Feeling Faust

von Anna Landefeld

München, 23. Januar 2019. Was für drei verlorene Gestalten, ja. Er, tief gefangen in seiner heteronormativen Midlife-Crisis. Sie, minderjährig, von ihm schwanger und verzweifelt. Der Dritte, ein Nihilist. Was für drei verlorene, traurige Gestalten – dieser Faust, dieses Gretchen, dieser Mephisto. Und Regisseurin Leonie Böhm lässt sie verloren und traurig sein. Wenn sich der melancholische goethesche Faust zwischen den Ach! zwei Seelen in der Brust entscheiden muss, sich noch das Hirn zermartert, ob denn nun Verstand oder Gefühl das Bessere sei – dann hat sich Böhm längst entschieden: "Gefühl ist alles". So lautet das Credo ihres "Yung Faust" in der Kammer 2 der Münchner Kammerspiele. Böhm entrümpelt und lüftet mal eben kräftig durch im deutschen, sehr muffigen Studierzimmer und lässt frische, ach was, freshe Luft hinein.

"Wie machen wir's?", fragt zu Beginn Julia Riedler in Goethes Worten, gelben Socken und grünen Sneakern. Sie stottert, sie presst aus ihrem Mund die tot-zitierten Zeilen über die Brust, in der die beiden Seelen wohnen. Die Zunge hängt ihr vor lauter – ist es tatsächlich vielleicht? – Ekel heraus. Nach links und rechts von sich gestreckt hat sie ihre überlangen Arme mit den ader-durchzogenen Fingern und den hervorstehenden Handgelenkknochen. Dazu diese leicht irren Julia-Riedler-Augen. "Ich ertrag mich nicht" – "Wie machen wir's?" Leonie Böhm macht es nur mit Goethes "Faust", und das ist beeindruckend. Sie nimmt den Text und spielt mit ihm, baut ihn neu zusammen. Zurück bleibt reinste, schönste Assoziation über den verzweifelten Überdruss an einfach allem.

Faust als Cloud Rapper

Wo ließe sich dem besser nachhängen als an dem Ort, den Bühnenbildner Sören Gerhardt erschaffen hat: ein futuristisch-tristes Gemisch aus Fußgängerzone und Innenhof, wo alles edelstahlig ist und sinnlos geometrisch zurechtgeformt und wo es Brunnen mit seltsam choreografierten Wasser-Lichtspielen gibt. Was man an solchen Orten tut, haben Typen wie Yung Hurn vorgemacht: Depri sein und reimen. Am Ende auch nichts anderes als was Faust so macht. Faust, einer der ersten Cloud Rapper? Leonie Böhm lässt diese Gedankenspielerei zu. Und macht dazu, genauso wie es im Cloud Rap geschieht, Schluss mit nerviger (faust'scher) Hypermaskulinität. Das gleiche macht sie mit Opfer-Frau Gretchen und der Vorstellung von einem Mephisto, der alle nur zu seiner eigenen bösen Belustigung anstachelt. Bei Böhm existiert keine dieser drei Figuren für sich. Jede*r ist jede*r. Alle sind alle. Alle Schauspieler*innen sind dieses Gefühl "Faust" – alt, jung, verliebt, kalt, böse, gierig, allein, gemeinsam, sehnsüchtig, überdrüssig, unterwürfig oder naiv.

yung faust 560a c julian baumann uIm Melancholie-Brunnen gebadet: Benjamin Radjaipour, Julia Riedler © Julian Baumann

Und soft ist cool, aber so derbe. Da klingt aus Annette Paulmanns Mund der Pakt zwischen Faust und Mephisto wie eine liebestrunkene Melodei, wenn sie in schwarzer Bomberjacke und Granny-Brille und -Frise zärtlich fragend bittet: "Werd ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch! du bist so schön! Dann magst du mich in Fesseln schlagen." Nichts klingt wie schon einmal gehört, unverbraucht sprechen die Schauspieler*innen den Text. Das obsessive "Mein Ruh' ist hin" klingt dank Keyboarder, Sänger und Ober-Hipster Johannes Rieder nach brabbeliger Kneipenpoesie. Und Benjamin Radjaipour, ganz in Hip-Hop-Weiß, flowt sich auf sexy Synthie-Wolken durch den "Osterspaziergang". Gemeinsam mit Julia Riedler rappt er sich in unangestrengtem Staccato und mit Tierschädeln auf dem Kopf durchs "Hexen-Einmaleins", als würden die beiden gerade den hottesten Track des Jahres droppen. Und bevor das ganze humanoid-metallische Autotune-Geflirre, Dabben, Skkrten und Russen-Gehocke auch nur ansatzweise peinlich werden könnte, lassen Radjaipour und Riedler einfach gar nicht zu, dass es das wird. Unbekümmert, ganz ohne Ehrfurcht vor dem großen Dichterfürsten und seiner Ur-Tragödie machen sie einfach.

yung faust 560b c julian baumann uAnnette Paulmann, Benjamin Radjaipour © Julian Baumann

Und Annette Paulmann? Die auch, und wie. Mit Radjaipour kniet sie im Fußgängerzonen-Brunnen. Die beiden knutschen wie Teenager, hemmungslos, mit schön viel Zunge. Ihre Münder so feucht wie ihre Klamotten. Sie nimmt ihn erst Doggystyle, dann winden sie sich in verschiedenen Stellungen über den Boden. Aus Klamauk wird binnen weniger Momente ein sanftes Liebesspiel. Aber nein. Annette Paulmann ist immer wieder die große Zweiflerin in dem Dreiergespann. "Ich will hier nicht sein" ist ihre Erwiderung auf Radjaipour Endlosschleife vom "Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein!". Eine, die sich schämt, wenn sie das gemacht hat, worauf sie doch eigentlich große Lust hatte. Weil sie sich für zu alt und zu jung, zu wichtig und unwichtig hält, alles zur gleichen Zeit. Eine, die irgendwo im Dazwischen hängt und sich am Ende lieber aus dem Staub macht. Dabei wäre es so einfach. Bei Leonie Böhm ist Frei- und Jungsein etwas, was man nur behaupten muss. Eben ein Gefühl.

Yung Faust
nach Johann Wolfgang von Goethe
Inszenierung: Leonie Böhm, Bühne: Sören Gerhardt, Kostüme: Mascha Mihoa Bischoff, Musik: Johannes Rieder, Licht: Jürgen Tulz, Dramaturgie: Tarun Kade.
Mit: Annette Paulmann, Benjamin Radjaipour, Julia Riedler, Live-Musik: Johannes Rieder.
Premiere am 23. Januar 2019
Dauer: 1 Stunde, ohne Pause

www.muenchner-kammerspiele.de

 

Kritikenrundschau

"Die Regisseurin reduziert Goethes 'Faust' auf ein paar zentrale Themen: die innere Leere, die Suche nach dem Gefühl“, schreibt Christiane Lutz in der Süddeutschen Zeitung (online 24.1.2019, 18:51 Uhr). Die Figuren im "säftelnden Drama eines alten weißen Mannes, das der 'Faust' halt auch ist", seien bei ihr geschlechtsneutral, es gebe keine Über- oder Unterlegenen, und jede*r der Spieler*innen spiele jede Rolle. Das sei gut gedacht, doch nicht gut gemacht, findet Lutz: Die Inszenierung von Leonie Böhm gehe „der Idee nicht wirklich nach und gestaltet den Abend stattdessen wie ein einstündiges Cloud-Rap-Musikvideo“, dabei erstarre sie in der ironischen Pose – und ersetze die elitären Codes des Bildungsbürgertums schlicht durch andere Codes, nämlich die des Cloud-Raps, "die auch wieder nur die Hälfte der Zuschauer versteht. Wenngleich immerhin mal die andere Hälfte."

Dieser Abend ist "weniger Faust als Fingerübung, bei der Goethes Verse vor allem als Spielmaterial zur Erkundung eines persönlich gefühlten Gehalts des Stücks gedient haben", findet Christoph Leibold im Bayerischen Rundfunk (24.1.2019, 10:31 Uhr). Das 'o' des verjüngten Faust habe die Regisseurin "nach dem Vorbild von HipHoppern wie Yung Hurn oder Yung Lean" gestrichen. "Mit zeitgenössischer Populärmusik hat Leonie Böhms  'Yung Faust' insofern auch zu tun, als sie eine dort verbreitete Technik auf Goethes Klassiker anwendet: das Sampling. Böhm sampelt einzelne Sätze, oft auch Dialogsequenzen aus dem Stück und verschneidet sie neu miteinander." Das sei durchaus belebend und erfrischend, so Leibold, "aber nur bedingt erkenntnisfördernd."

"Irgendwie ist wohl auch die hiphoppende Fun-Generation gemeint, wenn Regisseurin Leonie Böhm für die Kammer 2 die Topcharts der 'Faust'-Zitate zu 'Yung Faust' kompiliert", meint Mathias Hejny  in der Münchner Abendzeitung (online 24.1.2019, 16:35 Uhr). "Fulminant" seien die ersten zehn Minuten, und auch sonst hat dem Kritiker so manches gefallen. Insgesamt bliebe jedoch "das unbefriedigende Gefühl, einfach nur drei wirklich guten Schauspielern zuzusehen, wie sie die Ergebnisse ihrer Improvisationen über das Theater, die Liebe, den Sex, über die Jugend und das Älterwerden unter Verwendung klassischer Verse netterweise einmal öffentlich zeigen."

 

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