Arielles empfindliche Seele

von Guido Rademachers

Köln, 10. April 2010. Dort, wo sich sonst in Karin Beiers Theatertreffen-Inszenierung "Die Schmutzigen, die Hässlichen und die Gemeinen" die Figuren gegenseitig fertigmachen, ist auch das Publikum bestens aufgehoben. Auf der Bühne der Halle Kalk sind anstelle des Hartz-IV-Wohncontainers etwa hundert Stühle aufgebaut. Der Zuschauerraum ist von sieben jungen Männern, etwa zwischen 17 und Anfang 20, okkupiert. Es sind die "Rheinischen Rebellen 2.0", Mitglieder des Kölner Schauspielhaus-Jugendclubs.

Vom Band zwitschert und pfeift Landidyll. Der erste Rebell springt aus einer der samtroten Klappsitzreihen auf, breitet die Arme aus und ruft mit Maximal-Emphase: "Die Einsamkeit ist meinem Herzen köstlicher Balsam!" Im Schlabberdress (Jogginghose, T-Shirt) plus netter historischer Kostümfundus-Applikation wie Perücke, Rüschenhemdrest oder Halstuch stürmt und drängt man zu Goethes Werther. Und zu Helene Hegemann und ihrem Text "Ariel 15".

Schmerz des Verliebtseins, Balsam der Einsamkeit

Kaum haben sich die sieben Darsteller nacheinander zum 16. Junius-Brief vorgearbeitet und mit Werther zu ahnen begonnen, dass nach der Begegnung mit Lotte der Balsam der Einsamkeit an Köstlichkeit erheblich verloren hat, schnellen die Köpfe von zwölf Mädchen hinter den Lehnen hervor. "Ich prophezeie!", tönt es im Chor. "Das Rezept ist einfach: man muss sich auf den Teufel verlassen (…), ganze Sätze der Erwachsenen nehmen, sie aneinanderreihen, wiederholen, ohne sie zu verstehen." "Ah", staunt einer der männlichen Darsteller in ein Mikrofon, und auch im Zuschauerraum sind Lacher sicher.

Klar, die Plagiatsdebatte um Helene Hegemann ist aus dieser Inszenierung nicht wegzudenken. Einzelne Sätze lassen aufhorchen und verweisen aufs literarische Remixen. "Was ich im Grunde bin: ein Kulturgut. Die Kultur durchtränkt mich, und ich reiche sie durch Ausstrahlung weiter." Oder: "Ich habe keinen Wert mehr darin gesehen, meine Existenz auf etwas anderem aufzubauen als Lügen. Was gezählt hat, war die Gegenwart und die Reaktion meines Umfelds, dem ich Brutalitäten in die Fresse geschleudert habe, und die Tatsache, dass ich ein Kind bin."

Identitäten-Remix

Hegemanns Theaterstück "Ariel 15 oder die Grundlagen der Verlorenheit", Ende 2007 im Berliner Ballhaus Ost uraufgeführt und 2008 vom Deutschlandradio als Hörspiel produziert, reflektiert bereits zwei Jahre vor "Axolotl Roadkill" in aller wünschenswerten Klarheit die Verwertungsstrategien einer fast noch kindlichen Autorin. Angemessen scheint es, die fünfzehnjährige Helene Hegemann ernst zu nehmen, anstatt der Siebzehnjährigen Seriosität abzusprechen. Zumal das Sprach-Sampling nur Facette eines viel umfassenderen Programms ist: In "Ariel 15" geht um den Remix der eigenen Identität.

Wie Arielle, die Meerjungfrau, die aus Liebe das Meer verlässt, aber an Land nicht leben kann, ist das erzählende Ich in Hegemanns Text unrettbar verloren. Ständig konstruiert und zerstört es sich in einem inneren Analyseprozess, aus dem viele Stimmen zu sprechen scheinen (darunter eine Menge Pollesch-Sound). Das korrespondiert sehr wohl mit Werthers empfindsamer Seele. Denn auch bei ihm gibt es ein durchgehendes und ständig reflektiertes Infragestellen aller Aussagen. Auch hier beachtliches Stilisierungspotenzial. Wen liebt Werther mehr? Lotte oder die eigenen Gefühle? Und bringt er sich nun um aus Verzweiflung, oder ist das auch wieder nur eine Inszenierung?

Gelungenes Jugendtheater

Das "Deine Fassade beginnt zu bröckeln" genannte Hegemann-Goethe-Mashup für Fortgeschrittene ist ein seltener Glücksfall. Alter und neuer Text, männliche und weibliche Sichtweise spiegeln sich auf wundersam-selbstverständliche Weise ineinander. Jugendclub-Leiterin Anna Horn stellt in klaren Gruppenbildern oder verspielt-witzigen Arrangements ein ständiges Angebot an frei flottierenden Ich-Partikeln für zwölf Ariels und sieben Werther bereit.

Da quietscht sich eine anzüglich durchs Mäuschen-Register, und der andere rutscht sehnsuchtsvoll die Sitzlehne entlang. Sieben Werther drücken sich hinter die Stühle und beobachten überfordert auf- und abtauchend Lottes Verlobten Albert. Rasend komisch ein gemeinsames Sich-Einstottern nach einem Aufenthalt im Schweigekloster. Grotesk eine überdrehte Gesangsnummer wie aus einer kranken TV-Show. Rührend die Versuche, zärtlich zu sein. Einige der jungen Darsteller könnte man sich mit ihren schauspielerischen Mitteln bereits auf einer Stadttheaterbühne vorstellen, anderen sieht man einfach gerne als Typen zu. Schön, dass dieses Jugendtheater bei dem nicht ganz einfachen Thema ohne pädagogisches Zufüttern auskommt und so gut funktioniert.

 

Deine Fassade beginnt zu bröckeln
nach "Ariel 15" von Helene Hegemann und "Die Leiden des jungen Werther" von Johann Wolfgang von Goethe
Szenische Leitung: Anna Horn, Bühne: Lena Thelen, Kostüme: Barbara Eck, Luisa Horn, Sophie Mende, Dramaturgie: Jorgo Narjes, Lena Schwefer, Andreas Wißkirchen, Dramaturgische Beratung: Götz Leineweber.
Mit: Leni Aldermann, Lisa Altmeier, Judith Altmeyer, Philipp Arnold, David Dybsky, Julia Fischer, Luan Gummich, Linda Hofmann. Julie Laur, Lilli Lorenz, Gregor Müller, Gemina Picht, Anja Predeick, Fabian Ringel, Hannah Rumstedt, Tilman Singer, Marie-Christine Steegmann, Marie Josefine Stute, Roland Werning Rheinische Rebellen 2.0 (Jugendclub).

www.schauspielkoeln.de

 

Mehr dazu: Helene Hegemanns Stück wurde 2007 vom ehemaligen Leiter des Volksbühnen-Jugendclubs P14 Sebastian Mauksch am Berliner Ballhaus Ost mit ehemaligen P14-Mitgliedern uraufgeführt hat, die dort inzwischen eine künstlerische Heimat gefunden haben. Einige von ihnen trafen sich am Heiligabend 2009 noch mal zu einem Krippenspiel.

 

Kritikenrundschau

Susanne Esch (Kölner Stadtanzeiger, 13.4.2010) hat mehrere Sätze gehört, "deren Treffsicherheit beeindruckt und die mit dem poetischen Wahn, in welchen die sieben Werther hineinschlittern einen eindrucksvollen Kontrast bilden". Für Abwechslung in der textlastigen Inszenierung habe Anna Horn gesorgt. So seien die 17 bis 25-jährigen Laiendarsteller "stets in den Stuhlreihen unterwegs, finden mal hier und mal da zu zu Gruppen zusammen. Eine erfrischende Prise Selbstironie ist im Spiel, das sehr gelungen ein Gefühl davon vermittelt, wie Jugendliche 'gemeinsam einsam' sind". Im Wechsel sprechen dabei die Frauen den Text von Hegemann, die Männer den von Goethe: "So werden die beiden inneren Monologe verwoben und lassen die ungestüme Leidenschaft der Jugend erkennen. In beiden Fällen ist es die gesellschaftlich nicht akzeptierte Liebe, die dem jugendlichen Drang, Tabus zu brechen, ordentlich einheizt."

"Was bedeutet Jugend?", fragt Julia Schmitz (koeln.de, 12.4.2010) In dieser Inszenierung gehe es jedenfalls "drunter und drüber, die 19 jungen Schauspieler turnen, tanzen und balancieren über die Sitzreihen, treten sie um, bemalen sie, verstecken sich hinter ihnen. Es ist der Versuch, die eigenen Grenzen auszuloten." Und Anna Horn sei dabei "etwas besonderes gelungen: Mehrere Monate lang ließ sie die Jugendlichen getrennt proben, die Jungs spielten den Werther, die Mädchen Hegemann. Wenn sie nun gemeinsam auf der Bühne stehen, verweben sich die beiden Bestandteile nur oberflächlich ineinander: Es wird körperlich gemeinsam gespielt, doch die Texte bleiben strikt getrennt, es gibt keine gemischt-geschlechtlichen Dialoge." Das wirke gelegentlich seltsam, lasse dem Zuschauer aber den Überblick behalten. "Denn ein Mix aus der überbordend emotionalen Gefühlssprache Goethes und den teilweise angestrengt und allzu künstlich wirkenden Worte Hegemanns wäre vielleicht doch zuviel des Guten gewesen."

 

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