Der Griff ins Höschen

von Astrid Biesemeier

Mannheim, 3. Oktober 2009. Vorsicht vor Frauen, die dauernd ihren hübschen Körper in allzu knappen Röckchen oder Kleidchen zur Schau stellen. Nicht nur, weil sie sehr wohl wissen, was sie tun. Sondern vor allem, weil sie nicht anders können. Lulu in der Inszenierung von Calixto Bieto am Nationaltheater Mannheim ist so eine Frau.

Dabei sieht sie zu Beginn fast harmlos aus. Ein gelbes Blüschen, eine weiße Krawatte, ein karierter Faltenrock, weiße Kniestrümpfe. Könnte als Schuluniform durchgehen, wenn das Röckchen nur nicht so sündhaft kurz wäre. Aber auch wenn Sabine Fürst als Lulu sich mit zwei großen blauen Blumenhaarspangen noch zwei mädchenhafte Zöpfchen macht, wird doch bald deutlich, dass dieses Mädchen sehr genau weiß, wie sie ihren Körper einsetzt. Sie posiert, streckt ihren Po raus.

Und noch etwas später, die Kleider sind etwas mondäner, aber kaum länger geworden, spielt Lulu auch Menschen gegeneinander aus. Und wenn bei einem der Männer oder auch bei der Gräfin von Geschwitz (Ragna Pitoll) Verstand oder Abscheu einzusetzen drohen, ein mal neckischer oder drohender Klaps nichts mehr nützt, bleibt Lulu immer noch ins eigene Höschen zu greifen und sich genüsslich ihren Finger unter der Nase zu reiben. Ein feuchtes Versprechen. Die Einlösung allerdings bleibt sie schuldig. Diese Lulu gibt nichts, was sie nicht geben muss.

Unter Männern überleben

Calixto Bieto hat die Figur der Lulu nach Wedekinds Urfassung ebenso schlüssig wie schonungslos entmythisiert. Knappe zwei Stunden reichen ihm, da er auf manch ausschweifende Ausmalung verzichtet und konsequent zum Kern des Stückes vordringt. Lulu als Verkörperung reiner Sinnlichkeit oder Inbild der Femme Fatale? Wie sie der katalanische Skandalregisseur sieht und Susanne Fürst sie spielt, ist Lulu eher ein erotikfreies Überlebens- als ein sinnliches Lebensprinzip; eine Frau, hin- und hergetrieben zwischen Überdrussgefühlen gegenüber jenen Männern, die sie allzu sehr begehren, und ihrem Werben um diejenigen, die sie noch nicht oder nicht mehr ganz hat. Ihr Körper ist ihr Werkzeug. Die Männer, die dabei auf der Strecke bleiben: Kollateralschäden auf Lulus Verführungsfeldzug.

Sabine Fürst, seit dieser Spielzeit neu im Mannheimer Ensemble, ist eindrucksvoll in ihrer Präsenz: schnell und unangestrengt wechselt sie den Ton, mal ist sie verspielt, mal kalkulierend, mal wirkt sie wie eine Lolita, dann schon fast wie eine Domina, sie zieht eine Fluntsch, rollt entnervt die Augen, weint wie ein kleines Mädchen und erscheint wie eine verzogene Göre.

Verkorkste Kindheit

Dass sie weder eine Göre noch verzogen ist, wird in der merkwürdigen Beziehung zu ihrem angeblichen Vater Schigolch (Ralf Dittrich) deutlich. Ihr Wechselspiel aus Verführen und Hinhalten ist das Resultat einer reichlich verkorksten Kindheit, in der es Momente gab, die sie mit Schigolch, aber ohne Kleidung verbracht hat. Die Schläge und Demütigungen, die sie austeilt und einsteckt, prägen auch die Beziehung zum "Vater". Wie alle anderen begrabscht und betatscht er Lulu. Trotzdem wirken die beiden dabei, wenigstens zeitweise, wie Komplizen. Am Ende allerdings, wenn Lulu Jack the Ripper zum Opfer fällt, schaut ausgerechnet Schigolch von der obersten Etage des Metallgerüstes, dass sich entlang der Bühnenwände zieht, zu.

Wedekinds "Monstretragödie" Lulu ist ein drastisches Stück. Da wird gemordet, vergewaltigt und mit Pistolen gefuchtelt. Bieito findet für das wilde Treiben brutale, aber immer prägnante Bilder. Dabei gewinnt er der Tragödie mit einem tollen Ensemble auch komische Seiten ab, besonders im schonungslosen Blick auf seine Geschlechtsgenossen. Ohne die Männer, ohne ihre Fantasien, Sehnsüchte und Begierden gäbe es keine Lulu. Da lässt etwa einer der ältlichen Verehrer ein kleines Plastikpenispüppchen über die Bühne wackeln, einer der jüngeren Männer empfindet es als persönliche Kränkung, wenn Lulu sich einen blutigen Tampon aus ihrer Hose zieht. Und auch die Männer, an denen Lulu zuletzt, wenn sie mit Schigolch, Alwa Schöning und der Geschwitz im Schlepptau nur noch zwischen Mülltüten in London dahin vegetiert, noch etwas Geld verdienen will, kultivieren merkwürdige Gelüste, die sie hinter einem schmucken Anzug verborgen halten.

Nicht ganz plausibel sind allein die fünf Mädchen des Kinderchores des Nationaltheaters, die zwischen den fünf Akten als eine Mischung kindlicher Schönheitsköniginnen und Girl-Group Popsongs wie Madonnas "Like a virgin" zum Besten geben. Aber mit ihren ungelenken Bewegungen bilden sie immerhin einen reizvollen Kontrast zu Lulu.

 

Lulu
Monstretragödie von Frank Wedekind
Regie: Calixto Bieto, Bühne: Rebecca Ringst, Kostüme: Ingo Krügler.
Mit: Ralf Dittrich, Sabine Fürst, Thomas Meinhardt, Taner Sahintürk, Michael Fuchs, Jacques Malan, Ragna Pitoll, Mats Reinhardt sowie Mitglieder des Kinderchores des Nationaltheaters Mannheim.

http://www.nationaltheater-mannheim.de

 

Mehr zu Calixo Bieito: Der Katalane inszenierte Don Carlos zum Auftakt der diesjährigen Schiller Tage in Mannheim und im September 2007 im Berliner HAU Joanot Martorells Ritterroman Tirant lo Blanc.

 

Kritikenrundschau

Calixto Bieitos Mannheimer "Lulu" sei "knallhart, krass und kurzweilig – und dabei nah am Geist des Stückes", schreibt Stefan Keim in der Welt (5.10.). Bieito schrecke "vor Grand Guignol und Ekelszenen nicht zurück. Manche sind nicht sonderlich originell (...). Aber (...) wenn sich Lolas Gatte Dr. Schöning (...) eine Spritze zur Potenzerhöhung in den Penis jagt, schluckt man schon." Sabine Fürst als Lulu könne "beherrscht alle Verrenkungen, die ihr die Männergesellschaft zumutet. Das Innere mag absterben, der Körper funktioniert noch. Selbst unter Müllsäcken verliert sie nicht ihre erotische Anziehung." Die kleinen Mädchen, die zwischen den Akten in Musicalszenen als zukünftige Lulus posierten, hinterlassen beim Rezensenten allerdings zwiespältige Gefühle. Anklage und Affirmation des Systems der Kinder-Vorführung sind ihm hier offenbar zu dicht beieinander. Das Ende schließlich, Lulus Sterben, wird ihm zu schematisch gezeigt. "Interessant würde dieser letzte Akt, wenn hier keine Typen aufträten, sondern Menschen, denen man die Monstrosität nicht gleich anmerkt. Doch das hieße, über Wedekinds Text hinauszugehen (...)." Es blieben "immerhin einige verstörende Bilder und das intensive Zusammenspiel eines hervorragenden Ensembles".

In der Oper sei Bieitos "Methode der unverblümten Sexualisierung immer noch erfolgreich", vermeldet Christian Gampert auf Deutschlandfunk (4.10.), "sobald er aber mit Sprache arbeiten muss, und das muss man nun mal im Schauspiel, versagt Bieito auf ganzer Linie: Er behandelt Schauspieler wie Sänger, die, bitteschön, stets hochtourig daherzukommen haben, und flüchtet in Körperlichkeit und großräumige Bühnenbilder." Seine Mannheimer "Lulu" sei auch insofern "eine Bankrotterklärung, als er das Stück vor einem halben Jahr in Basel schon einmal so ähnlich inszeniert hat, in der Opernversion von Alban Berg." Bieito greife die "mediale Zurichtung kindlicher Sexualität für den männlichen Blick kritisch auf – aber für seine Inszenierung hat das desaströse Folgen. Seine Lulu ist – zumindest im ersten Teil – weder Opfer noch Projektionsfläche für Männerfantasien, sondern ein hergestelltes, überkandideltes Wesen aus dem Schulmädchenreport, eine Göre, die gern ein Las-Vegas-Bunny sein möchte. Sie hat kein Geheimnis, das die Männer locken könnte, sondern sie bietet sich einfach nur an." Bieito halte offenbar "ständig gespreizte Schenkel für den Gipfel der Erotik".

Der Mann werde schlicht überbewertet, ruft Ralf-Carl Langhals im Mannheimer Morgen (5.10.) aus und meint Calixto Bieito. In seiner "Lulu" finde "zwischen den erträglichen Ekeleinlagen dann doch auch viel 'ordentliches Sprechtheater' statt, dessen Regie schockierend konventionell und konzeptionell enttäuschend ist". Bieito bebildere "den frühexpressionistischen Naturalismusverweigerer auf einer kunstvoll abstrahierten und genial ausgeleuchteten Bühne (Nicole Berry) mehr oder minder mit Naheliegendem." Da werde "viel Gutes angeboten von vehement agierenden Schauspielern", dass sich das Ganze aber "nicht zum 'Reigen' fügen will, liegt an schwachen Übergängen, nicht notwendiger Zeige- und Detailfreude und an einem nachgerade widersinnigen Naturalismus mit praller Natürlichkeit."

Man könne, schreibt Peter Michalzik in der Frankfurter Rundschau (6.10., der Text ist nicht online), es für "sexuell aufgeladen" oder "skandalös" halten, wenn Lulu sich auf der Bühne "ein Tampoon aus der Vagina" ziehe. Man könne "darin aber auch einfach das sehen, was es ist: stinklangweilig, gähnende Öde". Regie hätte in dieser Inszenierung nicht stattgefunden, man frage sich nur warum die Schauspieler die ganze Zeit redeten. Bieito solle doch einsehen, "dass er ein Opernregisseur ist".

Calixto Bieito kleckst eine Art Comic-Version von Wedekinds "Monstretragödie" auf die Bühne, so Martin Halter in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (8.10.). "Mit klaren Linien, unvermischten Farben, platzenden Sprech- und Luftblasen sprengt er die femme fatale aus dem Rahmen des Fin de siècle und kommt doch nie aus dem Museum alter Männerphantasien heraus." Sabine Fürst sei ausgebildete Diplom-tänzerin, was beim Spagat, beim Seilklettern und bei Nummern wie dem Tier mit den zwei Rücken oder der männermörderischen Schenkelzange zwar helfe. "Aber Sexualakrobatik macht noch keine Lulu, nur eine glatte, sterile Projektionsfläche." Dass Lulu schon als Kind sexuell missbraucht wurde, deute Bieito mit einer geschmacklos pädophilen Einlage an. Fazit: "Bieito ließ zu Beginn des Jahres schon in seiner Basler Inszenierung von Alban Bergs Oper Lulu nackt singen, was sie unter den Männern treibt und leidet. Viel Neues ist ihm seither nicht zu Wedekinds 'Prachtexemplar eines Weibs' eingefallen."

 

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