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Kunst zweiter Ordnung

von Willibald Spatz

München, 7. Dezember 2018. Wenn ein Regisseur ein Stück angreift, sollte man meinen, dass er zumindest weiß, ob er etwas damit anfangen kann, ob es irgendetwas gibt, was er einem Publikum mit seiner Version einer alten Geschichte erzählen will. Der Regisseur in der "Macbeth"- Umschreibung an den Münchner Kammerspielen hat am Anfang durchaus eine Ahnung. Am Ende ist er ratlos und steht ohne Stück und ohne Ensemble da. So kann es gehen, wenn man sich zu weit aus seiner Komfortzone wagt.

Warum nur – und warum ist das so kompliziert?

Amir Reza Koohestani ist der echte Regisseur dieses Stücks über das Scheitern einer "Macbeth"-Aufführung. Anders als der Bühnen-Regisseur (Christian Löber) scheitert er mit seinem Unternehmen keineswegs. Koohestani stammt aus dem Iran, inszeniert aber schon mehrere Jahre immer wieder in Europa; in den Kammerspielen brachte er zuletzt mit Der Fall Meursault – Eine Gegendarstellung und Die Attentäterin zwei Romanadaptionen heraus. Jetzt beschäftigt er sich zum ersten Mal an diesem Haus mit einem klassischen Shakespeare-Stoff. Und fast mehr noch als für das Original scheint er sich dafür zu interessieren, warum und wie man sich überhaupt heutzutage noch mit so etwas auseinander setzen will.

Macbeth 3 560 ThomasAurin uIst Macbeth und der Regisseur des Macbeth: Christian Löber © Thomas Aurin 

Christian Löber spielt den Regisseur, er spielt auch den Macbeth und hat zwei Probleme: Seine beiden Lady-Macbeth-Darstellerinnen. Sowohl die ursprünglich vorgesehene als auch ihr Ersatz machen eine Woche vor der geplanten Premiere unmögliche Sperenzchen. Die Drehbühne von Mitra Nadjmabadi erlaubt abwechselnd Einblicke in Schlaf- und Badezimmer. Beides muss er sich mit beiden Schauspielerinnen teilen. Das Private ist also schon kompliziert genug und von der Arbeit nicht mehr zu trennen.

Abwaschbare Flecken und authentisches Farsi

Ein Großteil des Stücks besteht nun aus Probenszenen oder Probenpausenszenen, die aus verschiedenen Gründen aus dem Ruder laufen. Stefan Merki spielt einen Banquo-Schauspieler, der dermaßen in seiner Rolle versinkt, dass er die anderen ununterbrochen vollquatscht. Irgendwann sitzt er mit blutendem Kopf auf einer Kloschüssel und man weiß nicht ob das Teil einer Inszenierung ist oder ob ihn einer seiner Mitspieler tatsächlich massakriert hat. Als Banquo-Geist bringt er seinen Mund jedenfalls auch nicht zu. Walter Hess ist der Duncan-Darsteller, der Routinier, der die Ruhe behält. Er darf zu Beginn für Dr. Beckmanns Fleckenteufel-Spray werben. Mit dem ließen sich Kunstblutflecken, die sich die Zuschauer der ersten Reihen zuziehen könnten, mühelos entfernen.

Macbeth 2 560 ThomasAurin uTeilt Bad und Bett mit seinen Ladies: Christian Löber, Mahin Sadri, Gro Swantje Kohlhof (v.l.n.r.) © Thomas Aurin 

Kinan Hmeidan und Kamel Najma sind im echten Leben Mitglieder des Open Border Ensembles der Münchner Kammerspiele. Das ist eine Gruppe von Schauspielern, die ihre Heimat verlassen haben, um hier zu arbeiten. Sie sind nicht geflohen, sondern besitzen ein Arbeitsvisum. Die Stücke, an denen sie bisher beteiligt waren, behandelten aber immer mehr oder weniger die Zustände in ihrer Heimat im Kontrast zum Leben in Deutschland. Nun dürfen sie einfach nur in einem Shakespeare-Stück spielen. Der Regisseur im Stück verlangt von ihnen aber, dass sie ihre Rollen – Donailbain und Rosse – auf Farsi sprechen, damit es authentischer wirkt. Die beiden gehorchen. Was sollen sie machen? Wenn sie es nicht tun, brüllt er wieder.

Die Realität überholt das Theater

Die eine Lady Macbeth – Mahin Sadri – soll auch Farsi sprechen, damit man sie versteht. Das will sie aber nicht, sie will deutsch sprechen. Bei einer Leseprobe eskaliert die Situation. Nachdem sie eine Stelle drei Mal lesen musste, wirft sie ihrem Regisseur vor, dass er noch nie in echt einen Blutbefleckten gesehen habe, dass er gar nicht wisse, wovon er da rede. Damit ist das Stück geplatzt. Die Realität hat die Kunst überholt und überflüssig gemacht. Was bleibt, ist melancholische Leere und den Bühnenarbeiten beim Abbauen zuzusehen.

Freilich ist Amir Reza Koohestanis Idee ein etwas schwerfälliges Konstrukt, in dem er sich manchmal verheddert. Das Ensemble durchlebt während der Probenarbeit ganz viele "Macbeth"-Situationen, in denen sie ohne Brüche von ihrem Alltags- in ihren Stücktext wechseln können. Psychedelische Video-Überblendungen sorgen dafür, dass manche Passagen ebenso in einer werktreuen "Macbeth“-Umsetzung bestehen könnten. Dazwischen singt Polly Lapkovskaja die Shakespearschen Original-Hexentexte. Auch das überwältigt zunächst ausschließlich.

Dennoch bleibt im Wesentlichen dieses Spiel mit dem Zueinanderfinden in einem babylonischen Sprachengewirr. Ein Ringen um die Relevanz dessen, was man mit Theater ausdrücken will und das dann von der Realität immer wieder für nichtig erklärt wird. Was allen wenigstens bleibt, ist die Zeit, in der sie zusammen versucht haben, Theater zu machen. Immerhin.

 

Macbeth
nach William Shakespeare, von Amir Reza Koohestani
Inszenierung: Amir Reza Koohestani, Bühne: Mitra Nadjmabadi, Kostüme: Negar Nemati, Video: Benjamin Krieg, Co-Video: Phillip Hohenwarter, Musik: Polly Lapkovskaja, Live-Musik: Pollyester, Licht: Christian Schweig, Übersetzung: Mehdi Moradpour, Dramaturgie: Helena Eckert
Mit: Walter Hess, Kinan Hmeidan, Gro Swantje Kohlhof, Christian Löber, Stefan Merki, Kamel Najma, Vincent Redetzki, Mahin Sadri
Premiere am 7. Dezember 2018
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.muenchner-kammerspiele.de

 

Kritikenrundschau

"Was Shakespeare 1606 schrieb, war tragisch; was Koohestani inszeniert, ist über weite Strecken komisch, in Persiflagen auf den Theaterbetrieb, in Seitenhieben auf Aberglaube, Regietheater, Method Acting oft sogar boulevardesk. Die 'King's Men' im Globe Theatre spielten für James I.; Koohestani lässt die Frage 'Für wen spielen wir?' extra unbeantwortet", schreibt Teresa Grenzmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (10.12.2018). Aber: Das "Spiegelspiel mit doppeltem Boden" führe nicht über sich selbst hinaus.

"Wer auf eine Durchdeklinierung der Shakespearschen Akte gehofft hatte, wurde nicht nur enttäuscht, sondern gleichsam radikal auf einen Kern zurückgeworfen, auf das Leben als Tragödie und das mitleidlose Scheitern der Akteure", schreibt K. Erik Franzen in der Frankfurter Rundschau (10.12.2018). Koohestani orchestriere das Stück im Stück als "anarchischen Vier-Sprachen-Chor mit arabischen, deutschen, englischen und Farsi-Elementen, die nicht gegeneinander ausgespielt werden (und nicht selten wunderbar selbstironisch daherkommen)". Glänzend gelinge es dem Kammerspiel-Ensemble Matthias Lilienthals das Sprachen(des)integrationsgemisch aufzubereiten. "Lustvoll konzentriert redet man ins Blaue, trifft manchmal ins Schwarze und manchmal weit daneben."

"Koohestanis 'Macbeth'-Nachdenkarbeit ist oft ein kluger Spaß und in manchen Momenten sogar wunderschön", schreibt Wolfgang Höbel auf Spiegel Online (8.12.2018). Es stecke aber auch "eine Menge Besserwisserei und Insidergerede in dieser scheinbar so offen-diskursbegeisterten Theaterarbeit". Koohestani wolle uns nicht den Theaterirrsinn als perfektes Sinnbild für das Irresein der Welt vorführen, "sondern immer wieder neue Anläufe nehmen zur großen Sinnfrage, warum bloß wir Menschen einander immer wieder schreckliche und komische Geschichten erzählen". Die Antwort scheine er allerdings schon zu kennen. "Das ist die Schwäche dieser bewusst provisorischen, betont knirschend-wackeligen Aufführungs-Konstruktion. Sie handelt von einer babylonischen Sprachverwirrung, aber auch von der scheinbar allwissenden Überlegenheitsgeste eines Regisseurs."

Man sei nach der Premiere keinen Deut schlauer in Bezug auf Shakespeares Stück, schreibt Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (10.12.2018). "Koohestani lässt von den letzten Probentagen erzählen, springt vor und zurück. Man spürt, dass er seinen Text während seiner eigenen Proben von Tag zu Tag fortschrieb, es geht durchaus wirr zu." Ihn interessiere nur Zweierlei: "der Umgang mit Sprache und die Schnittstelle zwischen Figur, Schauspieler, Privatperson".