Im Regen stehengelassen

von Katrin Ullmann

Hamburg, 25. April 2009. Die tatsächliche Rührung kommt erst ganz zum Schluss. Nach dem Applaus. Wenn Intendant Ulrich Khuon die Bühne betritt und eine kleine Eloge hält auf Armin Petras, den Regisseur des Abends. Vor über acht Jahren hat Petras die kleine Spielstätte des Thalia Theaters eröffnet, war hier über all die Jahre prägend, war das "künstlerische Rückgrat". Dass ein starker Autor einen starken Regisseur brauche habe er immer wieder gezeigt, und umgekehrt ein starker Regisseur einen starken Autor.

 

Auf keinen trifft diese Charakterisierung besser zu als auf Armin Petras, der gern und meist die Stücke seines wohl gehüteten Alter Egos Fritz Kater zur Uraufführung bringt. An diesem Abend jedoch inszeniert Petras Petras. "Rose – oder Liebe ist nicht genug" ist seine Abschiedsinszenierung am Thalia in der Gaußstraße und zugleich die Eröffnung der letzten hamburgischen Autorentheatertage. Ausreichend Gründe für Wehmut und Nostalgie.

Der Weg zum Ruhm
Doch diese stellt sich, wie gesagt, erst am Ende ein, beim freundschaftlichen Dankesagen des Intendanten. Der Abend selbst bleibt seltsam leer. Er erzählt die Geschichte einer Liebe, angesiedelt im niederen Musikbusiness, im prollig-trashigen Kneipenmilieu: Gina (Susanne Wolff) liebt Ed (Peter Moltzen) eine Rockgitarristen. Schwanger ist sie von ihm, doch Ed ist unauffindbar, seit Tagen abgetaucht. Auf der Suche nach ihm landet Gina in einem abgewrackten Tonstudio, einer Bretterbude mit Besetzungscouch (Bühne: Natascha von Steiger). Hier proben der selbstgefällige Produzent Lemmy (Andreas Döhler) mit der semi-begabten Sängerin Betty (Leila Abdullah) mit "Goldstimmen-Aufnahmen" den Weg zum Ruhm.

Gina, Rose und  Lemmy übertreffen sich im Bad-Taste-Outfit – Patricia Talackó hat haus-hohe Stilettos, handbreite Miniröcke und Jack-Daniel-T-Shirts zusammengesucht – sie trinken und rauchen, keifen und koksen mülltütenweise. Sie schreien sich an und aneinander vorbei, doch Ed bleibt verschwunden. Irgendwann strippt sich Lemmy die Socken vom Leib, es kommt zum Tanz, zum Streit, zur Schlägerei. Am Ende ist Gina blutüberströmt. Als Ed (Peter Moltzen) wieder auftaucht und davon erfährt, schlägt er dem Produzenten die Beine zu Brei – und landet in der Psychiatrie.

Ein Abdruck in meiner Seele
Stringent und dramaturgisch recht konventionell erzählt Petras diese Geschichte einer Liebe, die sich zwischen Dauerregen und Tonstudio, zwischen Alkoholexzessen und Treueschwüren mühsam einen Weg bastelt. Es soll die große Liebe sein. Denn auch als Eddie zehn Jahre später aus der Klinik entlassen wird und Gina ein heiteres, wohl sortiertes Leben an der Seite von Jonas (Daniel Hoevels) – einem erfolgreichen Redakteur mit herrlichem Colgate-Lächeln –  gefunden hat, ist sie stärker als jede Vernunft. Gina hat dann zwar "einen Magister, Kontaktlinsen und drei Mädchen", dennoch wird sie ihr ordentliches Leben für Eddie verlassen, für den Ex-Junkie, den Ex-Hooligan, den Ex-Musiker. Für ihren Ex, den sie einfach nicht vergessen kann.

"Er ist wie ein Abdruck meiner Seele" – sagt sie fast entschuldigend und kehrt ferngesteuert wieder zurück in ihre Barschlampenvergangenheit. Verloren und verzweifelt stolpern die Figuren durch Petras' Stück und Inszenierung. Bei jedem Auf- und Abtritt werden sie von einem Eimer Wasser übergossen, sind nasse, herrenlose Hunde – vom Leben im Regen stehen gelassen.

Zu plump und platt erzählt Petras ihre Geschichten. Er, der oftmals gekonnt mit Klischees jongliert, mit Übertreibungen und Verdrehungen, bleibt mit "Rose – oder Liebe ist nicht genug" allzu sehr auf dem Teppich der weniger interessanten Milieuschilderungen.

Mach's gut. Ruf mal an.
Nur ab und an blitzt das Innenleben der Figuren auf. Etwa wenn Susanne Wolffs Stimme ins Schrill-Sehnsüchtige kippt, Peter Moltzen als Lost Cowboy so verwegen wie verlegen seine Ex-Verlobte zurückfordert und Daniel Hoevels sich mit einem "mach's gut. ruf mal an" zu trösten versucht.

Recht statisch und unterkühlt gerät der Abend, von dem man sich einen finalen Petras-Reigen erwartet hatte, einen mit ungewöhnlicher Erzählstruktur und überraschenden Regieeinfällen, mit schrägen Ideen und doppelbödiger Fantasie. Stattdessen zeigt Petras solide Regiearbeit zwischen Klamauk und Tragödie – musikalisch durchsetzt von Karen Daltons "It hurts me, too". Da helfen weder Weltschmerzstimme noch großartige Schauspieler, am Ende ist es die Erinnerung, – wachgerufen durch Ulrich Khuons kleine Ansprache –, die Emotionen weckt, nicht die Inszenierung selbst.

Die Erinnerung an großartige Petras-Abende: urkomisch, heiter und melancholisch – einer Mischung aus Trash, Trübsinn, Hoffnung und Romantik.


Rose – oder Liebe ist nicht genug
von Armin Petras
Regie: Armin Petras, Bühne: Natascha von Steiger, Kostüme: Patricia  Talackó.
Mit: Susanne Wolff, Peter Moltzen, Andreas Döhler, Leila Abdulla, Lisa Martinek, Daniel Hoevels.

www.thalia-theater.de


Mehr lesen? Am Thalia in der Gaußstrasse inszenierte Armin Petras 2008 Henrik Ibsens Stück über den Gotteskrieger Brand, das am symbolträchtigen 11. September Premiere hatte. Bei den 9. Hamburger Autorentagen ist im Thalia Theater Petras' Theateradaption von Werner Bräunigs DDR-Nachkriegsroman Rummelplatz zu sehen, die im Januar 2009 für das Berliner Maxim Gorki Theater entstand.

 

Kritikenrundschau

"Was für ein unterhaltsamer Auftakt", schreibt Monika Nellissen in der Welt (27.4.) über Armin Petras' Startschuss zu den Hamburger Autorentheatertagen mit "Rose – oder Liebe ist nicht genug", ein "beinahe schamlos boulevardesker, in die Groteske sich überschlagender Petras". Wenn Leila Abdullah und Andreas Döhler anfangs Studio-Song-Aufnahme spielen, sei "das stumme Ringen der beiden um Töne und Ausdruck (...) so komisch, dass wir begeistert sind". Der Running Gag des alle nassmachenden Regenwasserschwalls sei "bester Slapstick, das ist jedes Mal zum Heulen komisch". Und dann auch noch "die fantastische Susanne Wolff" als "sich breitbeinig und prollig durch die Räume des Aufnahmestudios" schiebende "Rock-Schlampe", "rotzig, laut, aufdringlich", aber doch verwundbar und verloren. Eigentlich sei es "eine ganz einfache Liebesgeschichte", die Petras "folgerichtig und mit viel Empathie" erzähle. "Wir wissen nur nicht, ob er das alles ernst meint, was er sagen lässt, oder ob er einfach nur Lust hat, dem aufkeimenden Gemütskitsch und einigen pseudophilosophischen Gedanken Raum zu verschaffen. Das wäre dann schon wieder satirisch."

Friederike Gräff
findet in ihrer wirklich kurzen Kurzkritik in der taz Nord (27.4.), dass Petras' "klassische Dreiecksgeschichte" "nicht zu den großen seiner Stücke" gehöre. "Und so musste man sich an den Schauspielern und Schauspielerinnen trösten", vor allem an Peter Molzten und Susanne Wolff. "Wir erfahren zu wenig über die Personen. Sie bleiben Versatzstücke aus Musikhalbwelt einerseits und bürgerlicher Holzvollvertäfelung andererseits." So steht zu hoffen, dass Petras "ein andermal Eindringlicheres (...) zu seiner großen Frage nach dem, was verlässlich ist in dieser Welt", zeigen werde.

Ebenso kurz und ebenso wenig begeistert äußert sich Susann Oberacker in der Hamburger Morgenpost (27.4.): "Ein Abschied, der wehmütig macht". Nicht nur wegen des Autorentheatertage-Abschieds an sich, "sondern auch weil der tragikomische Theaterpoet Petras (...) diesmal enttäuschte: Holzschnittartig bleiben Geschichte und Figuren", werden aber "immerhin von hinreißenden Darstellern gespielt". Konventionell erzähle Regisseur Petras "an der Oberfläche entlang seine Geschichte, aus der man am Ende – trotz des originellen Bühnenbildes von Natascha von Steiger – leider unberührt herausgeht".

"Gefühle klaffen in diesem Milieu roh wie offene Wunden", schreibt Maike Schiller im Hamburger Abendblatt (27.4.) über die Beziehung zwischen Gina (Wolff) und Ed (Moltzen). "Manchmal werden Rocksongs daraus, manchmal bleibt nur Schmerz. 'Liebe' ist hier (wie überall?) alles Mögliche: Angst vorm Alleinsein, Angst vor der Veränderung und Halt in einem weitgehend verkorksten Leben." Dabei gehe es "immer um das irgendwie 'echte' Gefühl, das irgendwie 'richtige' Leben". Den Schauspielern zuzuschauen, sei "großartig". Trotz Übertreibungen und "hübscher Albernheiten" verleihe das Ensemble, allen voran Wolff und Hoevels, ihren Figuren "große Wärme und Würde".

Es ist ein sentimentaler Abend, aber "Rose" ist auch ein sentimentales Stück, findet Anke Dürr in der Frankfurter Rundschau (28.4.). "Petras erzählt die Geschichte von Ed und Gina, einem Pärchen aus dem Hardrock-Milieu, er Gitarrist, sie Ex-Groupie, jetzt seine Frau und schwanger." Als ein anderer Gina anmacht, rastet Ed aus und schlägt ihn zum Krüppel, und die überforderte Gina lässt Ed in die Psychiatrie einweisen. Aus drei Monaten werden zehn Jahre. "Als er entlassen wird, sitzt Gina mit einem neuen Mann und drei Töchtern in einem schicken Haus, aber als Ed sie holen kommt, geht sie mit ihm und lässt das bürgerliche Leben samt Kindern zurück." Petras verlegt die Geschichte mit gewohnter Nonchalance in die deutsche Provinz der achtziger Jahre, "und es passt." "Raue Schale, heißes Herz" habe der Abend, der "urkomisch" beginnt, "mit einer Pantomime hinter der vermeintlich schalldichten gläsernen Studiowand, hinter der Musikproduzent seine Sängerin (...) mit großen Gesten anspornt." Fazit: Petras schaffe es, "immer kurz vor dem Kitsch und dem Klischee abzubiegen, ohne seine Figuren zu verraten".

 

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