Die Geräusche hinter den Worten

von Eva Maria Klinger

Wien, 12. Mai 2009. Es muss wohl enden wie es begonnen hat, denn aus der Qual gibt es kein Entrinnen. Am Anfang zählen drei fast nackte Männer Reizworte in alphabetischer Reihenfolge auf: G wie Gonorrhöe, K wie Kirche, M wie Masturbation, S wie Schwuchtel, am Schluss murmeln sie, auf dem Boden kauernd, leise das Alphabet, als Metapher für Sprache, Rettungsring in unerträglichem Lebensstrom.

Dazwischen liegen 100 Minuten Folter, Schreie aus Verzweiflung und Wut gegen eine selbstgerechte Welt, in der Außenseiter sich in den Bäumen erhängen. Dieses schockierende Bild zweier am Strick hängender Buben, die für ihre Homosexualität keinen anderen Ausweg fanden, hat Josef Winkler zeitlebens nicht verlassen. Die erdrückenden Erfahrungen seiner Kindheit in einem Kärntner Dorf in den 1960er Jahren, das jeden ausgrenzt, der sich nicht ins bäuerliche Leben integriert, begleiten seine literarischen Aufarbeitungen.

Themenpark der Widersprüche
Die Dramaturgin Alexandra Millner hat eine Kollage aus Romantexten des  56jährigen Schriftstellers zusammengestellt, aus der frühen Trilogie "Das wilde Kärnten",  "Der Leibeigene", "Roppongi"  und weiteren Erzählungen. Winklers Themenpark der ungelösten Widersprüche, eine Sprache zu finden in sprachloser Umgebung, Glaube und Blasphemie, Sexualität und Scham, Liebe und Hass, Todessehnsucht und die Angst davor, das könnte dramatischen Sprengstoff liefern.

Aber letztlich besitzen diese poetischen Litaneien wenig Bühnentauglichkeit, bleiben abstrakte Klagelieder, mal mit Wut, mal mit Verzweiflung heraus geschrieen. Was beim Lesen der Romane die Phantasie beflügelt, literarischen Genuss und Kontemplation verströmt, bleibt auf der Bühne seltsam flach und abgeschmackt. Drei Kunstfiguren, ein Schriftsteller, ein Priester und ein Transvestit teilen sich den Monolog des Ausgestoßenen.

Drei Männerkörper in weißen Trikotunterhosen wälzen sich auf flachen Holzpaletten, dahinter sitzt eine Frau zwischen Kartoffelbergen in Metalltrögen, schält stumm eine Kartoffel nach der anderen, bis auch sie erlahmt. So visualisiert der in Berlin lebende italienische Schauspieler und Regisseur Antonio Latella die autonomen Sprachbilder des Büchnerpreisträgers.

Parallelen zu Pasolini
Beim Young Directors Project der Salzburger Festspiele 2003 hat er sich mit Pasolinis "Porcile" vorgestellt. Es war auch diesmal ein Pasoliniprojekt im Gespräch, aber dann haben Latella die Themen des Josef Winkler, die manche Parallele zu Pasolini aufweisen, interessiert. Homosexualität, die Kirche, das Sterben, die Selbstbefragung des Schriftstellers sind auch Winklers Dauerbrenner. "Du sollst an deiner Sprache arbeiten, bis du umfällst und wieder umfällst, dann wieder aufstehen, um umzufallen", lautet das zweite seiner zehn Gebote für den Schriftsteller.

Die Geräusche hinter den Worten sind imposant, anschwellende Orgelmusik, das laute Tippen einer alten Schreibmaschine, schneidende, Mark erschütternde Töne zu selbstquälerischen Entäußerungen. Andere Zusammenhänge bleiben fragwürdig. Das Chanson der Kabarettistin Cissy Kraner "Aber der Nowak lässt mich nicht verkommen" erklingt zu Masturbationsbemühungen des Transvestiten. Steffen Höld, Vincent Glander und Max Mayer geben dem wild wuchernden Text Stimme und Gestalt. Josef Winkler, mit dem Projekt zwar einverstanden, zeigte sich nicht auf der Bühne.

 

Wild wuchern die Wörter in meinem Kopf. Ein Tripychon. (UA)
Schauspiel nach Texten von Josef Winkler
Regie: Antonio Latella, Ausstattung: Annelisa Zaccheria, Lichtdesign: Giorgio Cervesi Ripa, Musik: Franco Visioli, Dramaturgie: Alexandra Millner.
Mit: Steffen Höld, Vincent Glander, Max Mayer.

www.schauspielhaus.at
www.festwochen.at


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Kritikenrundschau

Eine "denkwürdige Uraufführung" hat Hans Haider (Wiener Zeitung, 14.5.) gesehen. Denn "Winklers so krasse wie virtuose Metaphorik fand in diesem "Best of"-Konzentrat ein neues Publikum. Leise Zweifel gingen in lärmender Aufgeregtheit unter". Der Dichter wurde an ihm "scheinbar überkomplett vorgestellt wie er leibt und lebt: dreigeteilt in die Rolle eines Schriftstellers, eines Priesters und eines Transvestiten? Doch reduziert auf seine stärksten aus den Büchern gesaugten Ansagen gerät er zum Monster. Der Spektakelbetrieb liebt sie von alters her, das libertinäre Milieu sucht sie heute auf Lifebällen". Die Bühne aber schere sich nicht um die "in Winklers Prosa abgebildete schlaffe Profanität des beobachtenden Flaneurs, sondern reduziert seine seit 30 Jahren kontinuierlich fließende Lebenserzählung auf ein – nicht steigerbares, nicht wiederholbares – Selbstbezichtigungs-Blitzgewitter". Und aus dem Prosafluss herausgeschält, "gewinnen Bilder und Metaphern schärfere Konturen, als sie dem sich Blasphemie und Porno versagenden Dichter gerecht würden". Aber "warum erinnert das rhythmische Gebrüll nackter Männer an den Marines-Drill in Kubricks "Full Metal Jacket" und an faschistische Wochenschauen? Da läuft was falsch in Latellas Regie". Aber was? "Kulturpathos, Körperkitsch?", fragt Haider und antwortet: "Nicht selten tappt die Regie in solche Fallen. "Die punktgenauen Zitate und das exakte Sprechen bringen" aber "Sätze aus unausgeloteten existentiellen Tiefen von umwerfender Schönheit unters Volk."

Der Kosmos des "Wilden Kärnten", den Josef Winkler seit 30 Jahren monomanisch geschaffen hat, ist "traurig und schön", schreibt Norbert Mayer (Die Presse, 14.5.). Bei Antonio Latella aber ist er "vor allem schmerzhaft. Das Elegische mutiert zum plakativ Dramatischen. Sein flottes Triptychon könnte auch als eine Hommage an Pier Paolo Pasolini gedeutet werden, an diesem Abend fühlt man sich ins thesenhafte Theater der Siebzigerjahre versetzt". Anfangs zum Beispiel werde "jenseits des Winkler-Textes kräftig typisiert". Die Darsteller allerdings "brillieren bei diesem Crashkurs zum Kennenlernen des wilden Winkler, verkörpern eindrucksvoll Winklers Welt". Unterlegt werde "dieses wilde Rezitieren mit elektronischem Geklapper, wabernden, sich steigernden Geräuschen, Kirchenglocken, (...) aber auch mit Visualisierungen von schmerzhaften Ritualen, von Kreuzigungsszenen". Diese Insznierung, so Mayer, ist eine "schwarze Messe".

Für Stephan Hilpold (Frankfurter Rundschau, 14.5.) handelt dieser Abend von "Verrenkungen" des Körpers. Denn die Inszenierung arrangiere Texte Josef Winklers, "dessen Sprache sich wie besessen um das eigene Fleisch dreht - bzw. um das Fleisch Jesu. Fragen der Schuld und Sühne, der Spiritualität und Sexualität fließen ein in eine Suada der An- und Ausrufungen". Die Mutter im Hintergrund – Kartoffeln schälend "den ganzen Abend lang" – ist für ihn die "Referenzperson des unaufhörlichen Wortflusses", der aus den drei Schauspielern "plätschert". "Eine stumme Mutter, die mit ihren Händen tief in der heimatlichen Erde wühlt." Doch der "existentialistische Strudel, in den sich Winkler hineinschreibt und der im besten Falle auch seine Leser erfasst, fließt an diesem Abend recht teilnahmslos an einem vorbei. Regisseur Latella hat Winklers Pathos auf ein Podest gehievt und sich dreimal bekreuzigt. Kein Bruch, kein Witz, keine Hinterfotzigkeit".

 

 

 

 
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