Menschen marschieren in die CPU

von Tobias Prüwer

Leipzig, 5. Februar 2016. Als Grundlage ihrer Inszenierung hat Claudia Bauer den Roman "Metropolis" von Thea von Harbou und Fritz Lang genommen, der auch als Vorlage für den bekannten gleichnamigen Stummfilm diente. Deshalb müssen die Cineasten unter den Zuschauern zunächst alle Bilder von futuristisch-expressionistischer Kulisse im Kopf ausknipsen, wollen sie nicht enttäuscht werden. Am Inhalt wurde kaum gedreht: Die hermetisch voneinander abgeschirmte Zweiklassengesellschaft aus Kopfelite und Handarbeitern wird durch einen Technikapparat zusammengehalten. Der Autokratensohn probt die Vermittlung, wird durch die Androidin Futura im Auftrag seines Vaters hintergangen. Durch diese angestachelt, entfachen die Arbeiter einen Maschinensturm.

Ab ins Herzzentrum

Die Bühne ist leerer schwarzer Raum, mit schwarzer Folie der Boden ausgelegt. Ein großer Speerholzwürfel steht etwas außerhalb der Mitte, Gletschererosionen werden auf ihn projiziert. Daran prangt ein leuchtender "Babel"-Schriftzug. Nebel suppt in den Zuschauerraum. Dann tauchen Wesen in goldenen Morphsuits, eng an der Haut liegenden Ganzkörperanzügen, auf. Sie brabbeln babylonisch Unverständliches, einem werden Klötze auf den Kopf gesteckt. Die Handkamera zoomt drauf: Auf dem Kubus wird das Metropolis als Wolkenkratzeraufwurf sichtbar.

metropolis1 560 Rolf Arnold uWolkenkratzer-artige Gebilde und ihre Bewohner. Oder doch letzte Menschen, die ins Innere
einer Maschine verschwinden? © Rolf Arnold

Die Wesen stolpern in den Holzkörper hinein, die Kamera folgt. Ihre Bilder, die Schauspieleraktionen, werden an die Außenhülle geworfen. Der Kubus wird zum Zentrum. Und wird es die Inszenierung über bleiben, nicht nur, weil sich dort die Herzmaschine befindet, die wie eine Computer-CPU alles regelt. Hin und wieder fährt die Holzschachtel bis hinein in den Zuschauerraum, wo eigens ein paar Sitzreihen zur Rechten fürs effektvolle Manöver herausgenommen wurden.

Auf Stummfilm geschaltet

Bald laufen Wesen mit übergroßen Pappmascheeköpfen auf und Claudia Bauer ist bei einer Mixtur ihrer zwei Erfolgsrezepte angekommen: Kindchenschema-Masken und die Macht der Handkamerabilder im engen Raum. Die Maskenaffinität kennt man aus ihrer Und dann-Inszenierung, das ausgeklügelte Kameraspiel im Sperrholzverhau hat sie ausführlich in "Splendid's" geübt – beide am Leipziger Schauspiel. Das mag man unoriginell finden, kann es aber auch als Regiehandschrift loben. Wirksam jedenfalls zeigen sich beide Konzepte, um möglichst wenig Text und Theatralität zur Geltung kommen zu lassen. Und Filmmusikorchestrierung hilft zur Emotionssimulation aus.

metropolis3 560 Rolf Arnold uMaske Mensch in "Metropolis" © Rolf Arnold

Bei vielen Innen-Kubus-Szenen werden wie im Stummfilm Worte an die Wand geworfen, so das seelische Innenleben plakativ an die Oberfläche transportiert. Man sieht draußen, was drinnen passiert. Alle Unmittelbarkeit ist genommen, die Guckkastenbühne wandert in die Blackbox, stellt die theatrale Situation tot. Das mit eingefrorener Mimik in Keilpumps ausgestattete Herumstaksen der Maske Mensch zerstäubt jeden potenziell berührenden Moment.

Nicht geringer fällt die gestaltete Abstraktion der Eliten-Gruppe aus, deren Kostüme etwas an Fritz Langs Film, aber mehr noch an die "Rocky Horror Picture Show" erinnern. Mögen die Schauspieler noch ein bisschen winseln, sofern ihr Menschsein überhaupt erkennbar werden kann unterm Mummenschanz: Auf ihr Agieren auf der Bühne kommt es nicht an. Die wenigen wirklichen Spielszenen an der Rampe fallen im Kontrast zu den maschinenverstärkten Visionen entsprechend blass aus, ja: müssen es.

Dystopie des politischen Theaters

Claudia Bauer hat einige ansehnliche Bilder als Übersetzungen des "Metropolis"-Stoffs geschaffen, wie im Regen vor drohender Überschwemmung zitternde Kinder. Hinter diesen Bildern entpuppt sich nichts. Alles ist Hülle, Fassade. Selbst das chorische Anflehen des Publikums zum Schluss hin wirkt zu angepappt, um ernst gemeint zu sein. Den Stachel ihrer ausgedehnten Krisenbeschwörung haben allein schon die zuvor eingeblendeten Katastrophen-Clips gezogen. Gegen die Bilderflut kommt das kollektive Wort nicht an, das Klagen unterstreicht vielmehr die der Inszenierung zugrundeliegenden Motive von Entfremdung und Postpolitik durchs Herausstellen der Handlungsohmacht auf der Bühne.

Der Regisseurin ist – nolens volens – eine überreizte Dystopie des politischen Theaters gelungen. Wenn im Schlussbild der Garten Eden nach dem Menschheitsende als Einspieler aus dem Zoo-Tropenhaus erscheint, ist das nicht ironisch, sondern konsequent. Die künstlich geschaffene Kopie einer natürlichen Welt wird zum Sehnsuchtsort vom Naturzustand. Mensch – Maschine: Null zu Eins.

 

Metropolis
Nach Thea von Harbou und Fritz Lang, für die Bühne bearbeitet von Claudia Bauer und Jan Friedrich
Regie: Claudia Bauer, Bühne: Andreas Auerbach, Kostüme: Patricia Talacko, Musik: Smoking Joe, Video: Rebecca Riedel, Dramaturgie: Matthias Huber.
Mit: Sophie Hottinger, Roman Kanonik. Markus Lerch, Michael Pempelforth, Julia Preuß, Florian Steffens, Bewegungschor.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.schauspiel-leipzig.de

 

Kritikenrundschau

"Bühne, Video, Sound und Bewegungschor bleiben zunächst ziemlich nah am Stummfilm, jedenfalls fern von jeglichem Text", so Joachim Lange in der Mitteldeutschen Zeitung (8.2.1016). Den haben Claudia Bauer und Jan Friedrich zu einem knappen Sprech- und Brüll-Libretto zusammengestrichen. "Wer sich ein wenig mit der Vorlage auskennt ist klar im Vorteil." Aber es gehe ohnehin mehr um das Revoltieren der Form als um Inhalt. "Die ausgestellten Künstlichkeiten, die Kameras und Maskierungen sind ästhetische Leitmotive. "Dass es in dieser auf die szenische Spitze getriebenen Künstlichkeit um Verfremdung und die gefühlte Machtlosigkeit des Einzelnen geht, werde klar.

"Claudia Bauer gehe es nicht um die platte Kapitalismuskritik, sondern auch um unsere eigenen Nasen", so Wolfgang Schilling im mdr Figaro (6.2.2016). Was den Abend anstrengend mache. "Klug ist er auf jeden Fall. Theatralisch hochprofessionell, aber am Ende keine Mitklatschnummer." Es werde das Bild vom Paradies auf den eiserenen Vorhang projiziert. Und ziemlich viele Frage gestellt. Das Schöne an der Inszenierung sei: "Man liest das nicht als Botschaft, sondern auch als Angebot. Ja mein Gott, mit Dir und etwas Liebe, könnte alles so einfach sein. Das es nicht so einfach ist, das wissen wir." Der kluge Abend lasse einen darüber nachdenken.

"Ein auf irgendwas wie 'Gesamtkunstwerk' hin gepimptes Konglomerat des Erwartbaren" hat Steffen Georgi gesehen und holt in der Leipziger Volkszeitung (8.2.2016) sehr weit aus: Claudia Bauers Inszenierung, die "politische und intellektuell nur wenig überraschend" und "vor allem Spielerei" sei, mache einmal mehr deutlich, dass das Theater "eine Dogma-Bewegung" brauche, "eine Überprüfung der Substanz als radikalen Rekurs. Eine ästhetische Entschlackungskur im Namen der Ästhetik."

 

Schauspiel Leipzig: Auf die Spitze getriebene Künstlichkeit | Kultur - Mitteldeutsche Zeitung - Lesen Sie mehr auf:
http://www.mz-web.de/kultur/schauspiel-leipzig-auf-die-spitze-getriebene-kuenstlichkeit,20642198,33736822.html#plx52547745

Bühne, Video, Sound und Bewegungschor bleiben zunächst ziemlich nah am Stummfilm, jedenfalls fern von jeglichem Text.

Schauspiel Leipzig: Auf die Spitze getriebene Künstlichkeit | Kultur - Mitteldeutsche Zeitung - Lesen Sie mehr auf:
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