Der König ist tot. Es lebe die Königin?

von Steffen Becker

Stuttgart, 5. Februar 2016. Als meine Mutter mehrere Jahre nach dem Tod meines Vaters einen neuen Lebensgefährten gefunden hatte, fragte sie mich (mehrmals), ob ich etwas dagegen hätte. Ich fand das irritierend – warum sollte ich opponieren, wenn sie nicht mehr allein und wieder glücklich war. Erst später kam ich auf den Gedanken, dass sie die Frage vielleicht gar nicht an mich gerichtet hatte, sondern über mich an ihn – den König.

Der hohe Wert der Zweisamkeit

So betitelt Intendant Armin Petras im dokumentarischen Stück "The King’s Wives" am Staatstheater Stuttgart den toten Ehemann. Auch das irritiert. Ein König? Sind die Frauen Anhängsel, nicht mehr vollwertig ohne ihren Ernährer? Hinzu kommt, dass Petras sie und die Schauspieler ihrer Geschichten in Witwentracht mit Hauben, Spitze und sehr viel altmodischer Ausstrahlung kleidet. So sitzen die Frauen mit Grablichtern auf rot-samtenen Stühlen, still wachend über die Schauspieler, die ihre Geschichte verkörpern werden.

kings wives2 560 Julian Marbach uStillwachend im Hintergrund: die Witwen der toten Könige – im Vordergrund: ihre schauspielernden Alter Egos.   © Julian Marbach
Doch diese Tradition – die Frau definiert über den Status als Gattin ihres Königs – hat offenbar auch ihre Attraktivität. Eine der Darstellerinnen tritt aus ihrer Rolle als Stimme ihrer Witwe heraus und fragt sich, ob sie nicht auch ohne König eine Königin sein kann. Aber alle Geschichten sowie die Schwere des Verlustes, von denen sie handeln, propagieren den hohen Wert der Zweisamkeit. Die Witwe war 35 Jahre verheiratet. Die Schauspielerin ist 34 und ihre längste Beziehung dauerte zwei Jahre. Tja.

Man kann sich gut vorstellen, dass die Gespräche zwischen Witwen und Schauspielern im Vorfeld in einem emotionalen Spannungsfeld stattgefunden haben. Dafür gibt es auf der Bühne auch ein bewusst gesetztes Bild. Es gibt lediglich eine Szene, in der die Witwen gemeinsam eine aktive Rolle einnehmen. Sie tanzen mit ihren Schauspielern ein paar Schritte. Die Kleider sind im Weg. Es wirkt unbeholfen – als wüssten alle nicht so genau, wie sie mit der Situation umgehen sollen. Sie setzen sich schnell wieder hin. Tod und Trauer sind eben Themen, die niemand nur professionell ab- und verarbeitet.

Enorme Anstrengung

Auf der Bühne wird sichtbar, dass sich in den jeweiligen Tandems eine große Eigendynamik entwickelt hat. Die Sequenzen sind höchst unterschiedlich. Eine Witwe stieg etwa kurzfristig aus und ist nur in den Mails präsent, die sie ihrer Darstellerin schrieb. Die rennt auf der Bühne im Kreis und berichtet von den Briefen des "Königs", an die sich die Witwe nicht herantraut. Und es klingt nicht nur wegen des Dauerlaufs nach enormer Anstrengung, sich mit dem Tod des Einen, des Geliebten erneut auseinanderzusetzen.

Dieser ist auf der Bühne immer präsent. Ein Tänzer gibt den sterbenden König. Mit tastenden Bewegungen, die wirken, als würde sich da einer versichern, dass er sie noch ausführen kann. Man muss unwillkürlich an Goethes Ballade vom "König von Thule" denken, in dem im Augenblick seines Todes noch mal eine letzte Glut entfacht. Manchmal blickt er missbilligend auf, etwa wenn eine der Frauen durch ihren Darsteller erzählen lässt, dass sie für seine verkaufte Schallplattensammlung nur 7,50 Euro bekommen hat. Die meiste Zeit über fungiert er allerdings als Hülle. Eine der Darstellerin bemüht sich über Minuten, ihn wiederzubeleben und ihn wortwörtlich ins Leben zu tragen - was würden die Frauen nicht alles tun, um das Glück ihrer Zweisamkeit zurückzuholen ins Leben.

kings wives1 560 Julian Marbach uDer Tanz des sterbenden Königs  © Julian Marbach

Behutsam, berührend, authentisch

In der Suche nach griffiger Symbolik überzieht die Inszenierung an manchen Stellen etwas in einem ansonsten authentisch-berührenden Abend. An einer Stelle kuscheln sich alle Schauspieler an den König. Diejenige, die eigentlich den nächsten Part übernehmen müsste, muss das Knäuel erst durch den Einsatz einer Windmaschine auflösen. In überdrehter Pose schleudern sich ihre Kontrahenten um den "Leichnam" an die Wand. Eine Anspielung darauf, dass von einer Witwe nach einer kurzen Karenzzeit erwartet wird, dass sie ihre Trauer bitte begraben möge – obwohl für sie selbst das Erlebte alles andere hinwegfegt? Auf jeden Fall ein lautes Element in einer ansonsten sehr behutsamen Inszenierung. Man kommt den Frauen nahe und erfährt in den Ausschnitten ihres Lebens Intimes: ein frivoler Ausbruch aus heimischen Konventionen im Urlaub, die besondere Bedeutung des Ortes, wo der König begraben liegt, etc.

Die Kraft von "The King's Wives" bezieht die Inszenierung aus den innigen Verbindungen, die sich zwischen den Witwen und den Schauspielern aufgebaut hat. Sie werden nicht nur über die Details deutlich, die sie ihnen erzählten. Sie ist auch zu sehen in Gesten der Vertrautheit und der Nähe, mit denen sich die Frauen und ihre Schauspieler auf der Bühne begegnen. "Das Projekt und das Theater haben mir sehr geholfen. Ich kann gut von meinem Mann träumen und seine warme Stimme hören", sagt eine von ihnen im Interview. Das spürt man auch im Publikum. Das macht "The King’s Wives" zu einem Stück, das einen tief im Herzen berührt.

 

The King's Wives
von und mit Witwen aus Stuttgart, Armin Petras & Ensemble
Von und mit: Franziska Benack, Renate Boos, Christian Czeremnych, Alexey Ekimov, Cinzia Fossati, Lucie Emons*, Anna Haas, Andrea Holländer, Berit Jentzsch, Anne van Kesteren, Erika Krafft, Robert Kuchenbuch, Manja Kuhl, Denis Kooné Kuhnert, Marina Landrichter, Dimana Lateva, Andreas Leupold, Maja Majnik, Irene Oschkinat, Sarah Ongerth, Armin Petras, Florian Rummel, Susanne Schieffer* (*Studierende der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart), Elisabeth Schwarz, Caroline Stauch, Natascha von Steiger.
Dauer: 1 Stunden 30 Minuten, keine Pause

www.schauspiel-stuttgart.de

 

Kritikenrundschau

Das Publikum werde mit privaten Empfindungen konfrontiert, schreibt Thomas Morawitzky in den Stuttgarter Nachrichten (8.2.2016). "Die Schauspieler sprechen Texte, spielen Szenen, alleine oder als Ensemble, die sie mit den verwitweten Frauen und mit Armin Petras erarbeiteten." Es gebe Momente heiterer, turbulenter Erinnerung und Momente, in denen der Verlust mit schmerzlicher Deutlichkeit spürbar werde. 

"Nicht alles, was für die Betroffenen von Bedeutung ist, wird es auch für den Zuhörer", resümiert Thomas Rothschild in der Stuttgarter Zeitung (8.2.2016). Die Monologe werden von Lichtwechseln und minimalen szenischen Aktionen begleitet. "Wer immer für die Regie verantwortlich zeichnet, ein Einzelner oder das Kollektiv: viel ist ihm nicht eingefallen." "Abschied von gestern" lautet das Motto des Labors, in dessen Rahmen der Abend entstand, "eher doch Renaissance der Experimente von gestern", schreibt Rothschild.

 

 

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