Das Ohne-Worte-Haus

von Michael Laages

Kassel, 10. Dezember 2015. Schwer zu sagen, wer oder was da mehr zu bestaunen war – das Theater in Kassel, nicht immer und notwendigerweise im Zentrum theatralischer Innovation, oder das Publikum, das sich da klaglos einem Experiment ausgesetzt hat, das durchaus auch andere Reaktionen hätte provozieren können ... "Tyrannis" aber, das in allererster Linie wortlose Projekt des noch nicht 30-jährigen Performance-Regisseurs Ersan Mondtag aus Berlin, schafft es immerhin auch jenseits gängiger Theater-Dramaturgien, die Kundschaft über etwas mehr als zwei Stunden hin eng in szenische Vorgänge hinein zu zwingen, deren Sinn und Zweck und Ziel im Nachhinein kaum zu bilanzieren sind.

Klar ist die Struktur – wir schauen in eine detailreich und real ausgestattete Wohnung. Das Wohnzimmer hat Esstisch, Sitzecke und Sofa, etwas weiter in die Tiefe der gedrungenen Kellerbühne im Kasseler Fridericianum hinein ist die Küche gebaut, mit Kühlschrank, Herd und Spüle; dahinter wiederum geht's hinaus auf die Veranda und hinein in den Wald. Aus dieser Wohnwelt führen Türen hinaus, ein Klo gibt's auch sowie ein später wichtig werdendes "geheimes Zimmer". Eine dem Anschein nach halbwegs normale Drei-Generationen-Familie scheint hier zu wohnen: Vater, Mutter, deren Mutter und zwei schon recht erwachsene Kinder. Alle, bis auf Oma, rothaarig – die familiären Routinen und Rituale bilden den Kern der Geschichte, Zähneputzen und aufs Klo gehen inklusive.

Schwebendes Schreiten im Oberstübchen

Papa hat mit der Axt einen Weihnachtsbaum geschlagen draußen im Wald, Mutti weckt erst alle und kocht dann. In Omas Zimmer gibt's einen kryptischen Altar, der Sohn scheint eine Art Hobby-Astronom zu sein, Sterne zieren die Tapete in seinem Zimmer und am Fenster steht ein Fernrohr. Die Tochter hingegen, fett über alle Maßen, liegt wie in Trance auf ihrem Sofa, stampft gern auf mit massivem Gewicht und muss von der Oma angekleidet werden. Am Esstisch erweist sich das Monstrum als Dirigentin – der Bruder spielt Klavier, die Oma geigt, und alle (bis auf die Mutter) singen eine traurig romantische Weise.Tyrannis2 560 N.Klinger uUrahne, Ahne, Mutter und Kind in dumpfer Stube beisammen sind © N. Klinger

All diese Zimmer, diese Lebens-Räume, sehen wir auf den Video-Bildschirmen an den Wänden des realen Zimmers, übertragen von meist zwei Überwachungskameras pro Raum; auch auf dem Klo. Musik und Sound-Design des Jazz-Schlagzeugers Max Andrzejewski spielen eine enorme Rolle; akustische Schritte etwa lassen ahnen, dass alle Zimmer (und der Flur, von dem sie abgehen) in einem imaginären Obergeschoss liegen. Mit der Axt scheint Papa zuweilen auch in den Keller zu tapsen. Tapsen: ja – allem Personal hat Objekt-Stratege Mondtag eine Art schwebendes Schreiten verordnet; wie auf Eiern bewegt sich nur der Körper, der Kopf bleibt fast immer auf gleicher Höhe. Mama geht wie eine Maschine, Papa scheint fast umzufallen, wenn er sich an den Kühlschrank lehnt.

Die Fremde kommt

Und niemand spricht. Zu hören sind Vogelgezwitscher und Angstschreie aus dem Wald; das erste massive Geräusch ist die Klo-Spülung. Nach 20 Minuten. Und das bewundernswerte Publikum gibt sich mächtig Mühe, jedes Husten zu unterdrücken ...Tyrannis1 560 N.Klinger uAls Vater mal tot umfiel … © N. Klinger

Mehr als eine Stunde braucht's, bis tatsächlich etwas "passiert" – auf der Veranda steht eine fremde Frau. Fremd wirkt sie nicht wirklich – auffällig rote Haare hat auch sie. Beim Anblick dieser schönen Fremden fällt Papa um wie tot. Und alle, die sie sehen, stoßen spitze Schreie aus ... Doch sie kommt herein, bezieht das "geheime Zimmer" (das als einziges keiner Video-Überwachung unterliegt); sie macht sich breit im Familien-Verbund, bringt den Ablauf der Bad-und-Klo-Besuche durcheinander, nimmt gar Mamas Platz am Esstisch ein und macht Oma überflüssig bei der Hausmusik. Mama trinkt sich eins und tanzt besoffen, Oma weint zum Steinerweichen – das ist die einzige große Emotion des Abends.

Worum geht's?

Und die Kinder schlagen sich auf die Seite der Fremden – worauf Oma und Mama Schierlings-Giftbecher für alle drei mixen. Aber nur die eigenen Kinder ziehen sie tot aus dem Bann der Fremden ...

Und? Hier müssten eigentlich die Interpretationen beginnen, die Deutungen dessen, was wir sehen; auch die Debatten um den Titel: "Tyrannis". Aber was sagt der, was erzählt all das? Ein Drama um Generationen? Um die Verführung (und Zerstörung) durch "das Fremde"? Oder geht es nur um die Rituale des Alltags in unzugänglicher Umgebung? Mondtags Installation provoziert all diese Fragen – und ignoriert sie zugleich. Konzentriert ist die theatralische Konstruktion im Grunde nur auf die Vorgänge an sich; die absichtsvolle Wortlosigkeit verhindert letztlich auch jede vorder- und auch hinter- oder gar abgründige Suche nach Sinn. Konzentriert ist der Abend auf das anonym wirkende Ensemble – aber Kate Strong und Eva-Maria Keller, Mutter und Mutter der Mutter, Enrique Keils Vater, Jonas Grundner-Culemann als Sohn und Philipp Reinhardt (!) als Tochter sowie Sabrina Ceesay als fremd-schöne "Gästin" markieren in Mondtags Bewegungsstrategien auch das persönliche Profil.

Ein Talent!

Theater-Spezis entdecken natürlich die strukturellen Querverweise, besonders auf den Norweger Vegard Vinge, dessen verrätselt-verweigerndes 12-Sparten-Haus im Prater der Berliner Volksbühne für die engere Gemeinde zum Hipsten vom Hipsten avancierte. Mondtag hat in der Tat, nach ersten Assistenzen, dem Studium an der Münchner Falckenberg-Schule und ersten spektakulären Projekten dort, bei Vinge assistiert. Und in der Tat atmet die Ausstattung, von den Tapeten bis zum Fußboden im virtuellen Obergeschoss, viel Vinge; und die per Video überwachte Raum-Aufteilung sowieso. Wie den Norweger plagt auch Mondtag keine Scheu vor Langeweile; es gibt in den 130 Minuten von Kassel allemal genug Momente, in denen das Interesse am Fortgang der Dinge auch abreißen kann.

Deutlich aber ist (und ob einem das nun passt oder nicht) die brachiale Stil-Behauptung eines jungen Regisseurs. Das Maxim-Gorki-Theater in Berlin (auch sehr hip!), das Hamburger Thalia Theater und demnächst auch das Schauspiel Frankfurt (wo Mondtag zum Regie-Studio gehörte) entdecken und pflegen ein Talent. Kassel schließt mit und zu ihnen auf – Ersan Mondtag macht's möglich.

 

Tyrannis
Inszenierung, Bühne und Kostüme: Ersan Mondtag, Komposition und Sound-Design: Max Andrzejewski, Dramaturgie: Thomaspeter Goergen, Video & Schnitt: Jonas Grundner-Culemann.
Mit: Sabrina Ceesay, Jonas Grundner-Culemann, Enrique Keil, Eva-Maria Keller, Philipp Reinhardt, Kate Strong.
Dauer: 2 Stunden 10 Minuten, keine Pause

www.staatstheater-kassel.de

 

Kritikenrundschau

Zuallererst bewundere man "die technische und choreografische Leistung" an diesem Abend, meint Bettina Fraschke in der Hessischen Niedersächsischen Allgemeinen (12.12.2015). Aus der gespenstischen Anordnung entstehe jedoch kein wirklicher Horror: "Das wäre super gewesen. Doch dazu werden die dramatischen Stellschräubchen des Abends zu wenig festgedreht – selbst der Einbruch des Fremden in die Abgeschirmtheit der Familie und sogar Todesfälle lösen zu wenig Erschütterung aus." Im Programmblatt würden Themen wie "Selbstbezogenheit der Facebook-Welt, Rassismus und Fremdenangst aufgefächert – ob man den Bogen zu diesen aktuellen gesellschaftlichen Schmerzpunkten aber rein vom Bühnengeschehen her schlagen kann, sei dahingestellt." Trotzdem schön, "dass das Staatstheater so eine installative Theaterarbeit ermöglicht".

Was Ersan Mondtag mit "Tyrannis" zeige, sei "das Idyll von Soziopathen", "ein jeglicher Individualität entkleidetes Leben in Sprachlosigkeit und totaler (Selbst-)Überwachung", schreibt Joachim F. Tornau in der Frankfurter Rundschau (12.12.2015). Das Eindringen der Fremden könne man "als Parabel auf Pegida-Deutschland lesen." Wirklich neu sei "das Motiv der hermetisch abgeschlossenen Gemeinschaft, die von Fremden herausgefordert wird, nicht. Was 'Tyrannis' trotzdem zu einem sehr bemerkenswerten Projekt macht, ist die Form." Es seien neben den schauspielerischen Leistungen "die vielen exakt gearbeiteten Details und natürlich die Komik der kantigen Bewegungen, die dem mehr als zweistündigen Opus über die eine oder andere Länge hinweghelfen."

Kritiken zum Gastspiel der Inszenierung beim Berliner Theatertreffen 2016

Gunnar Decker schreibt im Neuen Deutschland (10.5.2016) mählich entnervt: "Aber was will Ersan Mondtag? Keine Ahnung, was ihn treibt, außer dem Drang, etwas zu fabrizieren, was auf der Konjunkturwelle des Theater schwimmt. Losgelöstes sinnfreies Spiel mit einer simplen moralischen Pointe - mein Gott! Dies markiert zweifellos einen neuen Tiefstand des ohnehin kaum mehr wirkliche Entdeckungen präsentierenden Berliner Theatertreffens."

Dirk Pilz erklärt auf der Website der Berliner Zeitung (9.5.2016), vom "ungestörten Abschnurren der Abläufe" dieser Bühnenfamilie ginge ein "seltsamer Trost" aus. Erst die unbekannte "Gästin" störe die Routine. "Weiße" sähen eine "Nicht-Weiße", eine "Fremde" und seien entsetzt. Als Form drehe "Tyrannis" den "herkömmlichen Bühnennaturalismus" um: "Wir schauen nicht durchs Schlüsselloch in ein fremdes Figurenleben, vielmehr ist es, als blicke uns an, was wir sehen." Auch sei die Inszenierung "ein Spiel über glückende oder missglückende Integration". Sowie ein interessanter Beitrag zur derzeitigen Debatte: "Was und wer die Kommenden und die schon Anwesenden sind, was fremd, was eigen bedeutet – es ist alles unklar, offen, verhandelbar."

Rüdiger Schaper schreibt auf derr Website des Berliner Tagesspiegel (9.5.2016): "Tyrannis" habe den Vorzug, "eine radikal strenge Form anzubieten und einen großen Resonanz- und Fantasieraum". Diese "verblüffend sauber gearbeitete, raffinierte Performance" stelle man sich als "Lagerraum für Horror" vor, "bedien dich, mach was draus". Das sei "die Stärke und auch die Schwäche der Mondtag-Schwarzmalerei". "Wo sind wir, wer sind die? Muss man das wissen? Ist es nicht eine Erlösung aus der Welt der falschen Faktizität und Nachrichtenlogik?"

Harald Asel schreibt auf rbb24, der Website des Rundfunk sBerlin Brandenburg (9.5.16): "Zu vorhersehbar, zu erkenntnisarm und für das Theatertreffen zu klein". Was hier das Grauen im Alltag behaupte, sei "wenig mehr als die kunstgewerbliche Arbeit eines talentierten Quereinsteigers, dem leider sein Thema abhanden kam".

 

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