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Fuck off, America!

von Wolfgang Behrens

Berlin, 18. Februar 2011. 10+, so steht es klar und deutlich auf dem Programmzettel zum "Gespenst von Canterville", und angesichts dieser Angabe fühlt sich auch der sogenannt Volljährige warm willkommen geheißen: Im Plus ist man gut aufgehoben. Am Berliner Theater an der Parkaue, Deutschlands einzigem Staatstheater für junge Menschen, gibt es keinen Abgrenzungsdruck – anders als etwa am Ballhaus Naunynstraße, das bekanntlich eine Einladung zum Jugendtheatertreffen "Augenblick mal!" ausschlug, da es sein Stück Verrücktes Blut nicht als Jugendtheater verstanden wissen wollte.

An der Parkaue dagegen macht man kompromisslos Jugendtheater mit vollem ästhetischen Anspruch – und lockt so durchaus auch die Erwachsenen, die bei mittlerweile legendären Produktionen wie dem Räuber Hotzenplotz von Showcase Beat Le Mot oder "Der Fischer und seine Frau", inszeniert von Milan Peschel, originelleres zeitgenössisches Theater entdecken können als auf vielen anderen Bühnen Berlins.

Sir Simon und die Mythendemolierer

Milan Peschel, der als Schauspieler bei Frank Castorf den Volksbühnen-Stil gleichsam mit der Vatermilch aufgesogen hat, führt nun bei Oscar Wildes "Das Gespenst von Canterville" zum dritten Mal an der Parkaue Regie – und wenn man seinen Aufführungen und dieser Inszenierung im Besonderen zuschaut, dann purzeln die Kategorien schon einmal munter durcheinander. Plötzlich drängt sich die Frage auf, ob Peschel eigentlich Kinder- und Jugendtheater mit Volksbühnen-Mitteln macht oder ob er nicht vielmehr aufdeckt, dass die Volksbühnen-Ästhetik der 1990er Jahre mit ihren improvisatorischen, clownesken und travestierenden Elementen im Kinder- und Jugendtheater wurzelt. Frei nach dem Motto: In jedem echten Castorf ist ein Kind versteckt, das will spielen.

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Hagen Löwe als Sir Simon, das Gespenst von Canterville © Christian Brachwitz

Der Regisseur Peschel führt aber auch vor, wie man eine Geschichte auf mehreren Ebenen erzählen kann, ohne dass jemandem (einem jungen Menschen zum Beispiel), der einer Ebene nicht vollständig folgt, etwas Wesentliches vom theatralen Erlebnis verloren ginge. Wer in Peschels "Gespenst von Canterville" die mitgelieferten Subtexte nicht entschlüsselt, sollte trotzdem seine Freude an der grell und slapstickreich erzählten Story haben. Dem, der mehr sehen will und kann, wird freilich noch einiges darüber hinaus geboten.

Da ist etwa Peschels Umgang mit den fein ironisch gesetzten, gegen die pragmatisch-amerikanische Mentalität gerichteten Spitzen Wildes – sie wachsen sich an der Parkaue zu einem wild parodistischen Anti-Amerikanismus aus: "Fuck off, America!" stößt das von den neuen Schlossherren getriezte und zu seinem Leidwesen nicht ernst genommene Hausgespenst Sir Simon de Canterville (Hagen Löwe) einmal sogar hervor. Wo bei Wilde halbwegs wohlerzogene Amerikaner demokratisch-puritanischen Geistes den alten Mythen und Spukgeschichten der Engländer mit einer schier entwaffnenden Rationalität begegnen, da gibt uns Peschel eine farcenhafte Truppe, die jeden Respekt vor der anderen, älteren Kultur vermissen lässt.

Mit Pinkertons Universal-Fleckereiniger gegen Gespensterblut

"Pinkertons Universal-Fleckenreiniger", mit dessen Hilfe der vom Gespenst so penibel gepflegte Blutfleck neben dem Kamin immer wieder erfolgreich entfernt wird, hat hier die Gestalt einer Cola-Flasche angenommen, die zum amerikanischen Heilsbringer-Symbol schlechthin mutiert: "Da müssense Pinkterton nehmen", wiederholt Mr. Otis, der von Stefan Kowalski aalglatt gemimte amerikanische Gesandte, bis zum Überdruss. Seine bis zur Hysterie harmonie- und funktionalitätssüchtige Frau (Franziska Ritter) gleicht ohnehin Hillary Clinton. Nach und nach wird schließlich die aus Stoffbahnen gebildete gotische Schlossfassade eingerissen und weicht einem poppig-glitzernden Interieur: Amerika ist überall!

Dann sind da die intertextuellen Bezüge, mit denen Peschel die Erzählung anreichert. Wenn die Liebe Virginias, der jungen Tochter der Amerikaner (der Iringó Réti glücklicherweise jedes notorische Unschuldsgehabe schuldig bleibt), am Ende das arme, in seiner Berufsehre gekränkte Gespenst erlöst, erklingen Passagen aus Wildes allertraurigstem Märchen "Die Nachtigall und die Rose" (in dem sich allerdings der Liebestod der Nachtigall als letztlich sinnlos erweist).

Wie gesagt, all diese Anspielungen und Verweise sind nicht die Grundvoraussetzung zum Verständnis der Aufführung. Sie sind aber da und bewahren die Inszenierung vor planer Eindimensionalität – was auch den Kindern nicht entgeht. Die indes merkten auch, dass es vor der Pause auf der Bühne mitunter etwas dauerlaut und unkonzentriert zur Sache ging, was sie mit einer korrelierenden Lautstärkesteigerung quittierten. Wenn Peschel im zweiten Teil die Bühne fast gänzlich leer räumt und zwischen Virginia und dem Geist auch leisere Töne zulässt, stellt sich die Spannung im Zuschauerraum jedoch wieder wie von selbst ein. Und der Schluss (der natürlich nicht verraten wird) ist dann sowieso großes Kino! Freigegeben ab 10.


Das Gespenst von Canterville
nach einer Erzählung von Oscar Wilde
Regie: Milan Peschel, Bühne/Kostüme: Moritz Müller, Dramaturgie/Theaterpädagogik: Karola Marsch.
Mit: Katrin Heinrich, Niels Heuser, Stefan Kowalski, Franziska Krol, Hagen Löwe, Denis Pöpping, Iringó Réti, Franziska Ritter.

www.parkaue.de

 

Apropos Fuck off, Amerika: Dazu konsultiere man Milan Peschels Ausbilder in Geist und Tat, Volkbühnen-Chef Frank Castorf, der eine Inszenierung selbigen Titels 2008 in Berlin herausbrachte.

 

Kritikenrundschau

"Mühelos und völlig unideologisch verbindet Peschel Fantasie, Poesie, Slapstick, Spiel- und Denkfreude mit weltpolitischen Grundfragen," schreibt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (19.2.2011). Mit Oscar Wildes "Das Gespenst von Canterville" (1887) habe Milan Peschel in seiner dritten Inszenierung einen ursprünglich epischen Stoff, "der den Zwiespalt und die Ununterscheidbarkeit von Wirklichkeit und Illusion zum Thema hat - und also eigentlich vom Theater handelt." Genderfragen und auch solcher der Gespenstererlösung fand Seidler ebenfalls überzeugend und vor allem höchst vergnüglich verhandelt.

"Peschel haut kräftig rein, er lässt laut spielen, (...) treibt Schabernack", schreibt Christoph Funke in seiner Kurzkritik im Tagesspiegel (21.2.2011). Allerdings bleibe die Inszenierung "das zart Ironische der Vorlage schuldig. Davon, dass Wilde einen Hauch Wunderbares gegen blasierten Positivismus verteidigt, ist kaum noch etwas zu spüren." Immerhin: "das Ensemble spielt mit Lust, auch über dramaturgische Tücken hinweg".

 

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