Flüchtlingspolitik zum Anfassen

von Steffen Becker

Heidelberg, 23. April 2016. Als die Regisseure Anestis Azas und Prodromos Tsinikoris, im September 2015 Heidelberg zur Recherche besuchten, erschienen Flüchtlinge als perfektes Thema für eine Uraufführung. Europa war in Aufruhr, das Thema brannte auf den Nägeln: heißes Zeug für die Bühne. In ihrer Einführung zur Premiere berichtete Dramaturgin Sonja Winkel von den Proben ein halbes Jahr später. Geschlossene Balkanroute, leere Lager und eine Stimmung, die sagt "schon wieder was über Flüchtlinge, das Thema ist doch durch". Spoiler: Es wurde trotzdem ein aufregender, aufwühlender, manchmal ärgerlicher und doch gelungener Abend.

Schauspieler Hendrik Richter tut am Anfang das, was man gemäß Medienlogik eben tun muss, um ein Thema wieder zu pushen. Er zieht eine Show ab, die so grell ist wie sein Jackett. Infotainment für das aufgeklärte Heidelberger Bürgertum. Ausgestattet mit farbigen Stimmkarten errät es mit großer Mehrheit die Zahl der in ihrer Stadt aufgenommenen Flüchtlinge (540). Die Vergleichszahl der Touristen pro Jahr unterschätzt es dagegen um mehrere Millionen (11,7 Mio. in 2015). Gut, die Relationen verrutschen leicht nach all den alarmistischen Lanz-, Illner-, Will-, Plasberg-Sendungen.

Sofa in Schlauchboot-Optik

Zum Erden braucht es Flüchtlingspolitik zum Anfassen: Der durchschnittliche Flüchtling ist männlich, unter 30, aus Syrien und gut gebildet. Hinter dem Glitzervorhang tritt Nader Almoaaz hervor, für den heutigen Abend das Gesicht der Flüchtlingskrise. Richter platziert ihn auf seiner "Rettungsinsel" - einem gelben Aufblas-Sofa in Schlauchboot-Optik. Es folgt ein Interview wie es ein Markus Lanz als Markus Lanz authentischer nicht hätte führen können. In Naders Heimatstadt hatte die Familie ein großes Haus, an Sylvester lag meistens Schnee - "toll, bei uns regnet es, warum bist du da weggegangen?"

StadtLandFlucht8 560 Annemone Taake uHendrik Richter in action: Show, so grell wie sein Jacket © Annemone Taake

Später sieht man ein Handyvideo des total zerstörten Homs - ah, ja, ja, ja, ja, da war was, Fassbomben. Egal, jetzt, wo er da ist, kann er sich nützlich machen. Weil Nader auf dem Marsch zwischen Griechenland und Deutschland gelernt hat, Haare zu schneiden, darf er an einen Mann aus dem Publikum Hand anlegen. Kostenlos, sonst wäre es angesichts seiner Aufenthaltsgestattungsgenehmigung illegal.

Während im Hintergrund der Rasierer brummt, holt Schauspieler Richter Reinhard Bracke auf die Bühne. Der will eine Art Erasmus-Hotel aufmachen - in dem Flüchtlinge und Austauschstudierende miteinander wohnen und arbeiten. Der "Gutmensch" wie er selber sagt, beschwört die Chancen von Zuwanderung und die Willkommenskultur. Richter linst derweil schon mal gelangweilt in die Verpackung des Mitbringsels. Bracke hat Wein dabei, den es nur gibt, weil ein paar Gambier sich an seinen Rebstöcken nützlich gemacht haben. Das Publikum kriegt auch etwas ab, ein kleiner Teil zumindest - "wie immer ist leider nicht genug für alle da".

Durchschlagen oder abwarten?

"Stadt Land Flucht" begegnet dem Gift, das bei diesem Thema die Debatten durchdringt, mit fröhlichem Zynismus. Anestis Azas und Prodromos Tsinikoris schlagen damit zwei Fliegen mit einer Klappe. Wer nicht auf AfD-Linie ist, hat zu Flüchtlingen ja keine einfache Botschaft. Dass "Stadt, Land, Flucht" die vielen Abers hinter dem Ja zu Refugees welcome satirisch aufgreift und vor allem die Absurditäten der Debatte aufspießt, sorgt für fühlbare Erleichterung im Publikum. Es verzeiht dann auch Überreizungen wie die eher alberne AfD-Zitate-Sammlung mit Dominik Lindhorst-Apfenthaler als Björn Höcke-Parodie, der mit einer Deutschland-Fahne kämpft.

StadtLandFlucht53 560 Annemone Taake uInmitten der Schauspieler: Nader Almoaaz © Annemone Taacke

Zur Mitte machen die Regisseure aber einen tiefen Cut. Alle Beteiligten essen einen Apfelkuchen, dann geht es ans Eingemachte. In Griechenland haben sie Naders Bruder gefunden. Er war mit seiner Frau erst nach der Schließung der Grenzen geflüchtet und sitzt nun nahe Idomeni fest. Nader spielt eine Videobotschaft ein, die getrennten Brüder sprechen sich Mut zu, Tränen fließen - und dann ist das Publikum dran. Was sollte Naders Bruder tun - sich durchschlagen oder abwarten? Die Stimmkarten liegen bereit. Die Mehrheit will die illegale Variante. Einer traut sich, zu sagen, dass man sich an Gesetze halten müsse.

Für Schlepper spenden

Auf der abstrakten Ebene stimmt das, im konkreten Fall kommt man sich mit der Haltung wie ein Arsch vor. Und es geht noch weiter. Was könnte man selbst tun? Für einen Schlepper spenden - nichts, so ist es halt - oder politischen Druck ausüben. Gut, das ist einfach. Politischer Druck ist so schön unbestimmt, das geht immer. Schauspielerin Katharina Quast wählt die Nummern der örtlichen Bundestagsabgeordneten und spricht ihnen ein flammendes Plädoyer aufs Band, "irgendetwas" zu tun, weil wir die Idomeni-Bilder nicht akzeptieren wollen. Das wirkt umso grotesker, als zuvor ihre Mitspielerin Nanette Waidmann von ihrem Sommer in Wien berichtet hatte - wie alle zum Bahnhof pilgerten und in Form von Sachspenden begeistert ihr schlechtes Gewissen abluden.

Der Effekt hielt nicht lange, denn "eigentlich spendet man ja nicht, sondern entrümpelt seine Wohnung". Ein Anruf bei Abgeordneten fällt in eine ähnliche Kategorie und so schal fühlt es sich auch an. "Stadt Land Flucht" nimmt einem das schlechte Gewissen nicht ab, es tritt es genüsslich breit. Man verlässt das Haus mit dem Zwiespalt, Nader viel Glück zu wünschen, der großen Masse an Menschen, die aus ähnlichen Fluchtgründen erst noch gen Deutschland streben, dabei eher nicht.

Stadt Land Flucht
Regie: Anestis Azas, Prodromos Tsinikoris, Ausstattung: Sylvia Rieger, Video: Rebekka Kaufmann, Dramaturgie: Sonja Winkel.
Mit: Dominik Lindhorst-Apfelthaler, Katharina Quast, Hendrik Richter, Nanette Waidmann, Nader Almoaaz, Reinhard Bracke.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.theaterheidelberg.de

 

Mehr zu Anestis Azas und Prodromos Tsinikoris: wir berichteten über Clean City (Athen), das im Februar im Rahmen des Festivals Europoly an den Münchner Kammerspielen lief. Beide leiten auch die Experimentalbühne des Nationaltheaters Athen, über die wir im Dezember im Theaterbrief aus Griechenland berichteten.

 

Kritikenrundschau

Heribert Vogt von der Rhein-Neckar-Zeitung (25.4.2016) findet, die individuelle Dimension der Heimatlosen komme an diesem Abend "voll über die Rampe". Das sei vor allem durch die Mitwirkung des jungen Syrers Nader Almoaaz gelungen. "Wenn man ihm zuhörte und in die Augen sah, wurde man tief berührt von der Not der Flüchtlinge." Die Anwesenheit Naders rechtfertige das "streckenweise agitatorische Dokudrama zugunsten der Flüchtlinge, das zwar auch – notwendigerweise – mit Vereinfachungen" arbeite, indem es "als Stärke des Theaters den Menschen ins Zentrum stellt".

 

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