Das ist einfach nicht sein Beat

von Otto Paul Burkhardt

Heidelberg, 17. Dezember 2009. Dieser Mann ist ein Ungeheuer. Ein schwarzes Loch. Er saugt die Zuneigung, die ihm Verwandte und Freunde entgegenbringen, restlos auf. Statt irgendwann mal satt zu sein, wird er immer gieriger: "Der Mann der die Welt aß". Mit diesem Erstling gewann der 28-jährige Autor Nis-Momme Stockmann zwei Preise beim Heidelberger Stückemarkt und den Werkauftrag beim Stückemarkt des Berliner Theatertreffens.

Nun, bei der Uraufführung, gibt Daniel Stock diesem namenlosen Titelhelden (im Stück "Sohn" genannt) das hektische, leicht reizbare Gebaren eines implodierenden Ex-Erfolgsmenschen, dem so ziemlich alles wegbricht: die Frau, die Kinder, der jüngere Bruder, der Job, der demente Vater. Eigentlich das ganze Leben. Es geht ums Fressen und Gefressenwerden. Denn dieser nervöse Mittdreißiger, der sich alle Nettigkeiten seiner Mitmenschen gefräßig einverleibt, wird gleichzeitig selbst aufgefressen – von einem Aussaugsystem, das größer ist als er.

Zumutungen des Alltags

Kapitalismuskritik, dialektisch verfeinert? Doch, ja. Aber mit Mut zum Unspektakulären. Denn Stockmanns Sprache kommt beiläufig, alltäglich und ungekünstelt daher. Manche mögen Bezüge zu Arthur Miller, Tschechow und Beckett entdecken. Das ist nett gemeint, aber viel zu hoch gejazzt. Daniel Stocks zunehmend hysterisch wirkender Sohn ist kein Weltverweigerer. Eher ein Gescheiterter, ein Überforderter, der als Elternteil, Partner und Freund versagt, der sich nur noch wünscht, "auf diese Scheiß-Verlässlichkeit scheißen zu können". Eben: Vieles in Stockmanns Stück, eigentlich alles, ist ebenso berührend tragisch wie brüllend komisch.

Der Autor streift zeitlos relevante Themen wie Arbeitslosigkeit, Trennung, Verantwortungsflucht, Alterskrankheit, Pflegedesaster und mehr. Aber eher leise. Und dennoch trifft der Text immer wieder mitten rein ins Schmerzzentrum. Schon lange, bevor sein Erstling nun in Heidelberg uraufgeführt wurde, galt Stockmann als "Nachwuchsdramatiker der Stunde". Jetzt lässt sich sagen: Bitte mehr. Basel und Magdeburg werden den Text nachspielen. Weitere Uraufführungen in Frankfurt und Stuttgart sind in Arbeit.

Zerfall auf weißem Podest

Der Grazer Regisseur Dominique Schnizer, derzeit am Schauspielhaus Hamburg zugange, verlässt sich fast ganz auf Stockmanns Selbstläufer-Text. Er zeigt, nein, präsentiert den Zerfall des Titelhelden auf einem riesigen weißen Podest. Drumherum stehen die Verwandten und Freunde, sie warten, bis sie Teil der Szene werden. Wir sehen oft Handydialoge ohne Handy, Dialoge, bei denen die Beteiligten per Mikrofon kommunizieren, ohne sich dabei anzusehen. Immerhin, so erreicht Schnizer den Eindruck einer Versuchsanordnung – und rückt damit das Stück weg von realen Details.

Daniel Stocks Titelheld, der seine letzten Freunde vergrätzt, weil er nur noch Kohle abgreifen will, verschanzt sich immer mehr in einer bizarren Scheinwelt – in einer Lebenslüge: Er, der Selbstständige, dem alles gelingt. In Wirklichkeit kriegt er nichts auf die Reihe. Seinen jüngeren, kiffpsychotisch gefährdeten Bruder (Bastian Semm) kann er kaum mehr erreichen. Wenn doch, werden die Telefonate von lauter Musik zerschreddert. Und auf die Bitte "Kannst du nicht woanders hingehen?" (zwecks besserer Verständigung) antwortet der kleine Bruder mit philosophisch raunendem Unterton: "Ich bin schon woanders hingegangen."

Flucht in den Kleiderschrank

Der Vater schwankt zwischen hellen Momenten und fortschreitender Demenz, irrt nackt durch die Wohnung, gießt Linsensuppe im Kleiderschrank aus und verschanzt sich dort aus Angst vor dem Sohn – Ronald Funke zeigt diesen Mann, wie er sich verliert, zwischen Larmoyanz und Lebensstolz, in einer schnörkellos sachlichen, unpathetischen, anrührenden Zerfallsstudie. Des Sohnes Ex-Frau Lisa (Monika Wiedemer) leidet darunter, als Alleinerziehende "mit einer winzigen Spur Mitleid angeguckt zu werden".

Von Lisas neuem Freund Ulf, einem wackeren Vermittler (Benjamin Hille), verlangt der Sohn bedingungslos "füreinander da sein und son Scheiß". Sein eigenes Scheitern im Job wird als Widerstand verklärt: "Das ist einfach nicht mein Beat." Pekuniäres Denken regiert deformierend bis in privateste Bereiche hinein. Als der Vater zur Feier des Tags einen 200-Euro-Cognac anschleppt, rastet der Sohn völlig aus: Für dieses Geld könne er ihn "fast 'ne Woche pflegen lassen".

Regisseur Schnizer wechselt klug zwischen stilisierten und naturalistischen Passagen. Das Ergebnis ist starkes Schauspielertheater – auch ein Passionsdrama in 12 Szenen. "Jetzt kommen bessre Zeiten", heißt es am Schluss – aus dem Mund des bereits ziemlich verwirrten Vaters. Der letzte Anruf Lisas verhallt im Nichts: Gespeichert auf dem Anrufbeantworter des Sohns, der ihn wohl nie mehr abhören wird.

Der Mann der die Welt aß (UA)
von Nis-Momme Stockmann
Regie: Dominique Schnizer, Bühne und Kostüme: Christin Treunert.
Mit: Monika Wiedemer, Ronald Funke, Benjamin Hille, Bastian Semm, Daniel Stock.

www.theaterheidelberg.de

Mehr über Nis-Momme Stockmann im nachtkritik-Archiv: Roger Vontobel richtete die szenische Lesung von Der Mann, der die Welt aß beim Stückemarkt des Theatertreffens 2009 ein. Stockmann war auch Teilnehmer des Projekts szenen von nachtkritik.de in Kooperation mit den Studiengängen Szenisches Schreiben der Udk Berlin und UniT Graz.

 

Kritikenrundschau

"Schon im Mai hätte sich Nis-Momme Stockmann zweiteilen müssen, um all die Aufmerksamkeit einsammeln zu können, die ihm zuteil wurde", die Theater haben ihn im Moment zum Fressen gerne, so Jürgen Berger in der Süddeutschen Zeitung (19.12.) Anders als der Protagonist in Philipp Löhles "Genannt Gospodin" ist bei Stockmann kein ironischer Weltverweigerer unterwegs, sondern einer, der sich heillos überfordert fühle. "Mehr Zuwendung hätte ein Narziss wie er schon gerne, dann allerdings ist doch wieder bissig wie ein Kettenhund." Mit dem dementen Vater verabreiche Stockmann seinem Text allerdings doch einen Hauch existentieller Dringlichkeit. "Dominique Schnizer, der ohne Schnickschnack vom Blatt weg spielen lässt, tut gut daran, das Stück nicht zu überfrachten. Gegen Ende erlaubt er sich dann allerdings doch einen kurzen, aber aggressiven Konflikt." Der Sohn meint, "man müsse einfach mal wieder bis zum 'Pupillenstillstand' zusammen trinken. Ob der Vater das überlebt, bleibt offen."

Ohne platte aktuelle Anspielungen thematisiere Stockmanns Debüt die derzeit diskutierte Angst der Mittelschicht vor dem Absturz und dem damit einhergehenden unsolidarischen Verdrängungswettbewerb, den der Protagonist allen anderen unterstellt, aber selbst am meisten verinnerlicht hat, schreibt Andreas Jüttner in den Badischen Neuesten Nachrichten (19.12.). "Subtil ziehen Schnizer und Stock den Zuschauer in den Teufelskreis" des Stücks. Unter den Schauspielern rage Ronald Funke als Vater hervor, "indem er hinter der nervigen Redseligkeit des Alten eine berührende Verlorenheit aufscheinen lässt. Bei seiner heiklen Rolle fällt am meisten auf, wie gut sich Regisseur Schnizer und das Ensemble darstellerisches Schaulaufen und inszenatorisches Aufmotzen verkneifen." Fazit: "Zeitgenössisches Theater, ernsthaft und unterhaltsam."

 

 

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