Wenn alles in Scherben liegt

von Ulrike Gondorf

Köln, 28. März 2009. Der Abend ist sperrig, brüchig, manchmal geschwätzig, manchmal albern, manchmal anstrengend, manchmal sehnsüchtig-traumverloren. Und nicht selten wirklich komisch. Und genau deswegen ist er gut. In seiner Inszenierung von Büchners post-romantischem Lustspiel "Leonce und Lena" zielt der Regisseur Jan Bosse mitten in die Disparatheit, die Widersprüchlichkeit, die desillusionierende, bittere Ironie des Textes. Und trifft. Der Schulbuch-Klassiker gewinnt seine verstörende Unangepasstheit zurück, das berühmte Stück lässt sich nicht konsumieren.

 

Animation bis an die Schmerzgrenze

Bosse hebelt die Erwartungen des Publikums durch radikale Textumstellungen aus, die er gemeinsam mit seiner Dramaturgin Andrea Koschwitz vorgenommen hat. Das Stück führt nicht vom melancholischen Weltschmerz des Möchtegern-Hamlets Leonce, der von der Langeweile angewidert ist, zur Flucht in den Wald und zur romantischen Liebesbegegnung mit der Prinzessin Lena. Es beginnt mit einer ausführlichen Inspektion aller Absonderlichkeiten im Reiche Popo: ein Zwergstaat, regiert von einem philosophierenden Wirrkopf, beherrscht von grotesken Hofschranzen, und die Zuschauer werden bei hell erleuchtetem Saal als Jubelperser für sinnentleerte Rituale vereinnahmt. Animation bis an die Schmerzgrenze. Büchner, der Gesellschaftskritiker, der grausame Satiriker hat das erste Wort.

Dann ein scharfer Lichtwechsel, im wahrsten Sinne des Wortes. Hinter der mit Schaufensterpuppen staffierten politischen Bühne des Hofes wird – ein traumhaft schönes Bild – ein Labyrinth von Hecken in silbrigem Licht unter einem Sternenhimmel sichtbar. Mit Mikroport-Verstärkung, die ihren Stimmen etwas Geheimnisvoll-Entrücktes gibt, entdecken Leonce und Lena, die eigentlich voreinander und vor der Zwangsbeglückung, die die Staatsraison ihnen vorschreibt, fliehen wollten, den überraschenden Gleichklang ihrer Seelen.

Aber kaum glotzt man romantisch auf diese Zauberszenerie, da demontieren Bosse und sein Bühnenbildner Stéphane Laimé sie auch schon wieder, lassen die Schauspieler das Blattwerk von den Hecken ziehen, bis nur noch das Gerippe der Unterkonstruktionen übrig ist, und zeigen die nackte Hinterbühne.

Happy End am Schnürchen

So ist die erste Hälfte des Stücks in die Mitte gewandert und das Ende schließt den Rahmen, in dem das vom Komödienschema erzwungene Happy End im Reiche Popo abschnurrt: Leonce und Lena werden als Puppen vorgeführt und verheiratet – oder sind es Puppen, die als Leonce und Lena vorgeführt werden?

Jan Bosses Inszenierung spielt virtuos mit diesen Versatzstücken der romantischen Ironie. Man weiß nie, woran man ist an diesem Abend. Gerade hat man sich auf eine Tonlage eingestimmt, da stören schrille Töne die Harmonie, ständig wird der Erwartungshorizont des Zuschauers enttäuscht. Büchners Text wirkt in dieser Inszenierung radikal modern. Sie stellt schroff heraus, dass der Autor sich weigert, Konsistenz zu heucheln, wo alles längst in Scherben liegt.

"Leonce und Lena" ist eine Koproduktion von Schauspiel Köln und dem Maxim Gorki Theater Berlin. Mitglieder beider Ensembles wirken mit und finden sich auf Anhieb zusammen in der bizarren Atmosphäre dieser Inszenierung, wechseln präsent und präzise zwischen den vielen Farben und Facetten, in die Bosse die Figuren zerlegt: aus Köln Jan-Peter Kampwirth, der in dieser Spielfassung sämtliche Hofschranzen und dazu noch eine Art Animateur fürs Publikum gibt, und Michael Wittenborn als manisch philosophierender König Peter. Aus dem Ensemble des Gorki-Theaters Ronald Kukulies als vital diesseitiger Valerio; Maja Schöne als Lena, die eine starke, kluge und mit Leidenschaft gegen alle Festlegung und Vereinnahmung protestierende Lena ist; und Mark Waschke als Leonce: zerrissen und selbstverliebt, hellsichtig und manchmal auch sentimental, ein Romantiker, der sich selbst nicht mehr glauben kann.

Leonce und Lena
von Georg Büchner
Regie: Jan Bosse, Bühne: Stéphane Laimé, Kostüme: Kathrin Plath, Musik: Arno Kraehahn. Mit: Michael Wittenborn, Mark Waschke, Maja Schöne, Ronald Kukulies, Jan-Peter Kampwirth, Julischka Eichel.

www.schauspielkoeln.de

Mehr zu Jan Bosse? Hier finden sich die Nachtkritiken zu Antigonae/Hyperion (Maxim Gorki Theater, Dezember 2008) und Wer hat Angst vor Virginia Woolf? (Burgtheater Wien, Oktober 2008).

 

Kritikenrundschau (Teil I – Köln)

Irgendwann werde in dieser Inszenierung "jede Illusion zerstört", meint Christian Bos im Kölner Stadt-Anzeiger (30.3.). Während das Publikum von Anfang an als "Klatschvieh" angespielt und zwischendurch auch mal zum "Kulissen-Volk" erniedrigt werde, entdecke Jan Bosse in seiner Kölner "Leonce und Lena"-Aufführung "den Brecht im Büchner". Der zweistündige Abend nerve "gehörig und will das auch. Jeder Anflug von Komik oder Romantik endet in Langeweile und Gereiztheit. Jeder Hauch von Leichtfüßigkeit erliegt der an- und abschwellenden Ambient-Musik Arno Kraehahns, die das Publikum in eine unangenehme Wartehallen-Haltung versetzt. Die nötige Revolution bleibt aus wie ein verspäteter Billigflieger. Nur in ihren schwächeren Momenten erinnert Bosses quasididaktische Inszenierung an Frontalunterricht in der Oberstufe. Wer Politik statt Postmoderne auf der Bühne fordert, dem möchte man hier sagen: bitte schön!"

Hartmut Wilmes von der Kölnischen Rundschau hat einen "schauspielerisch sehenswerten Abend" gesehen, "dem indes die letzte Überzeugungskraft" fehle. Wie schon Büchner dem "herbeigewürfelten 'Glück'" von "Leonce und Lena" kaum getraut habe, so tue es Jan Bosse erst recht nicht. Mark Waschkes Leonce renne sich "im Kerker seines Müßiggangs und Überdrusses (…) so eindrucksvoll die Stirn blutig, dass man ihm die Lebensmüdigkeit glaubt. Seinen Monologen lässt Bosse ihre somnambule Todessehnsucht, während er das Stück ansonsten textlich aktualisiert und immer wieder aus dem Bühnenrahmen holt." Dabei jedoch dehne sich manche dieser Szenen "ins Zeitraubende, mancher Scherz verpufft, und insgesamt schwächt das Geplänkel den bitteren Kern des Dramas." Doch als dann "aller Tand weggeräumt" sei, öffne "sich der Laufsteg der Eitelkeiten" auch einmal "zu einem ungeheuerlichen Bild".

Man habe schon viel angestellt mit Georg Büchners Lustspiel, meint Arnold Hohmann in der Westfälischen Rundschau (30.3.), "doch so wie Jan Bosse es jetzt am Schauspiel Köln beginnen lässt, überrascht es einen denn doch noch. Statt den Zuschauer gleich dem Weltschmerz und Selbstekel des sich tödlich langweilenden Prinzen zu überantworten, konfrontiert er ihn erst einmal mit den oberflächlichen Ritualen bei Hof und bezieht ihn einfach mit ein." Wie Büchner sein Happy-End, so torpediere Bosse in dieser Produktion noch viel mehr, und manchmal laufe er "dabei tatsächlich Gefahr, die ganze Unternehmung zu versenken. Der Zuschauer erlebt ein Wechselbad: Mal fühlt er sich genervt von Albernheit und Geschwätzigkeit, mal überfordert von der anstrengenden Sperrigkeit, nur selten aber wirklich gefangen von dieser Obduktion eines Stücks." Bosses Inszenierung kämpfe "mit ihren Brüchen und Sprüngen gegen simple Vereinnahmung durch das Publikum. Wer sich darauf nicht einlassen will, wer vorher nicht Textexegese betrieben hat, der mag das auch als Ärgernis empfinden."

"Jan Bosse verramscht 'Leonce und Lena' am Schauspiel Köln", lautet der Untertitel von Andreas Rossmanns Kritik in der FAZ (31.3.). Puppen stehen "auf der Bühne wie im Schaufenster", und da das Stück in Köln auch sonst "dramaturgisch mutwillig und verwirrend umgestellt" sei, dürfte es sich den Zuschauern, "die es nicht kennen, kaum erschließen". Die beiden Königskinder erscheinen als Doppelgänger der Schaufensterpuppen, "als Modefiguren einer neofeudalen Elite", die in "solistischen Auftritten ihre Befindlichkeiten vorführen". Die Inszenierung erspiele keine Differenz zu den Attitüden und hohlen Posen, die sie ironisch auszustellen glaubt, und sitzt ihnen unkritisch auf. Die Aufführung lasse die Figuren durchs Parkett auftreten, sich dort aufbauen und sich mit Zuschauern anlegen, Saallicht an- und wieder ausgehen. "lauter Theatermittel, die einmal konfrontativ und kritisch eingesetzt wurden, doch hier nur noch der Anbiederung dienen." Fazit: "Büchners Text bietet der Regie keinen Widerstand, keine Reibung, keine Anstrengung und wird zum Anlass pseudokritischer Affirmation."

Der einzige spitze Gegenstand, der an diesem Abend in Köln ungeknickt bleibt, "ist der erhobene Zeigefinger des Regisseurs, den er tief in dieses todtraurige Lustspiel bohrt", so Christopher Schmidt in der Süddeutschen Zeitung (31.3.). Wie so oft treibe Bosse seine "künstliche Ästhetik ins flamboyante Extrem". Doch hier wirke die ausgestellte Theatralität allzu schematisch. "Man sieht, dass der Wahnsinn Methode hat, aber die Methode keinen Wahnsinn, weil es den Schauspielern nicht gelingt, die Vorgaben mit der nötigen spielerischen Energie aufzuladen." Waschke spiele Leonce mehr als infantilen Choleriker denn als frühreifen Melancholiker, das sei "genauso Teil des vordergründigen Ansatzes wie die dezent verfremdete Kaufhaus-Musik, mit welcher der ganze Abend unterlegt ist." Valerio reiße die Efeunetze von den gestutzten Hecken, bis man das darunterliegende Gestänge sieht, denn "auch diese Idylle muss indes sofort entzaubert werden". Das Theater schaue an diesem Abend mal wieder hinter seine Kulissen. "Und sieht: nichts. Denn um etwas zu entlarven, bedarf es der Larve, keine Demaskierung funktioniert ohne Maske."

Kritikenrundschau (Teil II – Berlin)

Das Stück habe in dieser blassen Inszenierung seine Konturen verloren, findet Katrin Bettina Müller taz (2.5.). Bereits der Einstieg gleiche einer Gameshow, und wahrscheinlich liege die Ursache für die Bisslosigkeit dieser Fassung darin, dass dieser Gameshow samt ihrem Personal dramaturgisch zuviel aufgebürdet wird, nämlich die alte Generation zu verkörpern. Doch so hätten sie Jungen nichts, woran sie sich wirklich reiben könnten. So gelinge hier lediglich "die Ausstellung des Oberflächlichen", woran Leonce, Lena und König Peter, der seine Staatsgeschäfte endlich an den Sohn übergeben will, zwar leiden würden. Mehr aber gelinge dem Abend nicht. in der Berliner


Auf der Stelle tritt der Abend auch aus Sicht von Christine Wahl im Berliner Tagesspiegel (2.5.). "Nichts als Kunst und Mechanismus", stehe von Anfang an riesengroß über Jan Bosses Büchner-Inszenierung, die in einer plakativen Kitsch- und Konsumwelt beginne. Stéphane Laimé habe Unmengen Schaufensterpuppen auf die Bühne gestellt, von denen das höfische Stückpersonal sich so wenig wie möglich abheben sollte. Das gelingt, schreibt Wahl, "dem programmatisch blassen Leonce (Mark Waschke) und der ausgestellt püppihaften Lena (Maja Schöne) tadellos". Als Prinz und Prinzessin unabhängig voneinander nach Italien flüchten würden, wo sie sich dann ahnungslos ineinander verlieben, weiche das Kaufhausschaufenster "einem Kunstpark mit putzig zurechtgestutzten Bäumen. Es dauert nicht lange, bis auch diese Deko niedergerissen und dahinter die nackte Bühnenmaschinerie sichtbar wird." Da fragt sich die Kritikerin dann, was Bosse damit eigentlich entlarven wollte.


Viel Konzept, aber auch viel Ermüdungspotenzial bescheinigt Dirk Pilz dieser Inszenierung in der Berliner Zeitung (2.5.). Was die Inszenierung für den Kritiker problematisch macht, ist, dass sie im Grunde nichts anderes tut, als den szenischen Beweis ihrer Haltung zum Stück anzutreten, weshalb man zwei Stunden lang "immerfort die Wirkabsicht und den Dramaturgenzeigefinger" erkennen könne, was Pilz vor allem für die Schauspieler hinderlich findet, die er zwar leidlich vor sich hin psychologisieren sieht, " doch immer nur darauf bedacht, das Regieexperimentkonzept nicht zu verfehlen". Büchner habe seinen Weltverbesserungsfuror unter dem Gewand eines hintertriebenen Lustspiels versteckt, das sich abgründigerweise als tragisch offenbart, während Bosse lauter tragisch Gescheiterte präsentiert, die in die Komödie abstürzen. Bei Büchner lache man, wo es nichts zu lachen gebe, bei Bosse, weil nichts anderes mehr übrig bleibe. Das aber kommt für Pilz "einer nahezu vollständigen Umwertung aller Figurenwerte gleich". Aufschlussreich sei daran vor allem, dass Bosses "Umwendung der Vorlage den Text in einen blubberigen Farce- und Bilderstrudel verwandelt", was man auch als Kommentar zu einer Gegenwart deuten könne, die dem Fernsehbild alles und den Utopieworten nichts mehr glaube.

 

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