Jeder Fisch findet seinen Menschen

von Harald Raab

Kaiserslautern, 8. März 2019. Für Samuel Becketts Estragon und Waldimir stirbt die Hoffnung zuletzt. Godot könnte kommen und sie erlösen – wenn überhaupt und vielleicht. Für Nele Stuhlers Bühnenfigur E. ist die Katastrophe Schicksal. Ihr Disput mit einem Fisch findet vor der unausweichlichen Sintflut statt. Erderwärmung, Abschmelzen der Polkappen und so. Der Mensch muss sich Kiemen und Flossen wachsen lassen, um im Wasser über die Runden zu kommen. In diesem Element sind alle gleich. Die Hierarchie des Homo sapiens über Bruder Tier ist eliminiert.

Schicksalgemeinschaft

Am Pfalztheater Kaiserslautern wurde Nele Stuhlers Stück "Fische" uraufgeführt. Damit hat sie 2018 den Else-Lasker-Schüler-Stückpreis errungen. Seine Uraufführung gehört nebst 3.000 Euro zum ausgelobten Preis dazu: die Begegnung und so etwas wie eine Schicksalsgemeinschaft von einem Menschen in einem Zimmer und einem Fisch in einem (imaginierten) Glas. Die große weite und bedrohliche Welt bleibt draußen. Gefangen und isoliert? Aber hallo! Via Rückzug in einen Schutzraum lassen sich die Zumutungen des Lebens schließlich erst ertragen.

Fische 560a MarcoPiecuch uFisch liebt Mensch? (Marie Scharf und Martin Schultz-Coulon) © Marco Piecuch

Beckett'sche Tristesse oder Kafka'sche Selbstzerbröselung  – siehe "Die Verwandlung" – lässt die Autorin erst gar nicht aufkommen. Die Erzählstruktur verzichtet auf Klimax, auf Hintergründiges. Alles ist gleich wichtig – unwichtig. Die Leichtigkeit des Andersseins wird munter-naiv zur Schau gestellt. Es ist ja alles nur ein Spiel, wenn auch eines mit doppeltem Boden und vielleicht auch in einem Spiegelkabinett. Take it easy!

Der Text ist karg und mäandert in Redundanzen dahin. Sprachmagie oder gar Wertevermittlung sind hier nicht unbedingt zu entdecken. Im Programmheft wird man jedoch belehrt, dass die Struktur des Stückes der "Sonatenhauptsatzform" folgt -– "Exposition, erste und zweite Durchführung, Reprise und Coda". Sieh an, sieh an. Das hätte man sonst auch nicht bemerkt. Soweit die doch sehr offene Vorlage, in die jeder gießen kann, was er mag.

Slapstick und Theaterzauber

Regisseur Christopher Haninger fabuliert daraus eine Romanze, Liebeserwachen und Vereinigung trotz aller Widerstände – formal ein Mix aus Elementen des Kinder- und Jugendtheaters mit der Moral von der Geschichte: Seht her, Liebe kann Berge versetzen. Für jeden Topf gibt es einen passender Deckel. Jeder Fisch findet seinen Menschen, jeder Mensch seinen Fisch. Wir müssen uns nur alle recht lieb haben. Schöne heile Theaterwelt.

Fische 560 MarcoPiecuch uWie komme ich bloß heraus aus meiner Blase?? Martin Schultz-Coulon und Marie Scharf © Marco Piecuch

Lässt man sich auf diese harmlose Story ein, kann man einen keineswegs verlorenen Abend mit kleinen Scherzen, viel Slapstick-Komik und eine ganze Menge Bühnenzauber erleben. Für den sorgt die Ausstattung von Matthias Werner. Ohne seine Einfälle – gefühlsmächtig unterstützt von der Musik Ögünc Kardelens – wäre diese Produktion weniger als halb so beeindruckend. Werner schafft Bilder, die ihre Wirkung nicht verfehlen. Da schlägt der Fisch in einem aufgepumpten durchsichtigen Ballon Rad. Auf die Bühne ergießt sich eine Flut aus Schaum, in dem Mensch und Fisch ausgelassen planschen. Eine Gestalt in Karpfenmaske mit breitem Maul kommt zu Besuch. Im Schlussakt schweben Lichterketten auf die Bühne herab. Über den Boden wabert Nebel. Magische Endzeitstimmung, in der das Unmögliche möglich wird: das Einswerden von Mensch und Fisch in einem gemeinsamen Kostüm. Leben, aus dem Wasser geboren, zum Wasser zurückgekehrt.

Marie Scharf als Fisch und Martin Schultz-Coulon als E. werden dieser Metamorphose von ahnend spielerischer Zuneigung zur Vereinigung mit viel Körpereinsatz und Sensibilität für ihre Rollen gerecht. Sie in Röckchen und Leibchen aus Glitzer-Pailletten, das Haar zum Gretelzopf geflochten,strahlt burschikosen Gören-Charme aus, mal Trotzköpfchen, mal Naseweis, wandelt sich aber zur liebend-wissenden Frau. Er im hellblauen Anzug mit weißen Turnschuhen ergeht sich in Primanergehampel, überfordert von Nähe und erotischem Anspruch. Beide glänzen mit akrobatischen Kunststückchen und demonstrieren tragikomische Hilflosigkeit.

Was hat das Publikum davon?

Sich auszuprobieren im laufenden Theaterbetrieb, das ist wohl vorrangiger Sinn solcher neuen Stücke und ihrer Realisierung. Das ist natürlich höchst spannend und lustvoll für die Macher – und wohl auch notwendig für die Weiterentwicklung der Kulturinstitution Theater. Es ist aber auch legitim zu fragen, was aktuell das Publikum davon hat, das allzu oft ratlos bei diesem Experiment zurückbleibt? Zumindest das Recht, unterhalten zu werden, muss bedient werden. Und das gelingt im Pfalztheater in Kaiserslautern passabel.

Nele Stuhler hat als produktionsfreudiges Jungtalent mit ihrem Performance-Kollektiv FUX inzwischen einen so bekannten Namen, dass ihr Stück die Chance hat, nachgespielt zu werden. Es in einer anderen Interpretation zu sehen, könnte interessant sein.

 

Fische
von Nele Stuhler
Uraufführung
Regie: Christopher Haninger, Bühne und Kostüme: Matthias Werner, Dramaturgie: Melanie Pollmann, Musik: Ögünc Kardelen.
Mit: Marie Scharf, Martin Schultz-Coulon
Premiere am 9. März 2019
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.pfalztheater.de

 

Kritikenrundschau

"Nele Stuhler spielt virtuos auf der Klaviatur des Wortes", schreibt Fabian R. Lovisa in der Rheinpfalz (11.3.2019). Die Inszenierung von Christopher Haninger baue stringent auf die Stärken des Texts. "Neben dem Humor arbeitet der die stille Tragik heraus, die von Anfang an mitschwingt. Seine Personenführung setzt die Annäherung der Figuren einfühlsam in Szene." Fazit dieses Rezensenten: "Eine starke Parabel in Zeiten zunehmender Beziehungslosigkeit und gesellschaftlicher Isolation."

Eine "sehr schräge Beziehungskomödie" habe Nele Stuhler da geschrieben, sagt Martina Senghas im SWR2 (11.3.2019). Das Manuskript sei aufgebaut wie ein Sonatenhauptsatz – mit Exposition, Durchführung, vor allem aber mit genauen Tempoangaben. "Die beiden Schauspieler Marie Scharf als Fisch und Martin Schultz Coulon als E spielen voller Energie mit diesen Vorgaben, sind mal schneller, mal langsamer, wiederholen Sätze wie musikalische Motive und haben offensichtlich Spaß am absurden Gesamtklang." Regisseur Christopher Haninger opfere aber nicht alles der Komik. "Und das macht diese Abend zu einem gelungenen Werkstatttheaterabend, aus dem man gleichzeitig amüsiert und grübelnd herausgeht."

 

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