Gott ist voll Zorn auf dieses Land

von Andreas Thamm

Erlangen, 27. September 2018. Man hört zunächst den Sound einer Straße und man weiß irgendwie, das ist New York. Dann den Sound der Stimme des Mannes, von dem "Golden House" auch erzählt, obwohl er nie auftritt: Barack Obama. Hannes Strobl kratzt unheilvoll auf dem Kontrabass, die Schauspieler sind da, aber im Dunkeln, auf der Leinwand im Hintergrund die amerikanische Flagge in schwarz und weiß.

"Nennt mich René", sagt René so Moby-Dick-mäßig, "mehr kann ich nicht für euch tun." Er will einen Film über die Familie Golden drehen. Er ist der Erzähler dieses Stücks, aber eigentlich ist er mehr als das. Denn während René von den Goldens erzählt, erschafft und verwirft er sie auch. Sie sind seine Nachbarn, aber sie sind auch sein Sujet.

Handlung als Spiel

So ungefähr kann man die Grundprämisse von Golden House formulieren. Thomas Krupa hat Salman Rushdies jüngsten Roman im Markgrafentheater Erlangen inszeniert. Die Vorlage spielt mit dem Versprechen des linearen Erzählers. Einerseits – und so hat auch Krupa Textschleifen eingebaut, der Anfang taucht auch am Ende wieder auf, die räumlich-zeitliche Orientierung fällt superschwer. Immerhin ist die Handlung eindeutig verortet, in der Amtszeit eben von Barack Obama. Klassisch, nach amerikanischem Verständnis, ist die Erzählung zudem, schließlich handelt sie von einer Familie. Das Familienoberhaupt Nero Golden ist ein mafiös angehauchter Selfmademan aus Indien, der seiner neuen Wahlheimat New York rät, sie müsse sich endlich wieder von Gott lossagen: "Das Geschäft Amerikas ist das Geschäft, daran glaube ich."

GOLDEN HOUSE 6 560 Jochen Quast uWillkommen im Golden House: Hannes Strobl, Ralph Jung, Hermann Große-Berg, Violetta Zupančič © Jochen Quast

Im titelgebenden Anwesen "Golden House" residiert Nero mit seinen drei Söhnen: Lucius, dem Künstler, Petronius, bzw. Petya, dem Asperger-Autisten und schließlich Dionysos, der sich D nennt. Während Lucius und Petya immer wieder auftauchen wie Springteufel aus einem unaufgeräumten Kinderzimmer, findet an D eine quasi-linear erzählte Metamorphose statt. Er entdeckt seine Transidentität, bzw. Transfemininität, bzw. non-binäre Identität. Oder vielmehr: Er entdeckt seine Verwirrung darüber, dass es da etwas zu entdecken geben soll: "Was, wenn ich all diese Bezeichnungen abstoßend finde?"

Das Stück verhandelt das Thema der Identität, und nicht nur dieses, indem es ständig Verknüpfungen baut zwischen dem persönlichen Schicksal und dem politischen, dem des Landes, der Welt. Mit seinen Menschen verändert sich das Land, so radikal wie jemand, der einen anderen in sich entdeckt. Es ist zwar alles, was geschieht, absurd, aber eben trotzdem von Bedeutung für alles andere.

Auch so im Fall von Nero selbst. Der hat zwar mittlerweile die ideale Frau, Vasilia, gefunden – "Haben Sie ihre Bilder im Playboy gesehen?" – aber er krümmt sich unter der Verantwortung für den Tod der Ex-Frau beim Anschlag auf das Taj Mahal Hotel in Mumbai 2008. Erst später wird klar, dass diese Verantwortung mehr ist als die Last des Überlebenden, sondern tatsächlich strafrechtlich relevante Schuld.

Der Erzähler als Kindsvater

Der Erzähler René diskutiert und entwirft diesen Plot im Zwiegespräch mit seiner Freundin Suchitra. Hinter ihrem Rücken allerdings ersetzt er selbst Nero als Vasilias Sexualpartner. Der Alte ist unfruchtbar, die junge Freundin lechzt nach einem Kind. An drei Nachmittagen im Monat soll der Filmemacher, der eigentlich auch ihr Schöpfer ist, sie befruchten. "Du musst postfaktisch werden!", hatte Suchitra ihm zugerufen. Golden House stellt auch die Frage, ob es obszön sei, Geschichten zu erfinden, wenn auf der Weltbühne die Fakten verschwimmen.

Durchatmen, denn das alles ist ein Knäuel, am Anfang zumindest. Erst mit der Zeit bekommt der Zuschauer die einzelnen Fäden halbwegs zu fassen. Im Programmheft ist die Dauer des Stücks noch mit drei Stunden angegeben, eine Pause. Nach Drucklegung wurde die Inszenierung anscheinend noch einmal radikal gestrafft; keine Pause mehr, zwei Stunden.

GOLDEN HOUSE 3 560 Jochen Quast uEine schrecklich poppige Familie: Violetta Zupančič, Hermann Große-Berg, Enrique Fiß © Jochen Quast

Und das ist fabelhaft, denn vor allem das hohe Tempo gibt diesem Abend seine unheimliche Kraft. Sozialwissenschaftliche Theorien und Weltgeschichte – 9/11, Occupy, Obama singt "Amazing Grace" – fliegen geradezu durch den Saal. Nicht nur, wenn der herrlich irre Ralph Jung als autistischer Petya sein lexikalisches Wissen unter Beweis stellen soll. Die in der Vorlage angelegten Meta-Erzählungen steigert Krupa durch die Webcam im Laptop, die Kamera im Bühnenbild, das Abfilmen des Saals. Die Leinwand wird bespielt von Coco-Chanel-Werbung und der hektischen, von nervtötendem Rauschen unterlegten Bilderfolge: Tupac, Kurt Cobain, Gandhi, Black Lives Matter …

Das Böse regiert

Das kennt man, denn die USA ohne Pop zu erzählen, das ergäbe keinen Sinn. Umso mehr, wenn man versteht, dass mit dem Ende der Familie Golden auch die Amtszeit des Helden zu Ende geht und die des Schurken folgt. Rushdie hat aus Trump den Joker gemacht, was ein bisschen sehr naheliegend, platt erscheint. Aber insofern funktioniert, als dass das ja nun auch nicht der Joker ist, sondern eigentlich Heath Ledger und in Erlangen ganz eigentlich Enrique Fiß‘ Version von Ledgers Joker. Und die ist so laut, grün und vollgestopft mit bösartiger Autorität, dass einem trotz all der Metaschachteln die reale Wahrhaftigkeit des Schlechten wieder angreift. So wie man da sitzt, verwirrt und denkbar begeistert.

Wie ein Erlöser erscheint da fast der Obdachlose, in dessen paranoidem Gestammel zumindest eine eindeutig zugrunde gehende Welt stattfindet: Lebendige Waffen schießen uns die Pimmel ab, Teddys wollen uns die Kehle durchschlitzen, Gott ist voll Zorn auf dieses Land. "Der ist gut", rät Sachitra ihrem Freund, "der muss auf jeden Fall drin bleiben."

 

Golden House
von Salman Rushdie
Uraufführung
Regie, Bühnenfassung, Bühne: Thomas Krupa; Musik: Hannes Strobl; Kostüme: Monika Gora; Video: Stefano di Buduo; Dramaturgie: Linda Best; Licht: Lars Mündt.
Mit: Amos Detscher, Hermann Große-Berg, Ralph Jung, Martin Maecker, Enrique Fiß, Violetta Zupancic (Alexandra Ostapenko), Janina Zschernig, Lisa Marie Stoiber, Lisa Fedkenheuer.
Dauer: 2 Stunden, eine Pause

www.theater-erlangen.de

 

Kritikenrundschau

"Krupa konzentriert sich vor allem auf den Untergang des Goldenen Hauses und seiner Bewohner und liefert so eine düstere Gegenwartsdiagnose," schreibt Florian Welle in der Süddeutschen Zeitung (1.10.2018) "Das Ensemble spielt aus Sicht des Kritikers "kraftvoll". Vor allem Hermann Große-Berg als "großartig müder Nero" und Enrique Fiß in der Doppelrolle als "verletzlicher Dionysos und als psychotischer Joker" überzeugen ihn. Wer aber den Roman, der seine komplexe Geschichte nicht linear, sondern in Vor-, Rück- und Zwischenblenden erzählt, nicht kennt, der dürfte sich der Einschätzung Welles zufolge "durchaus schwer tun, dem Bühnengeschehen immer zu folgen".

 

 

 
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