Reste der Revolution

von Dorothea Marcus

Köln, 18. November 2008. "Could you please come outside with me, just one minute", zischt die griechische Aufseherin einem Zuschauer zu. Der weigert sich – vielleicht hat er das Programmheft gelesen, in dem steht, dass ein Zuschauer exekutiert wird. "Just two seconds", faucht und feilscht die Griechin, "we are late, the show must begin". Gefühlte zehn Minuten bleibt sie vor ihm stehen – bis auch das Publikum den Mann auffordert, doch bitte endlich kurz vor die Tür zu gehen. Aber er hält der Machtprobe tapfer stand. Dann holt ein Schauspieler einen Revolver und erschießt den Zuschauer zum Schein auf dem Sitz. "Wir haben besseres für Sie gedacht", sagt er bedauernd. Ist das ein Abend über den Reiz von Bedrohung, Macht und Willkür im Namen einer Idee? Man wird das nur erahnen können.

Schon der Beginn von "Stalin – Eine Diskussion über das (griechische) Theater" von Michael Marmarinos und dem in Griechenland berühmten Schauspieler Akillas Karazissis (der auch viele Jahre am Stadttheater Heidelberg gearbeitet hat) macht aggressiv. Doch das Gastspiel des griechischen Nationaltheaters beim Festival Politik im Freien Theater in Köln wird in zweieinhalb Stunden noch deutlich nervenaufreibender: Auf einem roten Teppich, vor einem riesigen Holzrahmen an einem Tisch sitzen drei Menschen und trinken Rotwein, sehen Filme, diskutieren über Revolution.

Kampf mit dem eigenen Linkssein

"Jede Revolution setzt sich mit drei Fragen auseinander: mit dem Tod, mit dem Begriff des Richtigen, mit dem Ich als Feind des Selbst." In rasender Geschwindigkeit werfen sich Marmarinos und Karazissis Begriffe und Philosophennamen an den Kopf, auf der Übertitelungsanlage oder aus ihren Mündern rattern Sätze wie "Die Vergangenheit ist die einzige Potentialität" oder Heiner Müller-Zitate: "Die erste Erscheinung des Neuen ist der Schrecken".

Sie haben den Abend in langen Proben für Deutschland adaptiert, aber die Referenzsysteme kann ein deutscher Zuschauer trotzdem nicht sämtlich erfassen – dafür sind sie aber wohl auch nicht gemacht. Denn die beiden fechten einen persönlichen Kampf mit ihrem eigenen Linkssein und dem Theater aus. Sie imitieren Sirtaki-Tänze, zeigen Filme aus den Eiswüsten von Sibirien, vor ihnen liegt eine umgestürzte, exekutierte Puppe. Allein die blonde, junge Frau am Tisch ist eher ärgerliche Dekoration, zieht sich immer mal wieder um, hebt manchmal zu singen an oder liest aus einem vulgärmarxistischen Lexikon vor. Da verlassen die ersten Zuschauer den Raum.

Erstaunlicherweise kommt auch einer zurück. Er setzt sich beiläufig auf die Bühne und plaudert mit den dreien am Tisch. Marmarinos und Karazissis arbeiten stets mit einem "Gaststar des Abends" und diskutieren mit ihm das heutige Linkssein. Sie proben diese Szene nie vorher. Der geheimnisvolle Gast erzählt von seinen 19 Jahren in Ost-, dann in Westberlin, von Reisen nach Lima und Paris. Man begreift zu spät – und möchte sich die Augen reiben –, dass am Tisch Florian Havemann sitzt und viel zu leise spricht, extra aus Berlin eingeflogen von der Bundeszentrale für Politische Bildung. Der Verfassungsrichter, Schriftsteller, Maler und Sohn des berühmten DDR-Regimekritikers Robert Havemann ist auch Autor jenes zensierten Romans über seinen Vater, der im letzten Jahr nur noch in gekürzter Auflage erscheinen durfte – wegen persönlicher Verunglimpfung noch lebender Personen und saftiger persönlicher Geschichten um Wolf Biermann und Margot Honecker.

Ironiefreie Privatveranstaltung

Havemann zeigt ein Kinderbild von sich herum: Damals war er ein begeisterter Stalin-Fan. Dann verstrickte er sich in oppositionelle DDR-Gruppen, und "am Ende ist man dann Demokrat". Er stellt Fragen: Ist man nur ein Revolutionär, wenn man an einer teilgenommen hat? Hat 1989 nicht die einzige wahre Revolution in Deutschland stattgefunden? Und hat diese die andere, die große Oktoberrevolution, wiederum begraben? Als die Diskussion, die leider nur von der Hälfte der Zuschauer akustisch zu verstehen ist, verebbt, hängen sie gemeinsam ein Stalin-Bild an die Wand. Einer liegt mit Stalin-Maske auf dem Bett, ein anderer trägt eine weinende Stalin-Pappmaske auf dem Kopf, elegische Trotzki-Gedichte laufen im Bilderrahmen ab. Wen kann man heute noch aufrecht verehren?

Der Abend ist eine ironiefreie Privatveranstaltung über das Linkssein von heute, eine wütende Auseinandersetzung mit den Resten der Revolutionsträume, mit den "wahren Ereignissen, die verschwiegen wurden": Folter, Fetzen von Kriegserinnerungen, Exekutionen, immer mal wird der Name eines Opfers an die Wand geblendet. Und der Abend ist eine glatte Zumutung: unverständliches, untheatrales Stückchenwerk, er zitiert, collagiert und löst alles auf, was greifbar wäre. Super 8-Kinderfilme kreuzen sich mit Kunstfilmen, die nur aus Regieanweisungen bestehen, dazwischen Klaviermusik mit Trauergesängen über die Reste der einstigen Ideologie. Und schließlich ist man als Zuschauer so erschöpft, verwirrt und genervt, dass man fast schon wieder positiv gestimmt ist: über die Frechheit, mit der hier alle Theatermittel und kognitiven Zusammenhänge radikal verweigert werden. Darüber, dass sich überhaupt mal jemand persönlich und ernsthaft befragt. Wenn man nur die Antworten verstünde.

 

Stalin – Eine Diskussion über das (griechische) Theater
von Michael Marmarinos, Akillas Karazissis
Regie: Michael Marmarinos, Akillas Karazissis, Bühne: Kenny MacLellan, Kostüme: Kathrin Krumbein. Mit: Michael Marmarinos, Akillas Karazissis, Mary, Giorgos Kritharas, Veriko Mgelatze und Florian Havemann.

Echt! – Festival Politik im Freien Theater

 


Lesen Sie außerdem, wie die Politikwissenschaftlerin und Autorin Sandra Nuy anläßlich des Festivalbeginns in Köln über das Zusammenspiel von Politik und Theater nachdenkt, warum Samuel Schwarz und seine Gruppe 400asa nicht am Wettbewerb teilnehmen wollten, und was das Festival und die Jury dazu zu sagen hatte.

 

 

Kommentar schreiben