Mut zur Parole

von Christian Rakow

Bielefeld, 9. Januar 2009. Ertüchtigungsprosa, schwarz auf weiß im Flugblatt mit nach Hause getragen: "Vor allem aber: eignet euch wieder das Maximum an Produktivkraft an! Nehmt euch alles zurück! Ladet euer Gehirn wie ein Gewehr und befreit eure Phantasie, erfindet neue Welten!"

Man hatte ja schon befürchtet, dass das Theater mit den drei Ausrufezeichen, das eherne Erbe des Agitprop, komplett an Volker Lösch und seine Harz-IV-Chöre abgetreten wurde. Aber mitnichten. Mut zur Parole beweist an diesem Abend auch das Bielfelder Theater am Alten Markt in seiner kleinen Spielstätte unter dem Dach (ca. 50 Plätze). Neun Jahre sind seit dem Erscheinen des neokommunistischen Weltbestsellers "Empire" von Michael Hardt und Antonio Negri vergangen. Nun liegt dessen theatrale Ausarbeitung in deutscher Erstaufführung vor – "Schwarm" von Antonio Negri.

Ab in die Flower-Power-Ecke

In neun Stationen zeichnet der italienische Philosoph Negri den exemplarischen Weg eines "Menschen" in die neueste Revolte vor: von der vereinzelten Empörung über den verkappten Terror hin zur Identifikation mit dem kreativen Potenzial der Multitude, jenen dynamischen Netzwerken, die die globale Ökonomie und Macht des Empire zu unterwandern vermögen. Der reflexionsfreudige Mensch trifft hierbei auf einen ebensolchen Chor, und zwar ohne Scheu vor sperriger Kathederrhetorik ("Empörung zerbricht die singuläre Kontinuität des Verlangens").

Die antike Form dieses Dialogs zwischen Mensch und Chor täuscht. Tatsächlich lauscht man weniger einem Disput denn einer philosophischen Konfession, einem Glaubensbekenntnis voll Zweifel und Aufbegehren, Unmut und Heilserwartung. Vielstimmig ist der Text nicht; die Menge (Multitude) spricht aus einem Guss. Und was sie spricht, klingt verblüffend behaglich.

Man erinnert sich: Schon "Empire" zehrt von einer teilweise eigentümlichen Umwertung linksrevolutionärer Begrifflichkeit. Für das Konzept einer neuen "Militanz" etwa muss Franz von Assisi herhalten, seine Assimilation an die Armen wird zum Modellfall aggressionsfreien Widerstands. In "Schwarm" rückt das Projekt nun vollends in die Flower-Power-Ecke.

Zauber des Gemeinsamen

Die ökonomische Theorie ist weitestgehend ausgespart. Stattdessen dominiert der Vitalismus. Immer wieder werden der Rhythmus des Fleisches und der Wille zum Orgasmus beschworen, die das vereinzelte Selbst zum Wir-Gefühl erheben sollen. Das Bekenntnis zum "nackten Leben" begründe den "Zauber des Gemeinsamen". Kraftvolle Behauptungssätze hämmern an den immergleichen Gedanken.

Bielefeld tut das einzig Richtige, indem es "Schwarm" in der Jugendtheatersparte ansiedelt und damit – hoffentlich – für Diskussionen in Sozialkunde-Klassen und in nachwuchspolitischen Kreisen freigibt. Es ist ein überdurchschnittliches Jugendstück, das Oberspielleiter Christian Schlüter in einem Seminar-Setting, mit Resopaltischen, Overhead-Projektor und Flipchart-Bühnenrückwand (Ausstattung: Jürgen Höth), entwickelt. Denn es versagt sich jene abgeschmackte Selbstironie, die politische Statements auf den Gegenwartsbühnen gern begleitet. Hier gilt (wie bei Lösch): Debatten vertragen kein vorgängiges Dementi.

Konzentriert gehen die neun jugendlichen Laien ihre Chor-Rolle an. Energie wird ihnen durch die Schauspielerin Silvia Weiskopf in der Rolle des "Menschen" eingespeist. Weiskopf, Neuzugang aus Leipzig und prompt eine der Spitzen des Bielefelder Ensembles, bringt sich durch Actionpainting in Wallung, knautscht sich mit Flugblättern zu. Sie schreit und stammelt, bläst zur Parole und leidet, ächzt unter den bleiernen Losungen. Der Chor umarmt und kritisiert sie, meißelt mit am Manifest. Die Feier spontaner, gewaltfreier Gruppenaktivität – die Feier der "Schwärme" – sucht ihre Gemeinde: uns. Und pünktlich zum achtzigsten Geburtstag Heiner Müllers hört man das Programm der friedlichen Gegenrevolution. Nicht "das Gras noch müssen wir ausreißen, damit es grün bleibt" heißt es jetzt, sondern: "Nur aus dem Leben speist sich das Leben."

 

Schwarm (Essaim) – Empörung und Hoffnung
von Antonio Negri (DEA)
Deutsch von Gerda Poschman-Reichenau
Regie: Christian Schlüter, Bühne und Kostüme: Jürgen Höth, Dramaturgie: Bernhard Krebs.
Mit: Silvia Weiskopf und dem Chor der Jugendlichen: Alex Gorlitz, Benjamin Grosse, Melina Hartmann, Marco Kochan, Merle Lösing, Janna Rottmann, Marie Rottmann, Anna Töws, Eva Vinke.

www.theater-bielefeld.de


In Bielefeld sahen wir zuletzt Shoppen von Michael Heicks und Brüchig (Mach mich schwach, Justin Timberlake) von Paul Bargetto.

 

Kritikenrundschau

Clara Brachvogel von der Neuen Westfälischen (12.1.2009) zeigt sich ganz mitgerissen durch Christian Schlüters Uraufführung von Antonio Negris "Schwarm". Beeindruckend sei vor allem auch Silvia Weiskopf, durch deren Wandlungen der Zuschauer "die verschiedenen Ebenen des Widerstandes durchleben" könne, "den Hass spüren, die Verzweiflung, die Einsamkeit und Verwirrung des Außenseiters oder des Terroristen". Daneben glänze die Gruppe Bielefelder Jugendlicher "mit unverbrauchter Frische der Darbietung. Die Faszination, die von ihrer Jugendlichkeit ausgeht, überträgt sich auf den Theaterbesucher" und "ein Klatschspiel" entzünde "Lust an den Effekten des Mitmachens, an der Macht der Gruppe". Schlüters Inszenierung sei "klug, amüsant und bewegend", so dass sie "zu keinem Zeitpunkt ins Klischee" abdrifte.

In der taz (12.1.2009) schreibt Tania Martini, Antonio Negri habe 2005 aus "Empire" eine Theaterversion "in der Tradition der Lehrstücke" von Brecht erstellt; sie führe vor, "wie der Mensch der Gegenwart aus der Empörung zur Revolte schreite", und, "wie üblich bei Negri", habe sie eine "gehörige Portion Vitalismus". Regisseur Christian Schlüter und Dramaturg Bernhard brächten "Schwarm" in einer "Direktheit auf die Bühne, die ihm der Autor gegeben hat", und zeigten "politisches Theater ohne postmoderne Ironie". Dem Disput zwischen Chor und der Schauspielerin folge "die Einsprachigkeit der Multitude, dieses kreativen Netzwerkes, des Schwarms, der ohne Führung sich formiert". An "der Grenze zum Kitsch" bewege sich "die Anrufung des Gemeinsamen der Multitude". In der Aufführung, "wenn der Widerstand immer wieder als ein Kind der Liebe beschworen wird", entstehe der Eindruck, "die Multitude sei eine Versammlung von linkskatholischen Predigern". So hätten die Bielefelder "gut daran getan" "Schwarm" ins Jugendtheater zu verlegen. Hier könne "die mitreißende Inszenierung vielleicht am zukünftigen kreativen Potenzial der Multitude arbeiten" und der "cattivo maestro", der Verführer der Jugend, "als der Negri in den 70ern vom italienischen Staat angeklagt worden ist, noch einmal seinem Ruf gerecht werden".

 

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