Die schmutzige Wäsche der Vergangenheit

von Matthias Schmidt

Dresden, 27. April 2018. Kurz nach der Pause, da hatte man schon fast zwei Stunden lang mit der kinderlosen spanischen Frau Yerma gelitten, geschah es doch noch. Im Grunde war nicht mehr damit zu rechnen, aber im Theater ist es bekanntlich nie zu spät. Die zwölf Frauen, die bis dahin wie die bloße visuelle und akustische Dekoration der ja doch recht schnell zu verstehenden Geschichte wirkten, trugen nun rote Kleider und schminkten sich die Lippen. Raus aus den Rollen, raus aus dem Textbuch und rein in eine andere Ebene! Aus den grauen 30er-Jahre-Muttermäusen wurden plötzlich junge Frauen von heute.

Sind so schöne Sätze ...

Nur Betty Freudenberg, eine dieser ewig über Yerma tuschelnden Wäscherinnen, verweigerte sich und tönte wütend los, was das denn für eine blöde Idee des Regisseurs sei! Zudem doch nicht alle mit demselben Lippenstift! Sie würden ja alle Herpes bekommen. Und Gina Calinoiu als Geisterbeschwörerin Dolores machte direkt weiter: für die Szene mit einer Zigeunerin habe man natürlich sie, die rumänische Schauspielerin, ausgewählt. Wobei sie bewusst radegebrecht habe, natürlich. Es war der Moment, in dem die ganze Inszenierung endlich mal kurz ihre – zugegeben opulente – Interpretationslosigkeit ablegte und spielerisch aufflackern ließ, wo unsere schmutzige Wäsche der Gegenwart hängt.

Yerma 3 560 SebastianHoppe uFrauenbild-Gefängnis mit Schmutzwäsche: die Bühne von Harald Thor © Sebastian Hoppe

Bis dahin setzte Andreas Kriegenburg auf eine Mischung aus Choreografie und leicht manieriertem Spiel. Der pure Garcia Lorca – in allegorischen Bildern getanzt, in stimmungsvollen Gesängen gebadet, bedeutungsschwer vorgetragen. Sind so schöne Sätze … Inklusive der für Lorca-Inszenierungen offenbar obligatorischen Bewegungsübungen mit sehr vielen Wäschestücken. Das ist wie mit den Birken bei Tschechow: man hofft, dass es diesmal ohne geht, und dann stehen doch wieder welche da.

Alles Metapher

Dabei ist Harald Thors Bühne alles andere als naturalistisch: ein weißer Sperrholzkasten, darin ein kleinerer, bewegbarer Kasten – die Wohnung von Yerma und Juan, ihrem Mann. Auf deren Rückseite noch mehr kleine Quader – die Arbeitsplätze der Wäscherinnen. Eine sterile, grell geleuchtete Welt, in der alle ein bisschen wie Gefangene wirken. Yerma und die Wäscherinnen, gefangen im Frauenbild eines Landes vor unserer Zeit. Yerma, die von den Frauen in die Enge getrieben wird, wird eingekreist im wahrsten Sinne. Weil sie als einzige kein Kind bekommt. Dabei wünscht sie sich nichts mehr als das, was Deleila Piasko von der ersten Szene an mit ganzer Kraft verkörpert. Eine Frau auf dem Grat zwischen Hoffnung und Hysterie.

Sie zappelt, sie schreit, sie bietet sich ihrem Mann in jeder Weise an – allein, er will kein Kind. Normal mit ihm darüber zu sprechen, das gelingt ihr erst ganz am Ende, als es längst zu spät ist. Jede der heutigen Frauen in den roten Kleidern, die wir nach der Pause sehen, hätte dieses Gespräch wohl eher gesucht. Womit das ganze tödliche Ende und damit auch das Stück natürlich obsolet wären. Zumal Simon Werdelis den Juan gar nicht als den Tyrannen gibt, den Yerma in ihm sieht. Er belehrt Yerma oft, die Frau gehöre ins Haus und nicht auf die Straße, wirkt dabei aber stets, als trage er damit nur ein Lorca-Zitat vor.

Yerma 4 560 SebastianHoppe uYerma und Juan (Deleila Piasko und Simon Werdelis) mit Betty Freudenberg, Karina Plachetka und  Mathis Reinhardt (Viktor) © Sebastian Hoppe

Viele der Frauen in den roten Kleidern würden sicher auch nicht wie Yerma handeln, würden vielleicht dem schicken Schäfer Viktor folgen statt sich weiterem Unglück mit Juan verpflichtet zu fühlen. Diese heutigen Frauen aber sehen wir erst nach der Pause. Bis dahin will alles Metapher sein. Man weiß nur nicht, wozu oder warum.

Fragen von Gender und Geschlecht?

Natürlich kann man mitfiebern mit Yerma und denken, dass Frauen es damals echt nicht leicht hatten, in Spanien. Doch dass die Fragen, die all das ins Heute holen würden, so lange so gar nicht berührt werden, das tut schon fast weh. Wo stehen kinderlose Frauen heute, wie geht die Gesellschaft mit ihnen um? Gibt es eine Verbindung zur #metoo-Debatte?

Das alles geschieht gar nicht oder nur andeutungsweise. Stattdessen zu viel Gestern, zu wenig Heute und eine seltsame Unentschiedenheit zwischen choreografischem Theater (die vielen schönen Bilder mit den zwölf Wäscherinnen, Yerma, ihrem Mann Juan und dem Schäfer Victor hätten das Stück auch ohne Text bereits komplett erzählt) und einem streckenweise fast opernhaft gekünstelten Schauspiel. Das war durchaus sehenswert und musikalisch toll und gut gemacht. Allein, die wenigen Minuten nach der Pause zeigten, hier wäre deutlich mehr drin gewesen: Mehr Umgang mit den Fragen von Gender und Geschlecht, mit den Rollenklischees, mit den Erfahrungen und, vielleicht, auch den Defiziten, die uns umtreiben.

 

Yerma
von Federico García Lorca
aus dem Spanischen von Susanne Lange
Regie: Andreas Kriegenburg, Bühne: Harald Thor, Kostüme: Andrea Schraad, Musik: Marcel Blatti, Licht: Peter Lorenz, Dramaturgie: Julia Weinreich.
Mit: Deleila Piasko, Tabitha Frehner, Hannelore Koch, Gina Calinoiu, Simon Werdelis, Mathis Reinhardt, Karina Plachetka, Claudia Korneev, Marina Poltmann, Betty Freudenberg, Tammy Girke, Marlen Bieber, Mae Dettenborn, Paula Götz, Klara Hofmann, Anne Rotzsch, Elisabeth Helene Sperfeld.
Länge: 2 Stunden 25 Minuten, eine Pause

www.staatsschauspiel-dresden.de

 


Kritikenrundschau

Von einem "falschen Abend" berichtet Simon Strauss in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (30.4.2018). "Ein Regisseur sollte nicht versuchen, seine junge, lebendige Hauptdarstellerin als eine Frau vergangener Tage zu tarnen und mit Klischees imaginierter Weiblichkeit zu beschweren", schreibt der Kritiker. Es seien "Klischees nicht so sehr von Weiblichkeit, sondern vor allem vom befriedigungssüchtigen protomännlichen Blick". Die Inszenierung erzeuge keine "flirrende Stimmung", sondern wirke wie "Erotik aus dem Katalog"; "von der inneren Bewegung der Figuren" wolle der Regisseur "wenig wissen“. Dabei, so Strauss, wäre "mit diesem Ensemble junger Frauen Großartiges möglich gewesen".

Eberhard Spreng schreibt auf der Website des Deutschlandfunks (28.4.2018): Die "selbstzerstörerische Rücksicht auf Ehre und Anstand" in "Yerma" sei der "psychologischen Ausdeutung" heute schwer zugänglich. Kriegenburg habe sich also "in mächtigen, kühlen und streng geometrischen Bildern" an der "Emblematik des metaphernreichen Textes abgearbeitet". Die Inszenierung sei "in einer fein gearbeiteten Abfolge der Choreografien, der Farbdramaturgie, der klaren Architekturen und Lichtstimmungen" immer "gediegene Unterhaltung". Doch nur einmal dürfe der Chor aus der "schönen und etwas toten Bildhaftigkeit" ins Heute ausscheren. Aber das "von Susanne Lange überdies bis zur Freudlosigkeit nüchtern übersetzte Stück Poesie" könne heutzutage den "wachsenden Wahnsinn der Protagonistin" kaum noch vermitteln.

Sebastian Thiele schreibt in der Sächsischen Zeitung aus Dresden (30.4.2018): "Grandios körperlich und tänzerisch" sei die Inszenierung angelegt. Choreografien und "streng komponierte Abläufe" zeigten einen "dominanten Regie-Duktus voller Einfälle und "Spannungsaufheller". Die "sinnlichsten Bilder" entstünden. "Ästhetisch auf höchstem Niveau" durchzögen "chorische Gesänge und Arrangements" von Marcel Blatti den Abend. Doch werde man nie "eingelullt", "Brüche" setzten "gezielte Wahrnehmungsspitzen". Deleila Piaskos erste große Dresdner Rolle als Yerma werde bei ihrer "Energie und Überzeugungskraft" gewiss nicht ihre letzte bleiben.

In den Dresdner Neuesten Nachrichten (30.4.2018) schreibt Friederike Ostwald aus "vielen guten Einzelteilen" werde nicht "unbedingt" ein "ergreifendes Ganzes", wenn die "Emotion" als Klebstoff fehle. Zunächst staune man über Kriegenburgs "Ideenreichtum", die "innovativen Stilmittel" und "starken Bilder". Die Inszenierung stelle für die Schauspieler*innen einen wahren Kraftakt dar, dem man "hohen Tribut zollen" müsse. Dennoch ergreife einen das Geschehen nicht "gänzlich". Das liege zum Teil an Deleila Piasko, die sich fast durch das ganze Stück schreie und keife, dass man sich unweigerlich auf die Seite ihres Ehemannes schlagen wolle. Die "blödsinnigen Klamaukeinlagen" des Frauenchores und das von Kriegenburg verschenkte Ende im Wahnsinn störten ebenfalls "das Aufkommen wahrer Emotionen".

 

 

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