Surrealistische Messe mit Grünpflanzen

von Ralf-Carl Langhals

Mannheim, 19. Juni 2009. Man war ja auf alle Eventualitäten vorbereitet, im Parkett wie am Regiepult. Die einen witterten den Skandal des Jahres, die anderen glaubten zu wissen, dass der zwangserotisierte Katalane als Schauspielregisseur gar nicht so wüst sei, wie einen verschreckte Opernfreunde glauben machen. Calixto Bieito indes wünschte sich mit diversen Verlautbarungen Offenheit und Toleranz, auch bei denen, die musikvermischte Sprechopern und zeitgenössische Regie nicht mögen. Die Dramaturgie verkündete man streiche Text, um den Schillerfiguren näher zu kommen.

Am Ende, nach 105 Minuten "Don Karlos", konnte auch die merkwürdige Mischung aus höflichem Applaus und halbherzigen, wohl eher dem Mannheimer Schillertage-Fieber geschuldeten Standing Ovations nicht darüber hinwegtäuschen, dass keiner bekam, was er erwartete.

Treibhaus der Lüste

Bekanntlich sind Theaterabende, die mit Erwartungen brechen, die gelungensten. Doch das wagt man nach der Eröffnungspremiere der Schillertage nicht mehr zu behaupten. Calixto Bieito hat sich für seine Mannheimer Arbeit mit der von ihm geleiteten Companyia Teatre Romea zwar intensiv mit dem historischen wie dem Schillerschen Don Karlos beschäftigt, las Rüdiger Safranski und weilte in Weimar. Noch mehr hat er sich König Philipp gewidmet, der Gemüse züchtete und in dessen Schlafzimmer Hieronymus Boschs Triptychon Der Garten der Lüste gehangen haben soll. Das klingt spannend, liefert aber lediglich ein beeindruckendes Bühnen-Treibhaus, in dem zwei Statistenleichen den Humus für machtstaatliches Gedeihen liefern (Bühne: Rebecca Ringst).

Das Klima, das am Hofe des Mannes herrschte, in dessen Reich die Sonne nicht untergeht, ist das eigentliche Thema Bieitos. Kopfverbände, Blutpatronen und Gitter zeugen von Angst und Gewalt. Kälte und Liebe wie Schiller sie beschreibt, herrscht im Treibhaus der Lüste nicht. Ob Schillers Zusatz "Ein dramatisches Gedicht" oder des Regisseurs Neigung zur Oper den Ausschlag zu zwei weiteren Untertiteln gab, wissen wir nicht. "Eine surrealistische Messe im Stil eines Pasodoble" lautet  vollmundig der eine, "Die Sorgen und Nöte einer spanischen Familie, die von den Königswürden der Vergangenheit und dem Elend der Gegenwart träumt" der andere. Nur eingeweihte Tanzfreunde wissen, dass der vermeintlich heitere Pasodoble Fest und Blutopfer beim Stierkampf verbindet.

Hochamt der Opernästhetik

Ein richtiger Blutrausch wird es trotz zahlreicher spanischer Rhythmen nicht, eine Messe schon eher. "Lacrimosa", "Exsultate" und andere emotionale Verzückungslaute – das Programmheft schweigt hierzu – klingen nach Purcell, Poulenc, Verdi und Ligeti. Große, durchaus skurrile, wenn auch gänzlich unsurrealistische Tableaus mit historischen Kostümen (Ingo Krügler) ergeben ein Hochamt der Opernästhetik, die doch "nur" ein Schauspielabend sein durfte.

Den Text hierfür klaubt man sich hier und da zusammen, findet zwar zu einer der Logik folgenden Erzählweise, aber nicht zu einer gelungenen Strichfassung, die Konflikte zuspitzt oder uns Schillers Figuren näher bringt. Wenn unbeschalltes Schauspiel stattfindet, meist in den Szenen mit König Philipp (Carlos Hipólito), dann leider so kreuzbieder hochdramatisch, dass es bei allem Respekt vor romanischem Feuereifer – Pardon – an der Schmiere nur knapp vorbeischrappt.

Die blanke Geschichte eben

Zu sehen sind greinende oder auch prächtig singende Hofdamen (Begoña Alberdi, Àngels Bassas), ein donnernder Freiheitsheld (Rafa Castejón), eine ludernde Königin (Violeta Pérez) und ein neurotischer Karlos (Rubén Ochandiano), dem man weder den eigenen Autoschlüssel, geschweige denn die spanischen Heere in Flandern anvertrauen würde. Vom deutsch-idealistischen Blick Schillers auf ein historisch anderes Spanien war im Vorfeld ebenso die Rede wie vom heutigen Spanien und vom Katholizismus. Zu sehen war eine aufgeblasene aber deutungsfreie Mischung aus gängigen Mätzchen, emotionsersetzender Musik und einer Fundus-Orgie mit Längen.

Die blanke Geschichte eben, gespickt mit Theaternebel, Blut, einer Menge Grünpflanzen und Blumenerde. Übriggeblieben vom Heute sind in der Einlass-Situation auf Zeltplanen projizierte Mannheimer Straßenbahnen und ein tänzelnder Kronprinz im Jesus-T-Shirt mit MP3 Player; so spanisch kommt einem das nun auch wieder nicht vor.

 

Don Karlos
von Friedrich Schiller
Regie: Calixto Bieito, Bühne: Rebecca Ringst, Kostüme: Ingo Krügler.
Mit: Begoña Alberdi, Àngels Bassas, Rafa Castejón, Josep Ferrer, Carlos Hipólito, Rubén Ochandiano, Violeta Pérez, Mingo Ràfols.

www.nationaltheater-mannheim.de
www.schillertage.de

 

Kritikenrundschau

"Bieito kreuzt die Kleinfamilie mit der Weltpolitik und Schiller mit Buñuel", schreibt Roland Müller (Zeit, 2.7.2009), "Spaniens König ist ein Hobbygärtner und bittet Herzog Alba, Gift gegen Ungeziefer auszubringen, auch im besetzen Flandern. Tote düngen das Reich, in dem die Sonne niemals untergeht, doch genau diese Toten lässt der wüste Bieito als Gespenster wiederauferstehen." Nachdem die Leichen aus der Pflanzung hervorgekrochen seien, ziehe der Poprevolutionär Carlos in den Freiheitskampf. "Bei Bieito treibt das alte Bilder- und Regietheater nochmals wahnsinnstolle Angstblüten. Schiller, sagt der Katalane, ist nur da ganz Schiller, wo er mit wütender Inbrunst gespielt wird." Diesen Satz bezeuge er mit einem Donner, der die Helden des postdramatischen Theaters eigentlich erzittern lassen müsste.

Es sei gewesen, "
als ob René Pollesch frühe Filme von Carlos Saura nachgestellt hätte", spottet Nils Minkmar in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (21.6.2009). "Die Schauspieler agierten, als wollten sie Schauspieler parodieren: Verzweiflung wurde laut geschluchzt; eine Replik wurde betont, indem sie mehrmals mit anwachsender Lautstärke wiederholt wurde, bis hin zum blöden Gebrülle; der mörderische Wahnsinn Philipps hingegen äußerte sich in jenem klischeehaften irren Lachen, das jedem einfällt, der bei einem Sketch im Freundeskreis einen Despoten mimen möchte." Die düstere Kirche, das gruselige spanische Hofzeremoniell, die dysfunktionale Familie, Macht und Moral, Mutter und Sohn, alles sei kurz vorgekommen, "und ab und zu ein Paso Doble."

Für Gerhard Stadelmaier von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (22.6.2009) tun die Mannheimer Schillertage bloß so, "als seien sie mit einem 'Don Carlos' eröffnet worden". Doch sehe man nicht das erwartete Schiller-Drama, sondern "Don Schlappschwanzos, Infantilist von Spanien", ein "kurzhosiges Bürschchen in Pudelmütze, Turnschuhen und MP3-Player", das "grenzdebil nach seiner 'Madre!' greint". Da werde "viel Opernhaftes" gejault, Pimmel folgenlos bepustet und Gabelstapler gefahren, "alles unter spanischem Gebrüll und viel blauem Licht". Was da "surrealistische Messe" sein soll, sei "purer Quatsch", dem das "von allem Drama erlöste gutbürgerliche Publikum" entsprechend "hysterischen Beifall" gesprendet habe.

Dass Schillers Blankverse hier "radikal, bis unters Existenzminimum" auf "knapp 100 Minuten" gestutzt seien, wirkt auf Ulrich Weinzierl von der Welt (22.6.) erstmal "rekordverdächtig". Bloß habe dann die "gefühlte Zeit (...) wie so oft die gemessene bei weitem" übertroffen. Das Stück vorher gelesen zu haben, sei bei Bieito nicht nur nicht nötig, sondern "für den künstlerischen Eindruck" gar "schädlich, ja verheerend"; erst "völlige Unbefangenheit des Konsumenten ermöglicht hier den Erfolg". Auch Weinzierl sieht den Kronprinzen (Rubén Ochandiano) "ziemlich zappelig" umherhüpfen, während der Marquis Posa bei Rafa Castejón "unerschrocken eine Art Torero von Freiheit und Humanität" mime. Und auch dieser Kritiker hat einen eher "infantilen Infanten", einen "Don Carlito" gesehen. Zwar hätten die oft zitierten Schiller-Verse von der Gedankenfreiheit "das allgemeine Textmassaker fast unbeschadet überstanden", den szenischen Einfällen Bieitos kann der Rezensent aber offenkundig gar nichts abgewinnen.

Wie kein anderer könne Bieito "das Theater mit Emotionen aufladen", schreibt Peter Michalzik in der Frankfurter Rundschau (22.6.2009). Er sei der "Meister der Erregung" und presse in seine Aufführungen, "was kaum in einen Kopf passt". Auch Michalzik sieht diesen Karlos an einer Puppe nuckeln, wenn Elisabeth ihn aber am entblößten Pimmel berühre, sei das "mehr ein Scherz über die Skandallust bei Bieito-Inszenierungen als unsittliches Schniedeltheater". "Was sich wie eine Vulgärversion der vielen infantilen Ödipal-Karlosse anhört", werde durch den großartigen Ruben Ochandiano zu einem "sehr heutigen Jugendlichen: liebesbedürftig, spontan, lebendig und trotzdem emotional vollkommen überfordert". Schillers komplizierte Motivationen und Intrigen, das "Ausloten und Abwägen" seien nicht Bieitos Sache, "fast wollüstig" gebe er sich hingegen "der Zeichnung von Unterdrückung und Repression hin", erzähle so "mehr von Spanien als von Schiller". Und wie "stolz und strahlend" die spanischen Schauspieler "durch die finstere Bühne zirkeln, hat schon Schauwert genug". Ihr Regisseur sei "der Schaulust sowieso vollkommen ergeben." Das Ganze sei in seiner Ansammlung der Regietheater-Mittel zwar "eklektizistisch", doch dabei "so maßlos wie Real Madrid und so lebendig wie der FC Barcelona" – eine "große Vision", "ein opulent zelebrierter Gottesdienst in einer Welt ohne Himmel".

Christian Gampert schreibt auf der Webseite des Deutschlandfunks (24.6.2009): Man könne nicht behaupten, dass Calixto Bieito sich besonders für Schiller interessiere. Sein "Don Karlos" zeige eher "seine Vorliebe für Sex, Gesang und große Bilder, also für die Oper", in der er ja hauptsächlich zu Hause sei. Bieito stülpe "eine These, eine Installations-Idee" über das Stück, "ein Klima, einen aktionistischen Gestus". Vor allem aber mache er Karlos zum "pubertierenden Hip-Hopper mit begrenztem Horizont." Wenn Papa Philipp "mal richtig brüllt und prügelt, dann verzieht sich dieser Karlos widerstandslos zu seinen Kuscheltieren." Und Posas Brandrede diene eher "der königlichen Erbauung und Kontaktanbahnung". Calixto Bieitos Spanien sei "ein Sadomaso-Garten, aus dessen Erde sich die Torfleichen erheben - mehr Bunuel als Schiller". Bieito nütze "schroffe Györy-Ligeti-Dissonanzen und vor allem Verdis Requiem zur emotionalen Verdichtung". Die Aufführung habe "viel Energie, aber wenig analytische Tiefe": die Weltpolitik könne nicht klappen, sage Bieito, weil die "königliche (und die bürgerliche) Familie pervers sind."

In der Süddeutschen Zeitung (26.6.2009) schreibt Christopher Schmidt: Das Publikum sei "völlig aus dem Glashäuschen" gewesen, weil "Mannheim" ihm eine Inszenierung des "katalanischen Theaterschrecks Calixto Bieito" spendiert habe. Dieser inszeniere das Drama "als surrealistische Messe im Stil eines Pasodoble". Also posiere Don Carlos als Torero und wedele mit "seinem kindischen Ego wie mit einem roten Tuch". Am Anfang sei er ein "Streetboy mit kurzen Hosen, Kuschelhäschen und MP3-Player", am Ende ein "Selbstmordattentäter mit einem Dynamitgürtel". Insgesamt ein "infantiler Trottel, der regressiv mit Eimerchen und Schaufel im Sand buddelt, als sein Vater ihm das flandrische Heer nicht als Spielzeug geben möchte". Immer, wenn eine Frau vor ihm stehe, ziehe Carlos "blank" und präsentiere "seine Kronjuwelen". Bieito wolle "anscheinend" zeigen, dass man "das spanische Hofzeremoniell als scharfes Ritual verstehen muss, Reifröcke und Halskrausen als Fetisch-Kostüme". Bieito sei "in 100 Minuten fertig mit dem Stück", für das er sich keine Sekunde interessiere. Bieito mache aus dem "Don Carlos" einen "Schreckensbilderbogen mit Blasmusik".

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