Ohne Hüllern geht die Chose nicht

von Nikolaus Merck

Berlin, 13. Juni 2009. Das muss etwa in der Mitte des anderthalbstündigen Abends gewesen sein: Gerade hat sich Sandra Hüller in eine Revuekönigin verwandelt, schulterfrei das pinkfarbene, oben enge, unten rüschenrauschend bodenlange Kleid, da begegnet der Königin Elisabeth I., bekannt für ihre Jungfräulichkeit, sprich Standhaftigkeit gegenüber heirats- also machtversessenen Männern, ein echter Kerl.

Der Kerl heißt Raleigh, Walter, von Beruf Entrepreneur, Seefahrer und politischer Abenteurer, was hier aber wenig zur Sache tut. Denn zwischen Raleigh und Elisabeth, seiner Königin, geht es im Prater im Prenzlauer Berg allein um Sex. Raleigh sagt: "Könnten Sie sich vorstellen, Madame …?", und Elisabeth fällt beglückt verzagt aus allen Souveränitätswolken. Ein Kerl, der ihr umstandslos an die Wäsche will, wo gibt es denn so was? Aber reizvoll ist das Spiel, ist der Mann doch. Also fragt sie zurück: "Könnten Sie sich vorstellen, nicht mehr die Königin, sondern die Frau …?"

Die zwei Körper der Königin

Schade, dass Raleigh in diesem Moment zögert, denn schwupps, schon ist Elisabeth wieder vereist, wie der Trockennebel, der aus ihrem Kühlschrank quillt, und das Doppelspiel der Hüller ist zu Ende. Vorbei das mit den Beinen zappelnde, hintüber kippende Außer-sich-Geraten der vom puren Begehren überrascht-erfreuten Elisabeth, vorbei der lässige, die Königin attackierende Blick, der understatement-Ton des Hüller-zertifizierten Kerls Raleigh. Vorbei auch die einzige Stelle des Abends, an dem die konzeptionell beschworenen "zwei Körper der Königin" – der symbolische Königinnenkörper der monarchistischen Staatstheorie hie und der Körper der Frau, die die Königin verkörpert, da – einmal spielerisch komisch Gestalt annehmen.

Man kann sich einiges denken bei "Virgin Queen", einer Collage im Prater der Volksbühne, die Regisseurin Claudia Bauer für Sandra Hüller, eine alte Kumpeline aus Jenaer Tagen, und die Puppen des koproduzierenden Puppentheaters Halle erfunden hat. Die Hüller, genervt vom Stereotyp des leidenden Frauen-Mädchens aus ihrem Erfolgsfilm "Requiem", hatte schon vor drei Jahren erklärt, dass sie fürderhin selbstbewusste Frauen spielen wolle. Gesagt, getan. In München hat sie Tom Lanoyes "Mamma Medea" abgewanzt, tatkräftig und mitleidlos vorgeführt. Oder letzthin die Schlampe Courtney Love in Freiburg. Elisabeth I., Machtfrau, eine Art frühe Sonnenkönigin, die einem ganzen, angeblich gedeihlichen Zeitalter ihren Namen gab, setzt dieser Entwicklung nun ein glänzendes Krönchen auf.

Zwischen Zwergenspinett und Zwergenschlagzeug

Und Dame Hüller spielt, dass sich so recht die Balken biegen. Die alte Königin nach Bette Davies, die junge nach Cate Blanchett – "mich haben so viele Leute gespielt, ich weiß gar nicht mehr, wer ich bin" – alles kein Problem. Sie knurrt und brummt, und sie vögelt – als männlicher Königinnen-Ersatz, der den Erfordernissen der Staatsraison gemäß in die Rolle der in Wirklichkeit ermordeten Thronerbin Elisabeth geschlüpft ist, so die gewollt witzige am Shakespeare-Mythos orientierte dramaturgische Erklärung – mit Stoffpenis und Brusthaartoupet den blondesten der drei stummen Puppenspieler. Uijuijui.

Sie rumort im trashigen Bühnenbild mit Seestück hinterm geblümten Paradebett, Kühlschrank, Zwergenspinett und Zwergenschlagzeug, versteckt sich im Kinderzimmerschrank, der aussieht, als sei er direkt aus einem Millionenerbinnen-Haus in Gaza City importiert, fightet im hautengen Kampfanzug mit Sturmwind im Rücken gegen die Armada des spanischen Puppen-Phillips, der die "protestantische Fotze" mit anonymen Anrufen belästigt, und ruft nach ihrem "Volk", das sie in Gestalt eines Bündels Plastikflaschen, überzogen mit roten Gummihandschuhen, an ihren Leib presst.

Wo bleiben die Bessie Singers?

Sie lässt die katholische Rivalin Maria Stuart köpfen und fürchtet sich drauf ausgiebig und schrill vor dem abgeschlagenen Maria-Puppen-Kopf, rezitiert am Telefon aus einem Lore-Liebesroman und steigt zum Schluss in den übermenschengroßen Puppenkörper von Papa Heinrich VIII., um die Puppenspieler, die sie wie Wachpersonal umschwirren, mit propellerkreiselnden Armen niederzustrecken – all das mit größter Souveränität, sprühender Spiellust und unvergleichlicher Bühnenpräsenz.

Weibliches Junggesellinnentum, die Causa Maria Stuart und der Kampf gegen die Armada – und außerdem? Recht besehen lässt Claudia Bauer spielerisch zwar allerliebst mit mannigfaltigen Puppen, inhaltlich indes nur mit sattsam Bekanntem hantieren. Weder treten die annoncierten Bessie Singers in Erscheinung, noch wird Aufklärerisches gegeben über die Herstellung einer Diva oder den doppelten Körper der Königin, der dem doppelten Körper der Schauspielerin angeblich so passgenau entspricht. Also macht Hüllern große Show und hält allein die Chose zusammen, die mit einer anderen Besetzung wohl kläglich verröchelt wäre auf halber Distanz. So aber war's das Zuschauervolk zufrieden und gab sich heftigem Hüller-Jubel hin.

 

Virgin Queen
Sandra Hüller spielt und singt Elizabeth I., gestört von 75 Puppen und den Bessie Singers
Regie: Claudia Bauer, Bühne: Hendrik Scheel, Kostüme: Daria Kornysheva, Puppen: Hagen Tilp und Daria Kornysheva, Musik: Sebastian Herzfeld.
Mit: Sandra Hüller, Nils Dreschke, Sebastian Fortak, Lars Frank.Koproduktion der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, der Theater, Oper und Orchester GmbH Halle/Puppentheater Halle und des Staatsschauspiels Stuttgart.

www.volksbuehne-berlin.de

 

Mehr zu Sandra Hüller? Man sah sie zum Beispiel in Stephan Kimmigs Inszenierung von Mamma Medea im Dezember 2007 in München. Und Claudia Bauer inszenierte zuletzt Kabale und Liebe im März 2009 in Stuttgart.

 

Kritikenrundschau

Auf der Webseite des Deutschlandfunks (13.6.2009) schreibt Hartmut Krug, Sandra Hüller sei die "einzige echte Akteurin" des Abends, ihre Mit- und Gegenspieler sind nur Puppen, trotzdem sei die Vorstellung "voll von spielerischem Witz". Die Schauspielerin spiele sich als Elizabeth "ganz allein durch deren Leben und die Bilder, die sich die Menschen von ihr machen". Der Abend gebe Hüller Gelegenheit, mit "viel spielerischem Witz", "in einem furiosen Solo Gelegenheit, ihre enorme Wandlungsfähigkeit und ungeheure Bühnenpräsenz zu demonstrieren". "Sie behauptet sich gegen einen Puppen-Philipp, der sie in Anrufen als "protestantische Fotze" beschimpft und ihr die spanische Armada als Papierschiffchen-Flotte vor die Füße schüttet. Im Kampfanzug segelt sie wie eine Siegesgöttin im Sturm daher, und Sandra Hüller tobt dabei mit faszinierender körpersprachlicher Energie durch die Szene." Wenn diese Königin sich "schwach fühlt, ruft sie nach ihrem Volk, das ihr als ein Plastikpaket wedelnder Hände gereicht wird, und ruft, 'zeig mir den Tod', - worauf man ihn ihr als Fingerpuppe vorführt." "Es war kein großer Abend, aber doch eine zu Recht umjubelte, überzeugende Sandra-Hüller-Personality-Show".

"Blicke auf die hässlichen, schrulligen, quengeligen Seiten einer Frau, die keinen Sex hat, aber die Macht", gewährten Regisseurin Claudia Bauer und Schauspielerin Sandra Hüller in dem Prater-Abend "Virgin Queen", schreibt Eva Behrendt in der Frankfurter Rundschau (15.6.2009). Um die berühmte Königin Elisabeth "zu fassen zu kriegen", beschränkten sie sich "auf einen Tag im Leben der alten Dame, an dem sie sich aus ihrem ewig schmuddeligen Teenagerzimmer in ihr bewegtes Leben zurückträumt". Hüller führe dabei "nicht nur vor, wie man Madonnas 'Like A Virgin' mit glockenheller Björkstimme bezwingt oder Lesley Gores 'It's my Party' mühelos gegen drei Männerstimmen durchsetzt", sondern lasse in ihrem "Verwandlungsfuror" nicht zwischen "neurotischer Karrieristin und schwulem Elisabeth-Double" aus. Überdies schienen all diejenigen "durch Hüller durch", die die Königin vor ihr verkörpert haben: Cate Blanchett & Co. "Viel Glamour entfaltet sich da über der These von der ewigen Teenagerprinzessin, für die die Welt eine einzige Puppenstube bleibt". Das "Geheimnis weiblicher Macht" könne damit aber selbst die "fantastische Sandra Hüller" nicht erklären.

Für Doris Meierhenrich von der Berliner Zeitung (15.6.2009) ist Elisabeth bei Hüller erstmal eher eine "Lilibeth, ein tattriges, altes Wrack, das irgendwo zwischen Krapps 'letztem Band' und Courtney Love im Altersheim angekommen ist". Später liefere sie dann mindestens ein Dutzend "herrschaftlicher Krankheitsbilder (...), die nur von dem Wichtigsten keinen Schimmer haben, der Unantastbarkeit": die "pöbelnde Göre", die "süchtige Karrierefrau", die "frustrierte Hysterikerin", das "naive Groschenroman-Schnittchen" – "ein Rollenschmaus für jede Schauspielerin, die das eigene Wollen und Leiden an ihrem Beruf immer gleich mitspielen darf". So verstehe Claudia Bauer die "Virgin Queen" als das "Medusenhaupt der Schauspielerei schlechthin". Zum Leidwesen der Kritikerin legt sich dabei aber allzu "schnell die Prater-Uniformität aus Schnoddrigkeit und Klamauk über die guten Ideen". Hüller schmeiße sich zwar "mit viel Energie und spröder Verstellungslaune" in diese "Vielfrau"-Rolle, sei aber selbst eine "zu sublime Schauspielerin, als dass sie dem lauten, rotzigen Volksbühnenton etwas Eigenes abgewinnen könnte". Außerdem laufe die "angekündigte Puppe-Mensch-Begegnung" meist aneinander vorbei.

Diese "Monarchin mit ihren ewigen hysterischen Anfällen" ist für Ulrike Borowczyk von der Berliner Morgenpost (17.6.2009) "eine Nervensäge allererster Güte". Claudia Bauer habe mit "Virgin Queen" die "Travestie eines Königinnen-Dramas ersonnen und inszeniert, die trotz neunzigminütiger Kürze gewaltig an der Geduld des Zuschauers nagt". Die hohen Erwartungen der Kritikerin ob des ersten Berlin Auftritts von Sandra Hüller werden leider enttäuscht, denn die "Selbstinszenierung der Königin zwischen Amtspflicht und sexueller Frustration ist konzeptionslos und zu disparat, als dass man erkennen könnte, was die schrille, biographisch und historisch unscharfe Collage wirklich will". Fazit: "ein abstruser Abend".

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