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Diese unstillbare Sehnsucht nach dem Leben

von Klaus M. Schmidt

Neuss, 26. März 2011. In Deutschland war der Film das Kinoereignis des Jahres 2004. Es hagelte Auszeichnungen für Fatih Akins "Gegen die Wand" – bei der Berlinale, beim Deutschen und beim Europäischen Filmpreis. Man muss sich also nicht wundern, dass die heftige Liebesgeschichte zweier Außenseiter inzwischen schon öfter den Weg auf die Bühne gefunden hat. Jetzt hat die junge Regisseurin Esther Hattenbach am Rheinischen Landestheater in Neuss eine eigene Textfassung inszeniert.

Da fliegen Bierflaschen, Stühle, Menschen. Natürlich gegen die Wand, und die ist aus Blech, das knallt dann auch ganz schön. Hattenbach leistet sich in ihrer Inszenierung emotionale Spitzen und körperliche Ausbrüche, ist aber nicht dem Fehler erlegen, die hochdramatische Liebesgeschichte blindlings und mit Dauertempo über die Rampe zu peitschen.

Ohne falsches Pathos

Vielmehr besinnt sie sich bei ihrer Filmadaption auf theatrale Mittel. An der Rampe stehen Mikros, an ihnen sprechen immer wieder einzelne Spieler des achtköpfigen Ensembles erzählende Texte. Im Wechsel zwischen Narration und kurzen Spielszenen erhält die Inszenierung einen Rhythmus, der auch stillen Momenten Tragfähigkeit verleiht.

Eine Art Tunnel, der sich nach hinten verjüngt, nach vorne trichterartig weitet, ist das einzige Bühnenelement – eine Art blecherner Kuckkasten im ansonsten puristisch schwarzen Kuckkasten der Bühne. Stühle, Bierkisten werden bei Bedarf herangetragen, die Auftritte erfolgen alle von hinten durch den Tunnel.

Die Rolle des desillusionierten Deutschtürken Cahit hat man in Neuss mit Michael Putschli besetzt – eine gute Wahl, nicht nur weil er körperlich dem Darsteller des Films ähnelt. Die kargen Drei- bis Vierwortsätze, die Putschlis Cahit seinen Dialogpartnern gönnt, wirft er ihnen ohne falsches Pathos vor die Füße.

Zwei verhinderte Selbstmörder

Der 42jährige Cahit ist am Ende. Er hat seine Frau verloren, seine Sprache, seine Liebesfähigkeit, seine Heimat. Er ist ein allen Traditionen Entwurzelter, die 20jährige Sibel (Emilia Haag) hat genau das gegenteilige Problem. Ihrer Sucht nach Leben, Freiheit und freien Beziehungen stehen die Traditionen ihrer türkischen Familie im Weg. Gemeinsam ist ihnen dabei, dass sie Nähe schlecht aushalten.

Cahit hat sich mit dem Auto gegen die Wand gesetzt, Sibel hat sich die Pulsadern geöffnet. Die beiden verhinderten Selbstmörder lernen sich in der Psychiatrie kennen, und dann hat Sibel die Idee, die alles in Gang setzt. Cahit soll sie zum Schein heiraten, damit Sibel sich dem Zugriff ihrer Familie entziehen kann. Sie will dafür die gemeinsame Wohnung in Schuss halten, ansonsten soll die Regel gelten: "Wir haben getrennte Zimmer, wir ficken nicht, wir ham (sic!) überhaupt nix miteinander."

Sibel amüsiert sich, geht tanzen, schleppt Männer ab. Der eher mädchenhaften Emilia Haag gelingt dabei mühelos der Spagat zwischen ansteckender Lebenslust und abweisender Haltung, wenn die Männer mehr wollen, als sie will. Aus diesem Gegensatz entwickelt sich fatalerweise ihre erotische Anziehung, auch an Cahit geht das nicht spurlos vorbei.

Nachdem er sich schon einmal für sie geschlagen hat, blutend am Boden liegt, kommt es zur intimsten Szene zwischen Sibel und Cahit. Sie erzählen sich gegenseitig, wie sie sich berühren, küssen, streicheln – ein Vorspiel als Dialog, der auch für die Zuschauer Distanz schafft und gleichzeitig die Phantasie anregt. Sibel hält das nicht aus, bricht die Situation ab. Für Cahit ist es da schon zu spät, die Liebe frisst an ihm.

Drama mit offenem Ende

Einen weiteren Liebhaber Sibels, der ihn aus Eifersucht reizt, erschlägt Cahit im Affekt. Er kommt ins Gefängnis, Sibel, von ihrer Familie verstoßen, setzt sich in die Türkei ab. Da will sie auf Cahit warten. Als sie sich nach drei Jahren in Istanbul wiedersehen, hat sie ein Kind von einem anderen Mann. Am Ende bleibt offen, ob sie noch einmal zusammenkommen.

Schon bei Fatih Akin war die Geschichte von Sibel und Cahit das große Drama zweier Liebesbedürftiger, die sich zum falschen Zeitpunkt und unter falschen Voraussetzungen begegnen, so dass sie sich auch in ihrem Begehren nicht treffen können. Ihre migrantisch geprägte Identität lieferte zwar die Folie für das Drama, aber nicht ihren Kern.

Auch Esther Hattenbach erzählt die Geschichte in Neuss mit Konzentration auf das Paar und ohne falsche Anbiederung an ein modisches Thema. Dabei hat sie offenbar auch mit dem Rest des Ensembles ausreichend gearbeitet. Da stimmt bis in die kleinste Nebenrolle jeder Ton. Das ist man am Landestheater, wo sich bisweilen die Bedeutungsdarsteller gegen die Schauspieler durchsetzen, nicht immer gewohnt.

 

Gegen die Wand
nach dem Film von Fatih Akin
Theaterfassung von Esther Hattenbach
Regie: Esther Hattenbach, Bühne und Kostüme: Geelke Gaycken, Dramaturgie: Barbara Noth.
Mit: Matthias Brüggenolte, André Felgenhauer, Michael Großschädl, Emilia Haag, Christiane Nothofer, Michael Putschli, Stefan Schleue, Henning Strübbe.

www.rlt-neuss.de



Kritikenrundschau

Laut Helga Bittner in der Rheinischen Post (28.3.2011) versuche Esther Hattenbach erst gar nicht, "mit den Bildern des Films zu konkurrieren", sondern setze "ganz auf die der Geschichte innewohnende Erzählkraft. Wo der Film mit Bildern, mit harten Schnitten und Großaufnahmen Atmosphäre und Sogkraft entwickelt, setzt die Regisseurin auf das Wort. Sie lässt beschreiben, was nicht zu sehen ist, und weil das von ihren Schauspielern perfekt umgesetzt wird, entstehen Bilder im Kopf und halten sich auch neben denen des Films." In Hattenbachs Fassung sei jedoch Sibels Odyssee in Istanbul komplett gestrichen, "die vormals sprühende, lebenslustige Sibel" trete "von jetzt auf gleich als gesetzte Frau im netten Kleidchen auf. Da fehlt es der Figur an Entwicklung – selbst ohne Film im Kopf." Diese letzten Minuten schmälerten indes "den überzeugenden Gesamteindruck genauso wenig wie die überstrapazierte direkte Umsetzung des 'Gegen die Wand'-Laufens", es sei eine "kraftvolle und absolut (schau-)spielstarke Aufführung".

"Die dunklen Wände der Bühne, die in der Tiefe zusammenlaufen und so eine beengte Atmosphäre schaffen, leiden im Laufe der Handlung ebenso wie die Protagonisten. Immer wieder springt jemand gegen die Kulisse, es wird getreten, ein Stuhl fliegt. Der Inszenierung gelingt es mit Bravour, die raue Sprache des Films aufzugreifen, der eine Tragödie, eine Komödie und im Kern eine Liebesgeschichte ist", schreibt Daniel Neukirchen in der Westdeutschen Zeitung (28.3.2011 ). Esther Hattenbachs Fassung von "Gegen die Wand" verstehe es sowohl, "die Geschichte nicht in ihren Konflikten ersticken zu lassen" als auch "den Filmstoff für die Bühne zu straffen". Neue Dimensionen würden "dem Stoff auf der Bühne nur in Ansätzen verliehen". Dafür aber sei "die Adaption an sich mehr als gelungen".

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