Vergeblich am Haus der Liebe geklettert

von Stefanie Waszerka

Hamburg, 19. September 2007. Leise, fast unmerklich erscheinen blassgesichtige Gestalten, deren lange, weiße Haare kunstvoll zum Zopf gebunden sind oder offen über die Schulter fallen, auf einem Plexiglaslaufsteg. Dieser Laufsteg mit schmiedeeiserner Verzierung verläuft halbmondförmig über den Köpfen der Zuschauer im Foyer des Thalia Theaters in der Gaußstraße. Die Gestalten in barockanmutenden Kostümen grüßen fröhlich ins Publikum hinunter. Sie betreiben munter Konversation und erinnern an die Untoten aus Roman Polanskis "Tanz der Vampire" – ungemein elegant, stilvoll, schön, aber eben tot. Tot und gefährlich, denn dieser Chor der Blutlosen ist mit Schlagstöcken und Pistolen bewaffnet.

Die Schläge kommen rasch und werden angekündigt: "Achtung, jetzt wird’s laut." Die Schlagstöcke sausen auf die eiserne Balustrade, und ein verkürzter Prolog wird von den Montagues und Capulets chorisch in den Raum gebellt. So schnell wie sie erschienen sind, verschwinden sie dann wieder. Tauchen im Publikum auf, mischen sich unter die Menschen, schütteln Hände, entschuldigen lächelnd ihre Vereinnahmung von Stühlen oder Tischen zwecks Schauspielkunst. Die Gewalt läuft beiläufig ab, bricht abrupt aus. Da werden synchron Pistolen gezückt und an die Schläfen des Feindes gedrückt. Als wäre der Gewaltakt eine Spielerei von dummen Kindern.

Spiel oder Ernst?

Dieses Prinzip etabliert Andreas Kriegenburg in seiner Inszenierung auch in der Sprache. Der Shakespeare-Text wurde auf die aussagekräftigsten Stellen eingekürzt und durch Fremdtexte ergänzt. "Auf der Mauer, auf der Lauer, hat am Morgen schon Sorgen", frotzelt Benvolio über Romeo. "Romeo, zieht ein bisschen runter", kommentiert Montague und fährt fort: "Romea, wäre besser." Doch ob Eigenkompositon oder Shakespeare-Text, die Worte werden von den Darstellern ausgestellt und verstärken den Eindruck, die Frotzelein seien nur Spielereien von ausgelassenen Kindern. Nicht ernst – oder doch gerade deshalb ernst?

Dass diese Kinder aus dem Heute stammen könnten, illustriert Andreas Kriegenburg mit englischen Songs, Videoleinwand, Mikrofon, Handy und flotten Sprüchen à la Vater Montague zu seinem Filius: "Krieg dich mal wieder ein." Charmant und treffend ist die ungewöhnliche Eigenwortschöpfung in so manchem Augenblick. Zum Beispiel bei der ersten Begegnung von Romeo und Julia auf dem Fest der Capulets: sie singt "Somewhere over the rainbow", er betont, dass er einen erstklassigen Kaffee kochen kann. Was braucht’s mehr?

Unbedingtheit der Liebe

Nach dem Fest der Capulets verläßt die Inszenierung den Abenteuerspielplatz im Foyer und wandert in den Bühnenraum der Gaußstraße. Drei schneeweiße Wände, ein weitläufiger Bretterboden und ein massives Holzquadrat, das an einer Kette von der Decke herab in den Raum hängt, bilden die neue Spielfläche. Kaum ist Ruhe im Publikum eingekehrt, werden vom Ensemble Mengen an leeren, goldenen Patronenhülsen auf den Bühnenboden geschüttet. Auf diesen Hülsen wird geballert, was das Zeug hält, hier sterben Tybalt und Mercutio. 

Das Holzquadrat wird zur eigentlichen Spielfläche. Es dient als Mauer oder Wand. Von den Schauspielern auf neun lange Pfeiler gestemmt wird es zum "Balkon", auf dem Julia ihren Romeo erwartet. Unter dem Balkon hocken die Capulets und Montagues, Wolfsmasken auf dem Gesicht – stützen die Holzkonstruktion – und heulen wie ein Rudel Wölfe. Das ist ein schönes Bild, das sinnlich ist und Sinn macht.

Klettern am Gerüst

Auch die Hirnmetamorphosen von Benvolio (Paula Dombrowski) und Mercutio (Ole Lagerpusch), die durch äußerst starken Alkoholkonsum in der Twilight-Zone hängen bleiben und nur noch zu Beaves-and-Butt-Head- Sprüchen in der Lage sind, gehört zu den großen Augenblicken dieses Abends. Doch nicht alle Bilder, die Andreas Kriegenburg inszeniert, haben diese ästhetische und inhaltliche Stärke.

Die Bühnenästhetik dominiert das Spiel der Darsteller. Die Nüchternheit und Coolness, mit der das Spiel beginnt, raubt der Inszenierung die Chance, die Wärme und Emotionalität, die in der zweiten Spielhälfte etabliert wird, erfahrbar zu machen. Diese Gestalten waren zu nüchtern, zu cool, als das sie noch glaubwürdig sein könnten. Untote eben.

Romeo und Julia
von William Shakespeare / in der Übersetzung von Hans Rothe
Regie und Bühne: Andreas Kriegenburg, Kostüme: Andrea Schraad.
Mit: Markwart Müller-Elmau, Andreas Köhler, Harald Baumgartner, Jörg Pose, Daniel Hoevels, Ole Lagerpusch, Paula Dombrowski, Jörg Koslowsky, Helmut Mooshammer, Johannes Schäfer, Claudius Franz, Sandra Flubacher, Olivia Gräser, Judith Hofmann

www.thalia-theater.de

 

Kritikenrundschau

Hymnisch besingt Stefan Grund in der Welt (21.09.2007) Kriegenburgs Inszenierung. Sie setze "Maßstäbe". Die Inszenierung sei "so schön, dass man das Liebespaar gar nicht mehr sterben sehen will". Kriegenburg pumpe so viel "frisches Blut durch die Adern des Shakespeare-Klassikers, dass uns beim Sehen, Hören und Riechen schwindelig wurde". Es sei eine "Gnade für das Publikum", wie Olivia Gräser und Daniel Hoevels – "diese beiden Namen wollen wir uns merken" - auf der Bühne "mit ihrer Liebe aufblühen, explodieren und vergehen". "Der Rausch, in dem die Liebenden und Hassenden auf der Bühne untergehen",  schlug Herrn Grund "in einen im Theater nur in seltenen Glücksmomenten erfahrbaren Bann". Ei, was.

Eva Behrendt dagegen hegt Vorbehalte. In der taz (21.9.2007) schreibt sie, Kriegenburg wolle "die Mythos gewordene stürmische Unmittelbarkeit des Shakespeare-Liebespaars in Szene setzen", dies aber "misslingt ziemlich gründlich". Die Tragödie "schleppt sich". Kaffeekocher Romeo gehe den "entschlossenen, aber fantasielosen Weg eines jeden jungen Helden" und das "Häufchen Elend" Julia "heult bis zum bitteren Ende durch". Eine "Party des Todes in einem Meer von Teelichtern", hier sei "Kitschgefahr im Verzug". Doch obschon Kriegenburg, "wo das Feuer der Emotionen zu erlöschen droht", Shakespeare mit "einem Spiritus aus gefühligen Musiken" übergieße – "sein Drama aus der Zeit der großen Gefühle bleibt fad und hohl".

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