Wo die Chargen glühen

von Christian Rakow

Berlin, 29. Januar 2009. Da ist sie also: jene Rummelplatz-Szene, für die die Parteioberen den Arbeiter und Jungschriftsteller Werner Bräunig auf dem XI. Plenum des ZK der SED anno 1965 letztgültig abstraften. Jene Szene unter Wismut-Bergarbeitern, die sich mit all ihrem Milieuschmutz, Suff und derbem Männerwitz zu wenig positiv, zu wenig sozialistisch-realistisch ausnahm.

Die Szene, die im Rausch missliebiger Nahansichten den amtlichen Arbeiterheroismus und das Pathos der Aufbauarbeit zerrieb wie eine vertrocknete Mainelke: Bei Armin Petras im Maxim-Gorki-Theater baut man hierfür zwei Diskokugeln auf die leere Bühne, spielt ein paar wabernde 80ies Classics von Kim Wilde und Jennifer Rush ein und schleppt dann literweise klaren Korn herbei. Regine Zimmermann darf den notgeilen Kraftmeier Heidewitzka mit furiosem Pfälzerdeutsch herausstammeln. Alles zündet, alles ist launig – und furchtbar harmlos. Mit Stand up-Humor zwingt sich die Inszenierung selbst in die Knie, noch ehe sie richtig aufgestanden ist.

Bestechende dramatische Klarheit
Dabei steckt hier Potenzial. Armin Petras hat für Bräunigs 2007 posthum erschienenen 700-Seiten-Nachkriegsroman "Rummelplatz" eine Bühnenfassung geschaffen, die vollgültig neben seinen eigenen, maßgeblichen DDR-Stücken der letzten Jahre "We are camera" und "zeit zu lieben zeit zu sterben" steht (beide unter dem Namen seines Alias Fritz Kater veröffentlicht).

Die dialogarme, beschreibungsversessene, an Döblin'sche Akribie gemahnende Textoberfläche, mit der Bräunig sein flächiges Panorama aus dem Uranbergbau und einem angrenzenden Papierwerk gewinnt, steht bei Petras in bestechender dramatischer Klarheit. Die historischen Indizes (Krieg, sozialistischer Wettbewerb, Wettrennen mit dem Westen) sind eingekürzt; Petras treibt das Missbehagen der Bräunig-Generation ins Heute. Wo sich im Roman innere Figurenrede und Erzähleroberton scheinbar unlöslich verschränken, gibt es auf der Bühne lebendige Wechselrede, kürzere Erzähleinschübe der Figuren und Monologe.

Und diese Monologe sind beseelt, zumal wenn sie von Peter Kurth, als Altkommunist und Obersteiger Hermann Fischer, an der Rampe vorgebracht werden. Versehrt steht er, mit müdem Lidschlag, sehnsuchtsverlustig: "also haben wir ausgehalten in der welt von feinden / gekämpft und gesiegt in tausend niederlagen".

Man müsste alles ganz anders machen
Und nichts ist vorüber; die Welt der Niederlagen, sie alle kennen sie, auch die neue deutsche Jugend: der Rumtreiber und Ranklotzer Peter Loose (Michael Klammer) oder der Intelligenzler unter Tage Christian Kleinschmidt (Milan Peschel). "man müsste alles ganz anders machen" lautet ihr Credo – wie, weiß keiner. Das wilde Leben schmeckt wie die Früchte des Nichts. Der Regisseur Petras verteilt sie allenfalls häppchenweise. Die Schwermut des Entwurfs zergeht in einer kunsthandwerklichen Sketchparade.

Operettenhaft beginnt es, mit einem soliden Rezitativo secco über Mineralogie von Peter Kurth. Klammer und Peschel treten wie zwei Tramps aus einem Coen-Brüder-Film auf, entpuppen sich aber schnell als Schießbudenduo. Später driftet Peschels Kleinschmidt, im Roman immerhin als Alter Ego von Bräunig aufzufassen, mit dicker Hornbrille, Hut und extraweiter Hose ins Chaplineske. Den Intellektuellen glaubt man hier nicht, den Arbeitern ebenso wenig. Regine Zimmermann verzichtet auf das Burschikose ihrer Papierwerk-Aktivistin Ruth Fischer, "erste Maschinistin der DDR", und gibt die brave Erzgebirgsjungfer. Ganz Daddy's Darling.

Vom Naturalismus zum Abziehbild-Symbolismus
Wenn der Produktionsleiter (Robert Kuchenbuch) Arbeitszeiterhöhungen ankündigt, genügt ihm ein bisschen Macho-Posing, damit die butterweichen Mädels mit den Wimpern klimpern und Ja und Amen sagen. Girl Power Fehlanzeige. Folgerichtig kommen für Ruth auch nur Liaisons mit dem Muttersöhnchen und Parteisoldaten Nickel (Christian Baus) oder mit dem Studiosus Kleinschmidt, wenn dieser letztlich vollends linientreu eingetütet ist, zustande. Den größten Reiz beziehen gagige Feuerwerke erfahrungsgemäß an den Rändern, wo die Chargen glühen. So brilliert Britta Hammelstein ebenso als geschundene, doch lebenslustige Kantinen-Kellnerin wie als sächselnde Dorfpomeranze. Und Ursula Werner zaubert mit wenigen Handgriffen einen planwirtschaftlich grenzsenilen Betriebsleiter Kautsky hervor.

Vom Naturalismus, heißt es mehrfach, wolle man sich verabschieden. Doch gerät man unversehens in einen Abziehbild-Symbolismus. Alles ist Anspielung. Die Presslufthämmer, die man trägt, deuten auf eine Arbeit, die es nicht mehr gibt. Die Monologe bezeugen Probleme, die man nicht mehr hat – jedenfalls schon eine Szene später aufgegeben zu haben scheint.

Durchgehalten werden einzig die Industrialsounds und das düstere Grubenlicht, das den aschfahlen, leeren Bühnensteg, der zur Rampe hin in die ersten sechs Publikumsreihen verlängert ist (Bühne: Susanne Schuboth), notdürftig bescheint. Die leere Bühne ist eine Wismut-Metapher, Metapher für den Staat im Staat: "ein freier raum entstand den es nie zuvor gegeben hatte". Die Freiheit, diesen Raum existenziell auszuloten, hat sich Armin Petras an diesem dreieinhalbstündigen Abend versagt.

 

Rummelplatz (UA)
von Werner Bräunig
für die Bühne bearbeitet von Armin Petras
Regie: Armin Petras; Bühne/Kostüme: Susanne Schuboth; Video/Livekamera: Niklas Ritter; Musik: Thomas Kürstner, Sebastian Vogel.
Mit: Peter Kurth, Milan Peschel, Michael Klammer, Regine Zimmermann, Ursula Werner, Britta Hammelstein, Christian Baus, Robert Kuchenbuch, Lena Trummer, Martin Otting.

www.gorki.de

 

Mehr zu Armin Petras hier: Ödipus auf Cuba (Maxim Gorki Theater Berlin), Brand (Thalia Theater Hamburg), Zwei arme Polnisch sprechende Rumänen (Wiener Festwochen) und Als wir träumten (Schauspiel Leipzig).

 

Kritikenrundschau

Für Jürgen Otten, der die Aufführung für die Frankfurter Rundschau (31.1.2009) gesehen hat, ist es eine höchst plausible Entscheidung, mit "Rummelplatz" nicht nur eine Geschichte von vor 60 Jahre zu erzählen, sondern als Kern des Romans die Frage nach der Utopie herauszuschälen. Denn der Roman erzähle zugleich vom Beginn und Ende einer Utopie und Armin Petras verlängere die Frage in die utopielose Gegenwart. "Denn es geht um weit mehr als um die DDR. Es geht um Ideale, die es schon vorher gab und die von ihrer Bedeutung nichts verloren haben." Darüber vergesse Petras auch nicht, das darzustellen, was schon Bräunig beschreibe. Die Menschen und ihre Arbeitswirklichkeit, was sich auf Susannen Schuboths schwarzer Bühne für ihn erst recht wie ein Antiarkadien ausnimmt. Zentrum des Abends ist für Otten der "grandiose, virtuose" Milan Peschel als Christian Kleinschmidt. Und gleichzeitig seine größte Gefährdung. Zwar verdankt die Inszenierung Peschel "unvergessliche Momente der Selbstironie, der sentimentalen Heiterkeit, des Augenzwinkerns". Doch "er jongliert und brilliert damit. Und verschenkt die Rolle daran. Seine Figur ist eine Parodie, fast hebt sie das Stück aus den Angeln, in denen es hängen müsste, um politisch wirksam zu sein - was es ja will."

Als "theatralisch hinreißende Geschichts-Collage in Form pointierter Szenenfolgen, die das unverwüstlich freiheitlich Persönliche und repressiv Politische lehrreich verquicken", beschreibt Reinhard Wengierek in der Tageszeitung Die Welt (31.1.2009) Armin Petras' szenische Kelterung aus Werner Bräunigs 700 Seiten Opus. Dessen "souverän radikale Verknappung auf der total entleerten Gorki-Bühne" macht für Wengierek freilich die saftigen Figuren zu drastischen Typen, wobei sie "ironisch fein getönt oder kabarettistisch zugespitzt kühnen Gesellschaftsentwurf und kleinkarierte Realität, Fortschrittsrhetorik und notorische Angst der Mächtigen vor der eigenen Courage" immerzu konterkarrieren würden. "Die wunderbaren Komödianten Milan Peschel, Michael Klammer, Peter Kurth, Regine Zimmermann, Ursula Werner, Britta Hammelstein, Christian Baus und Robert Kuchenbuch bringen in jeweils mehreren Rollen die bittere, hinlänglich bekannte Erkenntnis beständig auf den schmerzlichen Punkt", schreibt Wengierek, die viel gelacht hat "aber niemals schadenfroh".

Irene Bazinger zeigt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (31.1.2009) viel Sympathie für Armin Petras' "offenherzig zwischen Sympathie, Trauer und Ironie pendelnde, fast naiv nach Wurzeln suchende" und viel "historischer Demut" versehene Inszenierung". Dabei verhehle Petras auch nicht, dass er keine Antworten auf die Fragen von damals habe. Fazit der Kritikerin: Gerade was sie nicht weiß, macht die Inszenierung erst heiß.

Für Katrin Bettina Müller macht in der taz (31.1.2009) die Stärke der Inszenierung aus, daß Armin Petras Bräunigs Roman "auch mit einem gewissen Staunen und Erschrecken über die eigene Bereitschaft, wider die eigene Erfahrung an Ideale zu glauben" inszeniert hat. Auch die Tatsache, daß es Petra gelingt, das Pathos des Romans ernst zu nehmen, ohne selbst pathetisch zu werden oder gleich auf "ängstlich karikierende Distanz" zu gehen, betrachtet sie als große Qualität der Inszenierung.

Für Peter Laudenbach, der den Abend für die Süddeutschen Zeitung (31.1.2009) bespricht, gehört zu Charme und Intelligenz der Inszenierung, dass Petras "zwar von den Aufbruchs-Hoffnungen erzählen will, aber natürlich auch weiß, dass der Utopie-Kitsch gründlich entzaubert ist. Infolge dessen werde "die ganze Bergwerks-Schwere der spätstalinistischen Fünfziger Jahre" zum Petras-typischen "Kindergeburtstags-Theater", wo selbst finstere Offiziere der Roten Armee wie lustig verkleidete Witzfiguren aussehen. Allerdings sei er auf diesem Weg lediglich der Sentimentalitätsfalle entgangen. "Einer anderen Falle will er offenbar nicht entgehen: Der, die stalinistische Diktatur zu verharmlosen und in der Retrospektive weichzuspielen. Der frühere PDS-Kultursenator, der ihn als Intendanten ans Maxim Gorki Theater geholt hat, dürfte seine Freude an diesem Heimatabend gehabt haben."

"Gänzlich folklorefrei" hingegen findet Christine Wahl den Abend bei Spiegel-online (30.1.2009). Denn Armin Petras habe zwei kluge Entscheidungen getroffen. "Erstens erzählt er die Geschichte unaufdringlich von heute aus: Die Wismut-Kumpel malochen und saufen zu einem definitiv zeiten- und systemübergreifenden Musiksound und treten auch gern mal aus ihren Rollen". Zum zweiten eignet sich aus Sicht der Kritikerin der typische Petras-Regiestil, also "das Fragmentarische, Improvisierte, das die Figuren in menschenfreundlicher Verspieltheit immer wieder bricht statt sie psychologisch auszupinseln" ausgesprochen gut "als Pathosumschiffungsstrategie". Insgesamt handelt es sich für Christine Wahl hier "um den schauspielerisch besten, inszenatorisch konzentriertesten und szenisch durchdachtesten Petras-Abend seit langem".

"Alle Szenen wirken wie skizziert, hurtig hingepinselt", schreibt Dirk Pilz für die Neue Zürcher Zeitung (31.1.2009), für den die Petras-Methode an diesem Abend auch thematisch noch mal auf ihren Punkt kommt. Denn dass "Rummelplatz" tief in die DDR-Geschichte hinabsteige, in die frühen, schweren Jahre des Uran-Bergbaus in der sächsischen Wismut AG, komme Petras entgegen, dessen Dauerthema "die Schürfwunden im ostdeutschen Bewusstsein, die Hinterlassenschaft enttäuschter Hoffnungen auf einen möglichen Sozialismus" seien."

Auf bierernste und pionierhafte Weise ironisch geraten ist die Adaption aus Sicht von Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (31.1.2009). Petras scheine es hauptsächlich darum gegangen zu sein, den verschiedenen Fallen des Projekts aus dem Weg zu gehen. Es gebe durchaus schauspielerische Höhepunkte. Allerdings fehle, findet Seidler, ein bewußter Umgang mit der Erinnerung. Es sei denn, die Ironie drücke die Hilflosigkeit der Nachgeborenen aus. Doch dafür entwickelt der Abend für Seidler zu wenig Haltung dem Stoff gegenüber.

Petras habe aus Bräunigs Buch "eine zarte, zugespitzte Bühnenversion destilliert", die im Gegensatz zu dessen "realitätsgesättigter Prosa" nicht über die Rezipienten hinwegdonnere, sondern Pointen und Pathos, Utopie und Angst biete. "Umso enttäuschender" ist Jan Oberländer vom Tagesspiegel (31.1.2009), dass Petras' Inszenierung "den Text nur selten ernst zu nehmen scheint" und stattdessen auf Ironisierung setze: solide gespielte Figuren, "manchmal witzig", die jedoch "den existenziellen Themen der Geschichte im Weg" stünden. Oberländer wundert sich, "was den Regisseur eigentlich an der Geschichte interessiert" habe. Die Rummelplatzszene sei stark, "eine unterhaltsame 'Beleidigung der Werktätigen' – aber letztlich: eine Leerstelle". Und am Ende möge Petras "dann doch nicht auf die große Botschaft verzichten" und lasse den "sonor knödelnden" Peter Kurth "ein paar gute, wahre, schöne Sätze" sagen, die auch noch "ganz kurz jetztzeitig" würden.

Laut Evelyn Finger (Die Zeit, 5.2.2009) handelt die Inszenierung von "der Lüge zum Wohle des Volkes und vom Vergessen im Namen der Zukunft, heiße sie nun Sozialismus oder Demokratie". Denn, so schreibt sie, wer die "Wirklichkeitsverleugnung" einmal eingeübt habe, könne "irgendwann nicht mehr anders, als seine Schuld an jeglicher Krise abzuwehren". So hielten die Deutschen das "hüben wie drüben": Die Krise werde als "Schicksal" erlebt, und "möglich, dass hierin auch das Drama unserer Epoche besteht". Insofern soll bei Petras der Nachkriegsroman zugleich als Nachwendedrama funktionieren. Doch leider lässt er seine Figuren zunächst als "pointenspuckende Knallchargen" auftreten. Allmählich werde aber deutlich, dass in den "Kabarettauftritten" eine "Metaerzählung über die Unmöglichkeit, noch ernstlich die Idee der Gerechtigkeit zu propagieren" stecke. Insofern werde hier die "Karikatur einer besseren Welt" gezeigt. Getragen werde dies von Petras' "verschämter Hoffnung, dass die Geschichte nicht zu Ende sei".

 

Kommentar schreiben