Manson Family für Anfänger

von Alexander Kohlmann

Mannheim, 16. Juni 2017. Da liegt eine junge Frau mit entblößtem Unterkörper in einer schmuddeligen, engen Kammer. Nur ein Waschlappen klemmt zwischen ihren Beinen. Um das Bett herum knien Besucher*innen. Auf ihrem Bauch sind vier gefüllte Schnapsgläser abgestellt. "Die müsst ihr jetzt trinken. Und dann Euren Mund-Inhalt in den Bauchnabel der Göttinnen-Hülle spucken", sagt ein Mann mit beschwörender Stimme. Und das Seltsame geschieht: Alle Zuschauer befolgen die Anweisung.

Der seltsame Geruch

Wir sind bei Signa. Dass das so ist, merkt der geschulte Besucher zuerst an dem Geruch. Noch bevor er irgendetwas von der verästelten Story begriffen hat, noch bevor er mit einer der entrückten Gestalten ins Gespräch bekommen ist, oder die seltsamen Gesänge entschlüsselt hat, riecht er ihn: den Gestank von Mottenkugeln, abgestandenem Essen und muffigem Parfum. Die Welt, in die Signa ihre Besucher entführt, ist eben nicht nur optisch bis ins kleinste Detail modelliert, sondern bietet eine Kreation für alle Sinne. Ihr Eindruck des Realen resultiert aus einer Abgestandenheit der Materialien. Der Gestank suggeriert, dass diese Menschen schon sehr lange hier sind, als wäre das nicht die Premiere, sondern ein Besuch in einer verschworenen Gemeinschaft, die nur selten Besucher empfängt.

Heuvolk SIGNA3 560 Erich Goldmann uDie Hüterinnen des Geheim-Kodes: Signa organisiert Sektenleben mit "Das Heuvolk" bei den Schillertagen in Mannheim © Erich Goldmann

Diesmal geht es weit raus. Mit einem Bus werden die Besucher vom Nationaltheater Mannheim auf einen ehemaligen Armeestützpunkt gefahren. Die Story klingt bekannt. Auf dem Gelände der ehemaligen Benjamin-Franklin-Kaserne hat sich eine seltsame Sekte eingenistet. Gründer Jake ist schon vor Jahren gestorben – sein Geist angeblich in eine neue Welt aufgebrochen. Die verbliebenen Mitglieder warten auf dem verrotteten Kasernen-Gelände auf seine Rückkehr. Mit einem hölzernen Himmelsschiff will er sie abholen. Weil nicht genug Platz für alle auf dem Schiff ist, müssen die künftigen Himmelsfahrer gestählt werden, gegen den Ansturm des Heuvolks, das leider kein Ticket für diese moderne Arche Noah besitzt.

Schule des Weltuntergangs

In der "Schule des Weltuntergangs" werden Besucher ausgebildet. In den mit seinen abgesessenen Holzbänken an eine Kirche erinnernden Raum, werde ich von zwei Himmelsfahrern festgehalten und muss mich mit aller Kraft freikämpfen, immer den Blick auf Jake gerichtet, der auf einem Ölgemälde von der Wand lächelt. Bald liegen wir ringend und schwitzend auf dem Boden. "Ich sehen es in Deinen Augen", sagt die verklärt blickende Trainerin, "Du willst das Ziel erreichen". Ich spiele mit. Trotz der durchschaubaren Story. Als wäre das alles ernst.

Sechs Stunden Signa erträgt nur, wer sich hingibt. Allen anderen droht der Überdruss, das Gefühl eine andere Sprache zu sprechen, nicht mehr dazu zu gehören, dem Geheim-Kodex nicht zu folgen. Wer sich aber auf lange Gespräche mit Jakes Jüngern einlässt, der erlebt auch diesmal eine dramaturgische Tiefe, die ihresgleichen sucht. Da ist die zierliche, dunkelhaarige Shirin, die als menschliche Hülle für die toten Zwillinge des Führers fungiert. Mit ihren 21 Jahren trägt sie nur noch eine Erinnerung an die Welt da draußen mit sich herum. Die Vorstellung vom Dorf ihrer Mutter, irgendwo auf dem Gebiet des Iraks, lässt sie traurig werden, trotz der bevorstehenden Himmelsfahrt.

Oder eine ebenfalls sehr junge Bewohnerin der "Pearl Box", die mir in diesem hauseigenen Reinigungscenter erst die Füße wäscht – und dann von ihrem toten Bruder erzählt. Nur noch diese eine Erinnerung will sie für immer behalten. Alle anderen hat sie bereits an Jakes Garderobe abgegeben. So wie alle diese größtenteils jungen Menschen, die ihr echtes Leben da draußen nicht ausgehalten haben. Ihre Hingabe an Jake ist nicht weniger als eine Flucht vor den eigenen Dämonen. Charles Manson und seine Jünger lassen grüßen.

Orgie für den Führer

Dass die Anziehungskraft dieser Gemeinschaft ihre Wirkung nicht verfehlt, zeigt sich ganz zum Schluss in der hell erleuchteten Kapelle: Wenn alle in weißen Laken auf ihren Matratzen liegen und auf ein Signal des göttlichen Führers warten. Erst eine, dann immer mehr Zuschauerinnen stehen auf und ziehen sich splitternackt aus, lassen sich aufnehmen von den Jüngerinnen im Brautkleid und den auf der Empore singenden Männern. Erst spät gesellen sich auch ein paar Jungs hinzu (die Anziehungskraft von Jakes Kult scheint Frauen eher zu erreichen).

Heuvolk SIGNA2 560 Erich Goldmann uBereit für die Anbetung des Führers: Signas Installationstheater-Abend "Das Heuvolk" bei den Schillertagen in Mannheim © Erich Goldmann

Der Abend endet in einer Orgie der gefühlten Gemeinsamkeit, die nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass die Performance eher wie ein Medley vieler bekannter Signa-Zutaten daher kommt. Mit einer ungewohnt unauffälligen Hauptfigur. Waren bisher die verästelten Gänge und die bauliche Komplexität der Signa-Sets alleine ein Grund, Unternehmungen wie Söhne & Söhne zu besuchen, spielt sich diesmal alles auf zwei langen Fluren und in den angrenzenden Räumen ab. Alles ist klar strukturiert und die Zimmer gut lesbar durchnummeriert. Das schlichte Kasernen-Gebäude birgt äußerlich wenig Geheimnis.

 

Das Heuvolk
Eine Performance-Installation von Signa
Konzept und Regie: Signa Köstler und Arthur Köstler, Bühnenbild: Signa Köstler mit Olivia Schrøder und Camilla Lønbirk, Kostümbild: Signa Köstler mit Jan Liefhold, Audiokonzept und technisches Design: Arthur Köstler mit Simon Steinhorst und Lasse Munk, Komposition und Sound Design: Martin Stig Andersen mit Katrine Amsler, Dramaturgie: Katharina Parpart, Mitarbeit Dramaturgie: Carmen Bach.
Mit: Agnieszka Salamon, Alexander Stæger, Amanda Babaei Vieira, Andreas Schneiders, Anja Bothe, Anne Hartung, Antonio Schmidt, Arthur Köstler, Benita Martins, Camilla Lønbirk, Christopher Ramm, Clarissa Heisterkamp, Dominik Bliefert, Dominik Klingberg, Erich Goldmann, Frederik von Lüttichau, Georg Bütow, Helga Sieler, Henrike Hahn, Jaavar Sidi Aly, Jan Liefhold, Jannis Wegener, Jonas Preben Jørgensen, Julian Sark, Katharina Rösch, Lasse Munk, Lorenz Vetter, Luisa Taraz, Marie S Zwinzscher, Olivia Schrøder, Raphael Souza Sá, Signa Köstler, Simon Salem Müller, Simon Steinhorst, Sofie Ruffing, Sonja Pikart, Sonja Salkowitsch, Steven Reinert, Tatjana Kranz, Thea Rinderli, Tilman Gunz, Tom Korn, Torsten Graefe, Uli Ball, Sascha Sommer.
Dauer: ca. 6 Stunden, keine Pause

www.nationaltheater-mannheim.de

 

Kritikenrundschau

"Bedenkt man den Ruhm, der SIGNA 2008 nach der (deutschen) Entdeckung durch Karin Beier im Eilverfahren von Köln zum Berliner Theatertreffen führte, darf man es wagen, 'Das Heuvolk' dramaturgisch, darstellerisch und qualitativ weit über die 2008er Produktion 'Martha Rubin' zu stellen, die vom religiösen Grundton her sicher prägend war für die Mannheimer Weiterführung, vielleicht sogar Vollendung", schreibt Ralf-Carl Langhals im Mannheimer Morgen (19.6.2017). "Vergessen wir ein enttäuschendes Finale, widerliche Details, grundsätzliche Bedenken, Ekelmomente und eigenmächtige Würde-Reflexe – und denken nur an die Kunst: Nie war das 'Sich-nicht-entziehen-Können' deutlicher und erlebbarer. In einer Mischung aus Riten und Vorstellungen aller Religionen liegt man hier eng im perfiden Arm wohlwollender Gemeinschaft und jenseitiger Hoffnungen. Er lässt immer noch etwas stickige Luft, um den kaltschweißigen Atem der Angst und Überwachung zu spüren."

'Heuvolk' sei der inszenierte Alptraum einer in aller Verrücktheit auf Erlösung hoffenden Welt, so Roland Müller in der Stuttgarter Zeitung (19.6.2017), "ein apokalyptisches Sekten-Szenario, das niemanden kalt läßt." Hinter der "Züchtigkeit der Frommen" lauere immerzu Lüsternheit, hinter der Sanftmut vibriere Gewalt, "und hinter ihrer Religion steckt ein geschlossenes, in sich aber plausibles, in ekstatischen Zungen verkündetes Wahnsystem". 

"Beeindruckungstheater ist das ganz ohne Zweifel", schreibt Harald Raab in der Rhein-Neckar-Zeitung (19.6.2017). "Katharsis nach dem ollen Aristoteles freilich nein, erst recht nicht Erkenntnisgewinn. Trotz allem ein interessanter, verstörender Theaterabend" – der weder für diejenigen, die sich drauf einließen, noch für die, bei denen "der ganze Hokuspokus Empörung und Kopfschütteln hervorruft", langweilig sei.

Als "die europäischen Marktführer des immersiven Theaters" bezeichnet Jürgen Berger Signa in der Süddeutschen Zeitung (19.6.2017) und schreibt: Wer zu Signa gehe, werde zwangsläufig zum aktiven Part eines Theaterabends und habe kaum Zeit zum Denken. "Zuerst gehst du noch davon aus, du hättest alles im Griff, plötzlich aber merkst du: Die haben dich im Griff, und du wehrst dich nicht, weil du vielleicht Orientierung in einer immer chaotischeren Welt suchst oder in deinem Hang zur individualistischen Isolation so weit gegangen bist, dass da wieder dieser Hunger nach Gemeinschaft ist, nach einer Kirche, einem Glauben oder auch nur einer Gruppe, deren Bindungsstoff die Denunziation von Fremden ist."

"Unter der zuckersüßen Nettigkeit der Himmelsfahrer brodelt eine gefährliche Mixtur aus Eifersucht, unterdrückter Lust, sexualisierter Gewalt und religiösen Eifer. Doch das erfährt nur, wer sich auf das Spiel einlässt." Dann vergingen die sechs Stunden wie im Flug, schreibt Olivia Kaiser in Die Rheinpfalz (22.6.2017).

"Liturgie und dionysische, auch blasphemische Orgien sind Ursprung des Theaters. Allerdings: Existenzielle Erfahrung und Verunsicherung wie in den Opferritualen von Hermann Nitschs Orgien-Mysterien-Theater bietet Signa diesmal kaum", schreibt Bernhard Doppler vom Standard (22.6.2017). Man flaniere zwischen den einzelnen Attraktionen – "sich immer wieder an der theatralischen Verstellung der Signa-Schauspieler erfreuend, manchmal ist es fast wie im Heilsarmee-Musical."

"Die Radikalität von SIGNAs Spielweise macht Angst und hallt noch lange nach", schreibt Gisela Stamer in der taz (23.6.2017). "Konsequent ziehen die wie Amish gekleideten Mitglieder des Schauspielerkollektivs die Zuschauer in ein religiöses System von Erlösungsfanatismus und Heilserfahrung hinein."

SIGNA hätten mit "Heuvolk" einen weiteren atemberaubenden Erzählraum ("Narrative Space") geschaffen, so Simon Strauß in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (24.6.2017). "Nicht mehr so brachial verstörend wie frühere Arbeiten, wird hier die geheimnisvolle, gruselige Atmosphäre vor allem durch die Präzision der Gestaltung geschaffen." Dazu komme das konzentrierte Haltungsspiel der Darsteller. Das Außergewöhnliche an dieser Installationsperformance sei "die Ausdauer und Geistesgegenwart, mit der die rund vierzig Darstellerinnen und Darsteller sechs Stunden lang permanent zwischen Aktion und Konversation hin und her wechseln".

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