Erdbeeren für Mohammed Atta

von Tim Schomacker

Bremerhaven, 7. Mai 2016. Das ist doch mal eine veritable Liebesszene in Zeiten des Live-Kamera-Theaters. Vor zwei Meter auseinander stehenden, nach unten gewinkelten Objektiven bewegen sich äußerst sachte zwei Hände. Die Bilder dieser Hände werden ganz oben auf eine Wand inmitten der Drehbühne projiziert. Übereinander gelagert, entsteht so ein neues, drittes Bild. Das einer Früh- und Erstbegegnung von Haut. Erst ein übersanftes Klaviermelodiechen lässt die Szene Richtung Kitsch kippen.

Eine Gesellschaft radikalisiert sich

Vorher war da tatsächlich so ein poetischer Moment. Einigermaßen verwunderlich, handelt es sich doch bei dem Roman, den Paul-Georg Dittrich (von einem fahrigen letzten Viertel einmal abgesehen) klug-solide für die Bühne eingerichtet hat, um einen fakten- und figurenreichen Politthriller. "Radikal" des unter anderem für die Investigativabteilung der Wochenzeitung Die Zeit arbeitenden Yassin Musharbash erschien 2011. Anhand der sich überkreuzenden Wege einiger Berliner Thirty-Somethings nähert sich Musharbash Radikalisierungstendenzen und Extremismen an verschiedenen Orten – zentraleuropäisch-bürgerlichen, islamistischen, medialen, polizeilichen - der bundesrepublikanischen Gesellschaft an.

Radikal1 560 Heiko Sandelmann uDer Bühne geben, was der Bühne Mittel sind: Andreas Hammer (Fadi), Jennifer Sabel (Sumaya al-Shami), Sascha Maria Icks (Frau Dr. Sinn), Kay Krause (Ansgar Dengelow), John Wesley Zielmann (Cord Munkelmann), Andreas Möckel (Samuel Sonntag (Samson))  © Heiko Sandelmann

Was man sich als tendenziell skandinavischen TV-Zehnteiler à la Die Brücke gut vorstellen kann, liegt für die Bühne erst einmal nicht so nahe. Indem Dietrich das Buch als Buch annimmt – die Paperback-Ausgabe wird über nahezu die gesamte Spielzeit immer mal wieder zur Hand genommen – und nicht so sehr von einer möglichen Film-Adaption her denkt, kriegt er dieses Problem aber weitgehend in den Griff. Die eingangs beschriebene Übersetzung der genretypisch den Plot antreibenden erotischen Annäherung zweier Hauptfiguren in ein (dann wieder elektromedial gestütztes) Bühnen-Bild ist nur eines von mehreren Beispielen.

So geht's los

Ein anderes ist die Eingangssequenz, in der das Schauspieler*innen-Septett mal vollchorisch, dann wieder in geschickt gesetzten Einzelstimmen und Stimmgruppen einen inneren Monolog der Journalistin Merle Schwalb musikalisiert. Schwalb überlebt ein Bombenattentat auf ein Fernseh-Morgenmagazin. Und wird qua Überleben zur Augenzeugin. Prominentestes Opfer (und mutmaßliches Ziel des Anschlags) war der Grünen-Bundestagsabgeordnete Lutfi Latif. Und für eine lange Story über genau dessen Gefährdungslage hatte Schwalb "ein bisschen Farbe" liefern sollen. Erster Auftrag für die sagenumwobene Investigativ-Abteilung des Magazins "Globus". Den blutigsten Teil des Romans in eine leise Jelinek-Szene zu packen, derlei Eigenwilligkeit gehört zu den souveränen Zügen von Dittrichs Roman-Verbühnung. Nach dem Chor nehmen dann alle erstens auf Hockern Platz und zweitens das Buch zur Hand, dessen Inhalt sie gerade dabei sind zu spielen. Vor-lesend, erst nach und nach szenische und gestische Partikel in den Text hineinsetzend, werden die Rollen und ihre Sprecher vorgestellt.

Figuren

Sumaya al-Shami (Hand eins, siehe oben) etwa, die grad erst Latifs Assistentin geworden war und der Jennifer Sabel plausibel die Nervosität jener identitären Zwischenexistenz eingibt, den die Mehrheitsgesellschaft gerne Migrationshintergrund nennt. Oder Andreas Möckels nur in der Ruhe des Tauchgangs irgendwie austarierter Cyber-Rechercheur und Dschihad-Fachmann Samuel (zweite Hand). Oder der angeknockte, zunehmend in entrückter Film noir-Manier (selbst)inszenierte BKA-Fahnder Dengelow. Zunächst szenisch karg vor dem Vorhang, später immer rasanter in die Zentrifuge der Drehbühnenräume hineingesetzt, öffnet Dittrich schöne Schneisen durch das Netzwerk (oder Gewirr – je nach Perspektive) von Provokation, Desinformation, Zu- und Falschspielerei. Immer hübsch herum um die Zentralfrage: wer war’s? Al-Qaida-Zelle? Oder doch eher militante Islamhasser?

Radikal 560 Heiko Sandelmann u Jennifer Sabel, Andreas Hammer, Andreas Möckel  © Heiko Sandelmann

Konturenverlust

Feinde hatte Latif auf vielen Seiten. Und Möglichkeiten hatten ziemlich alle dieser Feinde. Die Handlung treibt hier die Figur des Samuel voran. Seine Schuld: Er hatte sich in Hamburger Studienzeiten in Gesprächen mit 9/11-Attentäter Mohammed Atta über Erdbeeren aus Ägypten (als Symbol postkolonialer Herrschaftsverhältnisse) arg verspekuliert. Was die Gefahrenlage betraf. Sumaya reicht ihm nicht nur die Hand, sondern auch den Job als Gefahrenanalyst für den Abgeordneten Latif. Blöderweise werden die Figurenzeichnungen grad hier, wo’s spannend wird, konturenärmer. Ihre Darstellung gerade dort immer fahriger, wo es Präszision und Kontur gebraucht hätte – um die zunehmenden inneren Widersprüchlichkeiten und Kaumlösbarkeiten sinnvoll zu illustrieren.

Absturz

Als Samuel sich entschließt, das mitteleuropäisch gut- und geldbürgerlich grundierte antiislamische "Kommando Karl Martell", das er für den Anschlagsurheber hält, zu infiltrieren, ist seine, Samuels Darstellung ohne Not deutlich auf dem Weg zur knallchargenartig gehetzten lautverzweifelten Bühnendurchschnittsware. Blöd, weil Musharbashs Kernpunkt, das feine Austarieren nämlich (global)gesellschaftlicher Wechselbeziehungen, die an verschiedenen Punkten geradezu voneinander abhängige Extremismen hervorbringen, auf der Strecke bleibt. Hier dreht sich die Bühne in der Schlusssequenz einfach nur theaterbrüllig schneller. Das projizierte Plot-Organigramm über die Wechselbeziehungen der Figuren, das sich auf dem finalen Vorhang (hier dann Leinwand) nach und nach aufbaut, wirkt da fast schon wie ein Eingeständnis des Scheiterns. Denn die sind ja nur – einmal mehr: Genre! – Spielfiguren einer strukturellen Überlegung, die sich gegenüber dem Whodunnit sehr gut und sinnreich hätte emanzipieren können. Hätte.

 

Radikal
von Yassin Musharbash, nach der Bühnenbearbeitung von Yassin Musharbash und Jens Groß in einer Fassung des Stadttheaters Bremerhaven 
Regie: Paul-Georg Diettrich, Bühne, Kostüme: Pia Dederichs, Filmregie, Video: Kai Wido Meyer, Live-Kamera: Manon John, Live-Film-Schnitt Oktay Bagci, Dramaturgie: Karin Nissen-Rizvani.
Mit: Julia Friede, Andreas Hammer, Sascha Maria Icks, Kay Krause, Andreas Möckel, Jennifer Sabel, John Wesley Zielmann.
Dauer: 2 Stunden 40 Minuten, eine Pause

www.stadttheaterbremerhaven.de

 

Kritikenrundschau

Der Weser-Kurier (9.5.2016) bejubelt einen "durchweg spannenden und gelungenen Theaterabend". Zu Pia Dederichs raffiniertes Drehbühnenbild würden  sich trefflich die auf mehreren Ebenen arrangierten Bilderfluten vortrefflich fügen. Es hagele Einspielfilme und Darstellervideos, "die einander ähnlich gewaltförmig überblenden, kommentieren, widersprechen und in Frage stellen wie die vom Ensemble generierten Textaufwallungen". Auch der Text überfordere, aber der Zuschauer müsse gottlob nicht jede atemberaubende Volte dieses planvoll kolportagehaft, ja verwirrend angelegten Stücks Literatur nachvollziehen können.

Rolf Stein von der Kreiszeitung (9.5.2016) findet, die Detailfülle des Romans sperre sich gegenüber der Verengung auf die Bühnenperspektive und sorge vielleicht auch deshalb am Ende für eine nicht reizlose Unschärfe. Statt einer klassischen Auflösung regiert stete Beschleunigung, deren Ende der Vorhang verdeckt, auf dem uns schließlich per Tafelbild noch einmal die Beziehungen der Figuren aufgezeigt werden. "Was die relative Offenheit wieder konterkariere. Dennoch sei 'Radikal' nicht nur seines Themas wegen ein sehenswerter Theaterabend."

Diettrich inszeniere "Radikal" nicht wie ein klassisches Kriminalstück, sondern als vielschichtige moderne Collage, in der die Personen auf der Drehbühne in fiktiv gestalteten Räumen agieren", schreibt Otto Oberstech in der Nordsee-Zeitung (9.5.2016). Am Ende bleibe statt Happy End die Frage im Raum: "Wo stehe ich? Wo bin ich selbst anfällig für radikale und einfache Antworten?"

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