Turnen, singen, toben

von Hartmut Krug

Rostock, 13. Oktober 2017. Sie poltern durch die Tür und fallen über den Tisch, an dem sie dann zueinander finden, sich auf die Nerven gehen und hinter ihren riesigen Spielkarten verstecken: Johanna Schalls Inszenierung von Eugène Labiches Schwank "Das Sparschwein" am Volkstheater Rostock zeigt sich von Beginn an als ein hochtouriger Slapstick-Tanz von komischen Landeiern. Wenn diese endlich ihr volles Sparschwein schlachten, das durch die Einzahlungen der Verlierer bei den Kartenspielen voll geworden ist, und sich für eine Fahrt nach Paris entscheiden, dann ahnt man sofort: Das wird nicht gut gehen – auch, weil jeder einen anderen Plan hat, was er in Paris machen möchte.

Sparschwein1 560 Thomas Hntzschel uEin Ensemble außer Rand und Band in Jenny Schalls quietschigen Kostümen © Thomas Häntzschel

Labiches Stück, 1973 an der Schaubühne von Peter Stein in der Textfassung von Botho Strauß triumphal als Schauspielertheater präsentiert, in dem die Wünsche und Ängste von Kleinbürgern ausgestellt wurden und eine soziale Klasse kenntlich gemacht wurde, kommt seitdem oft auf deutsche Bühnen. Meist als Klamotte. Auch in Rostock gab es wohl schon Anfang der 80er Jahre eine Inszenierung dieses Stückes. Johanna Schall setzt bei ihrer Inszenierung vor allem auf Tempo und virtuoses Körpertheater: Selten sah man ein Ensemble so heftig mit Lust grobe Effekte und gymnastisch sportliche Spielweise virtuos miteinander verbinden.

Turnerisches Theater der Eindeutigkeiten

Wie hier jede Figur in den so tollen wie hypertroph übersteigerten Kostümen von Jenny Schall erst kenntlich gemacht wird und dann ausbricht in ein turnerisches Theater der Eindeutigkeiten, das überforderte anfangs das zunächst zurückhaltende Publikum. Doch je mehr geturnt, gesungen, getobt wurde und man vor keinem, leider auch gelegentlich nur albern missglücktem Gag zurück schreckte, um so mehr ging es mit.

Sparschwein2 560 Thomas Hntzschel uParis hat seine Tücken: Ulrich K. Müller, Friderikke-Maria Hörbe, Sophia Platz © Thomas Häntzschel

Anfangs aber sitzen die Kleinstädter gemeinsam im engen Zimmer beim Kartenspiel: der Rentner Chambourcy und seine ausladende Schwester, die mit heimlichen Zeitungsinseraten einen Mann sucht, außerdem der miesepetrige Apotheker und dessen Tochter, die den schüchternen Notar Felix zu einem Heiratsantrag bei ihrem Vater anzutreiben sucht, dazu der Bauer a.D., dessen Sohn ihn beständig um mehr Geld angeht, und der seine schlechte Laune mit Fresssucht bekämpfende Apotheker. Es ist eine allzu bunte, sozial klar definierte Schar mit sehr unterschiedlichen Wünschen für die Fahrt nach Paris.

Wie diese nun erst in einem Lokal geneppt wird, dann unter falschem Verdacht von der Polizei auf der Wache festgehalten und sogar bestohlen wird, wie die Frau, die ein Heiratsinserat aufgegeben hat, beim Pariser Heiratsvermittler einen Kandidaten präsentiert bekommt, den sie aus ihrer Kleinstädter-Kartenrunde kennt, und wie die Gruppe zuletzt mittellos auf einer Baustelle und Barrikade strandet, bis der Notar Felix mit Geld kommt und sie alle befreit, das alles wird wild zappelig und inhaltlich zugleich komödiantisch brav erzählt.

Was der Inszenierung fehlt, ist allerdings die soziale Genauigkeit, mit der Labiche seine Kleinbürger-Figuren ausstellt. Anstelle einer genauen Analyse der alptraumhaften Ängste und Verhaltensweisen einer klar definierten sozialen Gruppe sehen wir: viele bunte Theaterfiguren.

 

Das Sparschwein
von Eugene Labiche
Regie: Johanna Schall, Bühne: Horst Vogelgesang, Kostüme: Jenny Schall, Deutsch: Sabrina Zwach, Musikalische Einrichtung: Ralph Zedler, Choreographie: Katja Taranu, Dramaturgie: Anna Langhoff.
Mit: Sebastian Kreutz, Friderikke-Maria Hörbe, Sophia Platz, Ulrich K. Müller, Luke Naite, Steffen Schreier, Rinaldo Steller, Bernd Färber, Sonja Hilberger, Antje Luckstein.
Dauer: 2 Stunden, 10 Minuten, eine Pause

www.volkstheater-rostock.de

 

Kritikenrundschau

"Eher als schrille Karrikatur" hat Johanna Schall aus Sicht von Dietrich Pätzold von der Ostseezeitung (17.10.2017) Eugène Labiches Kleinbürger auf die Bühne gebracht. Das mache teilweise Spaß, "ist aber allzu klar und eindeutig, um zweieinhalb Stunden die Spannung zu halten." Nur einmal widersetze sich die Inzenierung deutlich der Erwartung von simplen Schenkelklopf-Späßen. Die Schauspieler, insbesondere Sophia Platz, werden mit guten Noten bedacht.

 

 

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