Sehnsucht nach Geistern

von Dorothea Marcus

Köln, 3. Juni 2007. Der Fortschritt ist zwiespältig, die Aufklärung bringt uns um. Nicht nur, weil sie uns in Naturkatastrophen schlittern lässt und wir uns mittlerweile locker selbst abschaffen können - sondern auch, weil ein rein rationalistisches Weltbild ziemlich dröge, geheimnislos und entzaubert ist. Genau in dieser Ambivalenz befindet sich Theodor Storms berühmte Altersnovelle "Der Schimmelreiter": bis heute ist man sich nicht einig, ob Hauke Haien, der Deichbauer, eine Lichtgestalt der Aufklärung ist oder ein vermessener, verbohrter Tyrann.

Bei Armin Petras, der zum Ende der Intendanz von Marc Günther einen Regieausflug an die Bühnen Köln gemacht hat, ist Hauke Haien zunächst ein hübscher, eifriger Autodidakt (Peter Moltzen), der nur manchmal unmotiviert und unheimlich eine Katze totschlägt. Wie in einem erstarrten Gemälde sind die Dorfbewohner hinter einem mit Plastikfolie bespannten dreieckigen Raum drapiert (Bühne: Mascha Deneke): Haukes Mutter (Cristin König) als verhärmte Munch-Madonna, der böse Knecht Ole Peters (Jochen Langner) als dumpfer Heavy Metal-Freak, der Deichgraf (Andreas Leupolt) aristokratisch unbeteiligt.

Vor dem Folienkasten, in einer anderen Welt und Zeit, thront anmutig die mongoloide Joana Tannhäuser – das Kind, das Hauke Haien und seine Frau später so lange nicht bekommen werden. Unbeweglich und im erhabenen Märchenerzählerton werden die Texte gesprochen – eine statische, aber beeindruckende Sprachfeier. Zwischendurch geht das Licht aus und zu heulenden Sturmgeräuschen donnert ein Schimmelschemen über die Folienleinwand, irgendwo flackert ein Leuchtfeuer. Ein hochpathetischer, ungebrochener Beginn: hier wird kein dekonstruiertes Relativierungstheater gemacht, Petras hat den Schimmelreiter zutiefst ernst genommen.

Lauerndes Unglück

Als Hauke Haien, der Aufsteiger, in den Dienst des Deichgrafen tritt, ist der Weg in die Zukunft frei: da platzt die Folie ab, man schnappt nach Luft wie ein befreiter Aquariumsfisch, zündet sich eine Zigarette an und wirft den getragen bedrohlichen Tonfall ab – dafür bringt die Kostümbildnerin neue Kleider, Kniebundhosen und Corsagen. Der Deichgraf stirbt nach seiner Zigarette an einem Hustenanfall, Hauke Haien nimmt seinen Job an und beginnt seinen Aufstieg – und glitscht doch ständig aus, bevor er die Hand der Deichgrafentochter nehmen kann. Ihre Liebesszene ist dennoch ganz wunderbar, zart schwankend zwischen Vernunftallianz und sinnlicher Anziehung. Ohnehin gelingt Cristin König, wie die meisten anderen vom Gorki-Theater nach Köln ausgeliehen, eine überragende Charakterstudie von Elke: stoisch, liebevoll, wach und zurückhaltend zugleich, eine Frau mit sanftem Willen, Sehnsucht und Schicksalsergebenheit.

Als er die Frau endlich hat, stürzt sich Hauke Haien in sein Deichprojekt und wird von den abergläubigen Dorfbewohnern missgünstig belauert – und zu den treibenden Beats von Michael Sembellos Achtzigerjahre-Hit "Maniac" türmen sie Plastikstühle, Flaschen und russische Riesentaschen auf. Doch das Unglück lauert, die Stationen werden durch die behinderte Joana Tannhäuser angedeutet: erst wird sie zu einem tanzenden Sternenkind, denn die Ehe bleibt unfruchtbar. Dann wird sie mit Pferdeohren und Sattelumhang zu Haukes rasendem Schimmel ausstaffiert, der eigentlich ein mieser Klepper war – und so den dörflichen Aberglauben nährt. Und schließlich zu einem Hund, der nach Willen der Dorfbewohner im neuen Deich geopfert werden soll, von Hauke aber gerettet wird – etwas anderes Lebendiges muss her.

Am Ende wiehert nur noch der Schimmel

Erst dann darf sie endlich zu dem behinderten Kind werden, das Elke schließlich doch noch auf die Welt bringt – Joana Tannhäuser spielt das alles so hingebungsvoll, rührend und anmutig, dass man die schmerzende Elternliebe sofort begreift und ständig fürchtet, sie würde demnächst Opfer der Dorfbewohner werden, auch wenn man die Geschichte ja schon seit der Schulzeit kennt. Die Sturmflut rollt auf Video an, der ewige Rivale Ole Peters torpediert die technischen Anweisungen, Hauke Haien reitet auf einem brechenden Plastikstuhl zum Deich und opfert sich zu klagenden Radiohead-Klängen, nachdem seine Frau und sein Kind in den Wellen umgekommen sind – "Herrgott, nimm mich, verschon die anderen". Doch zum Schluss liegen alle tot auf der Bühne, da hilft auch nicht mehr, dass es Luftmatratzen und Schlauchboote von oben regnet – nur Joana Hofstätter lässt ganz hinten einen Pappschimmel wiehern, der von nun an auf dem Deich geistern wird.

All das hört sich sicher kitschig an und ist es wohl auch. Trotzdem oder gerade deshalb ist es ein berührender, mit großer, pathetischer Geste erzählter Abend geworden, der aus einfachsten Mitteln eine Welt entstehen lässt. Vor lauter Dekonstruktionswut auf dem Theater hatte man schon ganz vergessen, wie gut sich das anfühlen kann. Aber nicht zuletzt bringt Armin Petras damit auch die Ambivalenz der Novelle auf den Punkt: Gerne bekämpfen wir mit aufklärerischer Flamme dumpfes Barbarentum, aber die Sehnsucht nach unheimlichen Schimmelreitern auf dem Deich bleibt.

 

Der Schimmelreiter
von Theodor Storm
dramatisiert von Armin Petras
Inszenierung: Armin Petras, Bühne: Mascha Denecke. Kostüme: Patricia Talacko.
Mit: Peter Moltzen, Cristin König, Jochen Langner, Andreas Leupold, Joana Tannhäuser.

www.gorki.de
www.schauspiel-koeln.de

 

Kritikenrundschau

Andreas Rossman bleibt in der FAZ (5.6.2007) unklar, was Petras am Stück überhaupt interessiert hat. "Nichts Numinoses umfängt diesen Abend, keine Dialektik des Fortschritts gewinnt Bildambivalenz", stöhnt er enttäuscht. Statt das Unheimliche und Schwermütige der Vorlage zu vermitteln, häufe Armin Petras Einfälle und verzettele sich in abgegriffenen Bildern: "Der Regisseur erweist sich weniger auf dem ‚Schimmelreiter’ sattelfest als vielmehr auf seinen hinlänglich bekannten Steckenpferden" und wickele die Handlung zwischen "Erzähltheater und Märchenstück, Kindergeburtstag und Kostümschinken, Trash und Pop" ab.

Etwas gnädiger urteilt Susanne Staerk im Kölner Stadtanzeiger. Vor allem freut sie sich am Schauspielerimport Peter Moltzen und Cristin König. Die Aufführung selbst eröffnete ihr dann mit "mal sprechenden, mal arg schreienden Bildern" zwar "manch anregende Perspektive", die sich aber aus ihrer Sicht insgesamt nicht zu einer Blickrichtung verdichtet haben. Das Viele bleibe bloß ein Vielerlei – ohne Stringenz und Konsequenz.

In der Süddeutschen Zeitung (8.6.2007) schreibt Christine Dössel von einem "seichten Abend"; Petras bleibe Interpretation und Anliegen schuldig. Er bebildere die Geschichte nur "auf naive, spielerisch-kreative Art wie in einem Begleit-Workshop zum Deutschunterricht". Frau Dössel schreibt sich in einen richtiggehenden Ärger hinein, der sich teils auf die Petrassche Präpotenz bezieht, mit der er seine "schwer im Trüben fischende Inszenierung" mit "leichter Hand hingehudelt" habe, teils auf die fünf verlorenen Jahre der Intendanz von Marc Günther in Köln. "Die Art, wie Peter Moltzen manisch einen Gartenstuhl niederreitet, darf als Symbol für den ganzen Abend genommen werden, mit dem Marc Günthers Intendanz endgültig absäuft. Frau Beier, ans Steuer bitte!"

Auch Stefan Keim ist in der Frankfurter Rundschau (8.6.2007) rasch mit der Aufführung fertig. Die intensiven Landschaftsschilderungen bei Storm, "die immer auch Seelenerkundungen" sind, die unterschiedlichen Erzählebenen -, bei der Bühnenadaption falle das alles fort. Petras suche zwar Brüche in "verschiedenen ästhetischen Angängen", doch letztlich "wirkt" das "eher ratlos, als könne sich Petras nicht entscheiden, mit welchem Erzählstil er die Novelle auf die Bühne bringen soll".

 

Kommentare

Schimmelreiter 1
von allen kritiken, die ich bisher gelesen habe, ist die kritik von Dorothea Marcus die detaillierteste und wird dem stück und der inszenierung am ehesten gerecht.
Submitted by a. tannhäuser, nicht registriert • 12.06.2007 16:43:27

 

Kommentar schreiben