Lass uns diesen Abgrund nicht zu Ende denken

von Steffen Becker

Oberammergau, 1. Juli 2016. In einer Vorschau zur Premiere im Passionstheater Oberammergau sieht man einen aufgedrehten Regisseur Christian Stückl atemlos berichten, wie irre knapp dran man dieses Jahr war. Nicht schlimm, Improvisation ist ja seine Stärke, und am Stück selbst fällt die ohnehin den wenigsten auf. Ibsen bezeichnete zwar "Kaiser und Galiläer" als sein wichtigstes Werk, aufgeführt wurde es laut Stückl aber zuletzt im Jahr 1906. 110 Jahre später wagt der es, zumindest einen Bruchteil des Textes auf die Bühne zu bringen.

Rausgegriffen hat sich Stückl die Passagen, die wie Lesezeichen für aktuelle Debatten wirken – religiös motivierter Hass, Clash of cultures, Terror. Er setzt sie in Szene vor Teilen eines Bühnenbildes der Oper "Nabucco". Eine Not, aus der die Inszenierung eine Tugend macht (verantwortlich: Stefan Hageneier). Vor die römischen Tempel lässt Stückl weiße Vorhänge mit Christus-Monogramm spannen. Die kann der Kaiser Julian (Frederik Mayet) nicht nur effektvoll niederreißen, nachdem er zurück zum heidnischen Glauben konvertiert ist. Das Bild symbolisiert auch den grundlegenden Konflikt des Stücks. Der neue Glaube scheint sich wie ein Film über das alte Reich gelegt zu haben. Die antike Herrlichkeit schimmert nur noch schwach durch. Deren Anhänger sehen die Gesellschaft und ihre eigene Macht gefährdet (Lesezeichen Nummer 1: Bedrohung durch Ausbreitung des Fremden im Inneren!).

Du wirst sein wie Gott

Dabei ist der spätere Kaiser Julian zu Beginn gläubiger Christ, dessen Aufbegehren sich gegen die Bigotterie seines bischöflichen Lehrers richtet. "Liebe deinen Nächsten" ist aber keine erfolgsversprechende Strategie in der Politik. Als infolgedessen Julians Bruder Gallus zum Kaiser-Nachfolger ernannt wird, erliegt der Prinz dem Charme der Opposition in Form des neoplatonischen Priesters Maximos. Stefan Burkhart legt diesen als eine Art spöttischen Polit-Bhagwan mit Taliban-Bart aus – abgesehen von Phrasen über die Öffnung des Geistes wird nie deutlich, worin der Reiz der heidnischen Mystik liegen soll. Burkharts Maximos umgarnt den Prinzen lieber mit der Aussicht auf Macht und Gottgleichheit. Der stehen lediglich der "Galiläer" Jesus und seine Jünger im Weg (Lesezeichen Nummer 2: Religion – hier die heidnischen Bräuche – als Ausdruck von Narzissmus; wer je ein IS-Werbevideo gesehen hat, weiß was gemeint ist).KaiserundGalilaeer3 560 Arno Declair uKilian Clauss wirbt als antike Statue mit Sixpack um die Gunst der neuen Zeit © Arno Declair

Dass es ein starker Abend wird, verdanken Kaiser und Galiläer vor allem dem Darsteller der Hauptrolle. Frederik Mayet als Julian ist feinsinnig, sardonisch, brutal, eitel, überfordert – ganz wie es die hin- und hergeworfene Figur eines Kaisers erfordert, dessen Projekt einer heidnischen Renaissance vom Lauf der Zeit durchkreuzt wird. Ihm zur Seite hat Stückl eine passende Mischung zusammengestellt (in Oberammergau traditionell Laien). Allen voran Abdullah Kenan Karaca als Gregor von Nazianz, der für die ruhigen Töne christlicher Standhaftigkeit steht, Rochus Rückel, der als Gefährte Agathon den abtrünnigen Kaiser leidenschaftlich verfluchen darf und Dima Schneider als besonders ekliger Opportunist Sallust von Perusia.

Ist einer unter euch, der freudig in den Tod gehen würde?

Inhaltlich bleibt die Inszenierung jedoch an der Oberfläche. In den Dialogen des Kaisers mit "Galiläern" reißt die Inszenierung die Frage nur an, wie religiöse Konflikte entstehen und welches Denken ein friedliches Zusammenleben verhindert. Intellektuell erhält man nicht mehr als das Gefühl, dass dieses Ibsen-Stück sehr viel mit heute zu tun hat. Dafür fährt Stückl mit weiteren Triggern (Bücherverbrennung!), sehr viel Kunstblut und lustigen Einfällen auf. Kilian Clauss führt als antike Statue mit aufgemaltem Sixpack einen affektiert-erotischen Tanz auf, während der Frauenchor lüstern näher rückt. Das kann man immerhin als unterhaltsam verpacktes Bild deuten. Das Symbol der alten Welt zeigt im lächerlichen Werben, dass künstliche Ideologien einer tief verwurzelten Weltreligion wenig entgegenzusetzen haben.

Der Kaiser stellt denn auch am Schluss die rhetorische Frage: "Ist einer unter euch, der für Platon freudig in den Tod gehen würde?" (wie die Galiläer für ihren Herrn). Mit Blick auf heutige Religions-Konstellationen mag da dem ein oder anderen ein kalter Schauer über den Rücken fahren. Nach dem Tod des Despoten endet Stückls Fassung denn auch nicht versöhnlich mit der Beschwörung der Auferstehung durch einen Geistlichen. Julians heidnischer Mentor antwortet: "Ach Bruder, lass uns diesen Abgrund nicht zu Ende denken" – und geht lachend ab.

 

Kaiser und Galiläer
von Henrik Ibsen
Regie: Christian Stückl, Bühne und Kostüme: Stefan Hageneier, Musik: Markus Zwink, Licht: Günther E. Weiss.
Mit: Peter Stückl, Eva Reiser, Martin Güntner, Frederik Mayet, Rochus Rückel, Abdullah Kenan Karaca, Cengis Görür, Anton Preisinger, Carsten Lück, Stefan Burkhart, Dima Schneider, Kilian Clauss, Sebastian Dörfler, Simon Fischer, Mathias Müller, Tobias Simon, Walter Rutz, Arnold Dionys, Max Wagner, Florian Munkert
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause

www.passionstheater.de

 

Kritikenrundschau

Christian Stückl nehme etwa 20 Prozent des Textes und erzähle damit das hohe Lied von der Dummheit der Menschen, von Verblendung und Selbstsucht. "Er tut dies mit biblischer Wucht und doch auch mit jenem Grad der Abstraktion, der die Geschichte allgemeingültig macht", lobt Egbert Tholl von der Süddeutschen Zeitung (4.7.2016). Tholl sieht einen sehr klugen Abend, "der einem wenig Hoffnung gibt ob der Zukunft der Menschheit".

"Schwer verdauliche Theaterkost mit x-Dialogen ist die eine Seite, glänzende Rollenbesetzungen und Schauspielerleistungen die andere“, schreibt Ludwig Hutter vom Merkur (4.7.2016). "Fast drei Stunden (inklusive Pause) verbannt Christian Stückl die Zuschauer in sein Theater, doch deren Sinne werden nicht schläfrig. Das ist der hellwachen Performance geschuldet." In der Kürze der zur Verfügung stehenden (Vorbereitungs-)Zeit habe sich der Regisseur einmal mehr als Meister der Improvisation erweisen. "Davon werden alle – von der Näherin bis zum Gedächtnis-Guru Mayet, vom Bühnenschreiner bis zur Cellistin – mitgerissen."

Christian Stückl inszeniere das Stück wie ein Königsdrama von William Shakespeare, schreibt Robert Braunmüller in der Münchner Abendzeitung (4. Juli 2016). "Und er hat keine Scheu vor rhetorischem Pathos. Ibsens Papierberge wurden auf knappe drei Stunden mit Pause eingeebnet". Manchmal auf Kosten der Verständlichkeit." Es werde viel deklamiert und geschritten. Nahezu alle Darsteller könnten verbergen, dass Ibsen vor allem tönende Ideen und kaum Menschen aufmarschieren lasse. "Auf die Idee, dass keine Schauspielprofis auf der Bühne stehen, kommt man höchstens bei Nebenfiguren. Wer das Spektakel sucht, mag von der dichten Aufführung möglicherweise enttäuscht sein. Für die späte Antike und ihre Spannungen sollte man sich schon interessieren."

Die Oberammergauer Laiendarsteller leisten aus Sicht von Hubert Spiegel von der FAZ (4.7.2016) zum Teil Erstaunliches, allen voran Frederik Mayet und Abdullah Keran Karaca. Christian Stückl setze in seiner knappp dreistündigen Strichfassung auf die Parallelen zu heutigen Ereignissen, ohne die Aktualisierung zu weit zutreiben.

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