Skurrilitäten zwischen Sauna und Suff

von Hartmut Krug

Rostock, 11. Oktober 2008. "Ich bin oben", jubelt Matti auf dem Berg, doch dann klebt er mit den Lippen am Eis fest. In einer akrobatischen Aktion muss er sich seinen heißen Urin zur Befreiung an den Mund schütten, und unten, im Tal seiner Erinnerungswelt, wird ihm als Kind von der Mutter in ähnlicher Situation mit heißem Wasser geholfen.

Gleich mit ihrem ersten Bild versinnlicht Regisseurin Katariina Lahti, worum es in "Populärmusik aus Vittula" geht: um Stillstand und Aufbruch und um die Selbstfindung von Jugendlichen. Zwischen "Ich erinnere mich" und "Ich habe mich erinnert" erzählt Matti im Rückblick von seinem Erwachsenwerden in einer rückständigen, einsamen und armen Gegend. Dabei plagen ihn die üblichen pubertären Schwierigkeiten, viel mehr aber der ewige Kreislauf der sozialen Regeln.

Gelungener Kraftakt zum Auftakt

Das finnische Theaterstück von Ilpo Tuomarila entstand nach dem schwedischen Erfolgsroman von Mikael Niemi aus dem Jahr 2000, der sechs Jahre später verfilmt und bis heute in mehr als 25 Sprachen übersetzt wurde. Matti und sein Freund Niila wohnen in Vittula, einem Ortsteil von Pajala, dem Geburtsort von Niemi im nordschwedischen Grenzgebiet zu Finnland. Hier, wo auch die Erwachsenen zwischen finnischer und schwedischer Identität auf der Suche nach ihrer eigenen sind und wo man den neuen Lehrer prüft, welche Sprache und welche Volksgruppe seine ursprünglichen sind, hat Niila aus dem Radio Esperanto gelernt. Damit verblüfft er die Menschen, als er in der Kirche den dunkelhäutigen Gastprediger übersetzt. "Ein Wunder!", jubeln alle Niila zu, als sie in der überfüllten Kirche neugierig ihren ersten "Neger" bestaunen.

"einNorden" heißt das diesjährige Spielzeit-Motto des Rostocker Schauspiels, dem seine neue finnische Schauspieldirektorin Anu Saari einen finnischen Schwerpunkt verordnet hat. Der Auftakt mit der "Populärmusik aus Vittula" ist ein gelungener Kraftakt: die ausufernde theatralische Nummernrevue versammelt auf der Bühne ein dreißigköpfiges Ensemble in großen Bildern. Im Bühnenbild von Max Wikström nach Kati Lukka verbindet eine Schräge zwei von Bäumen umstandene, schneeberieselte leere Spielebenen. Hier fährt sogar einmal ein Auto herunter.

Im Heißwasserboiler zum Jüngling gereift

Auch wenn dieses Bühnenbild schnelle Szenenwechsel ermöglicht, gelingt es der Regisseurin nicht so recht, die vielen kleinen Szenen in einen durchgehenden oder gar soghaften Rhythmus zu versetzten. Doch etliche wunderbare Einzelszenen gibt es, in denen die Inszenierung mit atmosphärischem Sound, mit vielen Beleuchtungswechseln und mit innerszenischen Zeitsprüngen dem vom Autor gewünschten magischen Realismus sehr nahe kommt.

So erkennt der sechzehnjährige Matti, dass er "nirgendwo mehr rein" passt, als er aus einem mächtigen Heißwasserboiler klettert. Dort, wo er sich als kleiner Junge versteckt hatte und versehentlich eingesperrt worden war, ist er wie in einer Fruchtblase zu einem Jüngling gereift. Dann wieder wird eine über die gesamte Bühnenbreite reichende Hochzeitstafel herein geschoben, oder ein Erbschaftsstreit artet zu einer witzig choreographierten, großen Schlägerei aus. Und eine alte Frau, bereits im Sarg liegend, erhebt sich immer wieder mit dem Eingeständnis an den Pfarrer, sie habe gelogen.

Konkurrenzkämpfe in der Sauna

Natürlich wirkt manches auch nur folkloristisch und auf kaurismäkihafte Weise skurril und klischiert. Es gibt Konkurrenzkämpfe von schweigsamen Männern in der Sauna und beim Suff, es gibt schrille, alte Frauen und laute, bigotte Sektenprediger. Doch die Inszenierung spielt auch mit der Skurrilität und den Klischees, und sie setzt sich mit Fundamentalismus und mit gesellschaftlicher wie individueller Identitätssuche auseinander.

Hier verkörpert jeder in wechselnder Verkleidung abwechselnd jedes Geschlecht und jedes Alter. Die Darsteller der Jungen, die sich über Beatles-Songs zu einer Rockband finden, bringen mit ihrem Live-Spiel der Songs "Rock and Roll Music" und "A Hard Day's Night" das Publikum zur Begeisterung. Und eine geniale Szene gelingen der Regisseurin und den Schauspielern Benjamin Bieber und Hannes Florstedt auch: Als Matti und Niila ihre erste Beatles-Platte hören, fährt ihnen die Musik so direkt in den Körper, dass sie deren Bewegungen nicht mehr zu beherrschen vermögen. Wenn die beiden zappeln und zucken, wenn sie hin und her springen, dann finden sie aus sich heraus und zugleich zu sich.

Trubel auf der Bühne, Jubel im Zuschauerraum: das in den letzten Jahren leicht kriselnde Schauspiel zeigte einen imponierenden Auftritt.


Populärmusik aus Vittula
von lpo Tuomarila, nach dem Roman von Mikael Niemi (DEA)
Aus dem Finnischen von Gisbert Jänicke
Regie: Katariina Lathi, Bühne: Max Wikström, Kostüme: Heidi Brambach, Musik: Juha Tuisku. Mit: Benjamin Bieber, Hannes Florstedt und Ensemble.

www.volkstheater-rostock.de


Apropos Finnland: Im August schrieben wir über den Theatersommer in Tampere. Außerdem meldeten wir hier, dass Anu Saari Schauspieldirektorin in Rostock wird, und hier, dass der Vertrag ihres Vorgängers Steffen Piontek vorzeitig aufgehoben wurde.

Kritikenrundschau

 

Juliane Hinz konstatiert in den Norddeutschen Neuesten Nachrichten (13.10.), dass Katariina Lahtis Rostocker Inszenierung von "Populärmusik aus Vittula" "sowohl in puncto Bühnenbild als auch Besetzung (...) ein Superlativ" sei: "Teilweise wechseln die Szenen so schnell, dass die Zuschauer Schwierigkeiten haben, mit dem Tempo auf der Bühne mitzuhalten." Doch nach "Momenten herrlich klischeehafter Komik" werde der Zuschauer auch "immer wieder zum Nachdenken gezwungen – mit sehr provokanten Mitteln". Vor allem aber seien es "die überzeugenden Leistungen von [Benjamin] Bieber und [Hannes] Florstedt, die die Zuschauer zu fesseln vermögen. Freundschaft und Erwachsenwerden stellen die beiden Jungschauspieler so authentisch dar, dass das Publikum voll und ganz in die Geschichte eintauchen kann."

In der Ostsee-Zeitung (13.10.) schreibt Dietrich Pätzold: In Vitulla liefen Vorgänge, die im Rest Europas Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte brauchten, innerhalb von nur einer Generation in den 60er und 70er Jahren ab. Ein Teil der schrulligen, dörflichen Männergesellschaft bekomme trotzdem nichts mit und bleibe bei seinen Saufwettbewerben und dem Dauersitzen in der Sauna. Für Pätzoldt war die Aufführung ein "überaus sympathischer Auftakt" zur finnischen Spielzeit in HRO. Schon "sehr geschlossen" hätte sich das erneuerte Ensemble präsentiert. Die Inszenierung folge den Prinzipien des "magischen Realismus": "Rückblenden, Zeitparallelen, Visionen". In den "derben und schrillen Bilderbogen übers Volksleben am Rande der Welt", in dem "reichlich Männer-Pos" zu sehen seien, sei eine "subtile Entwicklungsgeschichte eingeschrieben". In Momenten, in denen die Rock-Musik den Heranwachsenden die "traditionellen Ekstasen" von Suff und Prügelei ersetze, strahlten Benjamin Bieber und Hannes Florstedt einen "großartigen Lebenshunger" aus. Pätzolds Fazit relativiert dann aber doch: der Abend biete "munteres Jugendtheater".           

 

 

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