Restsubjekte auf Weltflucht

von Esther Slevogt

Berlin, 10. Mai 2009. Am Anfang denkt man, es ist der Vater, dessen Existenz hier ins Trudeln gerät. Der Vater, der in Nis-Momme Stockmanns Stück "Der Mann der die Welt aß" seinen Sohn anruft und ihm erzählt, dass er sich im Schlaf ein Stück Zunge abgebissen hat. Aber bald ist klar, größer als die Probleme des Vaters, der seine beginnende Demenz durchaus im Blick hat und sie voller Verzweiflung registriert, sind die des Sohns: bei Stockmann ein namenloses Wesen Mitte Dreißig, dessen ganzes Leben eine einzige Fluchtbewegung ist: Flucht vor der Verantwortung, vor der Liebe und den Ansprüchen anderer, vor sich selbst.

Und der nicht realisiert, dass er mit seiner panischen Zurückweisung jeglicher Verantwortlichkeit immer stärker auch die Steuerungsmöglichkeiten über sein Leben verliert. Die Hilferufe des Vaters, Kommunikationsversuche seiner Exfrau, seiner Kinder, des besten Freundes oder Bruders verhallen daher immer abrupter im Nichts. Das Ende von Stockmanns klaustrophobischem Kammerspiel ist entsprechend bitter: Der Sohn hat sich gemeinsam mit dem dementen Vater in einem Kleiderschrank vor der Welt verschanzt, von den emotionalen und ökonomischen Anforderungen des Lebens gleichermaßen überfordert.

Die Gottverlassenheit des Alltäglichen

Die Kassenhalle des Hauses der Berliner Festspiele, traditionsreicher Schauplatz der szenischen Lesungen des Stückemarkts beim Theatertreffen, quoll über, gestern, um 18.30 Uhr. Denn als hier die fünf Schauspieler das schmale Podium vor der gartenseitigen Fensterfront betraten, stand schon seit Stunden fest, dass Nis-Momme Stockmann, 1981 auf der Insel Föhr geboren und Student am Studiengang Szenisches Schreiben der Berliner UdK, mit seinem dramatischen Erstling beide Preise des Heidelberger Stückemarktes gewonnen hatte. Roger Vontobel hatte die szenische Lesung eingerichtet: mit Arnd Klawitter als Sohn, André Jung als seinem Vater und Katharina Schmalenberg als seiner Exfrau. Kai Ivo Baulitz liest den asthmakranken Bruder, Max Simonischek den besten Freund des Weltverweigerers.

Und während die Jury beim Heidelberger Stückemarkt im Sohn, der sein berufliches Scheitern ebenso leugnet wie die eigene Verantwortung dafür, einen Nachfahren von Arthur Millers Handlungsreisenden oder Tschechows ohnmächtigem Egozentriker Iwanow sah, skizzierte Vontobel mit wenigen Strichen, dass Stockmann hier durchaus auch Beckett'sche Endspiel-Konstellationen weiterdenkt: in Richtung auf das Sinnlos-Absurde und auch Gottverlassene, in das banalste Alltagsanforderungen, -nöte und -verrichtungen abrutschen können.

Nicht davonlaufen!

Stockmanns Blick auf seine Figuren unterscheidet sich von den Vorgängern allerdings in einem wesentlichen Punkt: Denn die Ansprüche der Familie werden hier nicht als bürgerlicher Hemmschuh gegen die Autonomie des Subjekts ins Feld geführt, sondern das Subjekt verliert seine Autonomie, weil es nicht in der Lage ist, sich seiner Verantwortung zu stellen. Weshalb so gesehen der erste Schritt zur Rettung der Welt darin bestehen könnte, nicht mehr vor ihr davonzulaufen.

Die zweite szenische Lesung fand dann auf der Hinterbühne statt, wo Claudia Bauer Oliver Klucks "Das Prinzip Meese" eingerichtet hatte, eine Suada gegen den Kunst- und Kulturbetrieb, die Verblödungsmaschine Fernsehen, die längst auch die Dichter selbst zu verblöden begonnen hat, deren Stand in der abendländischen Kulturlandschaft jedoch nicht allein aus diesem Grund höchst unübersichtlich geworden ist. Kluck, wie Stockmann insulanischer Abstammung, kam 1980 auf Rügen zur Welt, gibt sich, vom allesverachtenden Gestus her Thomas Bernhard nicht unähnlich, auf der Höhe der Zeit: kein Stück, eine Textfläche ist dieses postdramatische Drama über das Fehlen der Kunst in der Kunst, seine Figuren sind nur noch mit Buchstaben notdürftig markiert.

Fatalistischer Rundumschlag, diffuse Kunstsehnsucht

Da ist das Restsubjekt eines Dichters, der zwischen Fernsehdauerberieselung und unerfüllten Sexualfantasien, die auf eine manische Thomas-Bernhard-Leserin gerichtet sind, manchmal auch darüber nachsinnt, einen Text zu verfassen. Und da sind im Hintergrund all jene Medienprofis, die ihr Künstlersein vor laufender Kamera als Dauererektion inszenieren. Claudia Bauer hat das mit feiner Ironie szenisch aufbereitet. Der Künstler, den hyperventilierend Robert Beyer spielt, badet in Kuscheltieren in einer Wanne, die in Sand eingegraben ist. Drei Frauen, nämlich Sandra Hüller, Astrid Meyerfeldt und Heide Simon, kreischen, sprechen, säuseln den Text in drei Mikrophone, während sie den Text nicht aus einem Textbuch, sondern vom Teleprompter ablesen, der hoch über den Zuschauerköpfen hängt. Mild werden Inszenierungspraktiken der Berliner Volksbühne und diskursverwandter Bühnen karikiert.

Doch ganz zufrieden macht der fatalistische Rundumschlag gegen unseren minderbemittelten Kulturalltag nicht. "Dieses Stück muss nichts müssen", schreibt Kluck in einer Art Prolog, den Claudia Bauer und ihr Dramaturg Jens Hillje weise ans Ende der Geschichte verlegt haben. Jonathan Meese müsse für das Stück auch keine Bühne gestalten. Braucht er tatsächlich nicht, denn die Badewanne, in der Meese eigenen Interviewbekundungen zufolge einen wesentlichen Teil seines Künstlerlebens verbringt, kann auch jemand anderes auf die Bühne stellen (in vorliegenden Fall Karoline Bierner). Bloß, dass dies der Wahrheitsfindung auch nicht wesentlich dient. Kluck denkt und schreibt ein wenig kokett. Irgendwie sind seine Interventionen auch von einem diffusen Konservativismus getragen: einer spätbürgerlichen Kunstsehnsucht, die sich leider nicht präziser artikuliert, weshalb man dazu neigt, dieses Drama tatsächlich etwas nutzlos zu finden.

 

Theatertreffen – Stückemarkt III und IV

Der Mann der die Welt aß
von Nis-Momme Stockmann
Szenische Einrichtung: Roger Vontobel, Ausstattung: Manuela Pirozzi.
Mit: André Jung, Arnd Klawitter, Katharina Schmalenberg, Max Simonischek, Kai Ivo Baulitz.

Das Prinzip Meese
von Oliver Kluck
Szenische Einrichtung: Claudia Bauer, Ausstattung: Karoline Bierner, Sound: Ingo Günther.
Mit: Robert Beyer, Sandra Hüller, Astrid Meyerfeldt, Heide Simon.

www.berlinerfestspiele.de

 

Mehr zum Stückemarkt des Berliner Theatertreffens? Hier! Nis-Momme Stockmann ist auch Teilnehmer des Projekts szenen von nachtkritik.de in Kooperation mit den Studiengängen Szenisches Schreiben der Udk Berlin und UniT Graz.

 

 
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