Schwerelos am Schwarzen Meer

von David Baltzer

Odessa, 2. Juni 2008.


"Pure Vernunft darf niemals siegen
wir brauchen dringend neue Lügen
die uns durchs Universum leiten
und uns das Fest der Welt bereiten
die das Delirium erzwingen
und uns in schönsten Schlummer singen
die uns vor stumpfer Wahrheit warnen
und tiefer Qualen sich erbarmen
die uns in Bambuskörben wiegen
Pure Vernunft darf niemals siegen ...

Pure Vernunft darf niemals siegen
wir brauchen dringend neue Lügen
die uns den Schatz des Wahnsinns zeigen
und sich danach vor uns verbeugen
und die zu Königen uns krönen
nur um uns heimlich zu verhöhnen ...

die unsere Schönheit uns erhalten
uns dabei tief im Inneren spalten
vielmehr noch die uns fragmentieren
und danach zärtlich uns berühren
und uns hinein ins Dunkle führen
die sich unserem Willen fügen
und uns wie weiche Zäune biegen ... "

(Tocotronic)

Nach gut 54 Stunden Performance von SIGNA diesen Titel gehört, der wie ein Extrakt der letzten zweieinhalb Tage erscheint. Eine Art von Neuromantik, Spektakel, Zirkus, Ritual im Hotel Passage, einem angenehm abgewrackten Hotel aus der Hochzeit von Odessa/Ukraine, das sich in volle und halbe Stockwerke teilt, ein Labyrinth von Fluren und Zimmern voller Muff und Verheißung.

Was die Welt am Laufen hält

Dem Rückrat eines alten Wasserbüffels gleich, hält ein schmaler, langer Gang acht Zimmer bereit, in denen die "Black Sea Oracle Games" vonstatten gehen. Es würde nicht verwundern, wenn sich den maximal dreißig Gästen/Zuschauern das Hotel durch ein leises Schwanken als Schiff anbieten würde. Hier findet eine der sich stetig variierenden Performances von SIGNA statt. Der Sage nach gibt es "The Game" seit Anbeginn der Zeit, es ist eines der Getriebe, das die Welt am Laufen hält.

Jeweils zwei Gamemasters lassen zwei bis vier "Player" Spiele spielen, deren Charaktere und Rollen durch vier Roulettes bestimmt werden. Am Ende des jeweiligen Spektakels gewinnt einer der Spieler und kommt eine Runde weiter. Zwei müssen sterben, bzw. werden zurück in die Außenwelt geschickt, der vierte kann vom Sieger geheiratet werden und bleibt so im Spiel. Verschiedene Mannschaften spielen dieses Spiel weltweit, so dass sichergestellt ist, dass immer eines gerade läuft, sonst käme die Welt ins Stocken.

Die Spieler sind Menschen, die durch Unfälle, sozialen Abstieg u.ä. aus der Außenwelt gefallen sind, durch Gedächtnisverlust ihrer Identität verlustig in "The Game" klischiert die Welt nachspielen und – je nachdem, wie gut sie das machen – die Chance erhalten, sich zum nächsten Level durchzuarbeiten. Parallel zu den Gamemastern, alterslosen Relikten gleich, gibt es jeweils eine Gottheit, deren Zweck es hauptsächlich ist, Gottheit zu sein. Hier ist das eine Frau in einem rosafarbenen Schlafanzug, die mit beiläufiger schlechter Laune Freundlichkeiten verteilt, vor den Gästen Hof hält und Fragen zum Spiel beantwortet.

Wird nicht genug gesetzt, hungern die Spieler

Die Gäste können auf die Spieler wetten. Mit den Wetteinsätzen werden die Spieler ernährt, wird nicht genug gesetzt, sind sie von Hunger bedroht. Die Nahrung wird von Dienern gereicht, die eine eigene Kaste innerhalb von "The Game" bilden. In dieser Konstruktion, die man sich durch Fragen erklären lassen kann, vollzieht sich das Spektakel. Die Spieler kostümieren sich je nach Ansage als Cowboy, Hure, Prinz, Mutter, Krankenschwester, Soldat usw. Opfer oder Sieger und improvisieren inmitten der Gäste Geschichten, die bis zu mehreren Stunden dauern können. Die Gamemaster intervenieren je nach Laune oder beenden die Runde, um einen jeweiligen Sieger zu bestimmen.

So entwickelt sich eine Atmosphäre aus Kindergeburtstag, Fasching und Märchenwelt, die die vorwiegend jungen Zuschauer aus Odessa nachhaltig in den Bann schlägt. Viele bleiben die ganze Zeit über oder kommen mehrmals wieder. Ernsthaft entwickeln sie diese Parallelwelt mit, diskutieren die Entscheidungen der Gamemasters, versuchen zu intervenieren, wenn ihre Favoriten nicht gewinnen, und je länger das Spiel dauert und die beginnenden Tage sich mürbe an durchfeierte Nächte anschließen, desto natürlicher werden die großen Fragen nach dem Sinn des Lebens, Schicksal, Glück und Leid erwogen und gewendet.

Diese magischen Stunden auf Partys, wenn die Zeit lange nach Mitternacht stehen zu bleiben scheint und sich Parallelwelten öffnen, Rationalität nur noch Neige in der Flasche ist und man rauschhaft ins Reden kommt. Dieses Gleiten durch die Nacht weitet diese über den Tag hinaus aus, führt einen durch diese altmodische Welt fester Rollenbilder und Zimmer, den "Zimtläden" des Bruno Schultz gleich, nur unseren fünfziger Jahren entsprungen, in eine scheinbar einfachere Wirklichkeit, die schwerelos wie Spinnweben, Träume, Wünsche und Möglichkeiten aufscheinen lässt.

Odessa ist selber wie eine Spieluhr

Eine Märchenwelt, die ich als Performance-Erzählung eher dem Einfluss der östlichen Welt zugeschlagen hätte, die hier aber als Avantgarde-Ereignis ankommt und ein Fenster in den durch Reisen unerreichbar scheinenden Westen öffnet. Kunst als Befreiung von dem immer noch präsenten sowjetischen Mief.

Odessa ist selber wie eine Spieluhr, die innerhalb der Ukraine vom russischen Einfluss geprägt ist. Die Stadt mit dem größten Industriehafen des Schwarzen Meeres ist durchgehend im k.u.k-Stil des 19. Jahrhunderts erhalten, geprägt von einer Weltläufigkeit, die vor den zwei Weltkriegen kulturell Anschluss an Berlin und Wien hatte. Armut trifft hier auf den neuen russischen Reichtum, auf Modeläden, die man in Berlin suchen müsste.

Odessa, pittoresk, anmutig, globalisiert und von Touristen allmählich in Beschlag genommen, Odessa scheint der richtige Ort zu sein, um das Black/North Sea Festival zu starten, das bis 2010 die Hafenstädte des Schwarzen Meeres und der Nordsee bespielt. Eine alte Erzählung, deren Täuschungen zu glatt ins Blut übergehen. Gut, dass der Hafen so unromantisch ist und die Performer von SIGNA so wundervolle Menschenbilder entwerfen, dass man nicht mit Liebe zu ihnen geizen möchte. Ganz zum Schluss erschien überraschend Martha Rubin aus Rubytown und stürzte die Gruppe selber in eine neue Erzählung, der sie sich noch gewachsen erweisen muss. 

Der Berliner Fotograf und Autor David Baltzer begleitete die 54-stündige Performance mit der Kamera und übernahm außerdem die Rolle eines Dieners.   

 

The Black Sea Oracle Games
von SIGNA
Konzept: Signa Sørensen & Arthur Köstler, Regie: Signa Sørensen, Video: Arthur Köstler, Ausstattung: Signa Sørensen und Thomas Bo Nilsson. Mit: Frank Bätge, Maria Pia Bertoldi, Gry Worre Hallberg, Irina Zabrodina Jørgensen, Arthur Köstler, Emil Groth Larsen, Sybille Meier, Thomas Bo Nilsson, Signa Sørensen, Momir Subotic und Vyara Tabakova.

www.signa.dk
www.intercult.se
 

 

Mehr über Signa hier (The Dorine Chalkine Institute) und hier (Die Erscheinungen der Martha Rubin).

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