Die Welt ist alles, was nicht der Fall ist

von Esther Boldt

Mülheim, 3. Juli 2010. Was passiert, wenn der Simultandolmetscher im Ohr, der uns permanent das Weltgeschehen übersetzt, ausfällt? Was machen wir jenseits der Grenze, an der unsere Intelligenz endet? Legen wir unsere Hände in Salzwasser ein oder spielen wir Karten gegen uns selbst? In seiner Lecture-Performance "I am not me, the horse is not mine" befragt der südafrikanische bildende Künstler, Filmemacher und Regisseur William Kentridge die Grenzen von Wissen und Identität. Er tut dies mit den Nasen von Nikolai Gogol und Dmitri Schostakowitsch. Und indem er Geschichtsschreibung und Storytelling systematisch verwebt und verzwirbelt.

"I am not me", 2009 bei der Sidney Biennale uraufgeführt, feierte nun Deutschlandpremiere beim Festival "Theater der Welt", im Kammermusiksaal der Stadthalle Mülheim. Darin verknüpft der begnadete Erzähler Gogols 1836 erschienene Geschichte "Die Nase", Dmitri Schostakowitschs gleichnamige Oper, Tristam Shandy, Miguel de Cervantes und die Moskauer Schauprozesse von 1937.

Fremdes in Eigenes übersetzen
Seine ziemlich launige Geschichtsschreibung folgt der Zersetzung des Autors und der der Zeichen, dem Erschrecken des Subjekts, dem etwas Groteskes an die Schädeldecke klopft, das durchaus die eigene Schöpfung sein kann und es mit seinen Grenzen, seiner Widersprüchlichkeit und der Unleserlichkeit von Welt konfrontiert.

Etwa wenn, wie Kentridge es warm tönend beschreibt, der Babelfisch im Ohr aufhört, die Welt in verständliche Begriffe zu übersetzen. Damit verhandelt seine recht unterhaltsame Lecture eines der Hauptmotive des Eröffnungswochenendes von "Theater der Welt" unter der künstlerischen Leitung von Frie Leysen: Ob und wie Fremdes in Eigenes übersetzt wird und vice versa - und was mit dem nicht übertragbaren Rest geschieht.

Sei es bei Gogol, der einen höchst skeptischen Blick auf die Absurdität der eigenen Erzählung wirft und zweiflerisch anmerkt, das sei ja alles ziemlich unwahrscheinlich. Kommt darin doch dem russischen Major Kowalew über Nacht die Nase abhanden, um ihm als schick gekleideter Staatsrat auf der Straße wieder zu begegnen, wo das nun ranghöhere Körperteil jedwede Zugehörigkeit zu ihm negiert und Unabhängigkeit behauptet: "Ich bin nicht du, ich bin ich selbst." Aus dem fragmentierten Körper erwächst ein überlegener Anderer - ein echtes Ärgernis.

Suspekte Autorschaft, zweifelhafte Identität
Im Russland der 1920er Jahre macht Schostakowitsch Dada aus der Groteske, erst im März dieses Jahres hat Kentridge seine Oper an der New Yorker Met inszeniert. In der Lecture spielt er die Referenzen auf dem Zeitstrahl vor und zurück: Zu dem spanischen Autor Cervantes, der 1605 "Don Quijote" unter einer Herausgeberfiktion veröffentlichte, auch ihm war seine Autorschaft suspekt. Doch er hat uns, findet Kentridge, die Idee des Pferdes gelehrt, jener Rosinante nämlich, die allein durch die Vorstellungskraft von einer klapprigen Stute zum Pferd aller Pferde wurde.

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Wiliam Kentridge ©Wiliam Kentridge

Steile Thesen wie diese wirft er sichtlich vergnügt auf. Anhand eines Video-Schattenspiels, auf dem sich ausgerissene Papierstreifen zu einem Pferd fügen, visualisiert Kentridge, wie wenig wir brauchen, um das Tier zu imaginieren. Womöglich lebt es sich auch ohne Nase gut, und der schwarze Fleck im Gesicht oder auf der Leinwand wird zum Anlass fantastischer Entdeckungsreisen.

In der Videoprojektion begegnet Kentridge auch seinem virtuellen Doppelgänger: der lugt hinter seinem Rücken um die Ecke, und der Blick seines filmischen Wiedergängers bringt ihn ins Stocken und Stottern. Währenddessen läuft, noch so eine Übersetzungsstörung, der deutsche Übertitel bisweilen ungerührt weiter. Doch Kentridge treibt, seinen Notizblock durchforstend, die Übersprünge und Auswüchse immer weiter: mit dem Mitte des 18. Jahrhunderts erschienen Roman "Tristam Shandy" des Briten Laurence Sterne, inklusive einem Buch im Buch, in dem eine Nase verschwindet und sich ein fiktiver Autor dafür verbürgt.

Der Rest ist Angst
Roland Barthes hätte seine provokante These vom Tod des Autors auch schon ein paar hundert Jahre früher geschrieben haben können, denkt man nach dieser ebenso schrägen wie charmanten Geistesgeschichte um die Dekonstruktion von Subjekt und Zeichen. So lautet Identitätskonstruktion mit Kentridge: Die Konstruktion der Welt aus Fragmenten ist eine Hälfte dessen, was wir sind. Die andere Hälfte besteht aus der Angst vor diesen Fragmenten, der Schrecken über das Unverfügbare.

So endet die eskapadenreiche Historie im stalinistischen Terror von 1937: Kentridge verliest das Vernehmungsprotokoll des Leninisten Bucharin, der sich der Selbstbezichtigungswelle der Schauprozesse verweigerte und in Hungerstreik trat, obgleich er sich vor dem Sterben fürchtete - das wohl intendiert sperrige, langatmige Ende einer kleinen, gekonnten Lektion in inkorrekter Geschichtsschreibung und sprunghafter Wissenschaft.

 

I am not me, the horse is not mine
Annäherung an die Nasen von Nikolai Gogol und Dmitri Schostakowitsch
von William Kentridge
Regie, Animation, Fotografie und Performance: William Kentridge, Schnitt: Catherine Meyburgh, Komposition: Philip Miller, Bühne: Sue Pam-Grant.

www.theaterderwelt.de

 

William Kentridge, 1955 in Johannesburg geboren, ist Künstler, Animationsfilmer und Theatermacher. Er stammt aus einer wohlhabenden weißen Familie. Sein Vater vertrat als Anwalt Schwarze bei Apartheid-Prozessen. Zur WM 2010 hat Kentridge ein Plakat gestaltet.

 

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