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Im Kreislauf der Hoffnungslosigkeit

von Grete Götze

Frankfurt, 13. Januar 2018. Die Texte Franz Kafkas, so scheint es, treffen wieder den Nerv der Zeit. Im Schauspiel Frankfurt steht seine "Verwandlung" auf dem Spielplan, in der sich einer eines Morgens in einen Käfer verwandelt findet, und "Ein Bericht für eine Akademie" mit einer Frankfurter Schauspielschülerin ist immer noch buchbar zum Nachspielen für Schulen. Der Prager Autor hat Parabeln geschrieben, die unendlich weit weg erscheinen (und heute offenbar wieder unheimlich nah), in denen unbekannte Mächte einer jeden und jedem urplötzlich das Dasein unerträglich machen können.

Nun also eines von Kafkas drei Romanfragmenten, sein letztes, "Das Schloss" in der Regie von Robert Borgmann auf der großen Bühne im Schauspiel Frankfurt. Der 1980 geborene Regisseur hat für seine erste Arbeit in Frankfurt eine eigene Fassung erstellt, in der, zunächst wie in Kafkas Original, ein Landvermesser namens K. in ein verschneites Dorf kommt und unbedingt zum Schloss vordringen möchte, was ihm niemals gelingen wird. Warum es ihm so wichtig ist, ins Schloss und mit den Beamten des Schlosses in Kontakt zu kommen, ist ebenso unklar wie die Frage, warum alle Dorfbewohner eine untertänige Angst gegenüber der Obrigkeit und ein Misstrauen gegenüber dem Fremden haben.

Aus den Hähnen: nur Sand

Borgmann, der auch für das Bühnenbild verantwortlich zeichnet, hat aus Kafkas Schneelandschaft einen vertrockneten schwarzen Raum gemacht, in dem sich nur ein Haufen Kohle, ein paar Kartoffeln und Einmachgläser auf dem Boden finden. Über die Bühne schleppt sich ganz langsam ein Schauspieler in einem riesigen Fettkostüm auf eine Toilette, hilft, mit seinen Fingern den Urin am Penis abtropfen zu lassen, bevor er ebenso langsam zu zwei Wasserhähnen auf der linken Bühnenseite hinkt, aus denen aber nur Sand kommt. Dazu lautes Atmen aus den Lautsprechern – schon die erste Szene des Abends, der keineswegs in sich geschlossen wirkt, ist stark und dunkel und rätselhaft.

DasSchloss 560 2 BirgitHupfeld uIn Robert Borgmanns Bühnenbild führt eine Tür ins Nirgendwo, vorne Altine Emine © Birgit Hupfeld

Während der Landvermesser K., eigenartig hysterisch verkörpert von Max Mayer, seine ersten Erfahrungen mit den Dorfbewohnern sammelt, geht der dicke müde Mensch weiter seinem Trott nach. Als sich K. auszieht und mit Gasthaustochter Frieda (Katharina Bach) zu Boden sinkt, tanzt die eigenartige Figur plötzlich einen wilden Tanz unter der grell aufblitzenden Neonröhrenlicht-Decke, bis sie irgendwann verschwunden ist. Die von Philipp Weber komponierte elektronische Livemusik wird den ganzen Abend immer wieder zu einzelnen Szenen aus dem Orchestergraben dringen.

Der Regisseur als Rätselsteller

Der Zuschauer ist im ersten Teil des Abends bis zur Pause ein Suchender, hat ständig den Eindruck, gerade etwas verpasst zu haben. Mal verteilt Borgmann K.s Text auf mehrere Personen, doch wenn man gerade verstanden zu haben glaubt, wer wen verkörpert, ist diese Ordnung schon aufgelöst, und Mayer wieder erkennbar K. Zu Beginn dringt die Erzählerstimme noch aus Lautsprechern, später werden ein paar Sätze in der dritten Person von einer einzelnen Figur auf der Bühne gesprochen. Und während man den Szenen folgt, zusieht, wie Katharina Bach von einer Rolle in die nächste schlüpft, ist die Bühne unmerklich ein Stück nach hinten gerückt. Sie lässt im Vordergrund Schienen im Sand zum Vorschein kommen, die zu einer von der Decke hängenden Tür führen, hinter der aber nichts ist als der bis ganz nach hinten geöffnete Bühnenraum. Doch als man gerade den Eindruck gewonnen hat, dass Borgmann sich für Kafkas Text viel weniger interessiert als dafür, eigenartige Szenen und Bühnenbilder aus der Erzählung zu gewinnen, werden nach der Pause plötzlich lange Monologe gesprochen. Katharina Knap als Olga etwa erzählt die Geschichte ihrer aus rätselhaften Gründen im Dorf missachteten Familie mit einer so kindlich-naiven Verzweiflung, dass sie Szenenapplaus bekommt. Danach dreht sie sich um und blickt auf die Neonröhren-Umrisse eines Schmetterlings, der sogleich als kleines Feuerwerk explodiert.

DasSchloss 560 1 BirgitHupfeld uDer Landvermesser K. vorm Schloss - ratlos: Issak Dentler, Max Mayer, Katharina Bach, Stefan Graf, Samuel Simon  © Birgit Hupfeld

Und am Ende schlurft er wieder auf die Bühne, der Urmensch, der zutiefst müde. Wie ein Schmetterling aus dem Kokon entpuppt er sich aus seinem Fettkostüm und streift es dem bisherigen K. über. Der neu zum Vorschein gekommene K., Heiko Raulin, wie Mayer mit weißem T-Shirt und schwarzer Hose, zitiert aus T.S. Eliots Gedicht "Das öde Land", und seine Worte ragen klar und unerschütterlich aus dem bisherigen Text heraus.

Die zeitlose Hoffnung

Dass Borgmann sich nicht darum geschert hat, aus Kafkas Textfragment eine möglichst originalgetreue Dramatisierung zu schälen, wird nicht erst durch Buhrufe und die merklich geleerten Reihen nach der Pause klar. Aber er hat einen rätselhaften, vieldeutigen Abend geschaffen, der sich durch große Bilder und kleine Szenen einprägt und der nicht der Versuchung erliegt, die Probleme des Fremden in der heutigen Gesellschaft aufzuzeigen. Die Inszenierung bleibt aus der Zeit gefallen wie ihre Textvorlage. Und schließlich scheint doch so etwas wie Hoffnung darüber auf, dass der Mensch immer wieder aufsteht, um seine Ziele zu erreichen, um gegen die autoritären Mächte aufzubegehren. Selbst wenn das zum Scheitern verurteilt wäre, würde es der nächste Mensch genauso unermüdlich wieder versuchen.

Das Schloss
nach Franz Kafka, für die Bühne bearbeitet von Robert Borgmann
Regie und Bühne: Robert Borgmann, Kostüme: Thea Hoffmann-Axthelm, Musik: Philipp Weber, Dramaturgie: Ursula Thinnes.
Mit: Katharina Bach, Isaak Dentler, Altine Emini, Stefan Graf, Katharina Knap, Max Mayer, Wolfgang Pregler, Heiko Raulin, Samuel Simon, Hans Brunswick, Joel Borod / Edward Jumatate (Kind).
Dauer: 3 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.schauspielfrankfurt.de

 

Kritikenrundschau

Es sei kein ein­fa­cher Abend, jedoch: "Man wird die­ser oft schräg schil­lern­den, bild­star­ken, manch­mal auch dumpf dröh­nen­den In­sze­nie­rung nicht ge­recht, wenn man sie al­lein dar­an misst, wie eng sie sich an Kaf­kas Ro­man hält", schreibt Hubert Spiegel in der FAZ (15.1.18). Der Regisseur lege in sei­ner In­sze­nie­rung Schicht auf Schicht, wechsele im­mer wie­der Stim­mung und At­mo­sphä­re. "Borg­mann ar­bei­tet in Kaf­kas Pa­ra­bel über ei­ne ge­sichts- und ge­fühl­lo­se Macht, de­ren Ab­sich­ten eben­so un­klar blei­ben wie ih­re Le­gi­ti­ma­ti­on, die all­mäch­tig ist, weil ihr in den Angst­pro­jek­tio­nen All­macht zu­ge­schrie­ben wird, die Me­cha­nis­men der emo­tio­na­len Ma­ni­pu­la­tio­nen her­aus."

"Starkes Bildertheater" sah Johanna Dupré von der Mainzer Allgemeinen Zeitung (15.1.2018). Die stummen Bilder brächten einen emotionalen Kern von Kafkas Fragment auf den Punkt. Die Inszenierung behalte das Rätselhafte, Universell-Abstrakte der Kafkaschen Vorlage, ohne unzugänglich zu sein. Denn immer wieder entstünden beeindruckende Momente, bei denen die auf der Bühne arrangierten Körper emotional bedeutsam würden.

"Robert Borgmann hat sich offenbar vorgenommen, das Publikum zu zermürben und womöglich zu Tode zu langweilen, ihm zugleich aber zu demonstrieren, dass er etwas drauf hat, und zwar dreieinhalb Stunden lang", findet Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (15.1.2018). "Das Zermürbende und das prätentiös Hippe wird überdeutlich während des unendlichen Endes. Borgmann vermittelt auf den letzten Metern noch eine bescheidene Botschaft – sie lautet: Wer sich nicht beizeiten trollt, der bleibt hängen und wird dick und traurig."

"Das will auf den großen Wurf hinaus – und ist doch nur träge, wo es in seinen dreieinhalb Stunden eigentlich mit jener Spannung bestechen müsste, die der Stoff allemal hergeben würde", bemängelt zik auf op-online (15.1.2018). Markante Bilder gelängen Borgmann kaum. "Ein Fehlschlag." Nur das Bühnenbild sei "recht gelungen".