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Am Ende nackt

von Simone Kaempf

Hamburg, 4. April 2008. Beim Schlussapplaus kommt Peter Zadek auf die Bühne, eingehakt von Elisabeth Plessen. Viel grauer und fahler als sonst, es ist nicht zu übersehen. Man erschrickt sofort. Jubelt man ihm jetzt zu oder sitzt man still und traurig da? Bedrückende Abschiedsstimmung liegt in der Luft. Wie noch unbefangen urteilen? Am Ende dieses Theaterabends ist man korrumpiert, die Tragik des echten Lebens holt die Kunst ein. Moral, Ästhetik, Spiel und Wirklichkeit geraten durcheinander.

Nicht das Abschiedsstück

Vorher schon, im letzten Monolog, nimmt der Abend die Wendung ins Persönliche. Es ist der Moment, wenn die Ersilia der Annett Renneberg, die inmitten der unterschiedlichen Männer in Pirandellos Stück so vergeblich um ihre wahre Rolle kämpft, in Richtung Publikum herausschleudert, dass sie es im Leben nicht geschafft hat, sich ein schönes Kleid für den Tod zu schneidern. "Nichts. Nackt sterben. Seid ihr zufrieden? Und jetzt geht, geht, geht." Nur noch in Ruhe sterben will diese Frau, die wie alle Figuren den Irrwegen von Schein und Wirklichkeit aufgesessen ist, und dafür mehr Anklage als Gelächter übrig hat.

Ganz vorne an der Rampe spricht Renneberg diese letzten Worte, kommt einem buchstäblich näher mit dem Tod. Der ganze Abend scheint nur auf diese letzen Szenen hinzuarbeiten, sie sind eine eigene Kategorie für sich. Dieses "Und jetzt geht" klingt einem im Ohr, aber löst nicht den Impuls des Gehens, sondern des trotzigen Bleibenwollens aus.

Denn was man bis dahin gesehen hat, kann nicht das Abschiedsstück gewesen sein, als das es erscheint. Nicht dieses konventionelle Schauspielertheater, das sich zwei Stunden lang um verinnerlichtes Spiel müht, aber weit weg bleibt. Das versucht, Pirandellos Künstlerdrama getreu auf die Bühne zu bringen, aber den Irrsinn darin nicht aufzeigen kann.

Einen Roman leben

Der gealterte Schriftsteller Ludovico Nota hat die junge Ersilia zu sich geholt, das ist die Ausgangs-Situation des Stücks. In einer Zeitungsmeldung las er von ihrem Schicksal: dass sie nach dem Tod des Kindes, das ihr anvertraut war, entlassen wurde und einen Selbstmordversuch beging. Jetzt will er über sie nicht nur einen Roman schreiben, sondern den Roman mit ihr leben und sie zu einer neuen Frau erfinden.

Noch weitere Männer tauchen auf, die von Ersilia eigene Bilder im Kopf tragen: der Marineleutnant, der die Romanze mit ihr wieder aufnehmen will und glaubt, sie habe sich aus Liebe zu ihm umbringen wollen. Der Konsul Grotti, der mit ihr anbändelte, während im Nebenzimmer das Kind von der Terrasse stürzte.

Gespielt wird in einem Arbeitszimmer mit alten Möbeln, hohen Bücherregalen und Fransentischdecke. Bewusst altmodisch gehalten, es riecht nach Museum. Durch das Fenster rechts im Bühnenbild fällt sonniges Licht ein – wir sind schließlich in Bella Italia –, aber es wirft nur lange Schatten in das Arbeitszimmer, von südländischer Leichtigkeit keine Spur.

Friedrich-Karl Praetorius spielt den Romancier Ludovico weniger mit dem Bohème-Charme eines gealterten Lebemanns als im nölenden Frageton eines Kommissars – anfangs trägt er auch noch Trenchcoat –, der Ersilias Geschichte auf den Grund kommen will. Zumindest ist er der einzige, der Distanz zwischen Sprache und Rolle legt. Annett Renneberg als Ersilia bleibt immer Opfer, eine Frau, die sich per se schuldig fühlt und ständig außer Fassung gerät. Nikolai Kinski als Leutnant Laspiga muss schwärmerische Verliebtheit verströmen.

Am Ende sehr persönlich

Jeder fahndet hier nach Antworten in dem Spiel verdrehter Tatsachen, falscher Erwartungen und wechselnder Schlussfolgerungen. Zadek lässt im Zuge der drei Akte das Ludovico'sche Arbeitszimmer leer räumen, als würde das den Blick freimachen. Doch wenn es Antworten gibt, dann muss man sie mühsam suchen in den Wortkaskaden, in denen die Figuren sich ihr Schicksal bereiten.

Redselig feilschen sie um die ungelebten Möglichkeiten und schwärmerischen Illusionen, flüchten sich dabei in Abstraktion wie in die Eruptionen des Gefühls. Reden sich um Kopf und Kragen und halten sich doch das Bild ihrer selbst vom Leib. Das gilt auch für die Inszenierung, die keinen Zugriff auf das Stück findet, auch wenn es am Ende sehr persönlich wird. Nein, das war es nicht. Angekündigt ist, dass Zadek demnächst in Zürich inszenieren wird. Man kann also beruhigt sein, he will do it again.


Nackt
von Luigi Pirandello, Deutsch von Elisabeth Plessen
Eine Koproduktion mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen und dem Theater im Pfalzbau, Ludwigshafen. Regie: Peter Zadek, Bühne/Kostüme: Karl Kneidl, Musik: Mauro Chechi, Choreographie: Malcolm Goddard. Mit: Annett Renneberg, Friedrich-Karl Praetorius, Brigitte Janner, Nikolai Kinski, Martin Pawlowsky, Friedhelm Ptok, Carla Riveros Eissmann, Kenneth Spiteri, Benjamin Cabuk.

www.st-pauli-theater.de



Kritikenrundschau

In der Welt (7.4.2008) wundert sich Matthias Heine erstmal ausgiebig über das verkultivierte Rotlichtviertel. Der "zarte Meister" Zadek lasse das Stück dort "weitgehend als realistische Kammertragödie spielen", in der dem Rezensenten die jungen Schauspieler am besten gefallen, weil sie sich nicht in Routine flüchten könnten. Annett Renneberg umschiffe als "viel flehende und in Ohnmacht fallende Schmerzensfrau Ersilia" "die Klippen der unfreiwilligen Komik". Nikolai Kinski besitze wie sein legendärer Vater "etwas, was man auf keiner Schauspielschule lernen kann: Ein Melodie der Stimme und eine Art, sich zu bewegen, die einen zum Hinsehen zwingt". Zwar "schön", dass Zadek "wieder da ist", "aber dieses Comeback hielt doch nicht, was sich in Wahrheit ohnehin keiner versprochen hatte". In der "ordentlichen, realistischen Inszenierung" wirken einige Nummern auf Heine sogar "ein kleines bisschen peinlich", wodurch Zadek Pirandellos Stück wieder mit jenen Klischees garniere, von denen jener das italienische Drama doch befreit habe.

Ein "Gefühl von Peinlichkeit" beschleicht auch Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung (7.4.2008). Traurig macht es ihn, dass "ein einstmals Großer der Theaterregie nicht mehr merkt, wie weit er sich von seinen eigenen Ansprüchen entfernt hat". An dieser Inszenierung sei "nahezu alles falsch und aufgesetzt". Dass er "die psychologischen Qualitäten seines etwas unzeitgemäßen 'Menschentheaters' und die Akkuratesse des Geschichtenerzählens" dermaßen ignoriere, grenze an "Selbstdemontage". Bis auf Friedrich-Karl Praetorius' souverän gewitztes Spiel, herrsche auf der Bühne "aufdringliche Schematik und Gefühls-Als-ob". Nikolai Kinski, der "eine übertriebene Geste an die nächste" leime, befähigten höchstens die Gene zum Schauspielerberuf, und Annett Renneberg schlage "verzweifelten Daueralarm mit leidendem Madonnaschmalz im Gesicht und tränenreichem Niedersinken", was "in wenigen Minuten jede mögliche Anteilnahme" zerstöre.

Dirk Pilz kann in der Berliner Zeitung (7.4.2008) nicht darüber hinweggehen, "wie gebrechlich" Zadek beim Schlussapplaus aussah, bei dem er "zittrig" in ein Publikum gewinkt habe, "das vor Erschrecken nicht wusste, ob es jubeln oder verstummen sollte" – ein Auftritt "wie ein Abschiedsgruß". Das "beinahe Gespenstische" sei, dass die Inszenierung selbst diesen "intimen Gestus" annehme, wenn sich Renneberg am Schluss durch einen "Todesbegrüßungsmonolog" kämpfe, für Pilz ein "überdeutlicher Schritt aus dem Spiel ins Leben". Diese Figurenworte seien als "Privat-Auskünfte Zadeks markiert", was sich jeder Kritik entziehe, da es mit Theater nicht mehr zu tun habe. Zadek nehme Pirandellos "Spiel-im-Spiel-Groteske" "entschieden existenzialistisch" und lasse die Figuren "auf ihren eigenen, hohlen Seelenboden stoßen". Die Schauspieler gehorchten "widerspruchslos dem Diktat der Innerlichkeitserkundung", himmelten ihre Figuren zwar rückhaltlos an, hielten sie gleichzeitig aber "wie in Einweckgläsern verborgen". "Seltsam gedämpft und weit unter Zadek-Niveau ist ihr Spiel."

In einem der "schönsten Plüschschmuddelschuppen der Nation" hat Gerhard Stadelmaier für die FAZ (7.4.2008) hingegen vor allem gesehen, was dabei herauskommt, wenn der "alte, lebens- und theatersatte, aber immer noch wunderneugierige Regisseur" "die Füße aufs Sofa" lege und – mit diebischer Freude auf die Antwort – zu Pirandellos kleinem Mädchen Ersilia sage: "Nun zeig mir mal, warum du sterben willst". Während Friedrich-Karl Praetorius mit "Wurstigkeits- und Genervtheitsmiene" Annett Renneberg als "porzellanpuppenhaft naive, rührende und unberührbare Ersilia" "wie ein etwas fülliges, schlaff brummnölendes, rüsselhängendes Insekt" umschwirre, begreife man kaum, "was die beiden voneinander wollen könnten". Es gebe hier "nichts Dringliches. Nur ein einziges großes Nebenbei." Zadek mache dabei "eigentlich gar kein Theater", setze nicht "dem Leben szenisch eins drauf", sondern gucke dem Leben zu, wozu ihm die Bühne "nur ein Mittel" sei.

Den von Zadek ausgegrabenen Pirandello-Dreiakter möchte Barbara Villiger Heilig von der NZZ (7.4.2008) am liebsten gleich wieder vergessen. Der Regisseur hingegen streiche kein Wort, sondern unterfüttere alles "so genussvoll mit altmodischen Italienklischees, dass es ein theatralischer Graus ist" und verhindere mit seiner "züchtig gediegenen Kunst jeglichen Gedanken an Sex and Crime", obwohl das Stück immerhin an reale Skandale um "aussereheliche Intimitäten öffentlicher Personen" erinnern könnte. Stattdessen wird zur Gitarre "folkloristisch-nostalgische Italianità" verbreitet. "Unverständlich", wieso Zadek ein Stück aufführt, "das von Ibsen, Tschechow, Schnitzler schon überholt war, als es geschrieben wurde, und unglaublich kompliziert tut, obwohl es eher simpel ist". Er inszeniere "mit einer Nonchalance, die ihm niemand nachmacht: Er schert sich keinen Deut um den guten Geschmack" und schon gar nicht um die Mode, womit er sich "trotzig treu" bleibe.

"Altväterlich konventionell, dass einem die Füße einschlafen", urteilt Susann Oberacker, bei der der Abend "eine Gefühlsmelange" verursacht: "Freude, dass Zadek nach langer Krankheit wieder da ist", "Enttäuschung über eine künstlerisch ungenügende Inszenierung" und "Trauer über das Alter": Peter Zadek sei beim Schlussapplaus "erschreckend schmal und fahl", schreibt sie in der in der Hamburger Morgenpost (7.4.2008). Über die Umsetzung des Pirandello kann sie "nur den Kopf schütteln". Die Ironie suche man "in diesem Spiel vergebens", finde stattdessen nur "altertümliche Innigkeit", die "meist nur unfreiwillig komisch" sei.

Eine "textlastige Klamotte über Wahrheit, Täuschungen und Lebenslügen, in der (...) manchmal auch ein wenig zu gefühlsduselig und pathetisch gespielt wird", hat See (wir vermuten Armgard Seegers hinter dem Gewässer-Kürzel) vom Hamburger Abendblatt (7.4.2008) gesehen. Zadek präsentiere hier ein "poetisch-mildes Alterswerk". Die "Krux des Abends" sei "die undeutliche Hauptfigur, der ausgebrannte Schriftsteller Nota"; bei Praetorius, der bräsig herumsitze und über die Bühne latsche, wisse man nie, "was ihn treibt". Rennebergs Ersilia hingegen sei "wunderbar mädchen- und zaghaft, aber auch viel zu tränenreich gespielt". "Ein bisschen kitschig", findet See, die sich insgesamt einen leichteren und freieren Abend gewünscht hätte.

Einen "leider sehr unbefriedigenden Theaterabend" hat Wolfgang Höbel erlebt, wie er auf Spiegel online (5.4.2008) berichtet, "eine Salonkomödie mit null Witz". Anett Renneberg spiele das "gefallene Dienstmädchen Ersilia als Kitschprinzessin im schön hellblau leuchtenden Büßerhemdchen" und spreche "mit merkwürdig zaghafter Stimme“, wie auch der von "Friedrich-Karl Praetorius breit in den Raum gewanzte Schriftsteller" irgendwie seltsam halblaut grummele. Die "wie Zombies" wirkenden Kerle, die in "den Salon spazieren und schmachten", vollführten einen bizarren "Grimassen- und Gestenwettkampf" bei der Aufführung von diesem "Schmonzettenkram". Vermutlich habe Zadek ein "schwebendes, flirrendes Geisterspiel und eine Theaterzauber-Lehrstunde nach Art der Commedia dell’ arte im Sinn" gehabt, mutmaßt Herr Höbel, doch auf der Bühne herrsche "fast durchgehend graue Grabesstimmung". Die "schauderhaft chargierenden" Darsteller "jauchzen und wispern sich oft niederschmetternd hilflos durch ihren Text".

"Man hätte sich von Peter Zadek gerade hier Originelleres ... gewünscht", bedauert Eberhard Rathgeb in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (6.4.2008). Er lasse eine puppenstubenhafte Bühne bauen – "der flächendeckende Schein - so sieht es beim Schriftsteller aus: Bücherwände, ein Sofa, ein Tisch, und durch das Fenster kommt der Straßenlärm, Mamma mia!" – und Kostüme schneidern, "in die sich die Klischees kleiden". "Es gab mal eine flotte Tante, die hieß Dialektik." Die hat Rathgeb an diesem Abend besonders gefehlt.