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Superman der Satelliten-Schüsseln

von Georg Kasch

Berlin, 17. März 2011. Eine Neuköllner Oper für die Neuköllner Oper? Das hat Kalauer-Qualität. Aber weil sich die Kulturpioniere aus der Karl-Marx-Straße (erst viel später kamen Institutionen wie der Heimathafen hinzu) von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel ein Libretto gewünscht hatten (ihr erstes!), in dem ihr Kiez thematisiert wird, kommt man um die Doppelung nicht herum.

Wobei Oper bei den Neuköllnern schon immer ein weiter Begriff gewesen ist: Alles darf sie hier sein, nur nicht verkopft. Das Haus passt in den Kiez, der spätestens seit der Sache mit der Rütli-Schule deutschlandweit berüchtigt ist. Dass sich das Viertel mit seinen 160 Nationalitäten in den letzten Jahren rasant verändert hat, in einstige verräucherte Eckkneipen Galerien einziehen und ständig irgendwo ein neues Café oder eine Bar aufmacht, wissen vor allem die, die hier wohnen. Und die, die versuchen, hier eine Wohnung zu bekommen: Im "neuen Künstler- und Szeneviertel" (so die Makler-Prosa) steigen die Mieten rasant.

"Deutsche Zähne mahlen fremder Völker Kost"

Zaimoglu und Senkel sind also dicht dran an der Entwicklung Neuköllns, wenn sie in "Discount Diaspora" einen Spekulanten ins Viertel schicken. Fred entbrennt hier in Liebe zur Prostituierten Sandy (aus der Zone!) und bleibt kleben. Auch die ihm hinterherschnüffelnde Kollegin kommt nicht weit. Es gibt die ausländerhassende Dorothee (Barbara Wuster zermalmt die Worte, wenn sie rhythmisch ausspuckt: "Indische Grütze, Fellachenwürze, Exotenbrei. / Deutsche Zähne mahlen fremder Völker Kost"). Den dauergeilen Loser Matze (ausgestattet wie ein wandelnder Second-Hand-Shop singt Stefan Rüh mit Unschuldsstimme: "Ich ficke für mein Leben gern / Sandy ist mein Augenstern") und den Ladenbesitzer Omar. Nur der Preiser, eine Art lebende Dauerwerbesendung, weiß, was Neukölln wirklich wert ist – bei einem Video-Ausflug durchs Viertel bietet er unter anderem die Neuköllner Oper als Investment für zukünftige Loftbesitzer an.

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"Discount Diaspora"           © Matthias Heyde

Sie alle drücken sich vor einer Hauswand aus braunem Orientteppich und voller Satelliten-Schüsseln herum (Vera Römer und Gregor Wickert): Oben gibt's ein Zimmer, unten einen Laden, links und rechts Balkone. Schnell und lebendig, immer auf der Kante zur Soap inszeniert Markus Heinzelmann hier die Story, die durchaus noch ein paar Überdrehungen vertragen hätte. Zwischen Balkon-Geflüster und den großen Auftritten auf dem von Glühbirnen umrankten Podest vorne haben alle sieben Sängerdarsteller ihre Momente: Vor allem Adrian Beckers cooler Fred mit Bariton zwischen Crooner und Don-Giovanni-Verführer sowie Jasmina Schulzens Hotpants-Sandy mit Popschmelz in der Stimme. Beide haben allerdings auch die interessanteren Charaktere abbekommen.

Ausflug ins Paradies der Pfennigfuchser

Es ist also weniger der Blick auf die (Post-)Migranten als der auf eine ziemlich deutsche Menschenmischung, die Zaimoglu und Senkel hier wagen, auf die Verlierer und Aussteiger, die es eben auch (noch) gibt in Neukölln. Omars Geschwister haben studiert, er hat es selbst nicht gepackt, passt als schwarzes Schaf der Familie also ins Loserkabinett der schrägen Typen. Am Ende wird er im Superman-Kostüm (dramaturgisch ziemlich unmotiviert) die Macht und Chance zum Aufstieg ergreifen.

Zaimoglu/Senkels Ausflug ins Paradies der Pfennigfuchser fängt gut an mit schrägen Setzungen, einer rhythmischen Sprache und knackigen Chören. Beim Versuch allerdings, antikes Pathos und Gossenslang, Tragödie und Burleske zusammenzudenken, landen die Autoren bei Klischees. In den eineinhalb Stunden können sich ihre (durchaus mit Ecken und Kanten angelegten) Figuren nicht entwickeln, und wenn im Splatter-Finale vier der Protagonisten draufgehen, ist's einem egal. Wucht und Witz ihrer Sprache weichen zunehmend Geplapper.

Zwischen Handyklingelton und Beethoven

Nur die Musik bleibt auf hohem Niveau: Vivan und Ketan Bhatti beginnen mit einem dröhnenden Knall und enden mit Puccini-Pathos, mixen Musical-Schmelz und Brecht-Weill-Diktion, treibende Beats und gefühlvolle Blech-Passagen. Leichthändig weben sie den nervigen Handyklingelton, die Nationalhymne, Beethovens "Ode an die Freude" ein, komponieren Pop, Rap und Arien-Parodien. Das siebenköpfige Ensemble vor fieser Kulisse (Goldvorhang mit Kunstpalme – sowas gibt’s hier noch in angeranzten Cocktailbars!) wird von Daniel Sus am Klavier lustvoll in die Zuspitzungen getrieben. Die "Discount Diaspora", hier leuchtet sie.

 

Discount Diaspora (UA)
Eine Neuköllner Oper von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel
mit der Musik von Vivan und Ketan Bhatti
Regie: Markus Heinzelmann, Musikalische Leitung: Daniel Sus / Andreas Altenhof, Bühnenbild: Vera Römer, Gregor Wickert, Kostüme: Jessica Zeitler, Dramaturgie: Bernhard Glocksin.
Mit: Adrian Becker, Stefan Hufschmidt, Alexander Nikolić, Doris Prilop, Stefan Rüh, Jasmin Schulz, Barbara Wurster.

www.neukoellneroper.de

 

Mehr zu Regisseur Markus Heinzelmann gibt es im nachtkritik-Archiv. Feridun Zaimoglu und Günter Senkel bearbeiteten zuletzt Hamlet für die Inszenierung von Luk Perceval am Thalia Theater Hamburg, die für einige Diskussion sorgte. 

 

Kritikenrundschau

Als Oper mag Wolfgang Schreiber, Musikkritiker der Süddeutschen Zeitung (19.3.2011) den Abend nicht einstufen. Bereits das Liberetto von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel sei "ein brutaler Tanz mit reißerischen Songtexten, Dialogen, Sprechblasen zum Thema Profit, Sex, Gaunertum und Großmäuligkeit - mit sieben mittleren Komödianten: Immobilienfritze Fred und Komplizin Patrizia, Spekulant Preiser und Nutte Sandy, die sture Deutsche, der listige Türke und Kiezhippie Matze. Ihr Traum vom Glück ist Illusion und Lüge und führt zu Tod und zynischer Auferstehung. Die Regie (Markus Heinzelmann) lässt sie alle in ihren Klischees zappeln und toben auf der witzig detaillierten Minibühne (Vera Römer). Die Handlung wird platt gemacht von Knallchargentum und Laszivität."

"Nun ja, das sind nicht gerade Texte, die der Realität abgeschaut sind," seufzt Matthias Nöther in der Berliner Zeitung (19.3.2011). Vielleicht hätte man die Sache auch nicht so hoch hängen sollen:  "Ein Musical mit einer geradlinig gebauten Liebesgeschichte hätte sich vielleicht mehr auf die Gefühle der Menschen konzentriert. Dass man erstmal Personen im Solonummern-Gänsemarsch über ihre eigene Bedeutung in Zeit und Raum räsonieren lassen muss, um Oper und Hochkultur zu werden, ist aber irgendwie auch ein Missverständnis." Doch es gebe durchaus vergnügliche Momente.