"… weil von niemand nichts Gutes nicht kommt"

von Andreas Schnell

Osnabrück, 21. März 2010. In der Vorstadt herrscht erdrückender Mief. Eine Clique junger Leute vertreibt sich die Zeit mit Biertrinken und gelegentlichem Sex – mal gegen Geld, mal ohne. Die Wundertüten, die sie erwartungsvoll öffnen, enthalten nichts von Reiz. Und nicht einmal das Wochenende bietet nennenswerten Erholungsmehrwert: Die Jugendlichen müssen von einer wöchentlichen Tanzveranstaltung im Dorfkrug träumen.

Als Elisabeth, die in ihrem kleinen Betrieb Wundertüten produziert, den Gastarbeiter Jorgos anstellt und an ihm vor allem schätzt, dass er sich noch besser ausbeuten lässt als sein deutscher Kollege, entzünden sich an seiner Person Ressentiments, aber auch Sehnsüchte. Bis auf Elisabeth, die ihre eigenen zynischen Kalkulationen an ihm verfolgt, und Marie, die sich in Jorgos verliebt hat, herrscht bei der Vorstadtjugend Einigkeit: Der gehört hier nicht her. Und wenn er nicht freiwillig geht, muss man es ihm mit Gewalt beibringen.

Allerdings lässt sich Jorgos nicht so leicht vertreiben. Als seine Chefin einen weiteren Gastarbeiter einstellen will, einen Türken, geht Jorgos – mit einem Türken wolle er nicht arbeiten. Marie träumt immer noch davon, dass er sie nach Bulgarien mitnimmt, auch wenn er verheiratet ist und zwei Kinder hat. Helga kommentiert das mit dem trostlosen Satz: "Ich weiß nicht. Einfach wegfahren. Und so weit." Das Theater Osnabrück hat Fassbinders Theaterdebüt (UA 1967) jetzt auf die Bühne des Emma-Theaters gebracht.

Der Gastschauspieler als Gastarbeiter

In einem schlichten Bühnenbild, das auf einer Art Verladerampe (ausgerechnet!) mit wenigen Details die schäbige Seite der Kleinstadt skizziert, lässt Henning Bock das junge Ensemble, eingekleidet in die Mode der sechziger Jahre, in jener eigentümlichen artifiziellen Sprache, hier aber ohne bayerische Akzente, den Verlauf des "faschistoiden Syndroms", wie Fassbinder es nannte, durchexerzieren.

Dass Elisabeth den "Fremdarbeiter" auch sexuell ausbeute, dass jener ordentlich bestückt sei, dass er Gunda sexuell belästigt habe, dass bald die anderen Mädchen auch drankämen – das sind die Geschichten, die sich die jungen Leute erzählen. Und wo Jorgos herkomme, sei alles voller Kommunisten, Jorgos mithin auch einer "und gehört verboten". Was der Osnabrücker Version übrigens noch eine kleine Extra-Pointe beschert, weil Jorgos hier kein "Griech aus Griechenland" ist, sondern aus Bulgarien kommt, wo es bekanntlich einst wirklich Kommunisten gegeben hat – zumindest nannten sie sich so. Diese Variante verdankt sich einer Kooperation des Osnabrücker Theaters mit dem Theater der bulgarischen Stadt Russe. Und von dem kam nun Nikolay Georgiev Dimitrov nach Osnabrück, um den Jorgos zu spielen.

Prototypische Proleten

Den spielt er als gutmütigen, aber gewitzten Menschen, der dem Hass seiner Mitmenschen im Grunde verständnislos gegenübersteht, aber sein "Nix verstehen" auch strategisch einzusetzen weiß. Nur dass ihm das natürlich wenig nützt. Unaufhaltsam schaukelt sich der Hass immer höher, bis Jorgos das bekommt, was ihm nach Meinung der jungen Leute zusteht: eine Tracht Prügel, nach der sie sich selbst nicht sicher sind, ob er die überlebt hat. Vor allem Rädelsführer Erich ist bei Steffen Gangloff in den besten Händen. Geradezu prototypisch verkörpert er den reaktionär gewordenen Proleten, wobei ihm Daniel Ratthei als Franz und Dominik Lindhorst als Paul kongenial zur Seite stehen.

Der Star des Abends aber, so möchte man sagen, ist der Text, den Henning Bock bis auf die Sache mit dem Bulgaren unverändert ließ. Ein Satz wie "Ich fürcht mich, weil von niemand nichts Gutes nicht kommt" wirkt im lakonischen Fassbinder-Gestus eben erst recht so richtig trostlos. Und – man darf das ja bei so einer Gelegenheit durchaus nochmal erwähnen – natürlich ist "Katzelmacher" heute keineswegs nurmehr von ästhetischem Interesse.

 

Katzelmacher
von Rainer Werner Fassbinder
Regie: Henning Bock, Bühne und Kostüme: Martin Fischer, Dramaturgie: Jürgen Popig.
Mit: Magdalena Steinlein, Julia Köhn, Katharina Quast, Saskia Boden, Andrea Casabianchi, Dominik Lindhorst, Nikolay Dimitrov, Jan Schreiber, Steffen Gangloff, Daniel Ratthei

www.theater-osnabrueck.de

 

Kritikenrundschau

"Henning Bock inszeniert das vier Jahrzehnte alte Kleinbürgerstück mit formaler Akkuratesse als Stellungskrieg", schreibt Daniel Benedict in der Neuen Osnabrücker Zeitung (23.3.2010). "Er choreografiert sein Ensemble zu konfrontativen Gruppen, und wie in Fassbinders eigener Filmadaption stellen sich die Schauspieler oft frontal zum Betrachter – auch wenn sie die nächste Szene am Bühnenrand abwarten. Der öffentliche Blick bestimmt das Dasein." Mit ritualisierten Gesten werde "die Ausweglosigkeit im Leben der Figuren" betont. "Starke Bilder bietet der nur siebzig Minuten lange Abend auch für das Gegeneinander der Geschlechter. Einmal müssen die Frauen sich in einer engen Geländergasse sprichwörtlich an den Männern vorbeikämpfen. Fantasie für alternative Lebenswege haben im Stück, wenn überhaupt, nur die weiblichen Figuren – die sich stärker voneinander unterscheiden, als ihre pastellfarbenen Lollipop-Uniformen vermuten lassen."

 

 

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