Doppelgänger in der Endlosschleife

von Mounia Meiborg

München, 25. September 2008. Die Welt ist eine seltsam schiefe Scheibe, und wer nicht aufpasst, fällt runter. Schon vom bloßen Anblick der verschiedenen Neigungswinkel kann einem schwindelig werden. Denn Andreas Kriegenburgs Bühne ist eine Mischung aus Hamsterrad und Halfpipe. Im Vordergrund liegt eine riesige Ellipse, die nach unverputztem Beton aussieht und sich in der Tiefe des Raumes verengt. Der hintere Hohlraum wird von einer Holzscheibe abgeschlossen, die als steile Rampe darin liegt, nach hinten geklappt wird und sich zugleich dreht. Fast senkrecht klebt das Mobiliar – ein Schreibtisch, ein Esstisch, Stühle, ein Bett – auf dem Untergrund. Anders die Menschen auf diesem ungastlichen Eiland: Sie kraxeln und straucheln, klettern und strampeln.

Andreas Kriegenburg siedelt Kafkas "Der Prozess" an den Münchner Kammerspielen von Anfang an im Bereich des Traum- und Wahnhaften an. Eine groteske Clownerie ist den acht Darstellern zu eigen, die sich im schwarzen Anzug, mit gegelten Haaren und schmalem Oberlippenbart sämtliche Charaktere anverwandeln. Ab und zu wird eine der Frauen durch ein Kleid und puppenhaft unbeteiligten Gesichtsausdruck zu einer Projektionsfläche männlichen Begehrens. Ansonsten ist der Einzelne in den Kostümen von Andrea Schraad nicht mehr und nicht weniger als gleichberechtigter Teil einer uniformierten Masse – Täter und Opfer zugleich.

Kafka spürt man in der Magengegend

Bereits in der ersten Szene zeigt sich, wie sinnvoll das Aufbrechen der Rollen ist. Der Bankprokurist Josef K. bekommt eines Morgens Besuch von zwei Männern, die ihn verhaften wollen. Kriegenburg splittet den Dialog zwischen Josef K. und einem der Wärter in drei verschiedene Paare, deren Worte wie Zahnräder ineinander greifen und zu einem kunstvollen Stimmenkonzert werden. Als Josef K. auf Weisung der Wärter das Gericht aufsuchen will, erzählt er an der Bühnenrampe stehend von seinen Irrwegen. Zugleich krabbeln zu ätherischen Xylophonakkorden in der Endlosschleife fünf seiner Doppelgänger auf der Bühnenschräge herum. Eine großartige Illustration. Denn ein kafkaesker Albtraum lässt sich kaum mit dem Verstand erfassen. Stattdessen spürt man ihn umso heftiger in der Magengegend.

Das Ensemble ist perfekt aufeinander eingespielt. Walter Hess, Lena Lauzemis, Sylvana Krappatsch, Oliver Mallison, Bernd Moss, Annette Paulmann, Katharina Schubert und Edmund Telgenkämper wechseln ständig die Rollen und verleihen ihnen zu jeder Zeit unbedingte Glaubwürdigkeit. Stummfilm und Slapstick sind die Paten dieses akrobatischen Bewegungstheaters. Da wird ein Putztuch in der Darstellerreihe ganz schnell weitergereicht, werden Köpfe zu einer Pyramide aufeinandergeschichtet oder im Kreisrund ein Wasserballett exerziert. Und durch die unbeholfen fuchtelnden Arme und die akkurat tänzelnden Beine hindurch grüßt, wie so oft bei Kriegenburg, Altmeister Buster Keaton.

Embryos auf der Drehscheibe

Josef K. sucht sich stets Hilfe bei den Falschen und wird zum Getriebenen seines Prozesses, von dem man bei Kafka nie weiß, ob er real existiert oder nur in K.s wahnhafter Vorstellung. Die Textfassung, die das Ensemble entwickelt hat, streicht ein paar zweifelnde Monologe K.s, verdichtet das Geschehen auf die wichtigsten Akteure und bleibt ansonsten nah am Original.

Die Inszenierung aber bewegt sich mit comicartig überzeichneten Charakteren und surrealem Setting fernab jeder psychologischen Realität. Nach der Pause dreht sich die leer gefegte Holzscheibe und zeigt das Sisyphoshafte von K.s Anstrengung. Sechs Josef K.s rutschen in rasendem Stillstand auf der Stelle wie Hamster in einem Rad, während ein vermeintlicher Helfer sich in absurden Spitzfindigkeiten des Gerichtswesens ergeht. Später liegen sie erschöpft, zusammengekrümmt wie Embryos einsam auf der sich unermüdlich drehenden Scheibe. Und finden am Ende doch wieder zusammen: Als sie sich über K. beugen, um ihn zu erstechen, bilden sie ein einziges großes Menschenknäuel. In diesem Zerrspiegel von Welt sind sie nichts als Splitter seiner selbst.

 

Der Prozess
nach Franz Kafka
Regie und Bühne: Andreas Kriegenburg, Kostüme: Andrea Schraad, Licht: Björn Gerum. Mit: Walter Hess, Lena Lauzemis, Sylvana Krappatsch, Oliver Mallison, Bernd Moss, Annette Paulmann, Katharina Schubert, Edmund Telgenkämper.

www.muenchner-kammerspiele.de

 

Mehr über Andreas Kriegenburg erfahren Sie in den Kritiken zu seiner Onkel Wanja-Inszenierung im Mai 2008 in Hamburg, zu seiner Uraufführung von Dea Lohers Das letzte Feuer im Januar 2008 ebenfalls am Thalia Theater Hamburg oder zu seiner Magdeburger Emilia Galotti im Dezember 2007.

 

Kritikenrundschau

In der Süddeutschen Zeitung (27.9.) jubelt Christopher Schmidt über Andreas Kriegenburgs "Prozess"-Adaption an den Münchner Kammerspielen: "Man wird lange nicht aus dem Staunen herauskommen an diesem phantasiemächtigen Premierenabend, der so wundersam und verwunschen ist, als wär's Zauberei, ein surrealer Bilderspuk, von einem sanften Theaterpoeten auf die Bühne geträumt." Kriegenburg trenne und vervielfache "konsequent Sprechen und Spielen", löse "den Text von der Figur, um ihn gewissermaßen zu vergesellschaften. Die Zersplitterung der Identität erlaubt es ihm, mit der ureigenen Formensprache des Theaters einen Reichtum an Bezügen herzustellen, statt diese umständlich erklären zu müssen, und damit szenischen Mehrwert zu erzielen." Choreographie und Arrangement der Text seien "von so ausgeklügelter Raffinesse und Komplexität, die Bildfindungen sind von so betörender Skurrilität und Poesie, dass ... ein Robert Wilson vor Neid erblassen müsste." Das enthusiastische Fazit: Andreas Kriegenburgs Theater "bricht das Packeis der Verhärtung, damit wir wieder fühlen".

Andreas Kriegenburg treffe Kafkas Roman "mitten in dessen poetisches, traurig-komisches Herz", meint Teresa Grenzmann in der Frankfurter Allgemeinen (27.9.). Zwar bleibe die Geschichte des Bankangestellten K. auch in München noch unbegreiflich, doch Kriegenburg suche "nicht nach Darstellungen in der Realität, sondern nach Darstellungen in der Absurdität und findet diese in einer wundersamen Duplizität – der Personen, der Ereignisse, der Gesten, der Klänge und Laute, der Worte". Parallelen zur traurigen Stummfilm-Komik Buster Keatons seien beabsichtigt "und kommen nicht von ungefähr. Denn im Irrsinn steckt auch stets Humor, erst recht in der Verzweiflung". Auch Grenzmanns Fazit ist euphorisch: "Dieser Abend wenigstens lügt nicht."

Auch Ronald Pohl im österreichischen Standard (27.9.) schließt sich der Begeisterung an: Weil Kriegenburg "noch einmal die frühe Blütezeit der Moderne aus den Kopierwerken herausgekramt hat, bekommt man es in diesem schwarz-weiß getünchten Kafka-Land ... mit einer Horde mittlerer Angestellter zu tun. Unglück vervielfältigt sich eben. ... Acht Damen und Herren überwinden die Romanstrecken wie auf straff gespannten Nervenseilen. Kriegenburgs Truppe ist ein artistischer, käferkrabbelnder Hochseilakt gelungen, der im Splitterregen kalter Tangoklänge die Vorteile zeitgemäßer Romanadaptierungen mit schwungvoller Emphase vor Augen führt."

In der Welt schreibt Jeanette Neustedt (1.10.): Die "schwarz-weißen Komödianten" wollten "die Lacher auf ihrer Seite".- "Steif watscheln sie synchron über das Auge des Gesetzes hinweg, gebärden sich großräumig und slapstickhaft wie Stummfilmstars und so selbstzufrieden wie es Bankbeamte jenseits von Finanzkrisen eben zu tun pflegen." Sichtbare "Gegenwartsbezüge" verböte sich die Inszenierung ebenso "wie gefühlsduselige Einlassungen auf das Romanpersonal". Der Josef K. der Kammerspiele sei "selbstzufrieden, begriffsstutzig und bodenlos lächerlich". Das "ehrfürchtige Hinaufschauen" zu einem der meistinterpretierten Werke der Literaturgeschichte verbiete sich von selbst.

 

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