Kein Frieden, nirgends

von Steffen Becker

Stuttgart, 17. März 2016. "Nathan der Weise", DAS Plädoyer für Toleranz, feiert Premiere am Schauspiel Stuttgart. Auf dem Weg ins Theater wartet schon die erste Übung auf das Bildungsbürgertum. Er führt vorbei an rumänischen Familien, die im Schlosspark campieren. Die sind für die Stadt Stuttgart zu einem Problem geworden, das zu lösen (und sie loszuwerden) bereits der rumänische Konsul zum Gespräch gebeten wurde.

Ring-Parabel, runtergerattert

Auf der Bühne dann: erwünschte Rumänen. Schauspieler des Nationaltheaters Radu Stanca Sibiu, mit dem Intendant und Regisseur Armin Petras Lessings Stück gemeinsam produziert hat. Sie sprechen ihre Sprache, manchmal auch Englisch und treffen sich darin mit dem ebenfalls zweisprachig agierenden Stuttgarter Ensemble. Das verursacht für den Zuschauer hektische Blickwechsel zwischen Geschehen und den doppelten Übertiteln, die mehr als einmal "Lost in Translation"-Verdachtsmomente hervorrufen. Es gibt der Lehre des Stücks vom Zusammenleben der verschiedenen Kulturen aber auch einen authentischen äußeren Rahmen.

Nathan der Weise1 560 Julian Marbach uVater und Tochter inmitten von Scherben: Nathan (Peter Kurth) hält seine geliebte Recha (Ofelia Popeii), hinten Saladin (Horst Kotterba) und der Tempelherr (Cipiran Scurtea) © Julian Marbach

Den europäischen Karpaten-Nachbarn, die hier die Elendsviertel zu verstopfen drohen, gilt der Aktualisierungsblick von Petras aber nicht. Sein Nathan kehrt in die Lobby eines Hotels zurück. Lädierte Säulen, Scherben auf dem Boden, Bombenalarm und Detonationsrauch illustrieren, dass das Szenario schon einige Nahostkriege durchlitten hat. Hinzu kommt die Nachricht, dass sein Haus abgebrannt ist und seine Tochter dabei fast gestorben wäre. Ein Pogrom? Peter Kurth als Nathan bleibt der Atem weg. Er krümmt sich auf dem Boden wie im Todeskampf – in der Gaskammer vielleicht? Es ist ein Moment nur, eine der vielen Andeutungen in Petras enger Andeutungskette. Aber es reicht, um im Hinterkopf einen ganzen Schreckenshorizont aufzuspannen.

Optimistisch wird es auch im weiteren Verlauf nicht. Petras Version zeichnet kein Bild von Lessing'scher Toleranz als Wert an sich. Die Figuren begreifen das Miteinander unterschiedlicher Anschauungen eher als Voraussetzung, um besser zum eigenen Vorteil agieren zu können. Den Sultan Saladin gibt Horst Kotterba als Karikatur auf einen Diktator (mit Schärpe und Sonnenbrille). Jovial und verschwenderisch gegenüber Getreuen und brutal genug, um Nathans Tochter Recha zu quälen und damit den reichen Juden gefügig zu machen. Der wischt ihr das Blut ab und rattert rasch das Ring-Gleichnis herunter – in einer textlich und um Hoffnung gekürzten Variante, die einen schnellen Abgang aller Beteiligten ermöglicht: Entscheidend war eh der Geldkoffer.

Apokalypse, stoisch ertragen

Peter Kurth erduldet als Nathan mit stoischer Ruhe die apokalyptischen Zustände um ihn herum. Seine Vernunft, sein Wille zum Ausgleich wirkt in dieser Inszenierung jedoch wie die Überlebensstrategie eines ohnehin Benachteiligten in einem Haifischbecken. Starke Emotionen erlaubt er sich nur bei Recha, die von einem christlichen Tempelherrn vor den Flammen gerettet wurde. Ofelia Popii irrt zu Beginn als traumatisierte Hyperaktive über die Bühne. Im weiteren Verlauf entwickelt sie sich aber zur interessantesten Figur, da sie als einziger Mensch in dieser trostlosen Bühnenwelt eine Wahl zu haben scheint. Petras bietet in der Führung als Regisseur aber auch hier keine Ermutigung, sondern nur Verunsicherung. Die Beziehung zu einem von Ciprian Scurtea außergewöhnlich grob angelegten Tempelherren unterstreicht den schrillen Charakter der Inszenierung noch. Dazu passt auch Katharina Knaps Darbietung als Gouvernante Daja. Von der lüsternen Haushälterin steigert sie sich, immer weiter hochschraubend, in einen christlichen Fundamentalismus hinein.

nathanderweise2 560 Julian Marbach uPeter Kurths Nathan ist ein Überlebender im Haifischbecken, mit Katharina Knap als lüsterner Haushälterin Daja. © Julian Marbach

All das lärmt, schreit und blitzt in enger Taktung über die Bühne. Dazu bombardiert Petras die Zuschauer im Hintergrund mit Kampfflugzeug-Videos. Zwischendrin spielt Marius Mihalache auf einem Hackbrett Easy-Listening-Klassik und "Those were the days my friend". Das entspannt für kurze Momente an einem anstrengenden Abend, der nur noch ermatteten Applaus erntet.

 

Nathan der Weise
Regie: Armin Petras, Bühne: Dragoş Buhagiar, Julian Marbach, Kostüme: Katja Strohschneider, Video: Rebecca Riedel, Musik: Thomas Kürstner, Sebastian Vogel, Marius Mihalache, Miles Perkin, Dramaturgie: Verena Elisabet Eitel.
Mit: Susanne Böwe, Paul Grill, Cristina Juks, Caroline Junghanns, Katharina Knap, Horst Kotterba, Peter Kurth, Ofelia Popii, Hanna Plaß, Ciprian Scurtea, Christian Schneeweiß, Ann-Christin Mündner, Maria Tomoiagă, Louis von Klipstein, Alexandru Udrea, Marius Mihalache, Miles Perkin.
(Die Schauspieler des Theater Sibiu stehen noch bei einer weiteren Vorstellung am Sonntag auf der Bühne, danach ist die Inszenierung ausschließlich mit Mitgliedern des Stuttgarter Ensembles besetzt.)
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.schauspiel-stuttgart.de

 

Kritikenrundschau

"Nichts als Kraut und Rüben“,  zitiert Roland Müller in der Stuttgarter Zeitung (19.3.2016) eine Dame, welche die fast dreistündige Premiere seinen Informationen zufolge dann zur Pause verlassen hat. Diese Beschreibung trifft das von Petras entfesselte Assoziationsgewitter aus seiner Sicht ganz gut. "Man muss die Motive der Kraut-und-Rüben-Inszenierung freilich unter dem dichten Geflecht der wuchernden Assoziationen erst mal aufspüren. Abermals folgt Petras dem irrigen Motto 'Viel hilft viel' und zitiert sich wild durch die Popgeschichte. Und weil er seine Verweise zu häufig nach Lust und Laune, zu selten nach Sinn und Verstand vornimmt, verschenkt er die starken Momente der Inszenierung an schwache oder gar peinliche Nummern."

"Die Irritation als bereits sprachlich angelegte Grundbedingung dieses Abends mündet früh in ein konfuses Assoziationsgewitter", schreibt Johannes Bruggaier im Südkurier (19.3.2016). "Da werden Geldkoffer geschleppt und Frauen in Burkas gehüllt, Terrorfahnen geschwenkt und Fassbomben geworfen. Hier ein bisschen Kapitalismuskritik, dort eine Idee von Feminismusdebatte, Nahostkonflikt, Flüchtlingskrise, Religionsdiskurs... Hilfe! Lessings Gretchenfrage, welche Religion denn nun die überlegene sei, erweist sich in diesem Chaos als launiger Zeitvertreib des von seiner eigenen Dekadenz gelangweilten Sultans (Horst Kotterba). Die Ringparabel als Antwort darauf rattert Nathan so routiniert herunter wie die zahllosen Deutschschüler in ihren Abiturprüfungen. Der Toleranzappell ist nichts weiter als ein auswendig gelernter Code, aufzusagen, wann immer Political Correctness eingefordert wird: Ist es das, was Petras uns erzählen will?"

"Immer wieder treibt Petras das Spiel ins Absurde und zeigt Menschen, die im Krieg um ihre gefährdete Identität kämpfen", schreibt Otto Paul Burkhardt in der Südwest Presse (19.3.2016). " Fazit? Fast alle Fragen offen. Und endenwollender Beifall."

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