Labern, bis der Flüchtling kommt

von Michael Laages

Kassel, 1. April 2017. Gerade noch rechtzeitig zur spannenden Schlussphase kommt der Joker aufs Feld. 80 von 100 Theater-Minuten sind durch, und alle scheinen sich schon eingerichtet zu haben mit einer Art leistungsgerechtem Unentschieden auf mittlerem Ulk-Niveau – aber jetzt soll's "der Flüchtling" noch richten in der verbleibenden Spielzeit.

Etwa so wirkt "Lost and Found", das Stück von Yael Ronen, das 2015 mit am Beginn der spektakulären, neuen Intendanz von Anna Badora am Wiener Volkstheater stand (zur Nachtkritik der Uraufführung). Und so sonderbar zerrissen, so grob gestrickt, wie sie ist, bildet diese Komödie recht genau den Zustand der Wiener Gesellschaft im damaligen politischen Moment ab: Gerade war der Westbahnhof der Stadt zum Heerlager Geflüchteter geworden, und das wohlwollende Wien zeigte Herz wie noch nie. Kein Jahr später folgte der absehbare Pendelschlag zurück, hin zum rechtsradikalen Populismus der fast-präsidialen FPÖ. An all das muss sich erinnern, wer "Lost and Found" liest und jetzt in Kassel sieht; zumal der Text ja den politischen Horizont des Augenblicks damals auch auf der Bühne sehr direkt thematisiert.

Eine Schickimicki-Clique hat Beziehungsstress

Gut so? Nicht nur. Der Text hat markante dramaturgische Schwächen: Er beginnt mit einer Art Party-Zimmer-Schlacht um schief gelaufene Beziehungen in einer schwerst gutmenschelnden Künstler- und Schickimicki-Clique. Dass sich diese kreuzbescheuerten Befindlichkeiten in aller modischen Lächerlichkeit dann spiegeln am Schicksal des aus dem Irak geflüchteten Yussef, ist sozusagen die Zugabe. Erst kurz vor Spiel-Ende betritt er, betritt die plötzlich so zentral wirkende Theater-Idee das Feld.

LostandFound3 560 N Klinger uEntspannen unter Lifestyle-Opfern: Christian Ehrich, Maria Munkert, Christoph Förster, Konstantin Marsch © N. Klinger

Martin Schulze verstärkt diesen Zugabe-Effekt noch. Denn Yussef, dieser sehr entfernte Verwandte der Geschwister Maryam und Elias, die gerade den Vater verloren haben und denen kurz vor und kurz nach der Beerdigung die eigenen Verlogenheiten derbe um die Ohren fliegen, betritt nicht nur als neue Spielfigur die Bühne, sondern auch als Kunst-Objekt: als drei bis vier Meter hohe Plastik in Stefan-Balkenhol-Realismus, die bis zur 80. Minute in einer monumentalen Holzkiste auf der Bühne versteckt bleibt.

Und bevor nun die Trauergemeinde mit dem realen Yussef spricht, akklamiert sie das monströse Idol, das "Der Flüchtling" ist. Jochen, dauernd überforderter Ex-Mann der latent überkandidelten Maryam, will schließlich auch diesen Yussef zum Objekt seiner Biennale-Installation werden lassen, die bisher "Lost" hieß. Alle erzählten lärmend von den eigenen Verlusten, an Liebe, an Beziehung, an Sicherheit. Yussefs weitaus dramatischere Verluste, erst im Krieg um den Irak, dann um Syrien, werden "Found" bilden, das Schluss-Bekenntnis.

Zwischen Beerdigung und künstlicher Befruchtung

Martin Schulzes Inszenierung bringt die lärmend-pointierte Ronen-Farce um gescheiterte Liebe, eine skurrile Beerdigung und künstliche Befruchtung ordentlich in Fahrt. Immer tun alle so, als hätten sie das eigene Leben fest in der Hand: die schrille Bloggerin Maryam (Maria Munkert), die sich das künstlich gezapfte Sperma des schwulen Freundes Schnute (Christoph Förster) in mühevoller Boden-Akrobatik appliziert; Maryams höchst fragiler Kind-Mann-Bruder Elias (Konstantin Marsch), der sich gerade von der Freundin Camille (Lara-Sophie Milagro) und dem gemeinsamen Kinderwunsch getrennt hat – beide setzen beim Wiedersehen plötzlich zum opernhaften Duett der Verführung an. Künstler Jochen schließlich (Christian Ehrich) agiert trotz Ansätzen von Vernunft letztlich leider auch nur bedingt zurechnungsfähig – "Jim-Pepe" haben er und Maryam das gemeinsame Kind aus der beendeten Ehe getauft. Toll.

LostandFound1 560 N Klinger uDie Skulptur und der echte Flüchtling: Aljoscha Langel als Yussuf (in grau) mit Konstantin Marsch, Maria Munkert, Christoph Förster, Lara-Sophie Milagro, Christian Ehrich © N. Klinger

Der Tod des Vaters der Geschwister ist der Auslöser des Desasters; obwohl er Atheist war, wird er nun muslimisch unter die Erde gebracht – der irakische Onkel Osama aus London zahlt's ja, unter eben dieser Bedingung; und weil er offenkundig Yussef (Aljoscha Langel) in Wien unterbringen will. Daniel Roskamps Bühne aus lauter weißen Laken lässt gedanklich und optisch Schicht um Schicht freilegen, Ulrike Obermüllers Kostüme sind routiniert-geschickte Grundausstattung; Dirk Raulfs Musik setzt pointierte Effekte. Alles funktioniert gut, das Publikum in Kassel hat viel Spaß – aber zugleich bleibt das Unwohlsein über einen unausgegorenen Wechselbalg von Stück.

 

Lost and Found
von Yael Ronen
Deutsche Erstaufführung
Regie: Martin Schulze, Bühne: Daniel Roskamp, Kostüme: Ulrike Obermüller, Musik: Dirk Raulf, Licht: Oskar Bosman, Dramaturgie: Thomaspeter Goergen.
Mit: Christian Ehrich, Christoph Förster, Aljoscha Langel, Konstantin Marsch, Lara-Sophie Milagro, Maria Munkert.
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.staatstheater-kassel.de



Kritikenrundschau

Martin Schulze inszeniere Yael Ronens Komödie "Lost and Found" "als leichtfüßigen, kurzweiligen Abend, der perfekt auf der Schwelle zwischen bitter und böse balanciert und dabei auch richtig lustig wird", schreibt Bettina Fraschke in der Hessischen Niedersächsischen Allgemeinen (3.4.2017). "Überraschende Handlungsentwicklungen" seien jedoch "nicht zu gewärtigen, und die Stoffvorlage hat einige Schwächen und kleinere Durchhänger. Doch in gelungenen Einzelszenen fächert sich das Grundthema des Abends variantenreich auf: Jene gut situierten Großstadtbewohner, die sich so viel auf ihr Kunstverständnis und ihre Selbstreflexion einbilden, instrumentalisieren die Ankunft der Flüchtlinge in Europa dafür, sich selbst gut darzustellen."

 

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