nächsten Stellen, während der Sarg herbeigetragen wird, mit dem sich eine unsagbare Leidensgeschichte versinnbildlichen lässt. Man rempelt wieder am Schauplatzrand, man drängt, und das, was man gemeinhin "Totenruhe" nennt, ist nicht mehr als ein schlechter Witz.

Auch wir ein, zwei Theaterkritiker wissen nicht so recht, wohin. Tatsächlich ist das alles berührend, macht wütend, ist nichts, was man nach künstlerischen Parametern abklopfen kann oder will oder sollte, auch wenn man sagen könnte, dass es irgendwie die klassische Antigone-Situation wiederholt. Allein: Was bringt uns das? Ganz vorn in der kleinen Trauergemeinde lässt sich, mit dem üppigsten Blumenbukett im Arm und einer großen schwarzen Sonnenbrille auf der Nase, immerhin Shermin Langhoff ausmachen, die sichtlich bewegt ist und durch ihre Anwesenheit zugleich subtil daran erinnert, dass die Wurzeln des ZPS in der Bühnenwelt liegen. Später sagt sie einem österreichischen Journalisten, sie fände das alles sehr angemessen, weil sie wisse, dass die Angehörigen der Toten sich dieses Begräbnis gewünscht haben.

Die Bilder werden zählen

Enttäuscht ist der Kollege von Außerhalb dann aber doch, als er erfährt, dass er mit der Intendantin des Maxim Gorki Theaters gesprochen hat. Weil er, wie er sagt, eigentlich gehofft hatte, eine "echte Trauernde" vors Mikro zu bekommen.

ZPS Gatow 1 16 Juni 560 © Zentrum für politische Schönheit

Echt ist in jedem Fall der Imam, Abdallah Hajjir, der die Bestattungszeremonie abhält und auf beeindruckende Weise im Tumult der endlos klickenden Fotoapparate eine Insel der Pietät schafft, in der sich die Worte der Betroffenheit und Mahnung sehr wahrhaftig anhören, zum Beispiel weil er für "verständnisvolle Völkerbegegnungen" eintritt und sich direkt an die Presse wendet: "Bitte vermitteln Sie das Gute, die gute Botschaft, bitte werben Sie für den Frieden."

Und spätestens in diesem Augenblick wird klar, dass nur die Fotos zählen werden, die bereits in andachtsvollem Schwarz-Weiß live getwittert worden sind, dass nur der weiße Sarg zählen wird und die Bilder von Rosenblüten auf dem Weg, nur das, was wir wiedergeben, nur das, was die Menschen sehen, lesen, sich anschauen werden, nicht das, was hier in diesem Augenblick stattfindet, gewiss nicht das Gerenne und Augenverdrehen der Presse. Weil eine "menschenwürdige Beerdigung" an diesem Morgen etwas beunruhigend Abstraktes ist, nur ein Bild, ein von den Eskalationsexperten clever inszeniertes Zeichen, bestimmt für eine Welt, die wohl genau solch ein Zeichen braucht, um etwas zu verstehen.

 

Die Toten kommen
Zentrum für politische Schönheit
Muslimische Beerdigung einer Mutter und eines zweijährigen Kindes, zwei Opfer der militärischen Abriegelung Europas auf dem Friedhof Berlin-Gatow am Dienstag, 16. Juni 2015.

http://www.politicalbeauty.de

 

Dirk Pilz kommentierte die Aktion in seiner Kolumne: "Die Toten kommen ist weder komplex noch kompliziert. Die Unternehmung trifft eine denkbar klare und unmissverständliche Aussage. Sie lautet: Ich bin schuld."

Über die Aktion Erster Europäischer Mauerfall im November 2014 berichtete Sophie Diesselhorst. Im Juli 2014 stellte sie das Zentrum für Politische Schönheit auf nachtkritk.de bereits in einem Porträt  vor.

Tweets zur Aktion Die Toten kommen unter #dietotenkommen:

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