Der feste Strang namens Wir

von Dirk Pilz

Berlin, 5. Mai 2010. Seit zwanzig Jahren geht in der westlichen Welt ein Gespenst um – das Gespenst der Utopie. Landauf, landab wird uns von ihr versichert, nach längerer Anwesenheit unter den Menschen habe sie aus der modernen Welt endgültig Abschied genommen. Noch sehen wir sie in gespenstischer Gestalt, bald schon wird sie sich friedlich unter die Märchen gemischt haben.

Jetzt aber ist es zur Uraufführung eines Dramas gekommen, das sich mit großem Willen und letzter Kraft an den dünnen Rockzipfel dieses Gespensts hängt. Und wer noch Ohren und Augen für den verblassenden Anschein des Utopischen hat, wird dieses Rockzipfel-Drama nicht anders als mutig, ja verwegen bezeichnen können.

Dass Gespenster sich in Engel verwandeln

Der Titel dieses Werks, verfasst von Fritz Kater und inszeniert von Armin Petras, die allem Anschein nach eine Seele bilden, ist so merkwürdig wie dieses selbst: "we are blood". Wir sind Blut. Blut aber ist ein ganz besonderer Saft. Hier ist es der Sud, aus dem die Utopie zu neuem Leben erweckt werden soll. Das freilich muss eine schwierige Geburt sein. Denn sie verdankt ihre Herkunft einem Gedanken, den die Allgemeinheit sich abgewöhnt hat zu denken: dass Gespenster die Fähigkeit besitzen, sich in Engel zu wandeln, dass das, was gestorben schien, wiederauferstehen könne, dass Todkranken ein erneuertes Leben zu schenken möglich sei.

blood4_050510_stoess
Julischka Eichel und Matti Krause ©Bettina Stöß

Muss es wundern, dass in diesem Stück eine merkwürdige Geburtsszene genauso wie zwei Todkranke auftreten, wobei der eine stirbt, der andere aber überlebt? Und ist man überrascht, dass das Stück selbst ein kompliziert gewobenes Flickwerk aus lauter Binnendramen ist, die mal lose, mal eng miteinander verflochten sind?

Natur geschändet, Gerechtigkeit verraten

Zwei Teile hat dieses Drama und dieser Abend. Im ersten befinden wir uns in jener Zeit, als alles Utopische, der Glaube an die Änderbarkeit des Schlechten, die Liebe zum gebesserten Leben und die Hoffnung auf eine gewandelte Welt von aller Realität Lügen gestraft wurde. Der erste Teil spielt in dem versunkenen Land namens DDR. Wir sehen Biographien scheitern, die Natur geschändet, die Gerechtigkeit verraten. Von der Bühne hängen lange Seile, die Schauspieler baumeln an ihnen, mitunter schaukeln sie daran. Dann ein Knall, ein Atomkraftwerk explodiert. Das ist die Wende zum zweiten Teil.

Erst scheint es Nachspiel zu sein, langsam jedoch wandelt es sich zum Prolog, zum erst vorsichtigen, dann lauten Willkommensgruß an eine heraufdämmernde, neue, andere Utopie. Die Seile sind jetzt vieles. Dem einen Todkranken sind sie Fußfessel, in einem Bühnengrab an der Rampe klatschen sie in merkwürdigen Schleim. Einmal vereinen sich alle zur tanzenden, euphorischen Gemeinsamkeitsfeier, und die Seile werden zu den festen Strängen eines emphatischen Wir. Individualität? "Das ist nicht behandelbar", hören wir. "Jetzt hilft nur noch eines", jetzt hilft nur noch: "Chor werden".

Wenn sie zu Vögeln mutieren

Das Stück weiß so gut wie die dreistündige Inszenierung um die Klischeegefahr dieses utopischen Wir; und beide wissen sie auch um die politischen Vereinnahmungen, der sich jedes Wir ausgesetzt sieht. Es gibt an diesem Abend deshalb viele, einander befragende Wir-Formen. Es gibt den Arzt (Peter Kurth), der von ganzheitlicher Medizin fabuliert, es gibt das Autounfallopfer (Matti Krause), das von den "Kameraden" schwärmt. Es gibt die Kundenfachfrau (Julischka Eichel), die sich nicht entscheiden kann zwischen dem Ingenieur (Max Simonischek), der in brandenburgischen Auen Autobahnen baut, und dem Umweltschützer (Carlo Ljubek), dem es aufgegeben ist, die brandenburgischen Kraniche zu retten.

Es gibt auch den krebskranken Justin (Regine Zimmermann), der Krieg mit dem Tod führt. Und es gibt immer wieder blitzende, berührende, auch betörende Szenen neben schroffen, betont rauen. In allen ist das Ringen der Hoffnungs- mit den Verzweiflungskräften zu vernehmen, aus allen steigt ein Verlangen und Betteln um das Bleiberecht für das Utopiegespenst empor: Wenn sie einen Gebär-Chor bilden, wenn Julischka Eichel mit ihrem Chef am Telefon um Urlaub feilscht, wenn sie zu Vögeln mutieren und aus den Boxen Radiohead-Sound wimmert – alles ist von der Sehnsucht nach einem guten, zukunftstiftenden Wir durchpulst.

Siebdruck eines Großgemäldes

Viele Szenen bleiben dabei angedeutet, viel bleibt in der Schwebe, oft kippen die Figuren und Situationen ins Bitter-Komische. Die Inszenierung wirkt wie der Siebdruck eines Großgemäldes, das nur in Konturen sichtbar wird. Anders aber kann es kaum sein. Denn wonach diese Figuren sich strecken, was ihre Seelen zu ahnen und ihr Autor sich erträumt, ist etwas, das um Worte und Fassung ringt: der Versuch, die gespenstische Gestalt des Utopischen konkret zu denken.

Konkret heißt hier nicht, anders als öfter schon bei Kater und Petras, dass wir es mit einer ostdeutsch eingefärbten Milieustudie zu tun haben. So bruchstück- und anrisshaft das Gesamtgewebe des Abends ist, so umfassend ist das, was er wagt: einen unerhört gewordenen Gedanken zu denken.

 

we are blood
von Fritz Kater (UA)
Regie: Armin Petras, Bühne und Kostüme: Susanne Schuboth, Choreographie: Berit Jentzsch, Dramaturgie: Andrea Koschwitz. Mit: Hilke Altefrohne, Regine Zimmermann, Peter Kurth, Max Simonischek, Julischka Eichel, Matti Krause, Carlo Ljubek, Christian Kuchenbuch/Andreas Leupold.

www.gorki.de

 

Mehr zu Fritz Kater hier. Zu Armin Petras hier. Im September 2007 kam in Frankfurt am Main beider Heaven (zu tristan) heraus.

 

Kritikenrundschau

Hartmut Krug fasst in seiner Kritik im Deutschlandradio (6.5.2010) die Textquellen von Katers Stück zusammen: Die Grundlage bilde der Roman "The Echo Maker" (Echo der Erinnerung) von Richard Powers, hinzu kämen Texte und Motive von Brigitte Reimann, Joseph von Eichendorff, Einar Schleef, Anthony McCarten, Wolf Singer und Werner Bräunig. "Also gibt es chorische und poetisch-parabelhafte Passagen, philosophische Grübelmonologe, Märchenerzählungen und lange neurologische Reflexionen, und all dies sucht die rotzig-direkte, zwischen bewussten Kalauern und unbewusstem Kitsch schwankende Sprache des Autors zusammenzuhalten." Es sei ein "Flickenteppich von nur lose verbundenen und nicht immer deutlichen Szenen", den Kater "mächtig mit tieferen Bedeutungen aufgeladen" habe. Dazu werde, von Petras, "eine Fülle szenisch wie schauspielerisch nicht immer ausgearbeiteter, die Figuren vor allem in wirkungssüchtige Komik treibender Situationen und Theaterbilder auf die Bühne" "geschüttet". Dennoch suche Kater "ganz ehrlich" "nach einer gesellschaftlichen Utopie, die Individualität und/oder Gemeinschaftlichkeit, oder, wie es im realen Sozialismus hieß, den Weg vom Ich zum Wir möglich sein lässt". Und dass er diese Fragen stelle, sei gut – zumal sie am Ende angemessenerweise offen blieben.

"Kein Regisseur oder Dramatiker in Deutschland vermag Resignation und unerschrocken-konstruktives Denken so ausdauernd im Gleichgewicht zu halten wie Petras/Kater", schreibt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (7.5.2010). Sein Realismus lasse "nichts an Kenntlichkeit zu wünschen übrig" und sein "Glaube an Utopien nichts an Kraft". Für "we are blood" habe er mit den Schauspielerinnen in der Prignitz recherchiert und sich mit soziologischen Studien über "Leben im Umbruch" befasst. Wobei es "das Besondere" an Petras sei, "dass er mit den Figuren zwar durchaus Denkrichtungen oder Verhaltensmuster verkörpert, ihnen dabei aber trotzdem ein Gesicht gibt, eine Biografie hintuscht mit wenigen, scheinbar zufälligen Worten und abgebrochenen Sätzen". Es sei am Premierenabend der Mensch "aus seinem Schatten" getreten und "ein bisschen besser" geworden. Aber: "Keine Angst, so perfekt, dass für das Theater nichts mehr zu erzählen und zu tun übrig bliebe, ist er nicht geworden".

"Ein monumental-melancholisches Opus" nennt Jürgen Otten in der Frankfurter Rundschau (7.5.2010) die neueste Kater/Petras-Arbeit am Maxim Gorki Theater, die im Rahmen des Projekts "Leben im Umbruch" stattgefunden hätte. "Drei Jahre lang haben Soziologen, Ethnologen und Kulturwissenschaftler in und um Wittenberge herum die Beziehungen derer, die nicht gegangen sind, erforscht und versucht, die Fliehkräfte zu fassen. Fritz Kater hat daraus einen Text destilliert, der in seiner narrativen wie bildhaften Überfrachtung, in seiner anarchisch-grotesken Grundstruktur ein typischer Kater-Text geworden ist. Einer seiner stichhaltigsten, verstörendsten, kraftvollsten." Arbeit und Natur, so Katers These, verhielten sich ebenso zueinander wie Macht und Liebe: "Ersteres siegt immer." Daraus habe er eine "ganz eigene Ästhetik des Widerstandes entwickelt", die Petras auf der Bühne "offeriere". Von den vier Stunden sei trotz mancher Konfusionen und Klischees keine Minute langweilig. Denn Petras gebe den Figuren nicht nur Kontur, sondern auch "Würde".

Als "aufdringlich verständnisvoll zusammenfabulierten Streichelzoo voller Ostnarren" empfand Irene Bazinger von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (8.5.2010) Fritz Katers Stück. Die Inszenierung seines Alter Egos malt dies aus ihrer Sicht langatmig in einer "hindümpelnden Szenenfolge mit Personen, die nicht einmal aus Papier sind, sondern lediglich aus Larmoyanz, Klischees und mancherlei Zitaten von Eichendorff bis Wolf Singer bestehen" aus. Unsägliche Nachwende-Folklore, findet die Kritikerin, ein "quallig-ranziges Humtata und Hopsassa".

Lange hatte Christine Wahl vom Berliner Tagesspiegel (8.5.2010) nicht den Eindruck, "dass das Theater so viel zu sagen hat". Denn dieser Abend wage sich an die "großen Fragen" und erledige sie weder "in einem ironischen Ringelpiez noch in einem larmoyanten Blick durch die dramatische AllzweckReality-Brille." Das Außergewöhnliche dieses Abends besteht für die Kritikerin speziell darin, wie "vital es gegen die Reduktion auf Klischees anspielt". Auch als Regisseur bürste Petras seine Figuren "gegen den drohenden Sentimentalitätsstrich" und inszeniere eine "schwarzhumorig überdrehte Krankenhaussoap, deren tragische Momente umso heftiger treffen". Dass da die eine oder andere Pointe übers Ziel hinausschieße, vieles angerissen wirke und der Regisseur sich für eine Figur mal mehr interessieren würde als für die andere: "geschenkt!"

Till Briegleb schreibt in der Süddeutschen Zeitung (18.5.2010): 'We are Blood' setze die lange Tradition der Fritz Kater-Stücke fort, die versuchten, "Geschichten von Sehnsucht und Enttäuschung mit der Geschichte der beiden deutschen Staaten zu verbinden". Diesmal handele es sich um eine "Typenschau", mit der Kater "den Umbruch der Wende beispielhaft abzubilden" suche. Bei der Lektüre zeige sich Katers/Petras' "Kunstfertigkeit, mit wenigen Dialogfetzen große Gesellschaftscollagen zu zeichnen". Aus den "Stereotypen" träten "Charaktere" hervor, die ein "ungemein detailreiches Panorama deutscher Unzufriedenheit und persönlicher Hoffnungen" böten. Doch verrate Petras' Inszenierung "seine eigene Raffinesse an die tagespolitische Demagogie". Seine Versuche "deutlich zu sein", führten ihn nur "zu einer Betonung der von ihm selbst angelegten Klischees". Bis in die Personenzeichnung hinein verstärke er das "Typische für das Differenzierte" und gewinne dadurch "Positionen statt Personen". In einem "der hässlichsten Bühnenbilder des Jahres" ringe sich "allerdings" bei den meisten Akteuren "das Talent doch zu Widerstand durch". Vor allem Regine Zimmermann und Peter Kurth ergriffen "ein paar existentielle Momente, wie sie eben nur in der Kunst und nicht bei der Politik Raum finden".

 

Kommentar schreiben