Hier antworte ich

von Hartmut Krug

Hannover, 1. September 2009. Ganz in Schwarz steht er da, die Arme eng um den Oberkörper geschlungen, als müsse er sich an sich selbst festhalten: Martin Luther wird von einem päpstlichen Legaten im Oktober 1518 in Augsburg wegen der Veröffentlichung seiner 95 Thesen verhört. Kollegial, fast jovial gibt sich der aus Rom angereiste Kardinal zunächst. Auf Luthers Vorwürfe gegen den Ablasshandel und dessen Auswüchse reagiert er mit stereotypem, scheinbar verständnisvollem "das wissen wir doch".

Doch in der Sache bleibt er hart: Luther soll widerrufen. Aber der junge, ganz auf sich zurück geworfene Mann beharrt auf seiner Überzeugung, dass nur die Schrift die Wahrheit sage, und nur aus dieser könne die Kirche ihre Haltungen und ihr Verhalten begründen. Ein Mann und eine Überzeugung: Hier stehe ich und kann nicht anders.

Vor dem Altar, auf der Kanzel
Der Luther des Stückes "Luther 2009" steht dabei vor dem Altar der Markuskirche Hannover. Schön ist sie nicht, die massige Kirche, mit deren Bau 1901 begonnen wurde. Doch das fast runde Kirchenschiff ist kein schlechter Raum für ein nüchternes Theaterspiel. Wenn Luther vor seinem Auftritt auf dem Reichstag zu Worms verzweifelt Gott um Kraft anfleht, kniet er vor dem Kruzifix und dem Altar nieder, und gelegentlich spricht er auch von der Kanzel.

Mit Google zoomt man sich auf einer Projektionswand zu den jeweiligen Spielorten, und Chorgesänge hallen vom Band, während eine Flötistin mit vielen Instrumenten die Pausen zwischen den Szenen der knapp zweistündigen Aufführung einfallsreich überbrückt.

Regisseur und Autor Peter Ries hat Erfahrung mit der Theatralisierung von Luthers Leben. Bereits in den Neunzigern hat er in der Lutherstadt Wittenberg Stücke von Harald Mueller und Thomas Oberender über Luther und dessen aktuelle Bedeutung inszeniert. Wo in Wittenberg durch ein Kostümspiel an historischen Orten und ein theatralisches Wandern durch die Stadt stark der Schauwert bedient werden konnte, wird in der Markuskirche in Hannover die szenische Collage um Luther zu einem reinen Thesen- und Denkspiel.

Vorbild und Verlautbarungen
Größeren Schauwert bietet dieses Stehtheater ohne viel körperliche und gedankliche Bewegung jedenfalls nicht. Zwar wird Luther auch als ein Mann mit Widersprüchen gezeigt, aber vor allem wird er als aktuelles Vorbild vorgeführt: weil er auch ein politischer Mensch war, der an seinen Überzeugungen festhielt.

In dieser Inszenierung ist alles von der ersten Szene an völlig eindeutig. Hier werden keine Fragen gestellt, sondern immer gleich Antworten gegeben. So werden, bevor Luther sich vor dem Legaten verteidigt, der Kämmerer und der Architekt des Papstes in Rom gezeigt, wie sie mit Michelangelo über den Bau des Petersdoms verhandeln: Das Geld aus dem deutschen Ablasshandel wird für die Pracht und Macht einer geistigen Weltmacht unbedingt gebraucht.

Rom rechnet und Luther sucht nach dem wahren Glauben, ein Mann gegen eine Institution, und die Kardinäle sind zynisch: auch wenn Menschen Recht hatten, mussten sie leider für die Macht der Kirche brennen. Und leider sind die Diskussionen zwischen Luther und Melanchthon wie auch die Diskussionen über die politische Wetterlage zwischen Kardinälen in den Wandelgängen des Vatikans mehr Text-Verlautbarungen als sinnliches Theaterspiel – da helfen auch die einfachen Licht- und Toneffekte wenig.

Heiraten, Bier trinken, Märchen erzählen
Intime Situationen sind in diesem Theaterraum nicht möglich, nur schnörkelloses Vorführtheater der klaren Stellungen. Trotz allem: die acht Schauspieler vom Theater für Niedersachsen und die Schauspielstudenten aus Hannover fesseln ihr Publikum mit dieser Auftragsarbeit der Evangelisch-lutherischen Landeskirche durchaus, da mögen die engen Stühle in der überfüllten Kirche noch so unbequem sein. Und Regisseur Peter Ries versucht immer wieder, spielerische Effekte einzubauen.

Da erfolgen Auftritte aus dem Mittelgang und es wird von der Empore herab gesungen, und bei einem katholischen Stammtisch werden vor dem Altar nicht nur alle Vorurteile gegen Luther aufgetischt, sondern auch die Bierhumpen gehoben – Auerbachs Keller scheint nicht weit zu sein. Sehr schön auch die Hochzeitszene zwischen Katharina von Bora und Luther, bei dem der Fuchs und der kleine Prinz aus Antoine de Saint-Exupérys Märchen das "Bitte zähme mich" aufführen.

Bitter dann der Schluss: Ein eiskalter Kanzler des sächsischen Kurfürsten fertigt eine selbstbewußte und bisher selbstbestimmte Katharina von Bora nach Luthers Tod ab: entgegen dessen Testamentsbestimmungen wird sie der Verfügungsgewalt über Haus, Geld und Kinder entbunden und nach der Cura Sexus unter Vormundschaft gestellt. Wenn sich zum Schluss die Kardinäle überlegen, Luthers Nachwirkung bei den Menschen durch eine Heiligsprechung zu konterkarieren, ist alles gesagt über das Verhältnis der katholischen Kirche zum Individuum.

Dieses Lehrstück über einen Luther, dessen Leben als ein stetiger Kampf für die wahre Lehre und zugleich für eine Selbstbestimmtheit des Menschen dargestellt wird, soll in den nächsten Monaten durch rund vierzig niedersächsische Kirchen wandern. Wer an der Figur Luthers interessiert ist, wird zwar nichts Neues erfahren, doch als schnörkelloses Erzähltheater überzeugt "Luther 2009" durchaus.


Luther 2009
Eine szenische Collage von Peter Ries
Ein Projekt des Hauses kirchlicher Dienste der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers als Produktion des Tfn – Theater für Niedersachsen
Regie und Raumkonzept: Peter Ries, Komposition und Musik: Fritz Baltruweit/Annette Ziegenmeyer, Videodesign: Benjamin Bruns, Dramaturgie: Andreas Frane.
Mit: Julian Simon, Katharina Nesytowa, Sami El Gharbi, Christoph Linder, Martin-G. Kunze, Hendrik Massute, Fritz Baltruweit, Annette Ziegenmeyer.

www.kirchliche-dienste.de
www.tfn-online.de

 

Mehr über Luther? Wir empfehlen Hans-Martin Barths Buch Die Theologie Martin Luthers. Eine kritische Würdigung (Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2009, 592 S., 29,95 Euro).

 

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