Modellmensch der westlichen Welt

von Anne Peter

Berlin, 12. November 2008. Dunstig empfängt der Theatersaal den eintretenden Zuschauer. Als wären hier schon eine Menge Havannas geraucht worden. Der Eindruck täuscht nicht. Anwurf der Nebelmaschine, in den Schwaden glimmen die Spitzen der Zigarren. Auf der Bühne erstmal: Rauchen und Schweigen. Wir befinden uns auf Cuba.

Irgendwelche Satzfetzen aus den Boxen erinnern auch daran. Cuba, das vermeintlich bessere Land, in dem ein alternativer Gesellschaftsentwurf versucht wurde. Cuba, oder das, was heute (oder schon länger eigentlich) von Cuba übrig ist: Eine billige Filmkulisse auf der Vorderbühne, ein Fake, eine Illusion. Eine Schauspielerin mit dunkel angemalter Haut, dunkellockigen Perückenköpfe, bunte Kleidchen, Hawaiihemd-Ähnliches und eben Zigarren – die erwartbaren Requisiten. Peter Kurth liest aus einem Skript. Der Ort einer einstigen Utopie ist zur exotischen Spinnerei verkommen, die Revolution zu Schall und Rauch zerstoben.

Spiel im leeren Frachtcontainer

In diesem "Cuba" strandet ein moderner Ödipus, wie einst auf Kolonos. "Ödipus auf Cuba" nennt Armin Petras also seine Bearbeitung des "Homo faber", (sehr) frei nach dem 1957 erschienenen Roman von Max Frisch, die er jetzt am Maxim Gorki Theater selbst inszeniert hat. Dafür hat Bühnenbildnerin Kathrin Frosch hinter dem Cubaner-Set die gesamte Bühne mit einem riesigen Frachtcontainer-Würfel zugebaut, monströses Sinnbild des technischen Zeitalters und Globalisierungs-Signum.

Dessen Vorderfront kracht herunter, Klappe auf für den Modellmenschen der westlichen Welt, Walter Faber, entwicklungshelfender Ingenieur im Auftrag der Unesco. Gerade hat er, nach seiner Studentenliebe Helen, zum zweiten Mal eine Frau verlassen, weil sie ein Kind von ihm erwartete. Wieder flieht er vor Verantwortung, vor dem, was Zukunft sein könnte. Auf der Fähre von Amerika nach Europa begegnet er Sabeth. Reist schließlich mit ihr durch Europa, bis sie an einem Schlangenbiss stirbt. Wie der unschuldig schuldige Ödipus, der seine Erkenntnisfähigkeit gerade auf sich selbst am wenigsten anwendet, verrechnet sich ausgerechnet Faber, Mann der Zahlen und der Technik, im entscheidenden Moment beim Zeugungsdatum und mag nicht erkennen, dass die geliebte Frau seine leibliche Tochter ist.

Zutiefst existenzielle Begegnung

Peter Kurth, gekleidet im Stil des Film-Fabers Sam Shepard, verkörpert die Paradoxie dieses Menschen mit massiver Präsenz: oft steht er stoisch frontal, als vollkommen Beherrschter. Ein Vernunftgläubiger, der jedoch in einer großen Masse Körper steckt. Und dieser Körper, seine Begierde, sein Altern, seine Krebskrankheit kommen ihm in die Quere und werfen ihn mitsamt seinen Lebensgewissheiten um. Für Faber sieht Sabeth (ganz und gar hinreißend: Julischka Eichel) aus "wie 'n junges Ding ohne Probleme".

Sie hat Praktika in beinahe aller Herren Länder absolviert, will in Tibet die Berge umrunden und hat ein Faible für Vulkanbeschwörer. Alles an Eichels Spiel ist wach, wendig, plötzlich, überraschend. Gymnastisch gewandet tanzt sie eine Stilmixparodie, parliert im Handstand, animiert Walter zum bäuchlings Wasserschlittern. Er macht ihr einen Heiratsantrag, bevor er ihren Namen weiß. Für sie sucht er seine Beine in den Schneidersitz zu zwängen. Doch mit ihren Yoga-Posen kann er nicht mithalten. Sein alter, schwerer Körper gegen die sprühende Vitalität ihrer Jugend. In ihr brennt noch Weltretterinnen-Energie, so was wie Sehnsucht nach Cuba?

Keine Erlösung von der Kolonialisierung des eigenen Lebens

Petras wandelt nicht nur zahlreiche Handlungsdetails ab, sondern verlängert die Frisch-Story anspielungsreich in das Heute der längst fehlgegangenen Staudammprojekte und des Urwald-vernichtenden Gen-Soja-Anbaus. Faber wird von ihm als der Protagonist einer umfassenden Kolonialisierung gefasst, "der rationalen kolonisierung der landschaften der erde der ressourcen der frauen deines / eigenen körpers".

Doch was Petras an Gesellschaftskritik auffährt, vermag in der Inszenierung nicht zu zünden. Als epische Adressen ans Publikum gesprochen und merkwürdig rückstandslos durchs Hirn rauschend, sind dies die Aufmerksamkeitsschwachstellen des Abends, glücklicherweise unterbrochen durch viele schön bis schräg gesungene Songs. Wie aufgeblasen wirkt der Stoff. Dick aufgetragen ist, was bei Max Frisch vergleichsweise subtil mitläuft. Und wenn am Ende Sophokles-Zitate einfließen, hat man die Ödipus-Parallele doch schon längst begriffen.

Was auf der Bühne funktioniert und berührt, ist, dank der tollen Schauspieler, letztlich nicht die Politik, sondern vor allem die Liebes- und Verletztheitsgeschichte im verquer ödipalen Dreieck, zwischen dem alten Mann und dem jungen Mädchen bzw. deren Mutter, bei der Cristin König viel untergründige Wut durch die Resignations-Fassade brechen lässt. Dafür bräuchte es Ödipus und Cuba eigentlich gar nicht.

 

Ödipus auf Cuba (UA)
von Armin Petras nach Motiven des Romans "Homo Faber" von Max Frisch
Regie: Armin Petras, Bühne: Kathrin Frosch, Kostüme: Aino Laberenz, Musik: Sascha Hargesheimer, Jörg-Martin Wagner. Mit: Peter Kurth, Julischka Eichel, Cristin König, Maria Simon, Robert Kuchenbuch, Johann Jürgens.

www.gorki.de

 

Mehr zu Armin Petras: zuletzt inszenierte er Ibsens Brand am Thalia Theater Hamburg. Und bei den Wiener Festwochen im Juni 2008 Zwei arme Polnisch sprechende Rumänen, das ins Repertoire des Berliner Gorki Theaters übernommen wurde.

 

Kritikenrundschau

In der taz (14.11.) ruft Katrin Bettina Müller aus:"Oh, du liebes bisschen, für nix als eine fette Midlifecrisis dieser ganz zivilisationskritische Klimbim!" Wobei Armin Petras "nicht der erste Regisseur," sei, "der mit den Geschlechterrollen von Max Frisch so seine liebe Not hat". Aber das formuliere er anders als etwa Stefan Pucher vor drei Jahren nicht offen, sondern plustere es diskursiv auf, indem er ihn in den Kuba-Szenen als "Sextourist avant la lettre" zeige. "Aber die meiste Zeit hinweg vergisst man diese Klammer und sieht stattdessen die großartigen Schauspieler des Maxim-Gorki-Theaters in Rollen, die an andere ihrer Auftritte auf der gleichen Bühne erinnern." Sogar Julischka Eichel gehe einem "diesmal mit ausgestelltem Jungsein auf den Keks". Lediglich in der Szene mit der Strumpfhose, die sie sich zum "schärfsten Cocktaildress, den man sich denken kann" zurechtzieht, blitzt des Regisseurs Talent zum Spielerischen auf, von dem er sonst leider nicht viel merken lasse.

Für Andreas Schäfer im Berliner Tagesspiegel (14.11.) indessen, ist das "Entscheidende an diesem Abend (...) ohnehin die Atmosphäre". "Das Verstreichen der Zeit, das spürbar wird, die Trauer über das vergeudete, schuldbehaftete Leben des Technikers Walter Faber, die sich aufs schmerzhafteste mit der Erkenntnis mischt, dass mit Fabers Leben unser aller Lebensweise an ihr Ende gekommen ist: die Strategie der Kolonisierung, die Ausbeutung von Landschaften, Menschen, dem eigenen Körper." Warum Petras dies als Theater auf dem Theater in Kuba zeigt, bleibe allerdings "schleierhaft". Das "Gerüst" also blass, das Spiel namentlich von Peter Kurth und Julischka Eichel umso stärker: "Selten war die Begegnung zwischen einem älteren Mann und einem blutjungen Mädchen so hoffnungslos, so durch und durch Missverständnis wie hier." "Wie ein ratloser Bär" fahre Kurth "auf dem Förderband des Schicksals durch seine immer dunkler werdenden Tage" – während Julischka Eichel nicht wisse, "wohin mit ihrer Energie." "Mehr Zweisamkeit lässt dieser bewegende Abgesang auf den Selbstbetrug nicht zu."

In der Berliner Zeitung (14.11.) erklärt Ulrich Seidler den Kuba-Bezug. Petras habe das Buch fortgeschrieben und setze da an, wo "Homo faber" ende: In Kuba, wo er eine Magenoperation überlebt habe und dann umstandslos in ähnliche Verhältnisse gerate wie die, denen er gerade entronnen sei. Diese Doppelung sei in "Petras' poetischem, aber unnötig kompliziert gebautem Stück ziemlich schwierig zu entziffern, hat dann aber eine umwerfende resignative Kraft: Homo faber, also der Mensch, der kraft praktischer Intelligenz seine Umwelt gestaltet, ist nur älter, aber kein bisschen weiser geworden". Die Liebesgeschichte zwischen Kurth und Eichel sei dabei "so hoch, lustig und zum Heulen schön gespielt, dass sie es mit der Resignation getrost aufnehmen kann". Trotz eines Unmaßes an "assoziativen Purzelbäumen" berge der Abend eine "euphorisierende Unmenge an sinnlichen, seelischen und gedanklichen Theatererlebnissen, die über ihren Selbstzweck erhaben sind und einen, wenn man nicht aufpasst, aus der Routine der Resignation wecken".

 

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