"Wir werden euch linke Scheißer AUSROTTEN!"

26. Oktober 2015. In der Zeit vom 22. Oktober schreibt Martin Machowecz eine Art Frontbericht aus Dresden, wo ihm zufolge die Pegida, wenn schon nicht die Straße, so doch das Denken aller Insassen der Sachsen-Residenz beherrscht. Es ist der 19. Oktober, der erste Geburtstag von Pegida.

In Dresden wird Volker Lösch Ende November Max Frischs "Graf Öderland" als pegidistisches Schaustück inszenieren. Mit Bürgerchor und Hass-Parolen. Im Moment sammelt das Team Eindrücke. Und leidet darunter. Denn die Straße ist braun, tiefbraun und prügelt ziemlich wahllos auf jeden ein, der nicht rassistischer Meinung sich anschließen will. Machowecz zufolge. Nicht einmal mehr sicher kann der Wohlmeinende sein, ob die weltoffenen Menschen in Dresden die Mehrheit bilden. Der Text, der über eine ganze große Zeit-Seite flutet, liest sich, als befänden wir uns im Jahre 1931 oder 1932. Und, wer will das sicher wissen, vielleicht ist es ja schon wieder soweit.

Der Ton ist brutal geworden

Löschs "Öderland" am Staatsschauspiel soll der Beitrag des Theaters zur "alles beherrschenden Auseinandersetzung" mit den "Patriotischen Europäern" werden, mit der "bösen Stimmung in der Stadt, der Kälte auf den Straßen, dem Hass in den vielen kleinen Augen".

Die Zeit zitiert Lösch, der sagt, man müsse aufpassen, dass man von Pegida nicht "niedergemacht" werde. Beizukommen sei Pegida mit Argumenten nicht mehr. Was in der Welt geschieht, werde von Pegida ins "eigene Weltbild verwurstet, Dinge, die dem Weltbild widersprechen, werden abgestritten und nicht geglaubt".

Schon jetzt, so Die Zeit weiter, sei das Staatsschauspiel "einer Wut ausgesetzt, die sich noch vor einem Jahr kaum einer hätte vorstellen wollen". Mit Pegida sei "auch der Ton in der Stadt brutal geworden": Das Staatsschauspiel positioniere sich als eine "Art Anti-Pegida-Institution", deshalb gingen "waschkörbeweise Drohbriefe ein, waschkörbeweise Hassbotschaften, Waschkörbe voller Verwünschungen und endlose Mails voll von Flüchen. 'Wir kriegen euch alle!!!', steht in den Botschaften, 'das ist nicht Ihre Stadt', das Staatsschauspiel bezeichnen sie als 'Hetzer und Beschimpfer der Dresdner Bevölkerung'. Neulich schrieb einer sogar: 'Wir werden euch linke Scheißer AUSROTTEN!'"

Das Theater ist wieder wichtig?

Löschs Regieassistentin und einer Schauspielerin sei am Pegida-Montag auf offener Straße ins Gesicht gespuckt worden. Man traue sich nicht mehr an "bestimmte Orte". Die Stadt lebe im "Klima der Furcht". Pegida habe sich 2015 radikalisiert, das sei unübersehbar. Die "letzten Schranken des Anstands" würden fallen. Hemmungslos werde von "Asylanten und Schmarotzern" geredet.

Volker Lösch selbst sage, "das unerschütterliche Selbstbewusstsein bei Pegida erschüttere ihn. Am Theater fragten sie sich inzwischen, ob ihre Arbeit vergeblich ist, was könne man denn tun gegen so viel Herzenshärte?" – "Aber wir müssen Pegida mit unserer Haltung zur Welt konfrontieren, wir müssen uns widersetzen, immer wieder", sage Lösch. "Die reden vom Bürgerkrieg und von der nächsten Revolution, die wollen gewählte Politiker zum Teufel wünschen, beseitigen, und glauben felsenfest, sie könnten den Staat stürzen. Das können wir doch nicht einfach ignorieren." Man könnte auch sagen: Theater sei wieder wichtig. "Kein Ort mehr für verwöhnte Premieren-Abonnenten. Endlich ist die Bühne eine richtige Herausforderung."

"Jetzt stirbst Du"

Derzeit arbeite Lösch an einer Szene für den Bürgerchor, in der die wahre Geschichte einer jungen Dresdnerin erzählt wird. Der Chor spreche in den Worten des Mädchens: "Ich habe einem jungen Mann geholfen, ein Deutschtürke, der wurde gejagt von zwei Typen, nachts in der Neustadt. Meine Freundin und ich sind dazwischen, als sie ihm an die Gurgel gingen. Da haben sie kurz aufgehört ...  Aber nach ein paar Minuten waren sie zurück und hatten Verstärkung mitgebracht." Plötzlich sei die Gruppe auf sie zugerannt gekommen, "sie waren zu fünfzehnt, zwei Frauen dabei. 'Ihr linken Fotzen! Ihr scheiß Fotzen!' Und immer wieder 'Sieg Heil!' Wir sind in eine Bar geflüchtet." Die Polizei sei gekommen, aber bald wieder gegangen, es sei ja nichts passiert. "Da ging es richtig los: Meiner Freundin fliegt eine Bierflasche an den Kopf, ihre Kopfhaut platzt auf. Mir greift jemand von hinten in die Haare und reißt mich hoch. Ein Freund will mir zu Hilfe kommen, zwei Männer stürzen sich auf ihn. Er wird zusammengetreten, sein Oberarm springt aus dem Gelenk. Ich werde an den Haaren über die Kreuzung geschleift. Ich verliere meine Schuhe, meine Tasche, meine Jacke. 'Jetzt stirbst du, du Fotze! Du verreckst jetzt! Hier im Dreck verreckst du Fotze! Du Fotze machst unser Land kaputt! Und jetzt verreckst du.'" Später, als die Polizei wiedergekommen sei, so erzähle es das Stück, und so solle es sich auch in der Wirklichkeit zugetragen haben, hätten die Polizisten gesagt: Es sei kein Wunder, dass hier so was passiere. "Bei den vielen Tunesiern."

(jnm)

 

Mehr zur Pegida-Bewegung in Dresden: In einem Interview mit nachtkritik.de diskutieren die Dresdner Theaterleiter Dieter Jaenicke (Europäisches Zentrum der Künste Hellerau) und Wilfried Schulz (Staatsschauspiel Dresden) die Lage in Dresden und das künstlerische und bürgerliche Engagement gegen die Pegida.

Im September 2015 hatten Pegida-Anhänger in Dresden Schülerinnen und Schüler des bundesdeutschen Schultheatertreffens der Länder attackiert.

In der Auftaktinszenierung der Spielzeit 2015/2016 inszenierte Tilmann Köhler für das Dresdner Staatsschauspiel Shakespeares "Maß für Maß" als Kommentar auf die Pegida in Sachsen.

Presseschau vom 14. Oktober 2015: Der Dresdner Dramaturg Robert Koall zur Pegida-Bewegung und den Möglichkeiten des Theaters, darauf zu reagieren.

Auch in Falk Richters Inszenierung Fear an der Berliner Schaubühne (Premiere 24. Oktober 2015) geht es wesentlich um Pegida.

 

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