Just a little bit lockerer

von Veronika Krenn

Wien, 27. Juli 2016. Ganz ohne Audience-Training geht die Chose offenbar nicht ab. Das weiterbildungsaffine Publikum macht sich schon ein paar Stunden vor Vorstellungsbeginn auf ins Leopold Museum, um sich von den Künstlern versprochene Tipps und Tricks für seine eigene Performance abzuholen. Doch von den Künstlern keine Spur, "the artist is absent" – nur ein großer Plastikpenis mit Gleitgel-Flasche hängt wie ein Fingerzeig von der Decke. In einem selbstgebastelten Alufolien-Bilder-Rahmen läuft ein Trailer seine Endlos-Wiederholungsschleife, und ein Schriftband des "Body+Freedom"-Teams lässt grüßen. Man sei nur zwischen 2 und 3 Uhr anwesend statt zwischen 10 und 18 Uhr, lautet die lapidare Aussage.

Vollkommen unvorbereitet auf seine Zuschauer-Rolle geht man nun also ins Odeon Theater. Man weiß nicht, was einen erwartet. Ein Blick in die Geschichte von Holzinger/Riebeek – blaue Kotze, Urinieren in den Mund ("Kein Applaus für Scheiße", 2013), Dildo-in-den-Allerwertesten-Spiele auf offener Bühne (Wellness, 2013), Florentina Holzinger besorgt es Vincent Riebeek anal (Schönheitsabend, 2016) – macht vielleicht ein wenig bange. Aber vorerst ist alles ganz Fernsehstudio-Kitsch, rosa und blaue Bühnen-Lichtshow mit aprikosenfarbigen Lichtsäulen, eine Nebelmaschine vermittelt einen Touch von verheißungsvoller Verruchtheit, zwei Leinwände, wo heiße Webcam-Bilder zu sehen sind. Es soll heute ums Gonzo-Genre gehen, das aus der Pornografie und dem Journalismus bekannt ist – wo der Kameramann immer mittendrin in der Hitze des Gefechts ist.

Publikums-Intensivkurs

Auf der Bühne – der Nebel lichtet sich zaghaft – liegen drei schwarze Müllsäcke, die sich zu regen beginnen. Ratsch, sie werden von innen zerrissen und gespreizte Beine kommen zum Vorschein, aus deren Vagina ein grüner Laserpointer-Strahl den Raum durchmisst. Neben den Vaginas tauchen auch pofrei-latexbehoste Ärsche auf, und die Laser-Lichtshow will kein Ende nehmen. Lautlos gleitet ein blauäugiges Hoverboard heran, darauf hockt Manuel Scheiwiller mit seiner Kamera, mit der er seine Objekte der Begierde umkreist. Die Tänzer zeigen sich äußerst gelenkig – etwa mit einer Kopfstand-Choreographie mit Laserpointer – als eine Splitterfasernackte auf den Schultern eines Crew-Mitglieds hereingetragen wird: Ofelia Jarl Ortega. In ihren Armen hält sie ein Mac-Book, in das sie laszive Gesichter schneidet. Sie wird abgesetzt und sticht einen Beutel auf, der von der Decke hängt: Glitterpaste tropft auf sie herab, in der sie sich genüsslich aalt, während Livecam und Laserpointer ihren Körper vermessen.

BodyFreedom1 560 ThomasLenden uRäkeln für das Publikum als Kamera © Thomas Lenden

Nun wird das versprochene Audience-Training nachgeholt: Annina Machaz erklärt uns, in einem Live-Show-Shooting müsse auch das Publikum expressiver agieren. Wir üben einige Male Mitgefühl auszudrücken, zu lachen, zu applaudieren, zu kommentieren, bis sie zufrieden ist, denn alles "muss viel mehr werden als normal!". "Get a bit lockerer", sagt Machaz. Es werde in der Show noch viele Momente geben, in denen Konflikte auftreten. Dazu sollten wir eine Meinung haben und diese auch kundtun.

Es geht um die Projektion

Weiter im Dreh, der Anfang muss noch einmal wiederholt werden, und schon hat das Publikum seine Lektion gelernt: "Boring!" ruft wer ungeniert, als etwas zu lange dauert. Es folgen ein paar linkische Kinderspiele und super sexy, dynamische Posings für die Kamera, Vincent Riebeek dreht Florentina Holzinger um seine Achse und lässt sie "fliegen". Um rasch den richtigen Blick in die Kamera zu finden, wirft sie sich auf den Boden. Dieser Show-Dreh lässt das Publikum einen Blick auf die Entstehung eines solchen Genre-Kunstwerks werfen. Live schaut natürlich manches auch dilettantisch aus, aber es zählt das projizierte Bild.

BodyFreedom2 560 ThomasLenden uSchmerzhafte Trennung © Thomas Lenden

Später kommt, was kommen musste, es gibt Krach in der Crew. Vincent Riebeek haut ab, wirft das Mikro wutentbrannt auf den Boden und verlässt den Raum. Ein schmerzlicher Höhepunkt der Aufführung ist auch die Trennung – mittels Motorsäge – der siamesischen Zwillinge Florentina und Annina, die sehr viel Blut dabei lassen und an den Haaren, unter Schreien, auseinandergezogen werden müssen.

Final versöhnt Holzinger mit einer spektakulären akrobatischen Nummer am Seil für all den Schmerz, den Trash, den Kitsch und die Zwerchfellerschütterungen, die diese Aufführung bereitet hat. Tiefere Erkenntnisse wird man vielleicht nicht schöpfen können, aber ein paar erfrischend originellen Wildfängen beim Spielen mit Theater- und Filmmaterial zuzusehen, bereitet über weite Strecken durchaus höllisches Vergnügen.

Body + Freedom
von und mit Annina Machaz, Nils Amadeus Lange, Florentina Holzinger, Vincent Riebeek, Manuel Scheiwiller, Ofelia Jarl Ortega, Nicolas Roses.
Dramaturgie: Maren Rieger, Licht & Sound Daniel Biegger.
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause

www.impulstanz.com

 

Kritikenrundschau

Das Publikum habe "Body + Freedom" "nicht wirklich zu schätzen gewusst", schreibt Helmut Ploebst im Standard (29.7.2016). Weil nämlich "die Holzingers bei der Uraufführung die Größe hatten, das immer wieder bombastische Anreize triggernde Spektakel gnadenlos in sich zusammenbrechen zu lassen." "Body + Freedom" sei "die Karikatur einer jener Fernsehshows, in denen die Beteiligten und das Publikum zum Gaudium der Couch-Potatoes zu Hause diverse 'Challenges' zu bewältigen haben." Dem Nihilismus der Boulevardsender schleuderten "Holzinger und Co ihren eigenen entgegen. Und das ohne anbiederndes Augenzwinkern in Richtung der sensationslüsternen Art-Potatoes im Publikum. Daher ist dieser Trash auf jeden Fall heroisch."

Kommentar schreiben