A Clockwork Orange in Verona-Altenburg

von Matthias Schmidt

Altenburg, 19. November 2010. Sie haben Vieles gemacht, was stört, nervt, aufgesetzt wirkt. Sie haben mit Platzpatronen herumgeballert, sich ununterbrochen gegenseitig mit einer Videokamera gefilmt, Fremdtexte in den Text montiert, mit schreiender Musik gearbeitet und sind aus ihren Rollen gefallen. Dennoch hat fast alles gestimmt – herausgekommen ist eine bemerkenswerte, in sich geschlossene Inszenierung.

Regisseur Pedro Martins Beja hatte vorab mitgeteilt, die 2000ste Variation von "Romeo und Julia" abzuliefern, interessiere ihn nicht. Also hat er in Shakespeares Grundstruktur lauter kleine Sprengsätze eingebaut und damit nicht gegen ihn gearbeitet. Wir wissen von Shakespeares Theater, dass es offen war für Aktuelles, für Anspielungen und Provokationen, für derben und gebildeten Humor zugleich. Die grundlegenden Inhalte von "Romeo und Julia" setzt Martins Beja als bekannt voraus: zwei Liebende, die sich nicht lieben dürfen und am Ende tot sind. Mit dem Rest des Textes geht er frei um, kommt immer mal wieder auf Schlüsselszenen zurück und stopft ansonsten hinein, was immer er für seine Botschaft gebrauchen kann.

Manches ist ganz harmlos. Die zahlreichen Schüler in der Premiere haben sich wie Bolle darüber amüsiert, wie Julias Eltern miteinander umgehen – "Ach, die Mutti ist ja schon da", sagt Vater Capulet, und Lady Capulet trällert Julia zu: "So, Bettchen!" Da lacht der Saal, als sei es eine Sitcom. Phasenweise ist die Inszenierung eine regelrechte Screwball-Comedy. Es wird gekalauert, was das Zeug hält, mal mit Shakespeares Worten, mal frei improvisiert. Zoten, die Quote machen - junges Volkstheater. Benvolio singt That's Amore, und Julias Amme berlinert drauf los, wie sonst Cindy aus Marzahn. Was Martins Beja von anderen Shakespeare-Interpreten unterscheidet ist, wie er sich der Tragik annimmt – durch Drastik und Geschwindigkeit.

Kaputte Welt, kaputte Typen: Die RJ-Fraktion

Von Anfang an sind Gewaltbereitschaft und Hass beängstigend. Die Capulets und Montagues belauern sich mit Pistolen in der Hand und Tybalt predigt fanatisch Botschaften wie: die Zunahme sexueller Perversionen sei ebenso wie das Auftauchen des Ebola-Virus eine natürlich Reaktion auf steigende Geburtenzahlen. Oder, etwas später, das Publikum direkt anspielend: nicht die Perversen, die Mörder und Serienkiller seien das Problem, sondern "Ihr"! Wir? Wir Bürger? Die Gesellschaft? Offenbar, denn immerhin ist die abgebildete Welt auf so fatale Weise kalt, oberflächlich und gewalttätig, dass "Romeo und Julia" in ihr – gegen sie – zu Terroristen werden.

"Die nächste Revolution hat eine physische zu sein", glaubt Julia. Mit Perücken und Sonnenbrillen verwandelt sich das Liebespaar in Widergänger von Baader und Meinhof. Weil sie es nicht mehr aushalten in dem, womit der Regisseur Martins Beja sie umstellt: Krieg und Streit, die scheinbar einzigen Triebkräfte der Geschichte. Kaputte Welt, kaputte Typen: Pater Lorenzo ist ein Junkie, der sich vor der Hochzeit schnell noch einen Schuss setzt, und die Liebe ist, nicht nur für Romeo und Julia, sondern überhaupt verloren.

Starker Sog

Shakespeares Text hält das nicht nur aus, er bietet es regelrecht an. Manches an Martins Bejas Inszenierung mag unstimmig oder dubios sein, aber eingefasst in den Punk aus den Lautsprechern und die Intensität des Spiels, geht das Konzept auf – "A Clockwork Orange" in Verona.

Natürlich nervt und stört das hyperaktive Gezappel und das Herumballern. Ebenso, dass die Videoprojektion auf eine Leinwand die meiste Zeit den Blick auf die wichtigen Szenen schlicht verdeckt. Eine wackelige Doppelbelichtung, so sieht das aus. Vielleicht ist alles auch einfach nur zu klein, zu unperfekt, vielleicht hat dabei sogar die Altenburg-Geraer Spardebatte eine Rolle gespielt. Letztlich aber war der Sog, den Martins Beja mit dieser Inszenierung erzeugt, so stark, die Geschwindigkeit so hoch, dass man kaum dazu kam, darüber nachzudenken.

Um so gelungener sind die klischeebelegten Shakespeare-Szenen: die Entdeckung der Liebe am Ende des ersten Akts wird lebhaft vertanzt, die Balkonszene augenzwinkernd auf die Schippe genommen. Romeo und Julia fallen bei dieser (und jeder anderen) Gelegenheit sofort übereinander her; sie sind hier einander im Wortsinn mit Haut und Haar verfallen, was Judith Mauthe und Jochen Paletschek einfach traumhaft umsetzen. Eine Stunde und vierzig Minuten ekstatisches Schauspiel. Kräftiger, lang anhaltender Beifall. Passt!

 

Romeo und Julia
von William Shakespeare
deutsche Fassung: Pedro Martins Beja und Lennart Naujoks nach Schlegel/ Tieck.
Regie: Pedro Martins Beja. Dramaturgie: Lennart Naujoks, Bühne und Kostüme: Sophie du Vinage, Video-Cam: Mario Binkowski.
Mit: Jochen Paletschek, Judith Mauthe, Heiko Senst, Peter Prautsch, Henning Bäcker, Manuel Kressin, Anne Keßler.

www.tpthueringen.de

 

Die letzten Besprechungen des unsterblichen Liebesstoffes R + J bei nachtkritik.de kamen aus Hannover im September (Regie Heike M. Götze) und aus Düsseldorf im März (Regie Michael Talke).

 

Kritikenrundschau

Regisseur Pedro Martins Beja scheine sich für seine Inszenierung von "Romeo und Julia "mit einer pauschalen Chakterisierung der Figuren zufrieden gegeben zu haben", merkt Franziska Nössig in der Thüringischen Landeszeitung (22.11.2010) an. Die Figuren "sind, wie sie sind, haben weder eine Geschichte hinter noch eine Entwicklung vor sich. Denn Martins Beja setzt den Konflikt des Liebespaares als bekannt voraus. Nur hat er seine 100-Minuten-Fassung so gekürzt, dass die Veranlassung seiner Figuren zum Handeln hinfällig werden und man nicht mehr versteht, wer warum was tut." Stattdessen gebe "es viel zu hören und zu sehen in dieser sehr jugendaffinen, vom Publikum mit lang anhaltendem Applaus bedachten Multimedia-Inszenierung." Der Effekt einer Digitalkamera-Projketion nutze sich jedoch "schnell ab, weil die Kamera pausenlos aufzeichnet. Das filmische Mittel drängt die Theateratmosphäre wie einen überflüssigen Kommentar zur Seite - als hätte sich die Inszenierung im Raum geirrt und sei eigentlich vollständig für die Kinoleinwand bestimmt gewesen."

"Man müsste hundert Augen und Ohren haben, um die provokante, spannungsreiche Inszenierung von Pedro Martins Beja frei nach der Übersetzung von Schlegel in allen Facetten über rund 100 Minuten erfassen zu können", schreibt Sabine Wagner in der Ostthüringer Zeitung (22.11.2010). Hundert Augen und Ohren aber habe "kein Mensch. Auch deshalb bleibt das emotionsgeladene Spiel der Liebenden Romeo (Jochen Paletschek) und Julia (Judith Mauthe) ein Stück weit auf der Strecke und der Zuschauer, trotz lang anhaltendem Beifall, am Ende etwas ratlos zurück."

 

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