Mensch, ist das alles komplex hier!

von Stefan Bläske

Wien, 12. Juni 2010. Kunst muss sein. Ausrufezeichen! Aber warum eigentlich? Es gibt eine Frau, ihr Name ist Hase, sie weiß Bescheid. Denn Frau Hase (estnisch Jänes) ist Kultusministerin im theaterbegeisterten Estland. Kulturförderung dient ihr zur Heimat- und Imagepflege, zur Prestigeaußenpolitik. Frau Ministers Auftritte sind zwar engagiert, ihre Gedanken allerdings weit einfacher gestrickt als ihre Trachtenkostüme. Sie meint es vermeintlich gut mit ihren Künstlern, aber "leider ist immer zu wenig Geld da".

Wir sind alle Künstler. Ausrufezeichen! Aber inwiefern? Joseph Beuys, der einmal sagte, seine größte Kunst bestehe darin, Lehrer zu sein, erklärte 1965 einem toten Hasen seine Bilder. Die Vernissage-Besucher konnten diese Erklärungen nicht hören, sie sahen Beuys, den Kopf mit Honig bestrichen und mit Blattgold beschichtet, einen Hasen auf dem Arm.

Die Kunst des Kunstmachens
Diese beiden Hasengeschichten sind Ausgangspunkt einer leichtfüßigen Performance aus Estland, die namentlich zwar Ministerin Laine Jänes auf den Arm nimmt, dabei aber auf den Kunst- und Theaterbetrieb im Allgemeinen zielt. Die Regisseure Tiit Ojasoo und Ene-Liis Semper fragen nach gesellschaftlichen Funktionen von Kunst und kreieren daraus einen gewitzten Theaterabend, der traditions- und diskursbewusst das Schaffen und Leiden von Künstlern und Aspekte wie Finanzierung, Konkurrenz und Kreativität reflektiert.

Das Ergebnis ist zugleich kluge Kopfkunst und körperbetonte, energetische, sinnliche, amüsante und verspielte Performance. Das zehnköpfige, ausdrucksstarke und charmante Ensemble des Teater NO99 bietet alles, was das Hasenherz begehrt. Auf der Bühne im Beuys-Westen-Beige formen sie alle Requisiten zur großen Christo-Skulptur, sich selbst zum Menschenknäuel und zur sozialen Plastik, sie nutzen Video, Artistik und Hasenkostüme, verbinden Sprech-, Tanz- und Improvisationstheater.

Die Kunst des Improvisierens
Das Problem der Bühnenkunst, so diskutieren sie, bestehe darin, dass sich ein Wiederholungstäter-Theater unweigerlich abnutze. Der Funke des Neuen, die Energie des Entdeckens, eine Atmosphäre der Kreativität entstünden nur in Probe und Improvisation. Und so ist es den Darstellern wichtig, einander immer wieder zu überraschen. Das Improvisieren dient aber nicht allein als Frischhaltefolie für eine zu Recht auf vielen Festivals eingeladene Produktion, sondern bildet zugleich zentrales Thema des Abends: mal dezent diskursiv verhandelt, mal konkret vorgeführt in einer virtuosen, beifallheischenden Impro-Szene, die jeden Theatersport-Wettbewerb gewinnen würde.

Besonders raffiniert ist die Inszenierung, wenn Form und Inhalt in ein Spannungsverhältnis treten, etwa wenn die Darsteller sehr überzeugend so tun als sei ihre Diskussion über's Improvisieren gerade improvisiert, die vorgefertigten Übertitel allerdings das Gegenteil bezeugen. Was andernorts als Versehen erscheinen müsste, wirkt in dieser Inszenierung klug komponiert. Denn stellenweise werden die Übertitel durchaus simultan eingetippt, reagieren also auf die "echten" Improvisationen. Aber was ist schon echt, was originell? Was Original, was Abbild, was Zitat?

Die Kunst des Zitierens
Wenn ein Mann mit Goldkopf und Hase in der Ecke sitzt, oder wenn sämtliche Bühnenelemente kompakt verpackt und eingeschnürt werden, dann mag man leichthin Joseph Beuys erkennen, oder Christo und Jeanne-Claude am Werk sehen. Wenn die tanzenden Performer, in halber Rolle rückwärts verharrt, ihre Rücken zeigen und krümmen, könnte man an Xavier Le Roys Choreographie "Self-Unfinished" erinnert werden, und das nackte Hund-Spielen zitiert naheliegender Weise Oleg Kuliks "I Bite America and America Bites Me", das wiederum eine Reaktion auf Beuys ist, der Amerika gemocht anstatt gebissen hat.

Dies aber ist nur die Spitze eines unergründlichen Zitaten-Eisbergs. Man könnte die gesamte Inszenierung als bildungsbürgerliches Rate- und Gesellschaftsspiel begreifen: Wer erkennt welche Referenz? Das Theater NO99 bietet dies an und entlarvt es zugleich. Derselbe Mechanismus wird mit Sportarten durchgespielt. In einer olympischen Slapstick-Choreographie imitieren die Schauspieler Hammerwerfer, Synchronschwimmer, Schachspieler oder Fußballabwehrmauer, die Bewegungen perfekt pointierend, und doch auch persiflierend. Im Gelächter des Publikums klingt dabei immer auch die Freude an: "Hurra, ich hab's erkannt, kann mitreden, mitlachen!" Gibt es denn einen Unterschied zwischen Sport und Kunst?

Die Kunst der Verweigerung
Der Ministerin für Kultus und Sport unterläuft es (nicht nur) in dieser Inszenierung des öfteren, dass sie Sport und Kultur verwechselt, die gleichen Reden hält, und ähnliche Methoden der Bewertbarkeit und Förderung fordert. Wenn sich das Teater NO99 mit dieser Arbeit nun dagegen wehrt, dann wählen sie den Angriff als Verteidigung. Sie bedienen das Bedürfnis nach Amüsement, sie verausgaben sich mit Theatersport und Olympia-Szenen, und sie lassen einen Steuerzahler zu Wort kommen, der Sport nun einmal lieber hat als Museen und Theater. "Scheiß Kulturmenschen!"

In einem rasanten und klug komponierten Wechsel aus Amüsierbetrieb und Provokation, Kunst und Handwerk, Sport und Kultur, setzt das Teater NO99 jene Dichotomien lustvoll in Szene, und hinterfragt sie zugleich durch eine intelligente Dramaturgie. Nein, hier erklärt uns niemand die Bilder, hier können wir nur gemeinsam Staunen über die Komplexität von Kultur, und eine junge Theatergruppe, die das selbst beim finalen Protestpissen irgendwie noch liebevoll in Szene setzt.

Am eindrücklichsten aber bleibt ein schlichtes Bild: Ein Hase im Museum, der verständnislos, aber doch neugierig den Kopf schief hält.

 

Kuidas seletada pilte surnud jänesele - Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt
ein Schauspiel aus Tallinn
Idee, Konzeption, Produktion, Bühne und Kostüme: Tiit Ojasoo und Ene-Liis Semper, Tanzszene: Mart Kangro, Sound Design: Hendrik Kaljujärv, Dramaturgie: Eero Epner, Video Lecture: Eha Komissarov
Mit: Rasmus Kaljujärv, Risto Kübar, Andres Mähar, Mirtel Pohla, Jaak Prints, Gert Raudsep, Inga Salurand, Tambet Tuisk, Marika Vaarik, Sergo Vares.

www.no99.ee
www.festwochen.at

 

Mehr lesen? Das Theater NO 99 begeisterte 2008 bereits mit seiner höchst lustvollen theatralischen Auseinandersetzung mit dem besonders von estnischen Rechten immer gern beschworenen drohenden Aussterben der reinrassigen Esten HEM - oder Heiße estnische Männer. In Nafta untersuchten die Performer von NO 99, was passiert, wenn eines Tages das Öl ausgeht.

 

Kritikenrundschau

Das estnische "Teater NO99" exemplifiziere in "Wie man einem toten Hasen die Bilder erklärt" anhand von Beuys' berühmte Performance "das Werden von Kunst", so Barbara Petsch in der Wiener Presse (14.6.2010) und biete dabei eine "teils atemberaubend akrobatische Show", die sich u.a. an Beuys' Diktum "Jeder Mensch ein Künstler" abarbeite. Das Feindbild gebe "die phlegmatische Kunstverwaltung" ab, "die kein Geld herausrücken will und mit Millionen um sich wirft, die sie einsparen muss". Als "die Böse" der Performance identifiziert Petsch die estnische Kulturministerin Laine Jänes, hier dargestellt als "eine typische Politikerin, die mit Formeln um sich wirft, von Sport mit den gleichen Floskeln faselt wie von Kunst". Die hier entwickelten Ideen seien allerdings "weder besonders experimentell noch besonders originell sind". Bei "NO99" werde "das kleine, ehrgeizige Heimatland verjuxt, das Künstlerleben. Es wird improvisiert, der Arbeitsprozess reflektiert. Das ist manchmal, aufgrund der Lebendigkeit des Spiels, witzig, über weite Strecken aber eine öde Nabelbeschau." Eine "Lektion in Avantgarde von gestern".

Für Uwe Mattheis von der taz (14.6.2010) reflektiert die Tallinner Produktion "in Screwballgeschwindigkeit unter Verwendung des gesamten Registers guten und gut gemachten schlechten Theaters die Bedingungen der Möglichkeit von Kunstproduktion". Das Ganze sei "nur am Rande ein reenactment der Performance, mit der Joseph Beuys 1965 seinen Diskurs des erweiterten Kunstbegriffs einleitete". Vielmehr finde das Ensemble NO99 sich "in der Rolle von Hofnarren der Demokratie" wieder, "die fürs halbe Geld ganze Arbeit machen sollen". So habe sich der estnische Haushalt "für den Euro schöngespart". Das dortige Theater stehe "zwischen Schließung, nationaler Sinnstiftung und übernationalen Diskursen. Die Kulturministerin heißt Hase, weiß von nichts, kriegt aber ihr Fett ab mit allen Zaubermitteln des Theaters. Alle von der Schließung bedrohten deutsche Bühnen mögen für ein Gastspiel zusammenlegen. Die Aufführung ist ein Antidot gegen die larmoyante Defensive deutscher Theaterdebatten."

 

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